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Full text of "Wie die Frau den Mann erlebt. Fremde Bekenntnisse und eigene Betrachtungen"

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WIE DIE FRAU DEN MANN ERLEBT 



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SOFIE LAZARSFELD 



WIE DIE FRAU 
DEN MANN ERLEBT 



FREMDE BEKENNTNISSE 
UND EIGENE BETRACHTUNGEN 




VERLAG FÜR SEXUALWISSENSCHAFT SCHNEIDER & CO. 
LEIPZIG WIEN 
























• 



Alle Rechte vorbehalten 
Copyright 1931 by Verlag für Sexualwissenschaft Schneider & Co., Wien 






Warum dieses Buch notwendig ist. 

„Was Prügel sind, das weiß 
man schon, aber was die Liebe 
ist, das hat noch keiner heraus- 
gebracht." Heine. 

Besieht man die Fülle der Publikationen, die sich mit 
dem Problem des Geschlechtslebens beschäftigen, dann fin- 
det man dort alles, was zu diesem Thema nur irgendwie ge- 
sagt werden kann. Von seelischer Disposition bis zu körper- 
licher Position ist alles haarklein erklärt und auseinander- 
gelegt, auch mit Ratschlägen wird nicht gespart, die uns 
anweisen, wie man aus den herausgeschälten Bestandteilen 
nun ein lebendiges Ganzes zusammensetzen könne. Versucht 
man aber an Hand solcher Instruktion die Konstruktion, 
dann zeigt es sich, daß dabei wohl ein golemartiges Gebilde 
zustande kommt, daß aber das Wort, das in die Stirn ge- 
drückt dem Lehm erst Leben verleiht, daß dieses Wort fehlt. 
Und somit fehlt dort auch das Leben selbst. 

Den Grund für dieses Mißlingen glaube ich darin zu sehen, 
daß unsere so sehr auf das Technische eingestellte Zeit auch 
bei Betrachtung der Liebe, die sich rein technisch eben doch 
nicht erfassen läßt, am Detail hängen bleibt und darüber 
versäumt, sich dieser Frage in ihrer Ganzheit zuzuwenden. 

Das gilt besonders für all die teils neuen, teils nur 
neuerlich aufgenommenen Reformvorschläge über das Ehe- 
problem. So gut, so vernünftig vieles daran ist, es geht 
doch immer ein bißchen neben den realen Tatsachen einher, 
beim ersten Zusammenprall mit diesen zerschellend. Sie 
kommen alle nicht sehr weit über den grünen Tisch hinaus, 
diese schönen Pläne und wenn sie auch — woran gar nicht 
zu zweifeln ist — im einzelnen, besonders begünstigten Fall 
glücken mögen, so sind sie doch undurchführbar für die 
große Menge. Daher also unbrauchbar, denn auf die Allge- 
meinheit kommt es an. Wollen wir hier helfen, dann müssen 
wir aber erst einmal hinhorchen, worüber sie zu klagen 
hat, wir müssen alle hören. 

Lazarafeld, Wie die Frau den Mann erlebt. 1 



Und gerade das wurde allzulange versäumt. Die größere 
Hälfte dieser großen Menge — die Frauen — war zum 
Schweigen verurteilt, es gab „kein Ohr, zu hören ihre Klage" 
außer in den Ordinationen der Ärzte und dort fehlte wieder- 
um „ein Herz wie meines". Damit nähern wir uns der Frage, 
was es denn eigentlich ist, woran diese Bücher kranken. 

Es sind ganz verschiedene und doch gleich gefährliche 
Klippen, an denen sie scheitern. Entweder fehlt die e i g e n e 
erlebte Kenntnis der weiblichen Psyche und Physis oder 
es mangelt am unumgänglich notwendigen, umfangreichen 
Material. Denn so weit diese Bücher auf wirklicher Lebens- 
einsicht und praktischer Erfahrung beruhen, sind sie von 
Männern für Männer, vom Standpunkt des Mannes ge- 
schrieben. Sie tragen deutlich die Spuren der manngerich- 
teten Kultur, innerhalb derer die Frau doch immer die zweite 
Rolle spielt, sind alle mit einer gewissen Herablassung ge- 
schrieben. 

Den Büchern hingegen, wo die Frau selbst das Wort 
ergriffen hat, haftet meistens ein leiser Ton von Ver- 
bitterung gegen den Mann an, eine Überkompensation, die 
aus dieser aufgezwungenen Zweitrangigkeit für die Frauen 
entstanden ist. Es sind nicht so sehr Bücher über das Sexual- 
leben der Frau, als vielmehr Kampfschriften gegen das 
sexuelle Leben des Mannes. Anderen Frauenbüchern fehlt es 
wieder an der nüchternen Sachlichkeit, welche dieses Thema 
unbedingt erfordert. Sie sind mit Befangenheit geschrieben. 
Das kommt von der fehlenden allgemeinen Erfahrung. Da- 
mit ist nicht die eigene Sexualerfahrung gemeint, obwohl 
die allerdings auch unerläßlich ist, sondern das Wissen um 
viele fremde Geschlechtserlebnisse. Und zwar nicht nur um 
das von außen her Erkennbare, sondern ein Einblick ist 
nötig, zu mindest so tief, wie ihn die Frau dem Arzt ihres 
Vertrauens gewöhnlich gewährt. Und es könnte dabei nicht 
schaden, wenn darüber hinaus noch ein wenig mehr Einsicht 
möglich wäre, als dem Arzt zu erlangen gegeben ist. Denn 
letzten Endes bleibt da immer noch die „geheime Distanz 
zwischen Mann und Frau", die immer wieder eine letzte 
Schranke aufrichtet. 

Wir hatten also einerseits den Mann mit der am lebenden 
Material geschulten Erfahrung, die aber selbst trotz besten 
Willens durch seine männliche Einstellung starke Einbuße 



3 

evlitt und andererseits die weibliche Einstellung, die wie- 
derum durch das Manko an Lebenswissen nicht zur rich- 
tigen Auswirkung gelangen konnte. Es hieß nun beides zu 
vereinen trachten in der Formel : Frau 4- Erfahrung. 

Aber es gibt doch jetzt schon weibliche Ärzte in genü- 
gender Zahl und hier sind alle gewünschten Faktoren ver- 
eint. Trotzdem haben wir aus diesen Kreisen kein einziges 
größeres Werk über dieses Thema bekommen. 

Nun haben wir gesehen, was der bisherigen Sexual- 
literatur fehlt. Jetzt heißt es zusammenfassen, welche Eigen- 
schaften ein Buch haben müßte, um diese Lücken auszu- 
füllen. Es muß vor allem drei Bedingungen entsprechen: 
es darf erstens nicht vom Mann, sondern muß von Frauen 
geschaffen sein, es muß zweitens auf praktischer Lebens- 
erfahrung beruhen und es darf drittens trotz dieser Er- 
fahrung nicht gegen den Mann gerichtet sein, 
— was nicht immer ganz leicht fällt, angesichts der bisher 
geübten, vom Mann diktierten Sexualpraxis. 

Eine früher unbekannte Einrichtung hat es ermöglicht, 
diesen Versuch zu unternehmen. Vor einigen Jahren wurden 
von Frauen geleitete seelische Eheberatungsstellen ge- 
schaffen, die zuerst, wie alles neue, einem gewissen Miß- 
trauen begegnet sind, bald aber sehr stark in Anspruch 
genommen wurden. Damit war zum ersten Mal die Möglich- 
keit geschaffen, Frauenleid und -freude mit Frauenohr und 
-herz aufzunehmen, aber zugleich auch mit der 
nötigen sachlichen Schulun g und nicht mit dem 
eigenbezüglichen Interesse der Nachbarin. 

Das Resultat solcher Erfahrungen ist hier niedergelegt 
ohne Anspruch auf eigene gelehrte Forschung, die gar nicht 
in diesem Tätigkeitbereich liegt, weit entfernt auch von 
der Meinung, endgiltiges damit zu geben. Das Buch strebt 
nichts anderes an, als die Übermittlung praktisch erwor- 
bener Erkenntnisse an die Allgemeinheit. Aufgebaut auf die 
Betrachtung jener Gründe, die zu Störungen Anlaß geben, 
will es versuchen, die Wege zur Vermeidung solcher Anlässe 
zu zeigen und damit zugleich praktisch brauchbare Möglich- 
keiten für eine harmonischere und reichere Gestaltung 
unseres Geschlechts- und besonders des Ehelebens zu fin- 
den. Was dabei an theoretischer Begründung verwendet 
wurde, ist bei gewissenhafter Prüfung des überreichen, 



publizistischen Materials nach dem Gesichtspunkt ausgewählt 
worden, inwieweit es notwendig und förderlich sein konnte 
für die spezielle Einstellung der Frau zum sexuellen Problem. 
Zur Verwendungsmethode des publizistischen Materials 
ist noch zu sagen, daß es im allgemeinen referierend dar- 
gestellt ist. Nur wenige Male ist es im Auszug wiedergegeben, 
und zwar überall dort, wo die spezielle Formulierung des 
betreffenden Autors von Wichtigkeit ist oder bei solchen 
Büchern von Wissenschaftlern, wo selbst die gewissen- 
hafteste Wiedergabe durch einen Nichtfachmann immer 
noch die Gefahr einer Unklarheit enthalten könnte. 

Um das Übermittelte dem Leser ganz lebendig zu gestal- 
ten, wurde auch die bildende Kunst herangezogen. So weit 
auf das Thema bezügliche und zugleich künstlerisch wert- 
volle Darstellungen vorhanden sind, finden sie sich hier 
wiedergegeben. 

Nun ist noch der sehr naheliegende Einwand zu beant- 
worten, daß der Frau das männliche Sexualerlebnis ebenso 
fehlt und fremd bleiben muß, wie dem Mann das weibliche. 
Das ist zweifellos richtig, aber es ist doch ein Unterschied 
dabei, denn die von Männern verfaßten Bücher beschäfti- 
gen sich mit dem Sexualleben der Frau, während in unserem 
Buche alles auf den Mann bezügliche nur so weit heran- 
gezogen ist, als es den für beide Geschlechter 
gleichermaßen gültigen seelischen Ge- 
setzen gehorcht, wie z. B. beim Problem von Gel- 
tungsstreben und Überkompensation. Wir haben uns hin- 
gegen gehütet, irgend etwas als „typisch männlich" zu be- 
zeichnen, weil es dies im Seelenleben vermutlich nicht gibt 
und weil ich glaube, daß man überhaupt nicht von den 
„Frauen" und den „Männern" an sich sprechen darf. Immer, 
wo ich bei einem Autor den Ausdruck „das Weib" fand, 
habe ich daran denken müssen, daß der Unterschied im 
seelischen Wesen zwischen einer Frau und der anderen oft 
viel größer und tiefer gehend ist, als manchmal der zwi- 
schen Mann und Frau. Aus allen diesen Erwägungen wurde 
von der Deutung des männlichen Erlebnisses möglichst ab- 
gesehen, obwohl die Beratungsstellen reichlich auch vom 
männlichen Geschlecht aufgesucht werden. So haben wir 
uns bei allem, was über das allgemein menschliche hinaus- 



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5 

geht, hauptsächlich an das Frauenerlebnis gehalten, wie es 
aus den Beratungsstunden ersichtlich wurde. 

All die vielen Frauen, die dort von ihren Erlebnissen be- 
richteten, haben an diesem Buch mitgewirkt, und ich danke 
ihnen als meinen Mitarbeiterinnen. Aber nicht nur diese, 
auch alle, die vor uns gelebt, die sich gefreut oder die ge- 
litten haben, sie alle haben in irgendeinem Sinn ihr Teil 
daran, denn was immer wir heute tun oder lassen, wir 
sind das Resultat ihrer verwehten Spuren. Nichts, was ein- 
mal war, kann restlos vergehen, sei es gut oder schlecht, 
es wirkt sich aus. Und das muß uns zu denken geben, muß 
uns dazu wachrütteln, auch unser Handeln zu überprüfen 
mit der Frage, wie es sich für die Zukunft auswirken wird. 
Allzuviel ist im Lauf der Jahrtausende geschehen, das 
Körper und Seele der Frau in ihrem Liebesleben schwer ge- 
schädigt hat, wobei auch die Frauen nicht ohne Schuld sind. 
Höchste Zeit ist es, sich Rechenschaft abzulegen darüber, 
wie für die Zukunft zu sorgen sei. Die Zukunft, das ist der 
Zweck dieses Buches, das Ziel, dem wir zustreben. Wer aber 
ein Gebäude errichten will, der muß den Grund kennen, auf 
dem er bauen soll, und deshalb müssen wir uns zuerst ein 
wenig vertraut machen mit der Vergangenheit. 

Und die Gegenwart? Die werden wir selbst miterleben. 
Wir werden das junge Mädchen, die reife Frau und die Frau 
auf der absteigenden Linie begleiten in den nachfolgenden 
Berichten darüber, wie dieFrau denMannerlebt! 






I. Kapifel. Voraussetzungen. 

„Gib Worte deinem Schmerz! 
Harm, der nicht spricht, 
Erstickt das volle Herz, > 

Bis daß es bricht." 

Shakespeare, Macbeth. 

Das Material zu der vorliegenden Publikation wurde, wie 
die Einleitung sagt, aus zwei Gebieten gewonnen. Es besteht 
aus praktisch erworbener Erfahrung und aus dem Nieder- 
schlag allgemeiner wissenschaftlicher Forschung, so weit sie 
für das spezielle Problem in Frage kommt. 

Um dem Leser eine Kontrolle über das diesem Buch zu- 
grunde liegende eigene Material zu geben, ist ein Wort über 
die Art der Materialgewinnung nötig. Eine seit Jahren ge- 
führte Beratungsstelle für Lebensgestal- 
tung (Ehe, Erziehung usw.) , mit ihren anschlie- 
ßenden Unterweisungen in theoretischer 
und praktischer Lebenskunde, hat uns Einsicht 
in die allgemeine und besonders in die sexuelle seelische Not 
gegeben. Die sprunghaft ansteigende Inanspruchnahme dieser 
Stellen hat die Notwendigkeit psychischer Hilfeleistung er- 
wiesen und die dabei erzielten Resultate haben speziell in 
der Beziehung der Geschlechter mancherlei erfreuliche 
Folgen gezeigt, so daß schon lange die Absicht bestand, in 
der Öffentlichkeit darüber zu berichten. Zugleich sollte da- 
mit für diejenigen, denen der persönliche Kontakt mit sol- 
cher Hilfe nicht möglich ist, ein wenn auch ungenügender, 
aber immerhin brauchbarer Ersatz geschaffen werden, eine 
Art Anleitung zu seelischer Hygiene, zu zweckmäßiger, 
fruchtbarer Behandlung unseres seelischen Bereichs. Das 
ist die Beziehung zum Mitmenschen und auch die Beziehung 
zu uns selbst. 

Die Beschaffung des Materials, das imstande wäre, ein 
solches Buch zu tragen, bot jedoch gewisse Schwierigkeiten, 
denn nicht alle Fälle, die zu unserer Beratung kommen, 



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7 

können protokollarisch so genau aufgenommen werden, daß 
sie als einwandfreier Beleg anzusehen sind. Da half uns ein 
Zufall. Eine Wiener Zeitung hatte folgenden Bericht ge- 
bracht : 

Was fragen die Besucher der Eheberatungsstellen? 

„In den vielen Diskussionen über Eheprobleme und Sexual- 
moral, die augenblicklich einen so großen Raum nicht nur 
in der Buchpublizistik, sondern auch in den Tagesblättern 
einnehmen, wird immer wieder auf die mangelnde Vorbe- 
reitung der Jugend für die Fragen des ehelichen Zusammen- 
lebens verwiesen. Wie verschieden auch die Einstellung der 
einzelnen Autoren sein mag, von wie extrem getrennten 
Weltanschauungen sie dabei ausgehen, in der einen For- 
derung, nach einer besseren Ausbildung für die manchmal 
recht schwierigen Aufgaben der Ehe, sind alle einig. Das 
ist ein ganz wesentlicher Fortschritt gegenüber der alten 
Einstellung, die sich damit begnügte, für die im Himmel 
geschlossenen Ehen nun auch den lieben Gott weitersorgen 
und verantwortlich sein zu lassen. 

Es wird auch vielfach zwecks besserer Vorbereitung die 
Einführung von seelischen Beratungsstellen angeregt, die 
einem doppelten Zweck zu dienen hätten, und zwar erstens 
Beratung vor dem Entschluß zur Bindung und 
zweitens Rat bei auftauchenden Schwierig- 
keiten innerhalb einer bereits geschlossenen Verbindung. 
Solche Beratungsstellen gibt es bereits, doch ist ihre Art in 
weiten Kreisen noch so wenig bekannt, daß man oft Er- 
staunen, ja sogar Mißtrauen hervorruft, wenn man Men- 
schen, die sich in seelischer Not befinden, den Vorschlag 
macht, eine solche Beratung aufzusuchen. Dieses Mißtrauen 
schwindet allerdings sehr rasch, wenn sie einmal den Ver- 
such gemacht haben; sie sind dann meistens voll Dank für 
eine erwiesene Erleichterung. Darum soll im folgenden ein 
Bericht über die Erfahrungen auf einer seit mehreren 
Jahren bestehenden Eheberatungsstelle gegeben werden, aus 
dem zu ersehen ist, welche Art Hilfe dort gefunden werden 
kann und die Form, in der sie durchgeführt wird. 

Die ständig steigende Inanspruchnahme spricht für die 
Notwendigkeit dieser Institution; die Ratsuchenden, sowohl 






8 

Männer wie Frauen, stammen aus allen sozialen Schichten, 
die vorgebrachten Mißhelligkeiten sind dort überall die 
gleichen, wenn auch perzentual verschieden verteilt: durch 
materielle Not hervorgerufener Unfrieden, durch körper- 
liches oder seelisches Unverständnis bedingte Frigidität und 
Impotenz, eigene Untreue oder die des Liebes- oder Ehe- 
partners, Zurücksetzung durch diesen, unheilvolle Einmen- 
gung der Umgebung, Entschlußunfähigkeit, neurotische 
Angst und vor allem die Unfähigkeit, eine Situation, in der 
man selbst gefangen ist, objektiv zu überblicken und ihre 
Folgen abzusehen. Kommen solche Fälle rechtzeitig an die 
Beratung, dann ist meistens leicht zu helfen, schwieriger 
gestaltet es sich schon, wenn sie sich kopfüber in eine Sache 
gestürzt haben, aus der sie nun herausmöchten. Oftmals 
hat eine im kritischen Moment ermöglichte Aussprache viel 
Unheil verhütet. 

Die Technik der Beratung muß vor allem das Ziel ver- 
folgen, herauszufinden, welche der vorliegenden Schwierig- 
keiten in der Sache selbst begründet, also objektiv vorhanden 
sind, und sie zu scheiden von dem, was der Betroffene sub- 
jektiv als unerträglich empfindet. Der nächste Schritt ist, 
bloßzulegen, warum er so empfindet. Dies muß mit größter 
Behutsamkeit geschehen, denn die Menschen erschrecken 
oft bis ins tiefste, wenn ihnen die letzten Gründe ihrer Ge- 
fühle klar werden, viele wehren sich auch instinktiv gegen 
diese Erkenntnis und suchen immer wieder verhüllende 
Schleier vorzuziehen. Gelingt es aber, ihnen eine neue Er- 
kenntnis zu vermitteln, ohne sie dabei zu verletzen, dann 
finden sie selbst meistens den richtigen Ausweg, oft noch 
dort, wo sie es vorher für ganz und gar unmöglich ge- 
halten haben. Die Beratung besteht nämlich niemals darin, 
daß man einen Rat erteilt, das könnte und dürfte sie auch 
gar nicht, sondern in der psychischen Klärung der 
Situation. 

Entscheidend für einen glücklichen Verlauf jeder Liebes- 
und Ehegemeinschaft ist die Anerkennung der seelischen 
Eigenpersönlichkeit des Partners und seines unantastbaren 
Rechtes auf eigene Liebesbedingungen, aber ge- 
rade das ist in der Durchführung meist nicht vorhanden, 
selbst dort, wo es im Prinzip voll zugestanden wird. In diesen 
Fällen erzielt man ganz überraschende Erfolge, wenn es 






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glückt, nach Alfred Adlers Lehre von der überkompensie- 
rung dem Ratsuchenden außerpersönliche Ziele für sein 
Machtbedürfnis zu schaffen. Hieher gehören alle jene Zer- 
würfnisse, die auf Grund von Eifersucht und Mißtrauen 
auf der einen und neurotischem Abwechslungsbedürfnis auf 
der andern Seite entstehen und die den Großteil aller 
Zwistigkeiten bilden. Gar viele vorerst glückliche Verbin- 
dungen scheitern daran, daß der eine sich auf dem Weg 
immer erneuter „Eroberungen" unbewußt darüber hinweg- 
helfen will, sich den Aufgaben einer dauernden Ver- 
bindung nicht gewachsen zu fühlen, während der andere 
aus dem gleichen Gefühl des eigenen Unvermögens seinen 
Partner ganz ausschließlich für sich behalten will, ihm nicht 
das kleinste Stückchen unkontrollierten Privatlebens 
gönnend, aus unbewußter Angst vor Vergleichen, die zum 
eigenen Nachteil ausfallen könnten. 

Hier hegt auch einer der Gründe für die so verschriene 
Lockerung der Moral bei unserer Jugend, die hauptsächlich 
dort auftritt, wo der Jugendliche keine anderen Ziele kennt, 
als seinen persönlichen Erfolg. Den sucht er auf dem ver- 
lockenden Gebiet des Sexuallebens, wo man so leicht etwas 
gelten kann, zu befriedigen. Anders ist es dort, wo gemein- 
sam soziale Interessen Burschen und Mädel verbinden. Die 
erschütternden seelischen und körperlichen Folgen eines 
ersten verfehlten Sexualerlebnisses, die bei den Beratungen 
ans Licht kommen und die oft die Harmonie eines ganzen 
Lebens zerstören oder doch gefährden, lassen erkennen, wie 
entscheidend eine sinngemäße Einführung in das Sexual- 
problem ist. Sicher hilft sich, wie man früher so gern sagte, 
die Natur in vielen Fällen selbst, aber unsere bisherige Er- 
ziehung hat ihr Möglichstes getan, um diese natürlichen 
Hilfskräfte zu drosseln oder in sehr unnatürliche Bahnen 
zu lenken. Das bekommen nicht nur die beiden zunächst , Be- 
troffenen zu fühlen, das wirkt sich im ganzen Umkreis 
u^erer Kultur aus, denn die Ehe ist nun einmal ^ keine 
ausschließliche Privatangelegenheit, ihre Art und Form hat 
sehr weittragende soziale Bedeutung. 

Es ist nicht möglich, hier auch nur annähernd aufzu 

zählen, welche oft 8^"*"«^^^?^ 
suchenden über ihre Kümmernisse machen. Nichts ist zu 
^roß oder L gering, um nicht in den Dienst des einen 



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Zieles gestellt zu werden, das alle anstreben: selbst ganz 
unschuldig an den Verwicklungen zu erscheinen. Hat man 
sie erst zu der Einsicht gebracht, daß an einem Zerwürfnis 
zwischen zwei Menschen immer beide teilhaben, dann ist 
der erste schwere Schritt getan. Ein wichtiges Hilfsmittel 
auf dem Weg zu dieser Einsicht ist die Symptombewertung. 
Wie und was über den Partner berichtet wird, die leicht 
nachweisbaren ^Irrtümer, die dabei oft unterlaufen, geben ein 
deutliches Bild der unbewußten Zielrichtung; mSi merkt 
sehr bald, ob die Behebung oder die Schaffung von 
Schwierigkeiten die eigentliche, wenn auch unbewußte Ab- 
sicht ist. Letzteres ist gar nicht so selten, wie man glauben 
sollte. 

Ist die Situation soweit geklärt, dann bleibt die schwie- 
rige Frage, ob man diesen oder jenen Partner wählen, 
respektive bei ihm bleiben soll. Hier ist die Symptombewer- 
tung verbunden mit Erfahrung von entscheidender Be- 
deutung. Es ist wohl nur selten möglich, klar zu sehen, ob 
die in Frage stehende Person die einzig richtige Ergänzung 
sein wird, hingegen kann man mit ziemlicher Sicherheit 
erkennen, wer es ganz gewiß nicht sein wird, und diese 
negative Auswahl ist eine sehr positive Leistung. 

Alle diese Dinge werden den Ratsuchenden oft schon nach 
wenigen Aussprachen klar. Die Sicherheit der absoluten 
Diskretion, die Berufspflicht ist, läßt sie mehr aus sich 
herausgehen, als sie es im noch so vertrauten privaten Ge- 
spräch jemals vermöchten. Haben sie aber erst einmal ver- 
stehen gelernt, daß man zunächst sich selbst und seine eige- 
nen Ziele wirklich kennen, aber auch den zu erwählen- 
den Partner nach seinen Zielen gelten lassen muß, und daß 
dies unter eigener Verantwortlichkeit zu geschehen hat, dann 
kann in vielen schon verfehlten Fällen noch geholfen, in fast 
allen gebessert werden. Das Beste aber bleibt hier wie 
überall rechtzeitige vorbeugende Einsicht." 

Ein Sturm von Anfragen kam an die Redaktion, darunter 
wiederholte sich immer wieder die Frage, ob man so eine 
Beratung auch schriftlich in Anspruch nehmen könne. Das 
bewies uns wiederum die Notwendigkeit solcher Stellen und 
zugleich war damit, — ohne vorangegangene Absicht, ein- 
fach aus der Situation heraus — eine neue Form der Be- 
ratung gegeben, zu der diese Zeitung sich nun gemeinsam 



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mit mir und einem ärztlichen Berater für medizinische An- 
fragen entschloß. So entstand die 

schriftliche Aussprache und Beratung in menschlicher 

Bedrängnis. 

Wir leiteten sie mit folgendem Aufruf ein: 

„In erschreckender Zahl mehren sich die Meldungen, die 
davon berichten, daß Menschen aus dem Leben flüchten, 
weü es ihnen als Feind erscheint, von dem Gnade und Barm- 
herzigkeit nicht zu erhoffen ist. Andere wieder zerstören 
das Leben ihres Nächsten einfach darum, weil es ihnen un- 
erträglich dünkt, weiter dieses Menschen Nächster bleiben 
lu müssen, an den unlösbar scheinende Ketten sie binden. 
Dann gibt es welche, die eher einen geliebten Menschen ver- 
nichten, als daß sie den Gedanken ertrügen, daß er sein 
Glück anderswo als bei ihnen findet. Muß das sein? 

Es ist eine alte Erfahrung, daß bei seelischer Zerrüttung 
unendlich viel, manchmal alles, gewonnen wird, wenn der 
kritische Augenblick, der Moment, wo der Leidende selbst 
sich gar nicht mehr zu helfen weiß, durch Hinweise auf 
Hilfsmöglichkeiten überwunden wird. 

Können wir helfen, gibt es Wege, die solche Einsame 
_ denn nur ein Mensch, der sich ganz allein und verlassen 
glaubt, wählt diese gewaltsamen Mittel des Selbstschutzes 
__ in die allgemeine Verbundenheit der Menschen zurück- 
führen 9 Es sind Versuche gemacht worden, die sich be- 
währen. In immer größerer Zahl werden Stellen geschaffen, 
bei welchen Menschen in seelischer Not Rat und Hilfe 
finden und ohne Namensnennung vorsprechen können, aber 
es scheint manchem noch nicht zu genügen, denn, wenn er 
sich auch nicht nennt, die Tatsache, daß er als Person nun 
doch gekannt ist, hindert viele. 

Darum wollen wir die schriftliche Aus- 
sprache und Beratung schaffen, die dem Rat- 
suchenden alles erspart, was hemmend fischen seine Not 
und die dafür mögliche Hilfe treten konnte. Er soll als 
Person ganz verschwinden dürfen und nur sein Kummer 
spricht allein für sich. Wie groß das Bedürfnis nach einer 
solchen Aussprache ist, haben die vielen Anfragen gezeigt, 



12 

die nach einem kürzlich erschienenen Bericht über seelische 
Beratung eingelaufen sind. 

Es waren durchaus nicht immer Anfragen, aus denen 
die letzte Verzweiflung schrie — auch solche waren dar- 
unter — es war vieles dabei, was bedeutungslos scheinen 
konnte. Aber wir haben glücklicherweise den Hochmut ab- 
tun gelernt, mit dem eine verantwortungslosere Zeit dem 
Nebenmenschen glaubte, diktieren zu dürfen, was bedeu- 
tungsvoll für ihn ist und was nicht. Wir wissen heute, 
daß nichts ohne Bedeutung ist, weil wir niemals voraus- 
sagen können, welche von vielen Kleinigkeiten zur Ent- 
scheidung über ein ganzes Menschenleben führen kann. 

Und hier liegt die zweite Bedeutsamkeit der schriftlichen 
Aussprache, ihr Wert für die Allgemeinheit. 
Nicht nur der eine Ratsuchende bekommt seine Antwort, 
auch andere, die es lesen, lernen dadurch manches, das ihnen 
bis dahin vielleicht unbekannt geblieben war, und es kann 
auf diese Art gelingen, Schwierigkeiten, die später schwer 
auszugleichen sind, schon im Keim ihrer zerstörenden Kraft 
zu berauben. Und das ist das wichtigste: nicht zu warten, 
bis die Hindernisse anscheinend unübersteigbar sind, nicht 
auf seelische Not zu trainieren, sondern dem Kummer mutig 
ins Aug' zu sehen, gleichsam mit der Frage, wer wird der 
Stärkere sein, du oder ich! Können auch die Umstände nicht 
immer geändert werden, so kann doch der Mensch sie 
seelisch beherrschen oder ihnen unterliegen, je nachdem er 
sich zu ihnen stellt, und lernt er erst die bedingungslose 
Übergabe an den angeblichen Zwang der Umstände ver- 
meiden, so ist das der erste schwerste Schritt zum Sieg." 

Im nachfolgenden einige Antworten auf eingelangte 
Fragen. Sie geben ein ungefähres Bild vom Inhalt der ver- 
schiedenen Anfragen, die im praktischen Teil dieses Buches 
dann ausführlich durchgesprochen werden. 

Sexuelle Not: Sie schreiben, daß die Qual des Alleinseins 
Ihnen „alle Hoffnung und Lebensfreude geraubt" und Sie 
„mit dem Gedanken vertraut gemacht hat, dieser qualvollen 
Sache durch den Tod ein Ende zu bereiten". Ihre schwere 
Depression spricht sich auch deutlich in Ihrer Schrift aus. 
Aber sexuelle Fragen sind für sich allein nicht lösbar, sie 
sind ein Teil des ganzen Menschen, und wenn es auf diesem 
Gebiet immer wieder Enttäuschungen gibt, dann zeigt das 



. 



13 



deutlich, daß auch noch andere seelische Störungen vor- 
liegen. Diese können behoben werden und damit erleichtert 
sich dann auch der erotische Anschluß überraschend schnell. 
Bitte, berichten Sie mehr über Ihr gesamtes Leben, Beruf, 
soziales Milieu, damit wir Ihnen genaueres sagen können. 
Sie werden den Tod nicht brauchen, sondern durch das Leben 
geheilt werden. 

Carmen: Hörigkeitsverhältnisse der Art, wie Sie sie schil- 
dern, beruhen nicht auf rein sexueller Grundlage, da spielen 
immer noch andere seelische Motive mit. Daß Sie betonen, 
die Frau werde Ihnen immer unerreichbar bleiben, aber Sie 
könnten doch nicht von ihr lassen, läßt vermuten, daß Sie 
nicht so sehr diese eine Frau begehren, sondern im allge- 
meinen mehr darauf aus sind, unbewußt zwischen sich 
und Ihr Ziel Hindernisse aufzuhäufen. Das ist eine sehr 
häufige, nervöse Einstellung, die meistens aus Kindheits- 
erlebnissen stammt, die ganze Zielrichtung eines Menschen 
beeinflussen und dadurch sein Leben zerstören kann. Durch 
wiederholte Aussprachen werden solche Störungen bewußt 
gemacht, sie verlieren ihre zerstörende Kraft, die Zielrich- 
tung und das ganze Leben, darunter auch die sexuelle Ein- 
stellung, ändern sich damit. 

D. R.: Die über das kindliche Alter hinausgehende Onanie 
ist eine Erscheinung, die nicht für sich allein behandelt 
werden kann, weil sie immer nur ein Teil einer etwas ge- 
störten Grundeinstellung, oft einer allgemeinen Angst und 
Mutlosigkeit ist. Und Sie betonen ja auch, daß Ihnen „der 
Mut fehlt, zu einer Jugendberatungsstelle zu gehen"; auch 
Ihre Schrift zeigt deutlich zögernden Charakter. Fortgesetzte 
mündliche Aussprachen haben in solchen FäUen schon viel 
gebessert. 

Schicksalsfrage: Es liegt nicht der mindeste Anlaß vor 
aus diesem Grund auf Ehe zu verzichten. Daß der Arzt 
Ihren zukünftigen Gatten sprechen will, ist sehr vernunftig, 
es wäre gut, wenn das in allen Fällen geschehen konnte 
denn die meisten Frauen sind in ähnlicher Lage wie Sie und 
die wenigsten Männer wissen, daß eine Frau durch ihren 
Mann zur Freude am ehelichen Leben angeleitet werden 
kann. Da der Arzt Sie für vollkommen gesund erklart hat, 
wird es sich vermutlich um eine solche Anleitung handeln. 



14 









. . R \ € ? r :— A Ber :®! i kon "nt sehr häufig vor, daß ein Mann 
bei gleich- oder hohergestellten Frauen versagt, während er 
dort, wo ersieh sozial oder sonstwie überlegen weiß, zu 
besonderer Fähigkeit gelangt. Das ist gar nicht lächerlich, 
aber glücklicherweise ebensowenig tragisch und auch nicht 
unabänderlich. Es ist eine bekannte Auswirkung über- 
spannten Geltungsstrebens, das den davon Besessenen hin- 
dert, sich frei und natürlich zu geben, ohne Erwägung des 
erzielten Eindruckes, denn jede Unternehmung, die unter 
Befangenheit begonnen wird, endet schlecht, auch auf viel 
weniger subtilen Gebieten. Ist aber erst einmal ein Miß- 
erfolg eingetreten, dann wirkt er sich durch die damit ver- 
bundene Einbuße an Selbstvertrauen wiederholend aus, was 
oft durch das verständnislose Verhalten der Frau verstärkt 
wird. Eine psychische Behandlung kann davon befreien. 

Eine, die den letzten Weg geht: Ihr Freund ist nicht 
eigentlich ein Egoist zu nennen, er kann sich nur nicht von 
der althergebrachten, verfehlten Einstellung befreien, nach 
welcher eine Frau ausschließlicher Besitzgegenstand des 
Mannes ist und nachweisbar unbeschädigt in seine Hände 
überzugehen hat. Da er Ihrer Schilderung nach ein ehren- 
hafter Mensch ist und auch Sie aufrichtig gegen ihn vor- 
gegangen sind, dürfte es einer mündlichen Aussprache viel- 
leicht gelingen, die menschlicheren, durch äußere Bedenken 
verschütteten Quellen freizumachen. 

Karl H.: Es kann leicht sein, daß die betreffende Frau 
doch eine ihr selbst vielleicht gar nicht bewußte Liebe zu 
dem Verstorbenen in sich getragen und nun auf die Freundin 
übertragen hat. Das geschieht öfters in dem unklaren Ge- 
fühl, die Liebe zu einem andern Manne sei verboten, die zu 
einer Frau aber unbedenklich. Die Seelenforschung weiß, 
daß dem nicht so ist, weil gerade solche Bindungen sich oft 
zerstörender auswirken als alle anderen, und dadurch zu 
einer wirklichen Gefahr werden. Vielleicht ist es möglich, 
die Frau zu einer seelischen Beratung zu bewegen." 

Einmal wöchentlich erschienen die Antworten, und der 
zur Verfügung gestellte Raum reichte trotz allergrößter 
Sparsamkeit in der Stilisierung bei weitem nicht aus, um 
allen Anfragen einer Woche nachzukommen. Ein halbes Jahr 
führten wir die Rubrik, dann mußten wir das System ändern, 
die Anfragen kommen jetzt direkt an die Beratungsstelle 



15 

und werden nicht mehr durch die Zeitung, sondern brieflich 
an die Adresse der Anfragenden beantwortet. 

Diese Briefe nun und die daraus gewonnenen Resultate 
sind das ergänzende Material unseres Buches und werden 
mitunter im Original verwendet werden. 

Dieses Material hat seinen Wert in verschiedener Hin- 
sicht. Erstens haben wir damit dokumentarische Berichte 
über das Seelenleben des „kleinen Mannes", der Masse. Die 
Berichte früherer Zeiten, soweit sie in Memoiren, Brief- 
wechsel, Tagebüchern erhalten sind, befassen sich immer nur 
mit dem Seelenleben, den Problemen und Konflikten ein- 
zelner, aus der Menge hervorragender Erscheinungen der 
wohlhabenden und gebildeten Stände. So war man leicht ver- 
sucht zu glauben, einfache Durchschnittsmenschen und gar 
solche in ökonomisch oder sozial ungeschützter Lage hätten 
gar keine psychischen Probleme. Darüber werden wir nun 
eines Besseren belehrt. 

Zweitens läßt sich an den Ausführungen derjenigen Rat- 
suchenden, die öfters geschrieben haben, nachweisen, ob und 
inwiefern sich die Beratung ausgewirkt hat, man kann also 
daran die praktischen Ergebnisse der Methode überprüfen. 
Der Verlauf der einzelnen Fälle ist selbstverständlich jedes- 
mal ein verschiedener. Manche bringen uns von vorneherein 
Vertrauen entgegen, viele kommen mit tiefstem Mißtrauen, 
das sich manchmal sehr rasch in Zutrauen wandelt, andere 
wieder bleiben sehr lange in der „zögernden Attitüde", hie 
und da reißt auch einer aus, usw. Eine Reaktion 
aber tritt ausnahmslos bei allen ein, das ist 
die große Erleichterung darüber, sich ein- 
mal ausgesprochen zu haben. Jeder ein- 
zelne, gleichgültig, ob es mündliche oder schriftliche Be- 
ratung war, hat uns das spontan gesagt. 

Drittens ergibt sich aus dem Material eine, wenn auch 
der Zahl nach kleine, so doch immerhin aufschlußreiche 
Statistik über die Frage, welche Probleme in welcher Alters- 
stufe und in welcher sozialen Lage den größten Raum ein- 
nehmen und diese speziell statistische Forschung ist ja be- 
kanntlich gerade in letzter Zeit weit in den Vordergrund 
des allgemeinen Interesses getreten. 

Es bleibt noch darauf zu verweisen, daß alle Brietaus- 
züge sowie die Antworten der Beratungsstelle wort- 






getreu wiedergegeben sind. Die anderen Schilderungen 
sind in den Grundzügen immer wahrheitsgemäß, in den 
Details aber aus Gründen der Diskretion so weit verändert, 
daß ein Wiedererkennen der Ratsuchenden nach ihren Aus- 
sagen oder nach den Briefstellen ausgeschlossen ist. Viele 
unter ihnen blieben auch für mich anonym. Von dem Ge- 
samtinhalt der Briefe hat niemand außer mir und fallweise 
dem beratenden Arzt Kenntnis. Sollte doch dieser oder jener 
aus einzelnen Symptomen einen ihm bekannten Fall zu er- 
kennen meinen, dann scheint ihm das nur so; es kommt 
dann daher, daß alle vorgebrachten Kümmernisse eben 
absolut typisch sind und leicht irgendwohin passen. 
Darin liegt ja gerade ihr Materialwert. Es 
wurden aus der Zahl von vielen hunderten Fällen eben die- 
jenigen gewählt, die für das betreffende Problem am charak- 
teristischesten sind. Gerade weil sie allgemein giltig sind, 
geben sie die praktische Handhabe, mittels welcher sich 
nachweisen läßt, auf welcher Grundlage die zu 
besprechenden Probleme entstehen können 
und welche Mittel der Besserung und vor al- 
lem derVerhütung wir zur Verfügung haben. 
Hier kann leicht der Einwand erhoben werden, daß Men- 
schen, die mit der Lösung ihrer Probleme allein nicht fertig 
werden, abnormal sind und ihre Reaktionen daher für die 
Beurteilung der allgemeinen Norm wertlos bleiben. Da muß 
an den Ausspruch eines geistvollen Psychiaters erinnert 
werden, der einem psychiatrischen Kongreß als wichtigstes 
Thema vorschlug, „den normalen Menschen zu suchen und 
wenn gefunden, zu heilen". Diese extreme Formulierung hat 
wie jede Übertreibung den großen Vorteil, das Gesagte an- 
schaulich zu machen. Der Wahrheitsgehalt des Ausspruches 
ist gar nicht anzuzweifeln, denn der Prozentsatz jener 
Menschen, die mit ihrer Schwierigkeit gar nicht oder nur 
mangelhaft fertig werden, ist so groß, daß man ihn heute 
eigentlich als die Norm ansprechen muß. Auch in diesem 
Sinn also ist das Material stichhältig. 

Seelischer Mechanismus. 

Außerdem hat die psychotherapeutische Forschung ge- 
zeigt, daß gerade die Kenntnis der Reaktionen seelisch ge- 




Edvard Munch: Madonna 

Aus Kurt Glaser: Edvard MuikI-, Vorlag Bruno Cassirer, Berlin 



17 

störter Menschen uns über den seelischen Mechanismus des 
Menschen zu belehren sehr wohl imstande ist. Die entschei- 
dende Rolle, welche unbewußt aufgenommene oder nicht gut 
verarbeitete Erlebnisse in unserem Seelenleben spielen, und 
die ungeheure Tragweite ihrer Auswirkungen hat Freud 
nachgewiesen. Alfred Adler hat in seiner „Studie über 
Organminderwertigkeit" den seelischen Mechanismus von 
Minderwertigkeitsgefühl und dessen Überkompensation 
bloßgelegt. Was früher unverständlich war und sinnlos 
schien, haben wir dadurch erfassen und verstehen gelernt. 

Bevor wir jedoch für unser Spezialthema das Gebiet des 
Seelischen betreten, müssen wir ein wenig informiert sein 
über die physiologischen Gegebenheiten des Geschlechts- 
lebens. Aus raumökonomischen Gründen muß leider auf eine 
systematische Einführung in die Physiologie des Sexual- 
problems verzichtet und nur das allernötigste darf dazu 
gesagt werden. Es wird zugleich auch das primitivste sein, 
was manchen Leser wundern dürfte. Aber wer Einblick in 
die unglaubliche Unkenntnis hat, die auf diesem Gebiet noch 
allgemein herrscht, darf, wenn er allgemein verständlich sein 
will, auch nicht das einfachste als selbstverständlich vor- 
aussetzen. Wer sich eingehender informieren will, findet im 
Literaturnachweis Angaben über einschlägige Werke. 

Es bleibt im Gesamtinteresse der Menschheit zu hoffen, 
daß spätere Generationen es nicht mehr nötig haben wer- 
den, die Kenntnis über ihren eigenen Leib und eine seiner 
wichtigsten Funktionen aus Spezialbüchern zusammen- 
zusuchen. Eine ehrlichere Einstellung zu den Fragen des 
Sexuallebens als unsere heutige wird so vernünftig sein, dem 
Kind je nach seinem Verständnis stufenweise diese Erkennt- 
nis im Rahmen des gesamten Erziehungs- und Unterrichts- 
wesens zugänglich zu machen. Aber dahin ist noch ein 
weiter Weg und vorerst müssen wir jenen dankbar sein, die 
uns eine allgemein verständliche Darstellung der körper- 
lichen Vorgänge im Liebesleben gegeben haben. Die nach- 
stehende Schilderung ist der Volksausgabe von Foreis 
Buch „Die sexuelle Frage" (Reinhardt, München 1922) ent- 
nommen und mit wenigen Verkürzungen wörtlich wieder- 
gegeben, sie trägt dort die gleiche Kapitelüberschrift wie hier. 



Lazarsfeld, Wie die Frau den Mann erlebt. 2 
























II. Kapitel. Naturhisforische Bedingungen und 
Mechanismus der menschlichen Begaffung. 






„Einen Lehrer gibt es, der 
ist vortrefflich, wenn wir ihn 
verstehen, es ist die Natur." 

Kleist. 

„...Bei der Begattung der keimtragenden tierischen In- 
dividuen bewegt sich der männliche Keimträger (Männchen) 
gegen den weiblichen hin. Er besitzt irgendeine Vorrichtung 
die ihm gestattet, eine Ladung seiner lebenden Spermatozoen 
an eine Stelle anzubringen, von welcher aus dieselbe zu den 
Eizellen des weiblichen Keimträgers (des Weibchens) ge- 
langen können. Dazu ist in der Regel das Eindringen eines 
sogenannten Kopulationsorganes (der männlichen Rute oder 
des Penis) in den weiblichen Körper nötig. Wir lassen die 
Tiere beiseite und gehen gleich zum Menschen über . . . 

. . . Die Natur verfährt, selbst bei ihren höchsten Ge- 
schäften, vielfach sehr sparsam, und so hat sie die männliche 
Harnröhre mit dem männlichen Geschlechtsorgan vereinigt. 
Die männlichen Keimdrüsen sind die eiförmigen Hoden (mit 
Nebenhoden), deren Drüsenröhrchen tausende und aber- 
tausende von Samentierchen oder Spermatozoen enthalten 
und immer neu produzieren. Dieselben sammeln sich, wenn 
sie reif sind, am Ende des Ausführungsganges der Drüsen 
und auch je im Behälter einer Nebendrüse, Sammelbläschen 
genannt, deren eigenes dickflüssiges Sekret sich mit dem 
Samen mischt. Der Samen besitzt einen eigentümlichen 
Geruch. 

Das Sonderbarste an der ganzen Einrichtung ist der 
Mechanismus der sog. Erektion, d. h. der Eigentümlichkeit 
des Penis oder männlichen Gliedes, auf bestimmte Nerven- 
reize hin anzuschwellen, d. h. breiter und länger und zu- 
gleich steif und hart zu werden. Dies wird durch die drei 
sogenannten Schwellkörper bewerkstelligt, die die Haupt- 






19 



masse des Penis bilden. Der eine verläuft an dessen unterer 
Seite, in der Mitte, umgibt die Harnröhre und bildet in der 
Form der schon sogenannten Eichel einen erweiterten End- 
knopf; die zwei anderen liegen rechts und links oben, haben 
einen ziemlich geraden Verlauf und eine halbzylinderische 
Form. Alle drei bestehen aus Höhlen oder Ausbuchtungen 
bildenden Blutgefäßen, die für gewöhnlich ziemlich leer 
sind, weshalb das Glied schlaff hängt. Die erwähnten Ner- 
venreize bewirken durch einen hier nicht näher zu beschrei- 
benden Nervenmechanismus, auf Grund von Gefäßlähmung 
mittels sog. Nervenbahnungen und -hemmungen, eine Blut- 
stauung in den Höhlen der Schwellkörper, die sich allmählich 
immer straffer mit Blut füllen, schließlich so straff, daß die 
drei Schwellkörper sich als harte und steife Massen dar- 
stellen. Dadurch wird das Volumen des Penis oder männ- 
lichen Begattungsgliedes gewaltig vergrößert, während die 
gleichzeitige Steifheit des Organes ein Eindringen in die 
weibliche Scheide ermöglicht. Zu gleicher Zeit und durch 
den gleichen Mechanismus der Schwellkörper wird die Harn- 
röhre gegen die Harnblase zu geschlossen, während umge- 
kehrt der vereinigte Samengang gegen den peripheren Teil 
der Harnröhre sich öffnet. Damit ist das Geschlechtsorgan 
zn funktionieren bereit. Doch bedarf es noch weiterer, 
wiederholter Reize, um die Samenentleerung selbst zu be- 
wirken. Letztere erfolgt schließlich durch die Reizung eines 
besonderen Muskels, der die Samenbläschen usw. zusammen- 
drückt und die Samenflüssigkeit mittels wiederholter Zu- 
sammenziehung durch die Harnröhre hindurch nach außen 
snritzt. Ist dieses erfolgt, so hört allmählich auch die Stau- 
ung der Schwellkörper auf, und der ganze Penis wird wieder 

Dieser ganze Apparat ist somit recht kompliziert und 
wird durch verschiedene Nervenreizungen in Bewegung ge- 
setzt, welche bei nervösen Abnormitäten leicht und au* 
mannigfaltige Art gestört werden können ... 

Beim Weibe mündet die Harnröhre für sich allein nach 
außen. Sie ist viel kürzer als beim Manne, auch weiter 
Dennoch besitzt sie an ihrem äußeren Ende einen kleinen 
Schwellkörper, den sog. Kitzler (Klitoris), welcher entwick- 
lun^escnichtlich dem männlichen Penis, besonders ; der 
Eichel, entspricht und wie diese für den Geschlechtsreiz 

2* 






20 

spezialisierte, sehr empfindliche Nerven besitzt. Die weib- 
liche Harnröhrenöffnung befindet sich vorne, unterhalb des 
sog. Schambeines (os pubis) an der gleichen Stelle, wie die 
Wurzel des männlichen Gliedes. Von dieser Stelle aus er- 
strecken sich nach hinten zu beiden Seiten der Mittellinie je 
zwei längliche Falten (Schamfalten), die mit Haut bedeckten 
wulstartigen sog. äußeren oder großen Schamlippen und 
unter diesen die zart schleimhäutigen inneren oder kleinen 
Schamlippen. Zwischen den beiden innern Schamlippen be- 
findet sich die weibliche Geschlechtsöffnung, die mit den 
Schamlippen zusammen Vulva heißt. Sie ist von der Harn- 
rohrenöffnung getrennt und führt in eine innere Röhre, die 
sog. Scheide oder Vagina. Die Scheide ist etwa 10— 12 cm 
lang und endet oben blind um die in sie hineinragende Vagi- 
nalportion der Gebärmutter herum. Bei Jungfrauen ist, so- 
lange noch keine Begattung stattgefunden hat, der Scheiden- 
eingang mehr oder weniger abgeschlossen durch eine zarte 
quergestellte Haut, die sog. Jungfernhaut oder das Hymen 
das nur eine ziemlich enge Öffnung nach außen besitzt, je- 
doch beim ersten Begattungsakt meistens unter Schmerzen 
und leichter Blutung zerreißt. Außerdem besitzen die Wan- 
dungen der noch ziemlich engen jungfräulichen Scheide 
Querfalten, die sie etwas rauh machen. Die Überreste der 
bei der ersten Begattung (Defloration) zerissenen Jungfern- 
haut bilden dann am Scheideneingang die myrtenförmigen 
Karunkeln ... 

. . . Der Begattungsakt vollzieht sich nun wie folgt: Nach- 
dem die nötige geistige und Gefühlsreizung beim Manne 
durch Lusterregung vorangegangen ist und das Weib even- 
tuelle Widerstände aufgegeben hat oder selbst zum Be- 
gattungsakt neigt, führt der Mann sein erigiertes, d. h. er- 
weitertes und hartgewordenes Glied in die weibliche Scheide 
ein. Hiebei kann die Lage wechseln, der Mann oben oder 
unter liegen, was letzteres bei schwachen Frauen durchaus 
am Platz ist. Bei hochschwangeren Frauen wird er außerdem 
den Beischlaf von hinten aus sehr vorsichtig und schonend 
vollführen, um jede Schädigung des Kindes zu vermeiden. 

Rythmische Bewegungen beider Personen, besonders 
aber des Mannes, fördern und erhöhen durch Reibung der 
beiderseitigen Reizstellen an der Schleimhaut resp. Haut des 
anderen den angenehmen Geschlechtsreiz allmählich bis zur 



21 



höchsten Wollust, deren Spannung, von den besprochenen 
Hautstellen, besonders an der Eichel und an der Klitoris 
ausgehend, sich über das ganze Nervensystem im Gehirn und 
im ganzen Körper ausdehnt, bis schließlich, wenn sie ihren 
höchsten Grad (orgasmus venericus) erreicht hat, beim 
Mann sich der lösende Vorgang der Samenentleerung ein- 
stellt . . . 

. . . Beim Weibe findet ein ganz ähnlicher Vorgang inso- 
fern statt, als der Kitzler anschwillt und von ihm, wie von 
den anderen Reizstellen aus durch die sanfte, schleimige 
Reibung ganz ähnliche Gefühle ausgelöst werden wie beim 
Manne von der Eichel aus. Durch Nervenreizassoziation ruft 
die fortgesetzte Reizung eine starke Absonderung gewisser 
Drüsen der Scheide hervor (Bartolinische Drüsen), deren 
Sekret die Geschlechtsöffnung befeuchtet. Im Moment der 
höchsten Wollust empfindet das Weib etwas ganz Ähnliches 
wie der Mann, das ihr ganzes Wesen durchdringt. Bei beiden 
hört dann die wollüstige Erregung auf, und es tritt Er- 
schlaffung, Sättigung und häufig Schlaf ein." 

In dieser knappen Schüderung des großen Forschers 
finden wir alle Elemente enthalten, welche den Mechanismus 
unseres Geschlechtslebens ausmachen. 

Das hier wiedergegebene Bild des norwegischen Malers 
Edvard Munch gibt eine künstlerische Vision dieser Ele- 
mente. 

Von dem klaglosen oder gestörten Verlauf dieses Mecha- 
nismus hängt im wesentlichen das ab, was man weniger 
trocken als Liebeslust und -leid zu bezeichnen gewöhnt ist. 

Aber der Einblick in diesen Mechanismus darf nicht dazu 
verführen, nun auch das darauf beruhende Liebesleben als 
eine Angelegenheit zu betrachten, die sich rein mechanisch 
erfassen ließe. Denn so klar und präzise die Wissenschaft 
heute schon das Uhrwerk der körperlichen Vereinigung von 
Mann und Frau zu schildern und zu erklären vermag, so weit 
entfernt ist sie noch von einem letzten eindeutigen Wissen 
über die Kräfte, welche es in Gang setzen, fördern oder 
hemmen können. Ganz abgesehen von psychischen Einflüssen, 
die später besprochen werden sollen, sind auch die rein 
körperlichen Vorgänge bei weitem nicht zur Gänze erforscht, 
wenn auch die Wissenschaft der letzten Jahrzehnte dem Ge- 
heimnis um sehr vieles nähergerückt ist. Ein entscheiden- 



22 



der Merkstein auf dem Weg zur Erkenntnis der treibenden 
Kräfte ist die Drüsen- und Hormonenlehre mit ihrer Ein- 
sicht in die Bedeutung der innersekretorischen Vorgänge. 
Unter vielen populären Darstellungen dieser Lehre schien 
mir die Zusammenstellung des Berliner Arztes Dr. Felix 
Boenheim für unser Thema besonders geeignet. Aus 
seinem Buch 

„Wunder der Drüse" 

(Hyppokrates- Verlag, Stuttgart 1927) sind nachfolgende Ab- 
sätze entnommen. Ihr Wortlaut ist nirgends geändert, auch 
die Anordnung der Reihenfolge der einzelnen Punkte blieb 
erhalten. Hingegen wurde alles auf Krankheiten bezügliche 
ausgeschieden, sowie Vorgänge, die nicht mit dem Sexual- 
leben in Zusammenhang stehen. Von den auf das Geschlechts- 
leben bezüglichen Themen wurde nur das Allernötigste her- 
angezogen und auch dieses unter besonderer Berücksichti- 
gung des weiblichen Organismus. 

. . . Die Drüsenzellen, die der Bildung von Sekreten dienen 
häufen sich bei höheren Tieren an bestimmten Stellen in 
bestimmten Organen an, die man als Drüsen bezeichnet. 
Die Drüsen vergrößern ihre Oberfläche, indem sie sich über 
das Niveau erheben, wie die Brustdrüsen, oder indem sie 
sich in die Tiefe einsenken, wie wir es z. B. bei den Drüsen 
des Magens, des Darms sehen. Viele Zellen liegen um einen 
Gang, der das in den Zellen gebildete Sekret aufnimmt. 
Mehrere solcher Drüsenschläuche bilden einen Lappen, 
mehrere Lappen die Gesamtdrüse. Die Drüsen werden nach 
dem Bau eingeteilt. Um die Drüsenzellen, die für die ein- 
zelnen Drüsen charakteristisch sind, liegt also Gewebe, wie 
man es überall antrifft, nämlich das Bindegewebe, das die 
an die Drüsen herantretenden Nerven und Blutgefäße birgt. 
Das in den Drüsen gebildete Sekret hat eine bestimmte Auf- 
gabe ... 

. . . Die Magendrüsen sind ein Beispiel einer excretori- 
schen Drüse, d. h. einer Drüse, deren Produkte nach außen 
gelangen, denn die Oberfläche des Verdauungskanals ist 
nur eine Einstülpung der Haut. Andere solcher Drüsen sind 
die Leber, die Speicheldrüsen etc. 

Nun kennen wir Drüsen, denen der Ausführungszwang 
fehlt. Diese Gebilde machten der Erforschung viele Schwie- 



23 

rigkeiten. Zunächst stammen sie von demselben Gewebe ab 
wie die übrigen Drüsen, nämlich von dem äußeren Keim- 
blatt. Ferner war der Aufbaucharakter der des Drüsen- 
gewebes, ja man fand sogar in den einzelnen Läppchen ein 
Sekret. Und trotzdem: der Ausführungsgang fehlte. Dem 
genialen Franzosen Brown-Sequard gelang die Lösung des 
Rätsels. Wir haben es in der Tat hier mit Drüsen zu tun, 
aber diese geben ihr Sekret nicht nach außen ab, d. h. an die 
Oberfläche der Haut, wie die Schweißdrüsen, sondern nach 
innen, an das Blut. Man nennt sie daher Blutdrüsen oder 
Drüsen mit innerer Sekretion. Das Sekret, das sie bilden, 
nennt man Hormon oder Inkret im Gegensatz zu dem Exkret 
der erstgenannten Drüse. 

Das Hormon gelangt mit der Blutbahn überall hin und 
übt auf die verschiedensten Organe seinen Reiz aus . . . 

. . . Ein dritter Typ von Drüsen stellt eine Kombination 
beider Formen dar. Diese gemischten Drüsen geben sowohl 
Stoffe an das Blut ab, wie auch nach außen. Hierher gehören 
die Keimdrüsen und die Bauchspeicheldrüse. Der Eierstock 
bildet beispielsweise das Ei, das durch den Eileiter in die 
Gebärmutter gelangt. Wurde das Eichen nicht befruchtet, 
so verläßt es den weiblichen Körper durch die Scheide. In- 
soweit ist der Eierstock eine gewöhnliche Drüse mit äußerer 
Sekretion. Andererseits bildet der Eierstock aber auch ein 
sehr wichtiges Hormon oder Inkret, das den ganzen Körper 
der Frau, einschließlich ihres Gehirns, stark beeinflußt... 
Die Sekrete, die die Blutdrüsen abgeben, heißen Hor- 
mone oder Inkrete. Sie sind nicht nur im ausgebildeten 
Körper von Wichtigkeit, sondern sie bestimmen auch den 
Körperbau und sein Wachstum. So wirken manche Hormone 
hemmend auf das Wachstum des Menschen, andere fördernd. 
Aber auch die Funktion der einzelnen Organe wird durch 
die Hormone weitgehendst beeinflußt. Durch eine Ein- 
spritzung von Nebennierenmark gelingt es, den Darm augen- 
blicklich zum Stillstand zu bringen, während der Himanhang 
die Bewegungen anregt. Oft wirkt die Änderung nicht 
direkt sondern indirekt über das Nervensystem. Im Ein- 
zelnen sind unsere Kenntnisse noch recht gering, nur in den 
seltensten Fällen können wir mit einiger Bestimmtheit 
sagen, welche Art von Wirkung vorliegt. 

Die Wirkung der Blutdrüsen hängt auch davon ab, in 



24 



welchem Milieu ihre Hormone ein Organ angreifen. Spritzt 
man z. B. einen Auszug aus der Schilddrüse ein, so kann man 
die Wirkung weitgehend variieren, ja sogar in das Gegenteil 
umschlagen lassen, wenn man gleichzeitig ein Salz mit- 
emspritzt Je nach der Wahl, ob Kalium oder Kalzium, 
unterscheidet sich der Erfolg der Schilddrüseneinspritzung. 
Dabei üben Kalium oder Kalzium selbst diese Wirkung nicht 
aus. Das erklärt auch, warum mitunter eine Wirkung mit 
einer Arznei nicht zu erzielen ist. Das Milieu widerspricht 
Es kommt auf das Verhältnis an der Zellhaut an. 

Alle diese Komplikationen stehen in Wechselwirkung 
zueinander. Störungen der einen Drüse werden nach einiger 
Zeit durch eine andere Drüse ausgeglichen — oder vorsich- 
tiger ausgedrückt: sie können ausgeglichen werden... 

... In praxi sind diese Fragen außerordentlich kompli- 
ziert. Was wir feststellen, ist immer die Endsumme vieler 
Faktoren. Dazu kommt noch, daß die einzelnen Drüsen 
während des Lebens nicht immer denselben Wert haben. Es 
sei z. B. an die Keimdrüsen erinnert, die in der Kindheit 
eine untergeordnete Rolle spielen und die während der Reife 
den ganzen Körper beherrschen und die später wieder be- 
deutungslos werden. Es ist verständlich, daß die Keimdrüse 
eines geschlechtsreifen Menschen anders arbeitet als die 
eines Kindes oder eines Greises . . . 

. . . Daß die Keimdrüsen von ausschlaggebender Bedeu- 
tung für die normale Psyche sind, ist bekannt . . . 

. . . Entfernt man einem Tiere die Keimdrüsen, so ändert 
sich sein Seelenleben von Grund auf. Dieselben Beobach- 
tungen können wir bei Menschen anstellen, denen aus irgend- 
welchen Gründen die Keimdrüsen entfernt werden mußten 
sei es, daß es aus religiösen Gründen geschah (Sopran- 
stimmen der kath. Kirche), sei es, daß es aus sozialen Grün- 
den geschieht (Haremswächter im Orient), sei es, daß es 
infolge von Schußverletzungen oder anderer Erkrankungen 
ärztlicherseits geschieht. Kastrierung bedeutet Wegfall der 
Hormone der Keimdrüsen. Wird das Hormon der Keim- 
drüsen in die Blutbahn abgesondert, so wird der gesamte 
Körper, jedes Organ, jede Zelle dadurch beeinflußt. Wir 
sprechen bei den Keimdrüsen von einer Erotisierung des 
Körpers. Wenn die Keimdrüsen normal arbeiten, so sind 
die Menschen frisch, munter und gesund. Sie haben im all- 






■ 



25 

gemeinen eine lange Lebensdauer, altern spät und stellen 
ihren Mann im Kampf ums Dasein. 

Durch Gewächse in der Zirbeldrüse und in den Neben- 
nieren entsteht geschlechtliche Frühreife, sodaß wir an- 
nehmen, daß die Hormone der genannten Drüsen die ge- 
schlechtliche Entwicklung hemmen. Denn Gewächse zer- 
stören die Drüsen und unterbinden deren Funktion. 

Die Fortpflanzung der höheren Tiere geschieht durch 
Befruchtung des weiblichen Eies durch den männlichen 
Samen. Das Ei und der Samen unterscheiden sich zunächst 
durch die Form. Wichtiger sind die Differenzen der Chromo- 
somen. Die Erbfaktoren sind an stäbchenartige Gebilde der 
Zelle gebunden, die man Chromosomen nennt. Die Zahl der- 
selben ist für jede Tierart charakteristisch. Sie beträgt beim 
Menschen 24 Paare. Wenn ein Ei oder ein Samenfaden gebil- 
det wird, so reduziert sich die Zahl auf die Hälfte. Es bleiben 
also nur 24 Chromosomen übrig, die sich mit den 24 anderen 
geschlechtlich verbinden. Bezeichnen wir die Chromosomen 
des Weibes mit AA, die des Mannes mit Aa, um damit anzu- 
deuten, daß die des Weibes gleich sind und mit der einen 
Art des Mannes übereinstimmen, während die zweite Hälfte 
des Mannes anders ist. Das männliche Wesen ist also cha- 
rakterisiert durch a. Überall wo ein a vorkommt, entsteht 
eine männliche Zelle. Vereinigen sich die beiden Zellen, so 
wird die eine Hälfte ausgestoßen. Offenbar macht es beim 
Weibe nichts aus, welches A ausgestoßen wird, da beide 
gleich sind. Das weibliche A kann sich mit dem A des 
Mannes verbinden. Es entsteht dann wieder ein Chromo- 
somenpaar AA, d. h. eine weibliche Zelle. Verbindet es sich 
dagegen mit a, so entsteht Aa, d. h. eine männliche Zelle. 
Die neuentstandene Zelle nennt man Zygote. Offenbar ist 
die Wahrscheinlichkeit, daß männliche oder weibliche 
Wesen entstehen, gleich groß, was auch mit der Statistik 
übereinstimmt. Es kommen etwa auf 100 Knaben 102 neu- 
geborene Mädchen. 

Die Bedeutung des Geschlechtsaktes als solchen wird 
im allgemeinen für die Frau stark unterschätzt. Es handelt 
sich dabei nicht nur um die Befriedigung eines Lustgefühls, 
sondern es kommt zu körperlichen und seelischen Verände- 
rungen, auch wenn die Frau dabei nicht schwanger wird 
Gut beobachtende Frauenärzte geben immer wieder an, daß 



26 

es zu einer allgemeinen Gewichtszunahme in den ersten 
Monaten der Ehe komme, sodaß man annehmen muß, daß 
durch das Eindringen der männlichen Samenfäden in den 
weiblichen Körper und durch ihre Aufnahme eine Umstel- 
lung des Stoffwechsels erfolgt. Diese Umstellung betrifft 
auch besonders die inneren weiblichen Geschlechtsorgane. 
Die Gebarmutter, die vorher oft klein war, sozusagen auf 
dem Entwicklungsgrade eines Mädchens vor der Pubertät 
stehen geblieben war, wächst nach. Die Erklärung ist 
schwierig. Man weiß, daß durch den Geschlechtsakt eine 
bessere Durchblutung der Geschlechtsorgane ausgelöst wird 
die wahrscheinlich eine bessere Tätigkeit des gelben 
Körpers bedingt. Störungen in der Periode fallen oft weg 
Es wird dies wohl teilweise durch die psychische Um- 
stellung zu erklären sein. Die seelische Umstellung der 
jungen Frau ist enorm. An Stelle von Überängstlichkeit und 
eines oft krankhaften Schamgefühls tritt eine Freiheit der 
Bewegungen ein, weil mancherlei Hemmungen abgelegt 
werden . . ." b 

. . . Man kann den Körper einer Frau weitgehend masku- 
linisieren *), den eines Mannes feminisieren *} , indem man 
die Keimdrüsen entfernt und die des anderen Geschlechtes 
überpflanzt. Solche Experimente liegen von Steinach 
Sawadowski, Lipschütz und anderen vor. Ver- 
pflanzt man auf ein kastriertes Rattenmännchen Eierstöcke 
so sondern diese weiter Eizellen ab. Die männlichen sekun- 
dären Geschlechtsmerkmale verschwinden, während sich die 
weiblichen entwickeln. Die Brüste nehmen die Form an wie 
beim normalen Weibchen und ebenso Skelett, Haut Fett- 
ansatz etc. Sie üben auf normale Männchen dieselbe An- 
ziehungskraft aus wie normale Weibchen. 

^l ach vielen ver S eblichen Versuchen ist es auch gelungen, 
Weibchen zu maskulinisieren, also ihnen Hoden zu über- 
pflanzen. Diese Tiere erwerben damit männliche sekundäre 
Geschlechtsmerkmale . . . 

. . . Männliche und weibliche Keimdrüse sind entgegen- 
gesetzt wirkende Organe. So fördert z. B. die männliche 
Keimdrüse das Wachstum der Rute, während es durch die 



J ) Maskulinisieren — vermännlicheu. 
s ) Feminisieren — verweiblichen. 



L_ 



27 

weibliche Keimdrüse gehemmt wird. Durch Verpflanzung 
von weiblichen Keimdrüsen auf männliche Tiere gelingt es, 
bis zu einem Grade aus einem männlichen Tier ein weibliches 
zu machen und umgekehrt. Nur muß dieser Operation eine 
Kastration vorangehen. Pflanzt man einer kastrierten männ- 
lichen Ratte die weiblichen Keimdrüsen ein, so bildet sich 
die Brustdrüse aus, das Haarkleid hat weiblichen Charakter. 
Solche Tiere werden von den Männchen verfolgt, ja sie säu- 
gen sogar Junge. Die Umstimmung ist also eine vollkommene, 
sowohl in körperlicher, als auch in seelischer Beziehung. 
Noch eine sehr interessante Beobachtung sei hier erwähnt: 
Von den miteinander verwachsenen Zwillingsschwestern Pla- 
cek wurde die eine schwanger. Dabei zeigten sich die Schwan- 
gerschaftszeichen bei beiden Schwestern. Auch dies ist wie- 
der ein Beweis, daß im Körper Hormone kreisen, die mit dem 
Blut überall hingelangen, auch in den Körper der nicht 
schwangeren Schwester. 

Die weiblichen Keimdrüsen sind während der Pubertät 
an dem Entstehen der Bleichsucht beteiligt. Während der 
Wechseljahre (Klimakterium) entwickeln sich mit der Ab- 
nahme der Eierstockfunktion Ausfallserscheinungen, „flie- 
gende Hitze" gegen den Kopf zu, Schweißausbrüche, Atem- 
not, Herzklopfen, Blutdrucksteigerung. Nach einigen Mona- 
ten! bei manchen Frauen erst nach wenigen Jahren, ver- 
schwinden diese Beschwerden, die wirksam durch Keim- 
drüsenpräparate bekämpft werden können . . ." 

Wir haben mit dieser Darstellung nach B o e n h e i m eine 
gewiß nicht vollständige, aber immerhin genügende Über- 
sicht zu geben versucht über die Kräfte, welche das orga- 
nische Uhrwerk des Geschlechtslebens zum großen Teil in 
Bewegung halten. Veränderungen innerhalb der Druaen- 
tätigkeit können das ganze Wesen des Menschen und damit 
zugleich seine Sexualität ändern. Es taucht von vielen Seiten 
sogar schon die Erwägung auf, ob man nicht früher oder 
softer das gesamte Liebesleben durch chemische Beein- 
flussung wird regeln können. Es wird ein Ausspruch eines 
W^ner Gelehrten zitiert, nach welchem die Psychologen sich 
äÄK wenn sie auf diesem Gebiet noch etwas 
Kfsterwolten, „denn die Zukunft liegt in der Injektions- 

Spl ASch wir wollen uns daher beeilen, die Psychologen inner- 



28 






halb unseres Spezialthemas zu Worte kommen zu lassen. Be- 
vor das aber geschehen kann, ist ein kleiner Umblick im 
Kreise der Kulturbedingungen nötig, unter denen wir leben. 
Da wird sich unsere Aufmerksamkeit in erster Linie jener 
Institution zuwenden, innerhalb welcher sich unser gesetz- 
lich geregeltes Sexualleben abspielt, der Ehe. 
*.. E ?. w *L re sehr verlockend, dabei alles heranzuziehen, was 
für die Entwicklung des heutigen Menschen und die Bedin- 
gungen, unter welchen er augenblicklich lebt, von Bedeutung 
gewesen ist. Aber dazu würden soviel Bände nicht ausreichen 
als dieses Buch Worte hat, deshalb darf man dieser Ver- 
lockung nicht unterliegen und muß sich äußerste Beschrän- 
kung auferlegen sowohl in der Auswahl des Heranzuziehen- 
den als auch in der Form der Wiedergabe. Nur unumgänglich 
Notwendiges darf es sein und auch das nur in knappster 
Kürze, denn unser Ziel ist nicht die Erforschung der mensch- 
lichen Entwicklung bis zum heutigen Tag, sondern der be- 
scheidene Versuch, zum Aufbau des Zukünftigen ein wenig 1 
beizutragen. 5 
























^ 






. Kapitel. Zur Entwicklungsgeschichte der Ehe. 

„Die Ehe ist der Anfang und der Gipfel der Kultur." 

Goethe. 

Das Verhältnis von Mann und Frau hat allezeit das Sinnen 
und Denken, die Phantasie der Menschen auf das tiefste be- 
rührt. Hing doch damit alles wesentliche für Menschen- und 
Völkerschicksale aufs engste zusammen. Erstens der stärk- 
ste aller Lusttriebe, dann die Zeugung, die Fortpflanzung, 
die Vermehrung, die Arbeit, die Ernährung, die Beziehung 
von Mensch zu Mensch im gesellschaftlichen Zusammensein, 
die Frage der Unter- und Überordnung, alles strahlte von 
dem Verhältnis zwischen Mann und Weib aus und führte 
wieder auf dieses Verhältnis zurück. Was Wunder, daß in 
Religionen, Kulten, Gesetzen, phüosophischen Systemen, 
Volkssagen, Mythen, Dichtungen dieses Verhältnis immer 
der sichtbare oder verborgene Zentralpunkt war. Aber selt- 
samerweise hat die Forschung und Wissenschaft die zentrale 
Bedeutung dieses Problems erst spät herausgestellt. Es war, 
als ob eine gewisse Scheu und ein innerer Widerstand auch 
die Wissenschaft verhindert hätte, sich diese Dinge ganz 
klarzumachen. Forschungen über Sexualleben und Ehefragen 
waren gewissermaßen in die Geheimkabinette der Museen 
und in die geheime erotische Literatur verwiesen und führten 
dort ein nicht sehr ehrenvolles, gewissermaßen unterirdisches 
Dasein. Von zwei Seiten wurde in neuer Zeit dieser Bann ge- 
brochen. Für die Sozialwissenschaften und die Geschichte ist 
das Tor von J. J. Bachofen aufgemacht worden, der im Jahre 
1861 in einem Buche von ungeheurer Gelehrsamkeit, sprach- 
lichem Glanz und Denktiefe die Bedeutung der Stellung der 
Frau für die geschichtliche Entwicklung der Menschheit aus- 
einandersetzte. Auch diese Tat blieb Jahrzehntelang unbe- 
achtet. Doch endlich brach sich ein Strom von Untersuchun- 
gen angelsächsischer und deutscher Gelehrter Bahn, 






30 

Diese Forscher berichteten über Eheverhältnisse bei alten 
Kulturvölkern und lebenden primitiven Stämmen in Poly- 
nesien, Australien, Amerika, Afrika und brachten damit 
wunderbare, unerwartete Aufschlüsse. Bald darauf erhielten 
diese Erkenntnisse Zuzug von ganz anderer Seite. Es waren 
dies die Sexualforschungen Sigmund Freuds, welcher den 
Sexualtrieb in den Mittelpunkt des Seelenlebens stellte und 
die Lehren Alfred Adlers, welcher das Eheproblem als eine 
spezielle Form des menschlichen Zusammenlebens, als eine 
der dem Menschen gestellten Aufgaben erkannte. 

Die sechs Beziehungen der Geschlechter. 

Die Beziehungen von Mann und Weib umfassen alle jene 
Gebiete, welche überhaupt die menschlichen Beziehungen 
umschreiben. Mann und Frau stehen in sechs verschiedenen 
Bezugssystemen nebeneinander und einander gegenüber. 

Erstens als Spender sexueller und erotischer Lust als 
gegenseitige Objekte und Subjekte der Triebbefriedigung 
aber auch darüber hinaus als seelische Genossen. Diese see- 
lische Gemeinschaft ist eng verknüpft mit der erotischen 
aber sie ist weitergehend und allgemeiner. 

Damit verbunden ist die zweite Beziehung der Zeugung. 
Man spricht häufig von Fortpflanzungstrieb, und eine prüde 
Wissenschaft setzt diese dem Sexualtrieb gleich. Das ist 
bloße Heuchelei. Man weiß, daß die meisten Liebesbeziehun- 
gen ohne den Willen zur Fortpflanzung angeknüpft werden. 
Die anthropologische Forschung behauptet, daß es primitive 
Stämme gibt, welche den Zusammenhang zwischen Begat- 
tung und Zeugung nicht kennen und die Geburt einem magi- 
schen Vorgang zuschreiben. Das klingt unwahrscheinlich. 
Sicher ist aber, daß sich der Sexualtrieb vom Fortpflanzungs- 
trieb weitgehend unabhängig gemacht hat. 

Die dritte Beziehung ist die auf dem Gebiete der Arbeit, 
der Gewinnung des Lebensunterhaltes. 

Die vierte auf dem des sozialen Aufbaues, die Stellung von 
Mann und Frau in der Familie, im öffentlichen Leben. 

Die fünfte Beziehung, die außerordentlich wichtig ist und 
doch bisher fast ganz vernachlässigt wurde, ist die psycholo- 






31 



gische, die der persönlichen Geltung. Es ist eine erst von der 
neuesten Seelenlehre festgestellte Erscheinung, daß alle öko- 
nomischen und sozialen Beziehungen begleitet werden von 
dem Bedürfnisse der Menschen nach persönlicher Geltung, 
nach dem persönlichen Lebensraum. Es ist ganz falsch an- 
zunehmen, daß dieses Bedürfnis erst erwacht, wenn alle an- 
deren Bedürfnisse befriedigt sind, daß es sich also gewisser- 
maßen nur um müßige Marotten von reichen Leuten handelt, 
welche keine anderen Sorgen haben, daß aber die Klassen, 
welche um die ersten Leben snotwendigkeiten zu ringen ha- 
ben, dieses Bedürfnis um befriedigende Gestaltung des per- 
sönlichen Lebensraumes nicht kennen. Nichts ist unrichtiger 
als diese Annahme. Man sieht, daß unter den größten Ent- 
behrungen, unter den dürftigsten Lebensverhältnissen dieser 
Geltungskampf die entscheidende Rolle spielt und daß die 
wirkliche Bedeutung des Wortes „Raum ist in der kleinsten 
Hütte für ein glücklich liebend Paar" bei weitem nicht er- 
kannt ist. 

Die letzte der sechs Beziehungen besteht auf dem Gebiet 
des Überpersönlichen und Übersozialen ; sie umfaßt jene Vor- 
stellungen und Bedürfnisse, die sich auf den Sinn des Lebens, 
auf das Religiöse beziehen. Auch dieses Gebiet darf in seiner 
praktischen Auswirkung nicht unterschätzt werden. 

Es ist nun sehr interessant, daß man versucht hat, das 
Eheproblem je von einem dieser Gebiete aus zu lösen. Die 
einen stellen die Ehefrage als eine rein ökonomische dar. 
Andere wieder halten das Sexuelle für das allein Entschei- 
dende, für den Punkt, aus dem das Ach und Weh der Ehe zu 
kurieren ist. Die dritten nehmen religiöse Vorstellungen und 
sittliche Forderungen zum Ausgangspunkt. Die vierten sehen 
in dem sozialen und staatlichen Aufbau das Wichtigste. Die 
Individualpsychologie Alfred Adlers wiederum sucht darzu- 
tun wie alles vor dem Verlangen zurücktritt, das person- 
liche Verhältnis zur Umwelt befriedigend zu gestalten. 

Bevor wir aber auf die Gestaltung der Ehe eingehen, 
müssen wir ihre Entstehungsgeschichte betrachten. 

Die Familie als Urzelle. 

Die Familie scheint der natürlichen Betrachtung als die 
Urzelle des menschlichen Lebens. Aus ihr baut sich alles auf, 



32 



was man an höherem Leben in Dorf, Stadt, Gemeinde, Staat 
sieht. In ihr ist zusammengefaßt, was an Gemeinschaft zwi- 
schen Mann und Frau, Kindern und Eltern besteht. An diesem 
Tatbestand herrschte bis in die jüngste Zeit nicht der min- 
deste Zweifel. Auch Gelehrte von Rang, ernste Philosophen 
stellten dar, wie sich diese Urzelle, die patriarchalische Fa- 
milie, zum Stamm, zur Gemeinde, zum Staat weitet. Die 
biblische Tradition des alten Testaments gab hiebei dieser 
Auslegung die beste Stütze. Hier wurde unter Familie stets 
stillschweigend die Sonderfamilie mit Einehe und Oberherr- 
schaft des Mannes verstanden. Also jenes Bild der Ehe, wel- 
ches sich dem Blick der europäischen Kulturwelt bot. Die 
Kenntnis, die man von anderen Eheformen im Orient 
und von verwickeiteren Geschlechtsverhältnissen hatte, 
reihte man als heidnische Zurückgebliebenheit und barba- 
rische Verwirrung ein. Was man vollends aus dunkler Urzeit 
von Amazonen, Weiberherrschaft hörte, wurde lediglich als 
Sage, dichterische Erfindung ohne tatsächlichen Gehalt ge- 
deutet. Einzig die philosophische und religiöse Spekulation 
drang über diesen Bereich hinaus und suchte die historische 
Gültigkeit und den Alleinwert dieser Ehe- und Familienform 
in Zweifel zu ziehen. Und hier ist ein entscheidender Zug 
dieser Spekulation festzuhalten, der gleichzeitig den allge- 
meinen Zug der Auffassung des Geschlechtsverhältnisses be- 
zeichnet. 

Immer ist es die Frau, die dem Mann „gehört". Im 
Alten Testament haben wir das: Er soll dein Herr sein. Im 
Neuen Testament ist bei aller Läuterung des Eheverhält- 
nisses das Unterordnungsverhältnis festgehalten. Und wenn 
sich die Spekulation Piatos sowie anderer Utopisten, wenn 
die Bräuche religiöser Sekten sich mit dem Geschlechtsver- 
hältnis befassen, so ist immer der Gedanke der vorherr- 
schende, daß die Frau nicht Einem gehören, sondern gemein- 
schaftlich sein soll. Und wenn Reisende und Missionäre 
Kunde von den Eheverhältnissen in Tibet bringen, so er- 
zählen sie uns, daß eine Frau dem Gatten und dessen Brü- 
dern zugleich gehört, wie ähnlich auch die antiken Autoren 
staunend berichten von Völkerschaften, bei welchen die 
Frauen mehreren, ja dem ganzen Stamm Gattin ist. Immer 
ist die Frau nach der Empfindung der Betrachter Gegen- 



11 



II 




Darstellungen der Ehe aus verschiedenen Kulturkreisen: 
I Indien, II Ägypten, III Antike, IV Neuseeland 



33 



stand des Geschlechtsverhältnisses, nie bestimmende Person 
* desselben. 

Im allgemeinen war die Beziehung der Geschlechter und 
die Stellung der Familie eine Frage der Sittlichkeit. Auch 
hierin war die biblische Tradition ein maßgebendes Beispiel. 
Sowohl der Kampf der jüdischen Prophetie gegen die Kulte 
der Nachbarvölker, wie der Kampf des paulinischen Christen- 
tums hatte seine Zentralstelle in der Geschleehtlichkeit. 
Enthaltsamkeit war, wenn nicht geradezu Inhalt, so doch 
Symbol des sittlichen, des frommen Lebens. War diese Auf- 
££55 m tv ^ od ? rn f n Gesellschaft auch zur Konvention 
entartet so blieb sie doch die anerkannte Lesart für den 

?5 r ^1L^ Ch t e *• to V bri S en waren die Beziehen" 
der Geschlechter mit ihren vielfachen Wendungen, Verzieh 
gungen und Reflexen, Gegenstand einer spielerischen Psy- 
chologie m der Wissenschaft, Literatur und Dichtung. Daß 
etwa diese Beziehungen der Angelpunkt menschlicher Ent- 
wicklung in vorgeschichtlicher und geschichtlicher Zeit ge- 
wesen sein konnten, davon gab es weder in der Wissenschaft, 
noch im allgemeinen Bewußtsein die geringste Ahnung. 

Der erste, der die großen kulturellen und gesellschafts- 
bildenden Zusammenhänge auf diesen Gebieten erahnte, war 
der Schweizer Gelehrte J. J. Bachofen 1 ). Er war 1815 ge- 
boren, von Beruf Rechtshistoriker. Er lebte ganz in der 
antiken Welt. Aus einer begüterten Familie stammend, hatte 
er an deutschen Universitäten, dann in Paris, London, Cam- 
bridge studiert, lückenlos die ganze antike Literatur aus den 
Quellen in sich aufgenommen. Er hatte insbesondere die 
lateinischen und griechischen Rechtsquellen durchforscht, 
eine tiefeindringende Kenntnis des kulturellen, rechtlichen 
und religiösen Zustandes der alten Welt erworben, in einer 
Auffassung, welche von der landläufigen bedeutend abwich. 
Er war nicht weltfremd (bekleidete er doch hohe und höchste 
Richterstellen in seiner Vaterstadt Basel) und vereinigte mit 
tiefer Liebe zu seinem Volkstum reges Interesse an dem 
Rechtsleben, wie auch an dem bewegten, ja stürmischen po- 
litischen Leben des Landes. Aber er war konservativ und 
religiös im Sinne der Antike. Er sah im gewordenen Staat 

*) Das Mutterrecht. Verlag Schwabe, 1897. 

Lazarsfeld, Wie die Frau den Mann erlebt. 3 






34 

den Ausdruck göttlicher Ideen, die durch menschliche Will- 
kür eher verwirrt als gebessert würden. Sein Zugang zu die- 
sen Dingen war also ein antikliterarischer. Dennoch wirft er 
auf den Gegenstand ein ungeahntes neues Licht und gibt 
uns ein Bild von bezaubernder Tiefe und Größe, dessen 
Wahrheitsgehalt allerdings erst geraume Zeit später durch 
Forschungen von anderem Gebiet her festgestellt und zum 
Teil eingeschränkt wurde. Seinem, man kann sagen, seheri- 
schem Blick stellt sich folgendes Bild dar: 






Formen des Mutterechtes. 



Über den ursprünglichen Zustand der Völker fehlen be- 
greiflicherweise historische Nachrichten. Jedoch im Mythus 
sind uns Spuren dieses Zustandes erhalten. Der Mythus hat 
religiösen, kultlichen Inhalt. Der soziale Zustand ist mit der 
Religion und dem Kult untrennbar verknüpft. Die Mythen 
geben den Grundgedanken der alten Zustände mit großer 
Treue wieder, so daß die geschichtliche Forschung unrecht 
tut, die Mythen als Erkenntnisquelle abzulehnen, um so 
mehr, als es ein Kennzeichen der Alten ist, die Tradition mit 
frommer Treue weiterzugeben. Während das Kennzeichen 
der modernen Wissenschaft die Kritik ist, wird die alte Ge- 
schichtsschreibung eben durch diese Treue gekennzeichnet. 
Die entwickelte antike Kultur kannte, sowie die heutige, nur 
die männerrechtliche Gesellschaft und hielt diese Form nicht 
nur für einzig der Vernunft und Natur entsprechend, sondern 
auch tatsächlich für allein vorkommend. Bachofen zeigt vor- 
erst, daß schon den Alten Ausnahmen von dieser für durch- 
gehend gehaltenen Gesetzmäßigkeit aufgefallen sind. Hero- 
dot berichtet von den Lyciern, einer Völkerschaft im Süd- 
westen Kleinasiens, daß dort die Benennung sowie der Stand 
sich nach der Mutter richtet. Ein anderer Autor stellt bei dem- 
selben Volksstamm die ausschließliche Erbberechtigung der 
Töchter fest. Der Historiker Strabo berichtet vom Volke der 
Kantabrer auf der iberischen Halbinsel, daß dort die Schwe- 
stern ihre Brüder verheiraten und mit einer Mitgift versehen. 
Der Historiker Polybius erzählt, daß in einer Kolonie der 
Lokrer in Süditalien 100 Adelshäuser Stammtafeln haben, 
welche nur die Abstammung von den Müttern berücksichti- 






35 

gen In Ägypten, berichtet ein Autor staunend, ruht die 
Pflicht zur Erhaltung der bedürftigen Eltern auf den 
Töchtern. 

Von diesen spärlichen rechtshistorischen Notizen ausge- 
hend, gelingt es Bachofen, eine ungeheure Menge von Tat- 

Ä. a l?!f rei1 ^ ^ lche *®* m dem Ergebnis führen, 
daß das Mutterrecht, die gynäkokratische Ordnung, keinem 

£S^ Volke, sondern einer Kulturstufe eigentümlich 
S l Da ,? + die Erscheinung weiblicher Macht und Größe, deren 
Betrachtung als Sonderbarkeit und Ausnahmsfall bei dIS 
Alten Staunen erregte, eine allgemeine Kulturerscheinune 
auf bestimmter Entwicklungsstufe sei. Wo immer wir ieS 
mit der Geschichte in Berührung treten säet dor A,,£ J. «? Ü 
die Zustände derart, daß sie ttLrÄTd^Ä vor" 
aussetzen: nirgends Anfang, überall Fortsetzung S£ 
bloße Ursache, immer zugleich schon Folge. Die Beobachtung 
ergibt daß mit dem Mutterrecht überall gewisse religiös! 
Vorstellungen und Kultgebräuche verbunden sind. So insbe- 
sondere der Vorzug der linken vor der rechten Seite. Das 
Links gehört der weiblich leidenden, das Rechts der männ- 
lichen tätigen Naturpotenz. Sodann der Vorrang der Nacht 
vor dem aus ihrem Mutterschoß hervorgehenden Tag. Daher 
die aus der mutterrechtlichen Epoche stammende Zeitrech- 
nung nach Nächten, die Ansetzung von Kampfhandlungen 
zur Nachtzeit, Rechtsprechung zur Nachtzeit, kultliche Übun- 
gen zur Nachtzeit, die Auszeichnung des Mondes vor der 
Sonne, der empfangenden Erde vor dem befruchtenden Meer, 
der finsteren Todesseite der Natur vor dem lichten Werden, 
der Verstorbenen vor den Lebenden, der Trauer vor der 
Freude, die Auszeichnung des Schwesternverhältnisses und 
der Jüngern Geburt als der dem Mutterschoß näheren gegen- 
über der Erstgeburt. Diesem Zustand des entwickelten 
Mutterrechtes muß jedoch ein anderer vorangegangen sein, 
aus dem sich die oben gezeigte Welt des Mutterrechtes als die 
höhere entwickelt hat, ebenso wie auf dieser die wieder 
höherstehende Welt der Paternität sich aufgebaut hat. Wie 
später noch deutlich werden wird, beruht diese Rangbewer- 
tung des Autors auf seiner rein geisteswissenschaftlichen 
Annahme, daß alles mütterliche einem natürlichkörperlichen, 
sowie das männliche und väterliche einem geistigen und so- 
mit höheren Prinzip entspricht. 



3* 



36 






Mythus und Kult. 



Und in der Tat findet der Autor in Mythus und Kult 
Spuren eines Daseins, in welchem die Frau schutzlos der Ge- 
schlechtslust des Mannes preisgegeben war. Auch in einer 
historischen Notiz des Strabo wird von einem arabischen 
Stamm berichtet, daß die Männer die Frau, die sie wollten, 
aufsuchten und als Zeichen ihres Besuches ihren Stab vor 
die Hütte stellten. Eine kluge Frau, zum Tode ermüdet von 
der unausgesetzten Lust der Männer, gebrauchte die List, 
nachgeahmte Stäbe vor ihre Hütte zu stellen. Bachofen 
nennt diese Epoche die des Hetärismus. „Aber auch auf 
dieser tiefsten, düstersten Stufe des menschlichen Lebens 
bildet die Liebe, welche die Mutter mit den Geburten des 
Leibes verbindet, den Lichtpunkt des Lebens, die einzige Er- 
hellung der moralischen Finsternis, die einzige Wonne in- 
mitten des tiefsten Elends." 

Die sich aus diesem Zustand ergebende Erniedrigung des 
Weibes war der Hebel für den Übergang zur mutterrecht- 
lichen Epoche. Die Wendung erfolgte nicht ohne Kampf. 
„Jeder Wendepunkt in der Entwicklung der Geschlechtsver- 
hältnisse ist von blutigen Ereignissen umgeben, die allmäh- 
liche friedliche Fortbildung viel seltener als der gewaltsame 
Umsturz. Durch die Steigerung zum Extrem führt jedes 
Prinzip den Sieg des Entgegengesetzten herbei. Der Miß- 
brauch selbst wird zum Hebel des Fortschritts, der höchste 
Triumph Beginn des Unterliegens." Die mutterrechtliche 
Epoche hat sich überall in bewußtem Widerstand der Frau 
gegen den sie erniedrigenden Hetärismus herausgebildet. Sie 
empfindet zuerst und am tiefsten die Sehnsucht nach ge- 
regelten Zuständen und eine reinere Gesittung, deren Zwang 
der Mann im trotzigen Bewußtsein höherer physischer Kraft 
nur ungern sich bequemt. 

Diese Epoche knüpft religiös und kultlich an die orphi- 
schen (nach ihrem Gründer Orpheus) Mysterien und den 
Demeterkult an. Die Kulturstufe des Mutterrechts ist ge- 
kennzeichnet durch Ackerbau, Friedlichkeit, lebhaften Sinn 
für Gerechtigkeit, Gleichheit aller aus dem Mutterschoß 
hervorgegangenen Geschöpfe. Demokratie, Gleichheit vor 
dem Gesetze, friedliche Austragung der Streitigkeiten, 




37 

haben ihren Ursprung aus dem stofflichen Gedanken der 
Mütterlichkeit dieser Epoche, im Gegensatz zum geistigen 
Gedanken der späteren Paternität. Mit einem Wort, das 
mütterliche Dasein ist der geordnete Naturalismus, sein 
Denkgesetz, das Stoffliche, mit dem Mutterrecht ebenso 
eng verbunden, als es der Zeit der Paternität fremd und un- 
begreiflich ist. Ägypten ist das Land, in welchem diese Epo- 
che ihre tiefsten Spuren hinterlassen und Züge hievon bis 
spät in die Zeit der römischen Herrschaft, ja bis in die heu- 
tige Zeit erhalten hat. Die Göttin Isis hat den Vorrang vor 
ihrem Gatten und Bruder Osiris. Die Ehe des Königs mit 
semer leiblichen Schwester ist das Abbild des geschwister- 
lichen Götterpaares und ist Regel, ja nahezu Gebot im Kö- 
nigshause. Die Königin ist die Trägerin des Herrschergedan- 
kens. Kleopatra oder Kandake, wie sie in der Sprache des 
Landes heißt, ist das Symbol dieses Gedankens. Ein Zug 
milder Humanität, den man selbst in dem Gesichtsausdruck 
der ägyptischen Bildwerke hervortreten sieht, durchdringt 
die Gesittung der gynäkokratischen Welt und leiht ihr ein 
Gepräge, in welchem alles, was die Muttergesinnung Segens- 
reiches in sich trägt, wiederzuerkennen ist. Die Heilighaltung 
der Ehe, Reinheit der Männer, ihre Tapferkeit und Festig- 
keit in der Verteidigung der Heimat ist der Epoche eigen- 
tümlich. 

Weiber Staaten in China. 

Die Berichte chinesischer Chronisten erheben die Existenz 
von Weiberstaaten zur historischen Gewißheit. Von einem 
solchen Staat an der indischen Grenze Chinas wird berichtet, 
daß die Königin von weiblichen Ministern umgeben war. 
Diese übermitteln die Befehle der Königin an männliche Mi- 
nister zur Ausführung. Die Königin ist von etwa 100 Frauen 
umgeben. Das höchste Richteramt liegt in den Händen der 
Königin, die alle fünf Tage Gericht hält. In diesem 
LandehörtmanniemalsvonRauboderDie fa- 
st a h 1. Man macht dort nicht viel her mit Männern. Die 
Frauen allein sind geachtet, derart, daß die Männer den 
Namen ihrer Mütter annehmen. Das Land stand mit der chi- 
nesischen Zentralregierung durch Gesandtschaften in Verbin- 
dung, zahlte Tribut dorthin und empfing Ehrentitel von dort. 
Im 8. Jahrhundert n. Chr. erst wich die weibliche Herrschaft 



38 

einem männlichen Regime und das Land wurde dem Chine- 
sischen Reich einverleibt. 

Also auch hier finden wir den inneren Zusammenhang der 
Eigenschaften staatlicher und bürgerlicher Friedlichkeit mit 
der Natur des Muttertums. Wie dieses den Männern, ihrer 
Ungebundenheit und ihrem Hang zur Gewalttat als das Prin- 
zip der Ruhe, des Friedens, der Versöhnung entgegentritt, so 
übertragt des Weibes Herrschaft die Achtung vor denselben 
Tugenden in die von ihm gegründeten und geleiteten bürger- 
lichen Vereine. Auf der Heiligkeit des Muttertums beruht 
diese ganze Kultur. Wie das Richteramt, so knüpft sich auch 
die Religion vorzüglich an das Weib, das stets als der Träger 
und Verbreiter aller Gottesverehrung und Frömmigkeit er- 
scheint. b 

Der Entwicklungsgang wird jetzt in seinen verschiedenen 
Stufen klar. Das kriegerische, erobernde Amazonentum mit 
seiner Ehefeindlichkeit und seinem Hetärismus weicht einem 
höheren Zustande, der die Mutter an die Spitze des Staates 
und der Familie stellt, von ihr Strenge der Sitte und Rege- 
lung des Lebens empfängt und die Übung des Ackerbaus mit 
der Anlage fester städtischer Wohnsitze und der Einführung 
der Ehe verbindet. 

Von einem männerlosen Dasein, an welches bei der Er- 
wähnung amazonischer Zustände zunächst gedacht wird, ist 
keine Rede. Auch von einem ausschließlichen Weiberheere 
wird nicht gesprochen. Das Heer der 10.000 besteht aus männ- 
lichen Kriegern, wie wir schon die Amazonen an der Spitze 
männlicher Scharen erblicken. Die hier wiedergegebene Dar- 
stellung zeigt eine kämpfende Amazone. Aber die Königin ist 
zunächst von Frauen umgeben. Frauen übermitteln ihre Be- 
fehle an die männlichen Minister — sie selbst wird mit dem 
Titel eines Befehlshabers geehrt. Mag auch die Waffen- 
tüchtigkeit immer mehr in den Hintergrund getreten sein, 
so kann sie doch nie ganz gefehlt haben, wie denn auch die 
Pferdezucht, diese mit dem Amazonentum überall verbundene 
Erscheinung, ausdrücklich hervorgehoben wird. 

Auch dieser Kulturstufe voll Weihe und Ordnung bleibt 
jedoch die Entartung nicht erspart. Das Mutterrecht steigert 
sich zur Weiberherrschaft, am stärksten symbolisiert durch 






39 

das Amazonentum. Die tiefere Stellung des Mannes wird zur 
Entwürdigung, führt zum Männerhaß der Frauen und zu 
einem neuen Hetärismus. 

Das Weltälter der männlichen Herrschaftsordnung. 

Auch dieses Weltalter geht unter und aus dessen Trüm- 
mern erhebt sich, wieder unter blutigen Kämpfen, ein neues, 
das apollinische, das Weltalter der männlichen Herrschafts- 
ordnung in Staat und Familie. Die Sagen von Herkules, The- 
seus, dem Besieger der Amazonen, die Mythen von dem 
Lichtgott Apollo, von Athene, die mutterlos aus dem Geiste 
dem Haupte des Zeus, entsprossen, haben uns die Spuren 
dieses vorgeschichtlichen Kampfes erhalten. Einen erhabe- 
nen Ausdruck findet der Kampf des alten Mutterrechtes und 
der neuen Vaterordnung in der Darstellung des Orestes- 
mythus durch den Dramatiker Äschylus. Orestes hat seine 
Mutter Klytämnestra getötet, die ehebrecherische Mörderin 
ihres Gatten Agamemnon. Dieser Muttermord ist nach altem 
Mutterrecht unsühnbar, was immer die Mutter verschuldet 
haben mag. Denn das Blut, das Mutter und Sohn ver- 
bindet, schafft eine ewige untilgbare Verpflichtung. Die 
Erynnien, die Rachegöttinnen, sind die Vollstrecker des alten 
Rechtes und fordern in furchtbarer Verfolgung die Strafe. 
Doch ein neues Recht ist entstanden. Orestes hat den Tod 
des Vaters gerächt. Athene und Apollo, die Götter des geisti- 
gen Prinzips und des Lichts machen dieses neue Recht gel- 
tend, vor dem von ihnen neu gestifteten Schwurgericht athe- 
nischer Bürger. Dort wird in einem bewegten Zwiegespräch 
zwischen den Rachegöttinnen und Athene der Kampf zwi- 
schen dem Recht der Mutter und dem des Vaters ausgetra- 
gen. Die Erynnien unterliegen und Orest wird vom Areopag 
freigesprochen. Die Erynnien drohen fürchterliche Folgen 
für das Land an, welches das uralte Recht der Mutter in den 
Staub getreten. Doch Athene versöhnt sie und weist ihnen 
ihre Stellung in der neuen Ordnung der Dinge an. In der Er- 
hebung der Paternität liegt die Losmachung der Geister von 
den Erscheinungen der Natur, in ihrer siegreichen Durch- 
führung eine Erhebung des menschlichen Daseins über die 
Gesetze des stofflichen Lebens. 



40 



Der Dionysoskult. 

Diese Stufe des reinen Männerrechtes lag jedoch im 
Kampf mit einer anderen: der dionysischen. Dionysos ist 
der Gott des Weines und der Männlichkeit. Aber nicht der 
Männlichkeit, welche die Frau verachtet und unterdrückt, 
sondern derjenigen männlichen Kraft, welche die Entartung 
der amazonischen hetärischen Frau überwindet, sie ihrer 
Naturbestimmung als Gattin und Mutter wieder zurückgibt. 
„Nicht Vernichtung, sondern Liebe und Erlösung bringt 
Dionysos dem Geschlechte der Frauen; zu Liebe und fried- 
licher Einigung mit dem Manne und mit sich es hinüber- 
zuführen, ist sein Zweck, Ehe und Hingabe sein Gebot und 
die Vorbedingung der Mysterienhoffnungen." Je weitere 
Verbreitung die amazonisch - hetärische Ausartung des 
Mutterrechts gefunden, je drückender und düsterer das 
durch sie beherrschte Dasein war, um so schneller und all- 
gemeiner mußte die Verbreitung des neuen Kultus, um so 
blutiger die Erregung, die sie begleitete, sich gestalten. Von 
Indien bis Spanien haben des Dionysos schwärmende Mäna- 
den alle Völker zu Boden getanzt, allen rohen Zuständen, 
aller Gewalttat, aller Verwilderung und Entartung ein Ende 
gemacht, alle Fesseln gelöst, überall Friede, Freude, Ver- 
söhnung angebahnt und dem Leben der Völker eine neue 
Richtung gegeben. Diese Vorstellungen haben einen reichen 
Niederschlag in der darstellenden Kunst gefunden. (Ab- 
bildung Nr. 4 und 5.) Alle Religionen hat die dionysische mit 
sich in Verbindung, die meisten hat sie sich untergeordnet 
und so die Bedeutung einer Universalreligion gewonnen. Zu 
solcher doppelten, inneren und äußeren Verbreitung trug die 
Welt der Frauen das meiste bei. Die volle Hingabe an Ehe 
und Muttertum bedeutet die Erfüllung der weiblichen Natur 
und Bestimmung. Der amazonischen Weiberfeindlichkeit und 
der Regellosigkeit hetärischer Geschlechtsverbindung setzt 
der jugendlich schöne, dem Weibe freundlich gesinnte Gebieter 
des Lebens das Gesetz der Ehe und ausschließlich ehelicher 
Verbindung entgegen. 

Erscheint so Dionysos dem Weibe als der Ausgangs- 
punkt seiner irdischen Wohlfahrt, so führt er den Blick 
desselben noch weiter in ein zukünftiges Dasein. Die 
Mutter, welche im Leben das dionysische Gesetz der Ehe 



41 

erfüllt, gelangt im Tode zu dem ewigen Verein mit dem 
Gotte, dem sie sich ergeben. Als Dionysos Gemahlin findet 
sie in himmlischer Existenz die Fortsetzimg und Vollendung 
ihres irdischen Muttertums. Jeder Mutter bietet Dionysos 
Ariadnes Krone, die nie verwelkend am Himmel glänzt, nach- 
dem der tönerne Sarg den sterblichen Leib umschlossen. 
Jede wird Psyches Wonnen genießen. Bräutlich geschmückt, 
in der Blüte vollendeter Schönheit, erscheint das Weib auf 
so vielen Grabgefäßen, Spiegeln, Terrakotten. Im Tode ge- 
langt die Frau zur höchsten Entwicklung des weiblichen 
Zauberreizes, welcher Achilles und Perseus mit Liebe zu 
der in ihren Armen sterbenden Amazone erfüllt. Wenn Dio- 
nysos der amazonischen Gestaltung des weiblichen Daseins 
Ehe und Muttertum als das Höchste Gebot seiner Religion 
entgegenstellt und an die Erfüllung der geschlechtlichen Be- 
stimmung jede bessere Hoffnung der Frau anknüpft, so trug 
dieses Prinzip neben dem Keim sittlicher Erhebung und eines 
unverkennbaren gesellschaftlichen Fortschrittes von Hause 
aus die Gefahr neuen Verfalles in sich. War Regelung des 
sinnlichen Lebens und Begründung eines reinen Matronen- 
tums der ursprünglich unverdorbene Gedanke des bacchi- 
schen Dienstes, so mußte doch die Enthüllung des Phallus 
eine Entwicklung des geschlechtlichen Lebens begünstigen, 
dessen Übermaß durch das Religionsgebot selbst gefordert 
zu sein schien. An die Stelle gewaltsamer Unterdrückung der 
weiblichen Natur trat eine vollkommene Entfesselung der- 
selben, getragen und gefördert durch das bacchische Gebot 
der Hingabe an des jugendlichen Gebieters unerschöpfliche, 
in allen Erscheinungen der Natur sich offenbarende Männ- 
lichkeit. Dadurch wurde dem weiblichen Dasein eine mehr 
und mehr stofflich-sinnliche Richtung und dieser selbst das 
Gepräge religiösen Verdienstes gegeben. Der durch Dionysos 
erregte Sinnenrausch schöpfte aus dem Kulte immer neue 
Nahrung und fand in ihm seine Weihe. Das Weib, dem die 
Hingabe an den Gott der männlichen Kraft als Bedingung 
seines Heils erscheint, wird notwendig zu jener S t i m u 1 a 
(die Anreizende), in welcher wir den bezeichnenden Aus- 
druck einer dionysischen Frau erkennen, jener Frau, die in 
ihrem Wesen nicht anderes ist als die Aufstachelung der 
sinnlichen Lust des Mannes. 

Eine Religion, welche die geschlechtliche Bestimmung der 






42 

Frau zur Grundlage ihres Heils macht, vermag zwar wohl 
die Menschheit zur Hervorbringung der vergeistigten Natur- 
idee in Poesie und Plastik zu befähigen und sie selbst der 
Verwirklichung des höchsten Schönheitsideals zu nähern: 
aber dem Verderbnis und raschem sittlichen Verfall vorzu- 
beugen, ist ihr unmöglich. Dionysos hat seine Herrschaft auf 
das Weib gegründet. Aber statt der religiösen Weihe, welche 
die Matrone zum Mittelpunkt des Mysteriums erhebt, wird 
nun Verfeinerung und die Erhöhung der sinnlichen Reize die 
Waffe, mit welcher es seines Gottes Reich verbreitet. Eine 
neue Gynäkokratie erhebt sich. Derselbe Gott, der das Weib 
von seiner amazonischen Höhe herabstürzte und seine alte 
Macht brach, derselbe gibt ihm die Gewalt von neuem in die 
Hände, erst durch die religiöse Weihe, mit der er es um- 
kleidet, dann durch die Entwicklung des sinnlich-erotischen 
Wesens, zu der sein Dienst hinführt. Von dem Weibe geht 
die Verbreitung des Kultus aus, von ihm auch die üppig- 
sinnliche Gestaltung desselben, von ihm die Verführung 
des Mannes. Die Rollen der Geschlechter scheinen ge- 
wechselt. Die der Amazone abgenommene Beute legt He- 
rakles der Lydischen Omphale zu Füßen. Besieger des män- 
nerfeindlichen Mädchens, wird er des aphroditischen Weibes 
Sklave. Was die Gewalt nicht vermochte, das erreichen die 
sinnlichen Reize im Dienste der Mysterien und ihre nächt- 
lichen Feiern. Herakles bricht die Herrschaft des Weibes und 
sinkt nun selbst unter dasselbe: ein Bild des Verhältnisses 
der Geschlechter, wie es sich infolge der dionysischen Reli- 
gion gestaltete. Von neuem überragt das Weib den Mann. 
Der bacchische Kult hat beides bewirkt: die amazonische 
Entartung der alten Weiberherrschaft gebrochen und eine 
neue Gynäkokratie sinnlich aphrodisischer Natur hervor- 
gerufen. In weiblicher Kleidung nimmt der Mann an dem 
Kulte der Frauen teil, und je mehr er sich ihre Art anzu- 
eignen vermag, um so vollkommener ist sein dionysischer 
Charakter. Die durchsichtigen Gewänder, die Verkehrung 
der Geschlechtsverhältnisse wie der Geschlechtsgenuß wer- 
den Religionsübung, als solche auch durch eine große Zahl 
den Gräbern entstammender Kunstwerke, dargestellt. Die 
geschichtliche Entwicklung der dem dionysischen Kult 
ergebenen Völker, insbesondere der ägyptischen Lagiden- 
dynastie, bestätigt dies vollständig. Dionysos, der das Weib 



43 



gestürzt und seiner Männlichkeit untergeordnet, ist der Be- 
gründer einer neuen sinnlich-erotischen Gynäkokratie, sein 
Kult der Ausgangspunkt der tiefsten Erniedrigung des 
männlichen Geschlechtes geworden. 

Aus diesem tiefsten Verfall versuchen die Geheimlehren 
des Altertums die Erhebung, indem sie an die alten Zustände, 
in welchen die Frau die führende aber sittigende und ord- 
nende Rolle hatte, anknüpfen. Insbesondere waren es or- 
phisch-pythagoräische Mysterien, welche eine große Rolle 
spielten. In Griechenland war nach den Perserkriegen jener 
oben geschilderte Zustand eingetreten, daß die Geschlecht- 
lichkeit überwucherte und die offizielle Männerherrschaft 
durch Hetärenkult, einhergehend mit Verachtung der Ehe- 
verhältnisse und der Familienfrau in ihrem sittlichen Wert 
beeinträchtigt wurde. Pythagoras erweckte wieder die alten 
vorhellenischen Vorstellungen von Ordnung, Harmonie, Ge- 
rechtigkeit, in Verbindung mit der Frau als Trägerin, Be- 
wahrerin und Verkünderin dieser Daseinsform. Die Philo- 
sophin und Dichterin Theano, die als geistige Tochter und 
als Freundin und Gattin des Pythagoras bezeichnet wird, war 
das hochberühmte Vorbild dieser edlen Frauen, welche diese 
reinen Grundsätze des Pythagoräismus mit Eifer und Hin- 
gebung verbreiteten. 

Die vaterrechtliche Familie der Römer. 

Den stärksten Ausdruck der Überwindung des frauen- 
rechtlichen Gedankens durch eine rein vaterrechtliche Ord- 
nung erreicht das Altertum bei den Römern, wo die vater- 
rechtliche Familie den schroffsten Ausdruck erhalten hat, 
indem dort diese Ordnung in klarster, begrifflicher, nämlich 
rechtlicher Formulierung auftritt. Der Familienvater war 
schrankenloser Herr über Leben und Tod der Familienmit- 
glieder. Nur er war rechtlich Person, die andern nur seine 
Organe. In einem langen Entwicklungsprozeß ist auch der 
Schritt geschehen, der die Grundlage des Mutterrechtes, den 
stofflichen Zusammenhang zwischen der Mutter und der 
Nachkommenschaft verrückte. Es war immer eine Schwie- 
rigkeit für die Entwicklung der Männerherrschaft und des 
Vaterrechtes, daß die Ansprüche des Vaters auf die Kinder 



44 



körperlich nicht leicht zu begründen waren. Wir sehen davon 
ab, daß angeblich manchen Menschenhorden der Zusammen- 
hang zwischen männlicher Zeugung und Geburt überhaupt 
unbekannt war. Aber die Zurechnung von Kindern an eine 
bestimmte Zeugung, an einen gewissen Vater, war zu allen 
Zeiten schwierig und vielfach eine Fiktion. Primitive Völker- 
stämme helfen sich durch körperliche Fiktionen. Eine solche 
ist die Einrichtung der Couvade, des Männerkindbettes. So- 
wohl aus den Zeugnissen des Altertums, wie aus den Berich- 
ten über lebende primitive Stämme, wissen wir, daß diese 
allenthalben bestanden hat und besteht. Wenn die Frau ge- 
boren hat, ahmt der Mann das Wochenbett nach. Es ist dies 
die Nachwirkung des Mutterrechts. Der Mann sucht den 
Anspruch auf die Kinder durch eine körperliche Fiktion her- 
zustellen, daß er es sei, der das Kind geboren. Das römische 
Recht macht den entscheidenden Schritt, es schafft die 
Vaterschaft durch einen geistigen Akt, durch die Adoption. 
Nicht mehr das körperliche Band allein, auch durch Rechts- 
akt kann die Vaterschaft begründet werden. Ja noch mehr 
die Adoption wird sogar die höhere Form, in welcher nicht 
nur Familienrechte, sondern vornehmlich Herrschaftsrechte 
übertragen werden. Julius Cäsar, die Verkörperung des Herr- 
schaftsgedankens, adoptiert seinen Neffen Oktavianus und 
macht ihn so zu seinem Sohn, zum Erben nicht nur seines 
Vermögens, seines Geistes, sondern auch seiner Herrscher- 
rechte und so zum Herrn des Erdkreises, zum Cäsar und 
Augustus. Damit ist die Funktion der Frau als einziger 
Gebärerin, als Schöpferin des Familien- und Generations- 
zusammenhanges, als Quelle und Ursprung der Geschlechter 
aufgehoben. Jetzt erst ist das Mutterrecht ganz überwunden 
und eine geistige Männerkultur und Herrschaft konsequent 
ausgebildet. Aber auch im römischen Reich kommt die Rück- 
bildung. Gegen Ende der republikanischen Herrschaft, mit 
der Ära der Imperatoren, rückt der Orientalismus im römi- 
schen Reich wieder vor. Asiatische und ägyptische Kulte 
dringen ein, welche Elemente frauenrechtlicher Kultur und 
Gesinnung wieder in das Leben hineintragen. Isiskult, der 
Kult der göttlichen Mutter, geheime orgiastische Kulte, er- 
füllen das Rom der Kaiserzeit. 

Der oben geschilderte Sittenverfall ergreift auch das 
männliche Rom. 



45 



Das erwachende Christentum 

ist die Reaktion gegen diesen Verfall. Hier ist der Gedanke 
der geistigen Vaterschaft zum Höhepunkt gelangt. Viel 
höher als die Kindschaft, die durch die Geburt erfolgt, steht 
die Gotteskindschaf t ; alle der Christengemeinde Angehörigen 
sind Brüder durch die Vaterschaft des heiligen Geistes. Aber 
auch in diesen erhabensten Gedanken dringt bald der Mutter- 
gedanke von neuem ein, wieder vom Orient, den Stätten des 
Muttergedankens, kommend. In den Klöstern von Byzanz, 
Kleinasien und Ägypten ist die Geburtsstätte des Marien- 
kultes, der Mutter, die göttlich ist wie Christus, ihr Sohn. 
Und als kritische Bischöfe in dogmatischem Eifer die Gött- 
lichkeit der Gottesgebärerin anzuzweifeln wagen, zeigt die 
furchtbare Erbitterung, mit der die Kämpfe um die dogma- 
tische Frage der Göttlichkeit der Gottesmutter blutig aus- 
gekämpft wurden, welche Kraft der Gedanke der Mutterherr- 
schaft noch immer hatte, wie er fortwirkte. 
Aber auch von anderer Seite stellte sich 

die Idee der überwiegenden Bedeutung der Frau 

und Mutter dem Gedanken der geistigen Vaterschaft und des 
Christentums entgegen. Die alten Geheimlehren, welche den 
empfangenden und gebärenden Mutterschoß zum Ausgang 
der Lebensgestaltung gemacht hatten, wirkten fort. Der Phi- 
losoph Plato entwarf den Plan einer Gesellschaftsordnung, 
welche auf Frauengemeinschaft aufgebaut war. Wieder war 
es Ägypten und Kleinasien, wo sich dem vordringenden Chri- 
stentum Sekten entgegenstellten, welche die alte Welt zu 
erhalten suchten. Es waren die Gnostiker, welche ihren 
Kampf gegen das Christentum auf die alten Vorstellungen 
aufbauten. Eine solche gnostische Sekte waren die Carpocra- 
tianer. Sie predigten die allgemeine Liebe, durch Gemein- 
schaft der Güter, Gemeinschaft der Frauen, Gemeinschaft 
des Wohnens und der Mahlzeiten und beriefen sich bei diesen 
Grundsätzen auf alte religiöse Traditionen. In ihren symboli- 
schen Darstellungen spielte immer der Mutterschoß die 
größte Rolle. Bei Verbreitung dieser Sekten, welche eine 
große Rolle spielten und die von den Kirchenlehrern be- 
greiflicherweise auf das heftigste bekämpft wurden, waren 
es wieder Frauen, welche entscheidend mitwirkten. Zu wel- 









chen Ausartungen Vorstellungen auf solcher Grundlage ge- 
langen, möge die eine Nachricht bezeugen, daß die in diesen 
Sekten berühmte Frau Hipparchia mit dem Philosophen 
Callikles in der Säulenhalle zu Athen, einem Sammelpunkt 
philosophischer Lehren, öffentlich die Begattung feierte. Die 
Kirchenvater erkannten klar, daß diese Uridee des mütter- 
lichen Ursprunges als Ausgangspunkt bekämpft werden 
müsse. Sie stellten deswegen der Begründung des mensch- 
lichen Brudertums auf den gemeinsamen Ursprung aus 
einem Mutterschoße die höhere aus der Kraft Eines Vaters 
gegenüber. Die Heiden, sagte Tertullian, nennen sich Brüder 
nach dem Recht der Natur als Söhne einer Mutter Aber 
wie yiel würdiger werden Brüder genannt und für Brüder 
gehalten, welche Einen göttlichen Vater anerkennen und 
Einen Geist der Heiligkeit getrunken haben. In diesem 
Gegensatz des von der Mutter stammenden leiblichen und des 
von dem Vater abgeleiteten geistigen Geschwistertums ist 
der ganze Unterschied der beiden Religionssysteme enthalten 
Wie sehr sich dieser Gegensatz auch im entfalteten Christen' 
tum erhalten hat, zeigt das historische Ereignis des Unter 
gangs des Tempelordens, dessen hervorragende Mitglieder 
zusamt dem Großmeister des Ordens verbrannt wurden, als 
sich zeigte, daß im Innern des Ordens eine Geheimlehre ge- 
pflegt wurde, in welcher der Mutterschoß und der Phallus 
Symbole, die gleichgeschlechtliche Liebe Gebot und Gegen- 
stand religiöser Verehrung waren. 

Der berühmte französische Orientalist Sylvester de Sacv 
berichtet von einer drusischen Sekte am Libanon, bei welcher 
die körperliche Vereinigung als das Symbol der Besiegung 
religiöser Irrlehren galt, den Frauen als religiöses Gebot vor- 
geschrieben war, sich den Männern der Gemeinde nicht zu 
versagen, der Mutterschoß überhaupt als religiöses Symbol 
galt und die geistige Vereinigung durch die körperliche be- 
dingt war. 

Als merkwürdige 

Spur frauenrechtlicher Gestaltung in moderner Zeit 

führt Bachofen folgenden Umstand an. Das Tal von Auzun 
liegt in der Landschaft Lavedan. Die Bevölkerung ist vaski- 
schen Ursprungs. Von vaskischen Stämmen ist in der Urzeit 
mutterrechtliche Gestaltung historisch beglaubigt. In Auzun 



47 

wurde auf Grund des revolutionären Gesetzes von 1793 über 
die Teilung der Gemeinschaftsgüter abgestimmt. An dieser 
Abstimmung nahmen nach altem Brauch auch die Frauen 
der Gemeinde teil und es haben 56 Gemeindemitglieder für, 
dagegen 45 gegen die Teilung gestimmt. Also die Frauen hier 
nehmen nicht nur, entgegen dem sonstigen französischen 
Brauch, unmittelbar am politischen Leben teil, sondern sie 
sind es auch, die entgegen dem revolutionären Ansturm an 
dem alten Herkommen des Gemeineigentums festhalten. In 
der Gestaltung der Geschlechtsverhältnisse im modernen 
Frankreich hingegen sieht der Autor wieder die Spuren des 
Vordrangens eines entarteten Frauenherrschaftsgedankens 
Bachofen stützt diese große Darstellung der kulturge- 
schichtlichen Entwicklung auf religiöse Vorstellungen. Ja, er 
spricht dies geradezu aus, daß der einzige Hebel der Zivilisa- 
tion die Religion ist. Er hält diesen Standpunkt allerdings 
nicht konsequent fest und gewährt schöne rationelle Ein- 
sichten über den Zusammenhang der Familienentwicklung 
mit dem Ackerbau usw.; aber der Grundgedanke bleibt den- 
noch das Göttliche, das Religiöse, die Idee. Damit hängt lauen 
zusammen, daß er die Stufenfolge von wahlloser Vermi- 
schung, Mutterrecht, Amazonismus und Vaterrecht für 
durchgängig hält und sie als giltig für alle Kulturkreise an- 
sieht. Dies smd die Punkte, in welchen ihn die nachfolgende 
Forschung entscheidend berichtigt hat. Die Größe seiner 
Entdeckung und der Glanz seiner Darstellung bleiben jedoch 
als ein unvergängliches Denkmal, bestehen. Psychologisch 
interessant ist die Tatsache, daß Bachofen mit seiner Mutter 
tief verbunden war, daß sie seine literarischen Bestrebungen 
verständnisvoll begleitete und daß ihr das große Werk über 
das Mutterrecht gewidmet war. Diese Umstände sind sicher 
für die Forschungsrichtung Bachofens von Bedeutung. In 
einem seiner Werke nennt er die Mutterliebe den Hoffnungs- 
anker des Menschen im letzten Sturm des Lebens. 

Die Inzestschranke. 

Ungefähr um die gleiche Zeit, als Bachofen den Glauben 
an die Einehe und die Vaterfamilie durch Zeugnisse aus der 
alten Geschiente erschütterte, brachten angelsächsische 
Forscher Mitteilungen über Famüienverhältnisse und Be- 









48 

Ziehungen der Geschlechter bei den lebenden primitiven 
Völkerschaften, welche die bestehenden Anschauungen über 
Wesen und Ursprung der Ehe und Familie über den Haufen 
warfen. Insbesondere war es ein Umstand, der allen bisheri- 
gen Annahmen widersprach. Immer war man der Meinung 
gewesen, daß Heiratsverbote für bestimmte Verwandtschafts- 
grade das Ergebnis besonderer Feinfühligkeit, Fortgeschrit- 
tenheit der Kultur und besonderen religiösen Hochstandes 
seien. Und nun erfuhr man mit Staunen, daß bei den primi- 
tivsten Völkerschaften verschiedenster Erdteile nicht nur die 
kompliziertesten und weitestgehenden Heiratsverbote be- 
stünden, sondern daß diese Verbote sogar die Grundlagen, ja 
wie man später annahm, sogar der einzige Zweck der so- 
zialen Organisation waren. Die Horden, Hordenverbände, die 
Stämme und Stammesbünde, all dies beruhte auf strengen 
und streng eingehaltenen Regeln über verbotene und gestat- 
tete Heiraten innerhalb und außerhalb dieser sozialen Ver- 
bände. Daneben ging eine große Mannigfaltigkeit der Ehe- 
verhältnisse selbst, Einzelehen, Vielweiberei, Vielmännerei 
Gruppenehen, eine ganze Musterkarte von Eheformen und 
all dies in Verbindung mit den erwähnten strengen Verboten 
von Heiraten für bestimmte Verwandtschaftsgrade und für 
bestimmte soziale Stammesorganisationen. Dazu kam, daß 
auch bei diesen Primitiven vielfach mutterrechtliche' Ein- 
richtungen entwickelt oder in Spuren vorhanden waren. 

Es waren insbesondere die Forscher Mac Lennan 
und L. H. Morgan, welche Ende des vorigen Jahr- 
hunderts auf Grund eindringlicher Untersuchungen bei den 
primitiven Völkern diese Tatsachen zu Tage förderten. Die 
von diesen festgestellten Eheverbote bezogen sich bald auf 
Generationsschichten, indem die Verbindungen zwischen 
verschiedenen Generationen, also zwischen Alten und Jungen, 
verboten, innerhalb derselben Altersschicht jedoch ohne 
Unterschied der Blutsnähe gestattet war, bald jedoch auf 
Verwandtschaftsgruppen, indem Verbindungen innerhalb 
der eigenen Verwandtschaftsgruppe ausgeschlossen und nur 
Verbindungen außerhalb der Gruppe gestattet waren. Diese 
Verwandtschaftsgruppe erweiterte sich bei gewissen Völker- 
schaften über die Horde hinaus zu einem Gruppenverband 
der verschiedenen Horden, welcher durch eine gemeinschaft- 
liche Bezeichnung, durch den Totem gekennzeichnet war. 



L* 



III 



I 







Amazone in der Schlacht 
Von einer Vase aus dem British Museum, London 
Aus llirschfeld: Ceschlechtskunde, Vcrlng Putlmann, Stuttgart 



49 

Dieser Verband, der Totemverband, ist eine soziale Gliede- 
rung, die aber nur durch die Heiratsverbote und nur ihret- 
halben geschaffen schien. Angehörige desselben Totems 
durften einander nicht heiraten und sich nicht geschlechtlich 
verbinden. Die Übertretung des Verbotes wird häufig mit 
dem Tode bestraft. All diese Verbote und die darauf beruhen- 
den sozialen Organisationen waren wieder eng verknüpft mit 
religiösen Vorstellungen, Totemgebräuchen, Altersschicht- 
weihen, religiösen Mythen. 

Es entstand die natürliche Frage, woher stammen diese 
komplizierten Vorschriften über Exogamie, des Verbotes von 
Heiraten innerhalb gewisser Generationsschichten, innerhalb 
des eigenen Stammes und Stammesverbandes, woher stam- 
men die Abstammungsbezeichnungen bald nach dem Vater 
bald nach der Mutter. Man hat nach verschiedenen Wurzeln 
dieser Zustände gesucht. Die Verbindung mit Kult und reli- 
giösen Vorstellungen ließ manche nach religiösen Ursprün- 
gen suchen. Andere wieder nahmen einen Urinstinkt an, 
welcher sich gegen die Verbindung in naher Verwandtschaft 
wendet und die Wurzel der Heiratsverbote der Primitiven ist. 
Sie nahmen also eine ursprüngliche Inzestscheu an. Es ist 
das große Verdienst des Ethnologen Heinrich C u n o w, für 
diese Zustände den Versuch einer natürlichen Erklärung ge- 
geben zu haben, ohne sich der Einsicht zu verschließen, daß 
ein letzter bisher nicht erklärter Rest übrig bleibt. („Zur Ur- 
geschichte der Ehe und Familie", Verlag Dietz, Stuttgart, 
1912.) Die Theorien von dem Herauswachsen der Heirats- 
satzungen und der verwandtschaftlichen Organisationen aus 
religiös-mystischen Vorstellungen lehnt er durchaus ab. 
„Nicht aus irgendwelchen von selbst entstandenen, übernatür- 
lichen mystischen Ideen erwuchsen die Heiratsverbote und 
Verwandtschaftsformen; sondern umgekehrt: aus den natür- 
lichen Lebensbedingungen heraus entstanden zunächst die 
Organisationsformen und Heiratsregeln, und erst nachdem 
diese eine gewisse Bedeutung für das Gemeinschaftsleben er- 
langt hatten, wurden sie zu einem Gegenstand mystischer 
Reflexion." Auch Cunow erkennt die Wichtigkeit der Ge- 
schlechtsbeziehung für die soziale Entwicklung, aber er lehnt 
die Entstehung der Exogamie, der Heirat außerhalb der 
Blutsgemeinschaft und außerhalb der Stammesgemeinschaft 
als Regel und strenges Gebot aus religiösen Vorstellungen 

Lazarsfeld, Wie die Frau den Mann erlebt. 4 



50 

ab. Er bestreitet auch, daß eine natürliche Inzestscheu, eine 
instinktive Abneigung gegen die Verbindung innerhalb naher 
Blutsverwandtschaft bestehe. Denn es sei sicher, daß solche 
Verbindungen innerhalb der primitiven Horden durch lange 
Zeiträume, die man auf Hunderttausende von Jahren anneh- 
men darf, geherrscht haben. Es ist nicht recht begreiflich und 
noch einer Erklärung bedürftig, wodurch denn dieser schlum- 
mernde Instinkt, falls er vorhanden, geweckt worden sei. 

Auch die Erklärung, daß die gebräuchliche Tötung der 
neugeborenen Mädchen zu der 

Frauenwahl außcrJialb der Horde 
genötigt habe, widerlegt er mit guten Gründen. Man kann 
seinen Gründen noch hinzufügen, daß diese Tötung eben 
nicht erfolgt wäre, wenn sie statt erwünschter Verminderung 
weiblicher Nachkommenschaft einen fühlbaren Mangel her- 
vorgerufen hätte. Er gibt eine Darstellung der Entwicklung 
der primitiven Geschlechtsverhältnisse, die sich an die wirt- 
schaftlichen und natürlichen Lebensbedingungen der primi- 
tiven Horde anschließt. „Vor allem muß der Gedanke 
abgewiesen werden, daß Sonderverbindungen zur Befriedi- 
gung der körperlichen oder gar gemütlichen Bedürfnisse 
notig waren. Entscheidend für diese Verbindungen waren die 
Lebensbedingungen. Der von der Jagd lebende Mann 
brauchte die Frau, die ihm die Waffen und das spärliche 
Gerat trug und ihm so die Hände freimachte. Die Erwerbung 
einer hordenfremden Frau mag bei Besiegung fremder 
Horden nicht selten gewesen sein. Gegenüber solchen horden- 
fremden Frauen war aber die Stellung des Mannes eine we- 
sentlich andere wie gegenüber der Frau aus der eigenen 
Horde. Die fremde Frau war ohne Schutz ihrer Nächsten 
und daher dem Manne stärker unterworfen als die der eige- 
nen Horde. Diese Herrscherstellung, die der Mann gegenüber 
dem eroberten oder geraubten Weibe aus einer fremden 
Horde einnahm, hat jedenfalls seine Begierde, sich eines 
fremden Weibes zu bemächtigen, wesentlich gesteigert und 
ist allem Anschein nach einer der mächtigsten Antriebe ge- 
wesen, die Exogamie zu fördern, und zwar um so mehr, als 
nach Durchführung der Generationsschichtung ohnehin der 
Kreis der Hordengefährtinnen, die er als Gattin heimführen 
konnte, ein sehr beschränkter war — selbst dann, als noch 



. 



51 

leibliche Geschwister miteinander geschlechtlich verkehren 
durften." 

„Richtig ist, daß später die Ansicht bei manchen Stämmen 
auftritt, die Heiraten unter nahen Verwandten seien unsitt- 
lich, verstießen gegen die Satzungen der Ahnen, blieben 
kinderlos oder hatten eine schwächliche Nachkommenschaft 
zur Folge. Aber diese Ideologien sind nicht die Ursache son- 
dern die Folge der Exogamie. Nachdem die Entstehung des 
Brauches unbekannt geworden war, erklärte man sich auf 
diese Weise seinen Ursprung. Immer wächst aus den natür- 
lichen und sozialen Lebensverhältnissen eine bestimmte Sitte 
heraus und erst nachdem sie zur Gewohnheit geworden ist 
sich durchgesetzt hat, wird sie zum Gegenstand ideeller Spe- 
kulation. Aber Cunow gibt selbst zu, daß eine sichere Nach- 
weisung über die Entstehung der Exogamie bislang nicht be- 
geben werden kann Die Ablehnung der „Ideologien" führt 
nicht über die Tatsache hmweg, daß die Exogamie eine so all- 
gemeine Erscheinung ist, durch Nützlichkeitserwägungen 
allein nicht erklärbar ist, mithin einer seelischen Schicht an- 
gehört, die rem verstandesmäßigen Erwägungen nicht zu- 
gänglich ist. Wichtig für unsere Aufgabe ist die Wirkung der 
Exogamie. Diese Wirkung ist nichts geringeres als die Bil- 
dung der ersten sozialen Verbände über die primitive Horde 
hinaus, der Hordengemeinschaften, weiterhin der Totemver- 
bände und Stämme. Nach dem Vorbild des Soziologen 
Gumplowich führt man alle kulturelle Entwicklung auf den 
kriegerischen Zusammenstoß friedlicher Völker der Ebene 
mit wilden Bergvölkern zurück, welche jene unterjochten 
und so als Herrenschicht in der Lage waren, eine höhere 
Kultur und staatliche Ordnung zu schaffen. Für die primi- 
tive Entwicklung gilt dies sicher nicht. Für diese scheint die 
friedliche Bildung von höheren Verbänden durch die Wer- 
bung um die Frau dargetan und bei den tief stehenden Natur- 
völkern noch heute nachweisbar. 



Die Totemgemeinschaft. 

Auch die vielfach so rätselhaften Totemgemeinschaften 
erklären sich nach Cunow durch die Heiratsverbote. Sie sind 
eine die Hordengruppierung durchkreuzende Namensgemein- 
schaft ohne irgendwelche andere Aufgabe, als verbotene ge- 

4* 



schlechtliche Verbindungen zu verhüten. „Mag nun auch eine 
Frau durch das Schicksal noch so weit in eine andere, ent- 
fernte Horde verschlagen werden, mag ein Mann, ausge- 
stoßen aus seiner eigenen Horde, in irgendeiner fremden 
Unterschlupf suchen, tragen Mann und Weib den Namen von 
Totemgemeinschaften, denen der geschlechtliche Verkehr 
untersagt ist, dann dürfen sie nicht heiraten." Aber auch 
bezüglich der Mutterfolge und des Mutterrechts gelangt 
Cunow zu wesentlich anderen Erklärungsgründen als Bach- 
ofen und seine Anhänger. Auch für diese Einrichtungen 
nimmt er als Grundlage die Absicht, verbotene Heiratsver- 
bindungen zu verhüten. Und was noch wichtiger ist, er 
leugnet, daß das Mutterrecht ein sogenanntes natürliches, 
sich aus der physiologischen Verbundenheit zwischen Mutter 
und Nachkommenschaft ergebendes Recht ist. Es ist viel- 
mehr ein historisches Recht, das erst auf verhältnismäßig 
später Stufe, nämlich erst nach der Herausbildung der 
Totemgemeinschaften, entstanden sei. Die Namengebung 
nach der Mutter ist das Mittel, um geschlechtliche Verbin- 
dungen mit der mutterseitigen Verwandtschaft zu verhin- 
dern. An der sozialen Stellung der Frau ändert der Übergang 
zur Mutterfolge zunächst gar nichts; denn die Stellung der 
Frau beruht nicht auf Namensrechten, sondern auf der Be- 
deutung ihrer Funktionen für die Lebensunterhaltsbeschaf- 
fung, für die soziale Existenz. Daran wird aber durch die 
Mutterfolge nichts geändert. Der Mann ist nach wie vor 
nicht nur der physisch überlegene Teil, der in den häufigen 
Kämpfen und Fehden den Schutz der Weiber und Kinder 
übernimmt, sondern auch der ökonomisch stärkere Faktor. 
Eine höhere soziale Stellung erlangt die Frau erst, wenn der 
Übergang zum Ackerbau erfolgt und nun das Weib als 
Ackerbauerin eine ganz andere Bedeutung für das soziale 
Leben gewinnt: eine Entwicklungsstufe, die Müller-Lyer 
als die „hochverwandtschaftliche" Phase bezeichnet. Daraus 
erklärt sich, daß gerade bei den kriegerischen nordamerika- 
nischen Stämmen mit weit ausgedehnten Jagdgebieten, wie 
zum Beispiel den Huronen, Irokesen, Mandanen, Creeks, die 
höchste Ausbildung der Mutterschaft vorgefunden worden 
ist. Die Beaufsichtigung des ganzen Hauswesens, die haus- 
industriellen Arbeiten gehen dann mehr und mehr an die 
Matronen über. Der Ehemann behält sein eigentliches Domi- 






zil in dem Familienhaus seiner Mutter und seiner Schwe- 
stern, falls er nicht den Aufenthalt im Männer- oder Klub- 
haus vorzieht. Er besucht sein Weib nur zeitweilig, oft nur 
des Nachts. Über seine Kinder hat er in diesem Falle keine 
Gewalt, denn sie gehören nicht zu seinem Totem und zu 
seinem Familienhaus, sondern zu dem seiner Gattin. 

Wie weit sich die Weiberherrschaft in einzelnen Fällen 
erstreckt, zeigt das Beispiel der Huronen, eines nordamerika- 
nischen Indianerstammes. Dort standen nämlich an der 
Spitze jeder Totemgenossenschaf t vier von den Vorsteherinnen 
der Hausgemeinschaften unter sich erwählte weibliche Gen- 
tilälteste. Diese vier Frauen ernannten aus den ältesten und 
angesehensten Männern ihres Geschlechtes den Friedens- 
häuptling (Sachem) und führten gemeinsam mit ihm die 
Verwaltung der Totemgenossenschaft. Die Häuptlinge der 
elf Totemverbände, aus denen der Stamm der Huronen be- 
stand, wählten dann wieder aus ihrer Mitte den Stammes- 
häuptling (Obersachem) . Als höchster Verwaltungsausschuß 
stand über den Gentilverbandsvorständen der Stammesrat, 
bestehend aus den Verwaltungen aller elf Geschlechtsver- 
bände des Stammes, also aus vierundvierzig Frauen und 
elf Männern. Die Frauen hatten demnach stets die Majorität 
im Stammesrat und die elf Häuptlinge der Gentes waren 
eigentlich nur die Vollstrecker ihrer Beschlüsse. Daß solches 
Eheverhältnis nicht zur Festigung der Familienbande führt, 
braucht nicht erst begründet zu werden; weit eher kann man 
sagen, daß die Familie dieser Stufe zu Gunsten der mutter- 
rechtlichen Totemgenossenschaft auseinandergerissen wurde. 
Der weltgeschichtliche Kampf zwischen Mann und Weib, 
der mit dem Kampf der Ehe beginnt und wahrscheinlich so 
lange dauern wird, bis er in der völligen Gleichberechtigung 
beider Geschlechter sein Ende findet, wird denn auch durch 
das Mutterrecht nicht gemildert; er gestaltet sich vielmehr 
zeitweilig noch heftiger als früher. Der Unterschied ist nur, 
wie Müller-Lyer hervorhebt, daß während in diesem Kampfe 
fast stets das Weib der besiegte Teil ist, sie in der hochver- 
wandtschaftlichen Phase eine Stellung erringt, die sie in der 
ganzen späteren Kulturentwicklung niemals mehr erreicht 
hat und die sie bei manchen Völkern über den Mann hinauf- 
hebt " Eine derartig hohe Stellung, wie bei den Huronen, hat 
übrigens, wie Cunow hervorhebt, das Weib nur in wenigen 



54 

seltenen Fällen erreicht — aus dem einfachen Grunde, weil 
der Mann nur in wenigen Gegenden der Erde sich in solchem 
Maße auf Jagd und Krieg beschränkt hat und beschränken 
konnte. Soweit Cunow, der seine Ergebnisse auf Grund sorg- 
fältiger und gewissenhafter Einzelforschungen gewinnt. Das 
von ihm gezeichnete Bild ist nicht so glänzend wie das von 
Bachofen gegebene, aber es macht die Zusammenhänge be- 
greiflicher und ruht auf festerem Grunde. 

Auch diese Darstellung zeigt, daß die Stellung der Frau 
und die Stellung zur Frau der entscheidende Impuls für die 
soziale, sowohl wie für die seelische Entwicklung war. 

Totem und Tabu. 

In einer grandiosen Phantasie, welche gleichfalls den 
Kampf um den Besitz der Frauen der Horde in den Mittel- 
punkt stellt, gibt der Wiener Forscher Siegmund Freud 
seine Erklärung für das soziale Urgeschehen, welche gleich- 
zeitig die Rätsel der Exogamie und des Totemismus lösen 
soll. In der Urhorde herrscht der eifersüchtige Vater, der 
alle Weibchen für sich behält und die heranwachsenden 
Söhne vertreibt. Dieser Urzustand der Gesellschaft ist Gegen- 
stand der Annahme, nicht der Beobachtung. Aber die Be- 
obachtung zeigt uns einen solchen Zustand bei wilden Rinder- 
und Pferdeherden, wo der Kampf regelmäßig mit der Tötung 
des Vatertiers endet. Die vertriebenen jungen Söhne der 
Horde müssen sich mit gelegentlich von anderen Horden ge- 
raubten Frauen behelfen oder unbeweibt leben. Eines Tages 
taten sich die ausgetriebenen Brüder zusammen, erschlugen 
und verzehrten den Vater und machten so der Vaterhorde 
ein Ende. Vereint wagten sie und brachten zustande, was 
dem Einzelnen unmöglich geblieben wäre. Diese Tat hatte 
für die siegreichen Söhne zwiespältige seelische Folgen. Sie 
haßten den Vater, der ihrem Machtbedürfnis und ihren 
sexuellen Bedürfnisansprüchen so mächtig im Wege stand, 
aber sie liebten und bewunderten ihn auch. Nachdem sie ihn 
beseitigt und sich an seine Stelle gesetzt hatten, erwachten 
die vom eifersüchtigen Haß zurückgedrängten zärtlichen 
Regungen. Der Tote wurde nun stärker, als der Lebende ge- 
wesen war. In gemeinsamer Reue widerriefen sie ihre Tat, 
indem sie einerseits durch die strengen Verbote der Exo- 



55 

gamie auf die Frauen ihrer Horde verzichteten und anderer- 
seits durch das Verbot der Tötung des Totemtieres, welches 
den Ahnen, also den getöteten Vater darstellte, diese Tötung 
als Unrecht, als Untat anerkannten. Und so scheinen beide 
Seiten des rätselhaften totemistischen Systems, die Exogamie 
und die Beziehung zum Totemtier psychologisch erklärt. 

Die Exogamie, das Inzestverbot, ruhte aber nicht nur auf 
diesem Gefühlsmotiv, sondern hatte auch eine starke prak- 
tische Begründung. Das sexuelle Bedürfnis einigt die Männer 
nicht, sondern entzweit sie. Hatten sich die Brüder ver- 
bündet, um den Vater zu überwältigen, so war Jeder des 
Andern Nebenbuhler bei den Frauen. Jeder hätte sie, wie der 
Vater, alle für sich haben wollen und in dem Kampf aller 
gegen alle wäre die neue Organisation zugrundegegangen 
Es war kein Überstarker mehr da, der die Rolle des Vaters 
mit Erfolg hätte aufnehmen können. Somit blieb den Brü- 
dern, wenn sie miteinander leben wollten, nichts anderes 
übrig, als — vielleicht nach Überwindung schwerer Zwi- 
schenfälle — das Inzestverbot aufzurichten, mit welchem 
sie alle zugleich auf die von ihnen begehrten Frauen ver- 
zichteten, um derentwegen sie doch in erster Linie den Vater 
beseitigt hatten. Sie retteten so die Organisation, welche 
sie stark gemacht hatte." Der Autor stützt diese über- 
raschende Spekulation durch Erwägungen seiner psycho- 
analytischen Neurosenlehre und durch ein interessant ge- 
wähltes ethnologisches Material, die beide mit unserem 
Thema nicht unmittelbar zusammenhängen. 

Kulturkreise. 

Ein bedeutsamer Beitrag und ebensolche Kritik zu den 
bisher dargelegten Anschauungen wurde in den letzten 
Jahren von der österreichischen sogenannten kultur-histo- 
rischen Schule der Ethnologie geliefert. Die führenden 
Männer dieser Schule sind Universitäts-Professor Dr. P. W. 
Schmidt und P. W. Koppers. Beide sind katholische 
Geistliche. Die Forschungsarbeit dieser Schule wird vielfach 
von Missionären geleistet, welche durch ihren vieljährigen 
Aufenthalt unter den primitiven Völkern aller Weltteile in 
der Lage sind, reichliches Forschungsmaterial zu sammeln. 
Diese Forscher standen den Ergebnissen der Ethnologie 



56 



über den Ursprung der Eheverhältnisse mit kritischem 
Mißtrauen gegenüber, welches sicher durch ihre dogma- 
tische Einstellung zur Ehe beeinflußt war. Hiermit soll der 
wissenschaftliche Wert der Untersuchungen dieser Schule 
und der Forscher, welche unter Gefährdung und vielfach 
unter Aufopferung ihres Lebens ihre religiöse und gelehrte 
Arbeit verrichteten, in keiner Weise herabgemindert werden. 
Wir wollen nur sagen, daß die Forschungsrichtung, so wie 
wir es bei Bachofen angedeutet haben, von der Weltan- 
schauung zweifellos beeinflußt ist. Diese Schule verwahrt 
sich in erster Linie gegen die raschen Verallgemeinerungen, 
welche bezüglich der Eheverhältnisse von den Ethnologen 
der anderen Schulen vorgenommen werden. Insbesondere for- 
muliert P. W. Schmidt seine Ergebnisse in einer Polemik 
gegen Sigmund Freud, von welcher wir nur die hier interes- 
sierenden Teile in Betracht ziehen werden. (Der ödipus- 
Komplex der Freudschen Psychoanalyse, Verlag der National- 
wirtschaft, Berlin.) 

Die kultur-historische Schule kommt vor allem zu dem 
wichtigen Ergebnis, daß die älteste Form der menschlichen 
Familie weder allgemeine Vermischung, noch Gruppenehe, 
noch die Darwinsche Urhorde ist, in der ein Alter sämtliche 
Frauen für sich besitzt und die jungen Männer wegjagt, 
sondern eine voll und klar entwickelte Einzelehe. Dieses Er- 
gebnis stützt die Schule insbesondere auf die Aufsehen erre- 
genden Entdeckungen über die Familienverhältnisse der asia- 
tischen, afrikanischen und australischen Pygmäenstämme. 
(Abb. 7.) Die Kulturform dieser Stämme ist nach diesen For- 
schungen ursprünglicher als die totemistische Kulturstufe. 
Die Kulturstufe des Totemismus mit ihren Heiratsklassen 
und sozialen Zusammenhängen, wie wir sie oben dargestellt 
haben, ist überhaupt keine allgemeine, alle Völker umfas- 
sende Durchgangsstufe. So ist insbesondere festgestellt, daß 
gerade die drei großen Herrschervölker, die Indogermanen, 
die Hamitosemiten und die Uraltaier, ursprünglich keinen 
Totemismus gekannt, sondern ihn nur hie und da auf ihren 
vielen Wanderungen später und meistens in stark abge- 
schwächten Formen übernommen hatten. Die vortotemisti- 
schen Völker kennen keinerlei Kannibalismus und bei diesen 
ältesten Völkern spielen die geschlechtlichen Dinge nicht die 
beherrschende Rolle, die ihnen die Spekulation mancher For- 



57 

scher zuweist. Schmidt berichtet über Mitteilungen seines 
Schülers P. Schebesta, der in der jüngsten Zeit eine 14- 
monatige Forschungs-Expedition bei den malayischen Se- 
mang-Pygmäen gemacht hat. Dieser Forscher lernte die 
Sprache dieser Pygmäen, wohnte allein mit einem malay- 
ischen Diener Tag und Nacht bei ihnen im Urwald und er be- 
zeugt, daß er während dieser ganzen Zeit nie eine unanstän- 
dige Szene gesehen habe. Ein Bursche, der bei zwei Gelegen- 
heiten schlüpfrige Reden geführt, wurde von einem Alten 
angefahren mit dem Ruf „Lawaid Karei!" Eine Sünde gegen 
„Karei", ihr höchstes Wesen, und der Bursche verstummte 
sofort. Von den Andamanesen schreibt ihr langjähriger Be- 
obachter Tortmann, geschlechtliche Leidenschaften spielten 
keine bedeutende Rolle in ihrem Leben. Sie sind stolz darauf 
Kinder zu haben und darauf bedacht, sie zu bekommen, aber 
diese Leidenschaften sind rein animalischer und niemals be- 
stialischer Natur, wie so oft bei höher zivilisierter Rasse. 
Ähnliche und zum Teil noch günstigere Zeugnisse liegen von 
den verschiedensten Forschern vor. über die Negritor der 
Philippinen, über asiatische Völkerschaften, über süd-ost- 
australische, südamerikanische, nordamerikanische Stämme, 
über die Samojeden und die Ureskimo im hohen Norden. Zu- 
meist ist auch hier die Treue in der Ehe größer als bei spä- 
teren Völkern. Ehebruch ist viel seltener, wird bei vielen von 
ihnen mit dem Tode bestraft, und zwar vielfach auch der 
Ehebruch des Mannes oder gar der des Mannes allein. Es gibt 
auch hier schon Stämme, in denen voreheliche Keuschheit 
geschätzt oder gefordert wird. Bei den Cheyenne-Indianern 
der großen Prärie gibt es einen Verband von Männern, die 
ehelos leben. 

Die Frauen haben dort ihre Betten getrennt von denen der 
Krieger. Ihre Speise wird zu Hause besonders gekocht und 
gesondert serviert.... Die genaue Beobachtung der Vor- 
schriften dieser Gesellschaft durch ihre Mitglieder gibt 
ihnen einen Charakter, der von denjenigen der anderen Ge- 
sellschaften verschieden ist und sie werden als rein be- 
trachtet. Sie erfreuen sich an der Schönheit der Natur als 
des Werkes des Großen Geistes, der die Flüsse, Hügel, Berge, 
Himmelskörper und die Wolken schuf. Sie sind die Philo- 
sophen unter ihrem Volke. „Sie sind aber auch die tapfersten 
der Tapfern; niemand darf beim Angriff ihnen vorangehen." 



58 

Die kultur-historische Schule hebt im allgemeinen her- 
vor, daß die Ehe- und Familienverhältnisse nur durch die 
sorgfältige wissenschaftliche Beobachtung unserer histori- 
schen und gegenwärtigen Verhältnisse mittels der Kultur- 
kreismethode erkannt werden können. Jeder Kulturkreis hat 
seine Eigentümlichkeiten, klimatische, geographische und 
sonstige Bedingungen, welche auf diese Verhältnisse ent- 
scheidend, abändernd wirken können, so daß willkürliche 
Annahmen über bei allen Völkern vorkommende Entwick- 
lungsstufen zur Kenntnis der Wahrheit nichts beitragen. Es 
ist kein Zweifel, daß die Ergebnisse dieser Schule die Vor- 
stellungen über Ursprung und Entwicklung der Eheverhält- 
nisse entscheidend geändert haben. 



Der Übergang zur Einzelehe. 

Schmidt gibt aber auch eine positive Antwort auf die 
Frage nach der Entstehung der Exogamie und der Einzelehe 
in der vortotemistischen Epoche, welche in der Auffassung 
des Eheverhältnisses unseren sittlichen Begriffen so nahe 
steht. Diese Antwort fußt auf psychologischen und sittlichen 
Erwägungen von großer Eindringlichkeit. „Es handelte sich 
bei diesen ältesten Menschen darum, einen treuen und 
starken Gefährten zu bekommen für die Bewältigung der 
schweren Lebensaufgabe und des harten Lebenskampfes, 
zu dem sie schon von zarter Kindheit an erzogen und vor- 
gebildet wurden. Es kam darauf an, dafür junge und frische 
Menschen zu finden, die mit so viel Gaben der Sympathie 
ausgestattet waren, daß diese dauernde Vereinigung keine 
Qual, sondern ein Genuß und eine stete Kraftquelle bleibe. 
Wenn dafür auch auf körperliche Reize gesehen wurde, so 
waren sie doch nicht allein maßgebend, sondern Charakter, 
Tüchtigkeit und Willigkeit fielen schwer und schwerer ins 
Gewicht. Von wo aber sollte die Kraft kommen, die so stark 
und dauernd zwei Menschen aneinanderbindet ? Wo sollte die 
heiße Flamme auflodern, die zwei Menschenseelen zu einer 
solchen Einheit ineinander verschmelzen könnte?" . . . „Diese 
ältesten Menschen lebten in ganz kleinen Gruppen von oft 
nur zwei bis drei Familien, von 20, 30, 40 Köpfen zusammen, 
die durch weite Entfernungen menschenleerer Steppen und 
Wälder von anderen Gruppen getrennt sind. Die dort so eng 



59 

zusammenleben, kennen sich gründlich mit allen ihren Eigen- 
schaften. Dies und die Macht der Gewöhnung bewirkt, daß, 
wenn auch gegenseitige Anhänglichkeit sie aneinander bin- 
det, diese so gemäßigt und gedämpft ist, daß sie zu jener 
großen Aufgabe der Begründung einer neuen Familie nicht 
genügend Tragfähigkeit bieten würde. Dazu kommt, daß 
der Anreiz zu einer stärkeren Neigung zum andern Ge- 
schlecht erst beim Eintritt der körperlichen Reife beginnt." 
. . . „Anders dagegen, wenn zwei Wesen verschiedenen Ge- 
schlechtes, die in dieser Reifeentwicklung stehen, nun unver- 
mittelt einander gegenübertreten. Dieses Unbekanntsein 
auch mit den eigenen Fehlern und Mängeln konnte die Wir- 
kung des jetzigen Zusammentreffens nur noch steigern durch 
den Schleier der Idealisierung, der um das neue, junge Wesen 
sich wob und die auch darin eine Erfüllung der eigenen 
Träume und Sehnsuchten zu verheißen schien. Das Streben 
nach neuen Kräften, diese durchaus positive Sache, war das 
Erste und Wesentliche in dem Gebot der Exogamie, in dem 
Gebot, nach außen zu heiraten, um eben von außen neue 
Kräfte zu Hilfe zu holen. Das Inzestverbot, das sich daran 
heftete, nicht Personen derselben Famüie, derselben nahen 
Verwandtschaft zu heiraten, ist eine Konsequenz, das Sekun- 
däre und Negative, das aus der Einsicht hervorging, daß 
diese Personen nicht genügende Lebenskräfte zur Gründung 
der neuen Familie mitgeben könnten. Sie würden das Blut in 
seiner innersten und edelsten Aufgabe, lebendig zu sein und 
neues Leben zu wecken, nur schädigen und schänden: Blut- 
schande also würde es sein, ungenügendes Blut miteinander 
in Verbindung zu bringen. Auch bei dem noch stärkeren Ver- 
bot der Heirat zwischen Eltern und Kindern, das mit noch 
größerer Scheu des Inzests bei allen Völkern umgeben ist, 
wirken ähnliche Gründe mit, wie bei dem Verbot der Ge- 
schwisterehen. Das Fehlen des sexuellen Anreizes muß hier 
noch stärker wirksam sein wegen des gegenseitigen Alters- 
unterschiedes. Aber es wirken hier noch andere Gründe mit, 
die wesentlich sittlicher Natur sind, die aber auch schon in 
den damaligen Verhältnissen der ältesten Völker ihre aus- 
reichende Begründung finden. Gerade diese primitive Gesell- 
schaft wird beherrscht durch das Prinzip der Autorität der 
Eltern. Es ist die einzige, die dort besteht; denn weder Staat 
noch Stamm, noch ihr Repräsentant, der Häuptling, üben 



60 

hier irgend eine Autorität des Gebietens aus; diese liegt aus- 
schließlich in der Einzelfamilie, bei den Eltern. Diese sind 
sich auch ihrer Stellung bewußt und äußern das m dem 
Ernst und der Selbstbeherrschung, die sie gegenüber den 
Jüngern üben, während diese ihre Affekte und Neigungen 
noch frei und spielerisch äußern dürfen. Je mehr sie heran- 
wachsen, desto mehr werden aber auch sie zu dieser Selbst- 
beherrschung angehalten. Ganz besonders lernen sie Ehr- 
furcht und Gehorsam vor den Eltern und den älteren Per- 
sonen überhaupt. Noch ein anderes, sittliches Motiv wirkt 
jedenfalls von Seiten der Eltern, mindestens unbewußt, mit. 
Die natürliche Famüie der ältesten Zeiten ist auch der Quell 
des ältesten Verantwortlichkeitsgefühls. Dieses Gefühl ist 
es das die Eltern davon abhält, irgendwelche sexuellen Ge- 
lüste an ihren Kindern zu befriedigen, sie zu ihrem Sexual- 
obiekt zu machen." . . . „Es ist gar nicht abzusehen, welchen 
Wert die gegenseitige Idealisierung der beiden Geschlechter 
für die ganze Tüchtigkeitsentwicklung der Menschheit ge- 
habt hat und welch verhängnisvollen Verlust die Menschheit 
erleidet überall, wo sie in Wegfall kommt. Man sage nicht, 
diese Idealisierung sei nur eine luftige Illusion, und es sei 
notwendig, die Menschen zu desillusionieren, sie auf den 
harten Boden der Wirklichkeit zu stellen. Daß in der Men- 
schenseele tausend Energiespannungen verborgen liegen, ist 
keine Illusion und daß diese Spannungen gerade durch Ver- 
trauen, durch Bewunderung, durch Liebe am ehesten ge- 
weckt und zur Betätigung geführt werden, ist realste Er- 
fahrung. So ist auch diese Idealisierung wie eine Art instink- 
tiver Logik von bezwingender Kraft, die im Hinblick auf 
die bevorstehenden größeren und schwereren Pflichten der 
Famüie von denen, die zu einer neuen Familie jetzt zusam- 
mentreten, jene Größe, Tüchtigkeit und freudvolle Hingebung 
sich erfordert und herausholt." 

Der Autor stellt schließlich fest, daß diese ursprüngliche 
Verwandtschaftsexogamie erst später in die Exogamie der 
Totemgruppe mit ihren Heiratsklassen umgewandelt wurde. 
Diese Umwandlung wurde nicht mitgemacht von den patri- 
archalischen Hirtennomaden und deren beherrschender Ein- 
fluß war es auch, der die Errichtung der Großstaaten und 
der Hochkulturen, die ältere Form der Verwandtschatts- 
exogamie wieder zur Herrschaft brachte. 




Die Individual-Psychologie Alfred Adlers endlich sucht 
das Wesen der Beziehung zwischen den Geschlechtern als 
Persönlichkeitsbeziehung im Rahmen des Gemeinschafts- 
lebens. Das Gemeinschaftsleben ist als reale Tatsache ge- 
geben und die Gestaltung der Persönlichkeitsbeziehungen 
zwischen Mann und Frau ist diesen gewissermaßen aufge- 
geben, als Aufgabe gestellt. Die Ehe als Aufgabe ist die 
Formel, mit welcher die Individual-Psychologie das Problem 
umfaßt. Der Inhalt dieser Aufgabe ergibt sich von selbst, 
er geht auf gemeinschaftliche Arbeit, gemeinschaftlichen 
Genuß und Nachkommenschaft. Die Schwierigkeiten ergeben 
sich daraus, daß neben den objektiven Zwecken der Gemein- 
schaft auch immer das Verlangen nach dem Persönlichkeits- 
raum, nach äußerer Geltung einhergeht. Das, was man den 
Kampf der Geschlechter nennt, ist nichts anderes, als die 
Abbiegung der Zusammenarbeit für begreiflich notwendige 
Aufgaben zu persönlichen Geltungskämpfen und Schein- 
zielen. Die Individual-Psychologie zeigt aber, daß diese fal- 
sche Instradierung des Geschlechtsverhältnisses schon zu- 
rückgeht auf Kindheitserlebnisse, in welchen durch Erzie- 
hungsfehler und ungewollte Erlebnisse die natürliche 
Schwäche des Kindes nicht in die Entwicklung zum voll- 
wertigen Menschen aufgelöst, sondern gerade als Minder- 
wertigkeitsgefühl festgehalten wurde. Wir kommen auf diese 
psychologische Grundlage des vorliegenden Buches noch 
öfters zu sprechen. 

Wie sehr diese Erkenntnisse ungeachtet ihrer Neuheit im 
Urbewußtsein der Menschheit verwurzelt sind, ergibt sich 
daraus, daß sie schon in der 

Legende von Adam und Eva, 

im biblischen Mythos des Sündenfalles, erscheinen. Dies zeigt 
Robert Lazarsfeld in seinem Aufsatz: Mythos und 
Komplex, Zeitschrift für Individualpsychologie, März, 1930. 
. . Die Gemeinschaft Mann-Frau ist, wie historisch leicht 
eingesehen werden kann, objektiv auf bestimmte Zwecke 
gerichtet : Gemeinschaftliche Arbeit, gemeinschaftlicher 
Genuß und Nachkommenschaft. Diesen Zwecken wird arbeits- 
teilig nachgestrebt. In einem solchen System entstehen not- 
wendig Störungen, die ausreichend durch die Gesetze der 



62 

Individualpsychologie erklärt werden. In dem einen und dem 
anderen Teil des Systems erwachsen Minderwertigkeits- 
gefühle auf sexueller, emotioneller, intellektueller Grundlage. 
Die unmittelbare Folge ist, daß den Gemeinschaftszwecken 
nicht mehr mit objektiver Gelassenheit, sondern mit subjek- 
tiver Abbiegung nachgestrebt wird. An die Stelle arbeits- 
teiligen Eifers tritt die mißtrauische Kritik der gegenseiti- 
gen Leistungen und des beiderseitigen Beitrages zur Gemein- 
schaft, an die Stelle des wechselseitigen Gebens und Neh- 
mens erotischer Freude tritt das selbstsüchtige Verlangen 
nach Überschüssen im Lustgeschäft. Der Zusammenhang 
zwischen Zeugung und Lust wird gelöst und der Macht- 
kampf zwischen Mann und Frau gipfelt in einer erotischen 
Phantasie, welche das Ausweichen vor den Aufgaben und 
Verantwortungen der Mann-Frau-Gemeinschaft darstelle: 
Der Ertrag ohne Arbeit und der Genuß ohne Schmerz, 
Folgen und Verantwortung, mit einem Wort: das Paradies. 

Und in der Tat macht der biblische Mythos mit der Ge- 
nauigkeit und Folgerichtigkeit der Umkehrung diesen Weg; 
er setzt den erotischen Wunschtraum an den Anfang und 
läßt das, was als Logik des Gemeinschaftslebens erkannt 
wird, als' Fluch und Erbsünde, als Zerstörung des Paradieses 
folgen. Denn wenn wir die Einzelheiten des Fluches beachten, 
mit welchem Gott im biblischen Mythos die Erbsünde belegt, 
so finden wir die Aufgaben und biologischen Grenzen des 
wirklichen tätigen Lebens. 

Zum Weibe spricht er: „Du sollst mit Schmerzen Kinder 
gebären." Zu Adam sprach er: „Im Schweiße Deines Ange- 
sichts sollst Du Dein Brot essen; bis daß Du wieder Erde 
werdest, davon Du genommen bist. Denn Du bist Erde und 
sollst zur Erde werden." 

Gott stellt aber auch die Selbstverantwortung als Folge 
der Erbsünde fest: 

„Und der Herr sprach : ,Siehe Adam ist worden als unser-. 
einer und weiß, was gut und böse ist/ " Um die Wirkung 
dieses kühnen Ansichreißens der Selbstverantwortung ab- 
zuschwächen, vertreibt er ihn aus dem Paradies mit dem 
Baum des ewigen Lebens: „Und trieb Adam aus und lagerte 



63 



vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem bloßen feurigen 
Schwert, zu bewachen den Weg zum Baume des Lebens." 

Die Umkehrung, das ist das Ausweichen vor der Wirklich- 
keit; die Verkehrung von Ursache und Wirkung geht aber 
noch weiter: „Da wurden ihrer beiden Augen auf getan und 
wurden gewahr, daß sie nacket waren." Das Gefühl der 
Nacktheit, der körperlichen Unzulänglichkeit und der Min- 
derwertigkeit ist die Ursache des Handelns gegen die ökono- 
mischen Notwendigkeiten und Zweckmäßigkeiten des Ge- 
meinschaftslebens, des Greifens nach magischen Mitteln, 
nach neurotisch erträumten Genüssen. Die Mythe macht es 
zur Wirkung dieses Handelns, der Sünde. Adam verschiebt 
sein Minderwertigkeitsgefühl auf die Frau: „Das Weib, das 
Du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß." 
Das Weib verschiebt das Gefühl der eigenen Nichtswürdig- 
keit, das bekannteste Symptom des Minderwertigkeitskom- 
plexes, auf die Schlange: Das Weib sprach: „Die Schlange 
trog mich also, daß ich aß." 

Wer ist die Schlange? Der Fluch Gottes besagt es: Sie 
ist das Symbol der gefühlten Nichtswürdigkeit des Paares 
Mann und Frau. Gott spricht zur Schlange: „Weil Du sol- 
ches getan hast, seist Du verflucht vor allem Vieh und vor 
allen Tieren auf dem Felde. Auf Deinem Bauche sollst Du 
gehen und Erde essen Dein Leben lang." Also das Elendste 
und Verstoßenste, was es gibt, ist Schuld der Sünde. 

Wir dürfen, dem Mythos folgend, diese gezeichnete psycho- 
logische Situation den Paradieskomplex nennen. Aber wir 
müssen eine Korrektur an dem Bilde anbringen. Der Para- 
dieskomplex entfaltet sich in der Situation Mann-Frau, aber 
er ist nicht entstanden aus dieser Situation. Er wird in das 
Verhältnis schon hereingebracht durch den ursprünglichen 
Minderwertigkeitskomplex der frühen Kindheit und erlebt 
hier seine zweite bedeutende Manifestation; bedeutend, weil 
er hier in dem zweiten allgemeinsten Verhältnis, m dem 
Menschen zueinander stehen können, zum Vorschein kommt. 

Diese Legende bietet in ihren verschiedenen Phasen reich- 
liche Anregung zur bildlichen Darstellung und wurde von der 
christlichen Kunst in den verschiedensten Auffassungen 
immer wieder verwertet. Die hier reproduzierte Bilderfolge 
ist charakteristisch für derartige Darstellungen. 



64 

Wir haben nunmehr gezeigt, wie das Geschlechts- und 
Eheverhältnis als das grundlegende für alle Entwicklung 
erkannt worden ist und wie man versucht hat, von allen 
Seiten her das Wesen dieser Grundlegung zu erfassen. Von 
der ideellen, von der ökonomischen, von der religiösen und 
der rein seelisch persönlichen Seite. So ausgerüstet werden 
wir m der Lage sein, die heutige Situation mit einiger Klar- 
heit zu erfassen. 






IV 







Dionysuszug mit tanzender Mänade 
Rom, Thermenmuseum 



, 






; 




• 



IV. Kapitel. Die sexuelle Atmosphäre. 

„Wenn ich sehe, was für ein 
holdseliges Weib Klas Tott aus 
Deiner unwahren Unnatur hat 
machen können, dann schäme 
ich mich." 

Strindberg, -Christine. 

Bevor man mit der Betrachtung von Einzelschicksalen 
beginnt, muß man sich Rechenschaft geben über den Rah- 
men, m welchem sie sich abspielen. Wollen wir also das 
sexuelle Gehaben des einzelnen Individuums verstehen, dann 
müssen wir die sexuelle Atmosphäre kennen, in der es lebt. 
Und dazu ist wieder nötig, daß wir uns erst im gesamten 
Sexualklima unserer Kultur ein wenig orientieren, denn die 
einzelhafte Handlung ist immer bedingt durch die allge- 
meinen Umstände. 

Wie sieht nun diese allgemeine Einstellung zur Sexualität 
augenblicklich aus? 

Zwei Tatsachen sind es, die dabei recht auffällig hervor- 
treten. Erstens die Einstellung zum Wesen der Sexualität 
als einem starren, nicht variablen Prinzip und zweitens die 
Meinung von der Minderwertigkeit der weiblichen Sexual- 
rolle. Weiters sehen wir aus diesen Faktoren viel Schaden 
entstehen und finden, daß trotzdem an diesen Ansichten zäh 
festgehalten wird, obwohl wissenschaftliche Forschung und 
praktische Erfahrung keinerlei Handhabe dafür bieten, son- 
dern das Gegenteil beweisen. 

Sexuelle Theorie und Praxis erweisen aber noch ein wei- 
teres, und zwar einen engen Zusammenhang zwischen den 
beiden ersten Tatsachen, also zwischen dem Fetischcharak- 
ter, den wir der Sexualität an sich beilegen und der Herab- 
setzungstendenz gegenüber der weiblichen Sexualität. Das 
folgende soll diesen Zusammenhang zeigen. Wir wollen den 
Grund für die Herabsetzungstendenz suchen und zugleich 
sehen, wie diese zur Ursache für unsere gesamte sexuelle 

Lazarsfeld, Wie die Frau den Mann erlebt. 5 



66 

Einstellung werden konnte. Es wird sich dann auch zeigen, 
warum trotz besserer Einsicht noch immer an dieser un- 
zweckmäßigen Einstellung festgehalten wird. 

Man war früher durchaus und ist jetzt noch immer sehr 
geneigt, die Sexualität als eine absolute, souveräne Macht im 
Leben des Menschen anzusehen. Man betrachtet sie gern als 
autonom und unabhängig innerhalb des gesamten mensch- 
lichen psychologischen Lebens, die ihre eigenen Gesetze hat 
und den allgemeinen Gesetzen der Totalität Mensch nicht 
untersteht. Wir kennen z. B. Menschen, die auf keinem ande- 
ren Gebiet die Rechte ihrer Nebenmenschen auch nur um ein 
Krümchen kränken würden, die aber in ihrem sexuellen 
Leben seelenruhig Handlungen begehen, welche man nicht 
anders als kriminell bezeichnen kann. Von der kleinsten Not- 
lüge angefangen über jedes Delikt, bis zum Verbrechen gegen 
das Leben, wird auf diesem Gebiet alles entschuldigt, „man 
hat eben so ein Temperament, man kann nichts dafür," und 
wie die Ausreden und Vorwände alle heißen mögen. "Und 
jeder muß das doch begreifen, denn die allgewaltige 
Sexualität ist allein schuld, der Mensch 
selbst ist dafür nicht verantwortlich. 

Nun hat uns aber die moderne Seelenlehre gezeigt — und 
es ist vielleicht das Wichtigste unter all dem Wichtigen, das 
wir ihr verdanken — , daß überall dort, wo der Mensch die 
Verantwortung für sein Handeln ablehnt und abzuschieben 
sucht, sei es auf andere Personen, sei es auf außermensch- 
liche Gewalten, daß überall dort etwas nicht stimmt und 
ganz gewiß schlecht ausgeht. Das ist auch gar nicht weiter 
verwunderlich und der Verlauf kann gar kein anderer sein, 
denn wir lehnen die Verantwortung ja nur dort ab, wo wir 
uns zu schwach fühlen, sie zu tragen. Sind wir von der Rich- 
tigkeit unseres Handelns überzeugt, dann nehmen wir auch 
die dazugehörige Verantwortung ruhig auf uns. Wenn wir 
hingegen selbst das Gefühl haben, für unsere Taten nicht 
voll einstehen, sie vor dem allgemein giltigen Sittengesetz 
nicht vertreten zu können und wenn wir trotz dieser Ein- 
sicht zu schwach sind, diese uns selbst verdächtigen Hand- 
lungen zu unterlassen, ja dann flüchten wir in die Vogel- 
straußpolitik und schieben die Verantwortung ab. 

Es ist klar, daß bei dieser Methode nichts Gutes heraus- 
kommen kann, denn sie entspringt der Schwa- 



67 

che, dieseaberistniemalsproduktiv. Sie kann 
nicht aufbauen, sondern nur zerstören, und daß sie im Be- 
reich unseres Sexuallebens geradezu verheerend gewirkt hat, 
das sehen und fühlen wir nur allzudeutlich. Wir haben aus 
der Sexualität einen Sündenbock gemacht und überblicken 
die schweren Schäden — nicht nur der erotischen, sondern 
unserer gesamten Kultur — , die uns aus dieser merkwür- 
digen Einstellung erwachsen sind, ganz genau. Es ist uns 
auch gar nicht möglich, sie zu ignorieren, denn wir empfin- 
den sie ganz gewaltig am eigenen Leib und an der eigenen 
Seele. 

Nun lehrt uns die Psychologie, daß immer, wenn trotz 
der Erkenntnis einer unzweckmäßigen Situation und trotz 
der Macht, sie zu ändern, doch daran festgehalten wird, daß 
dann die Änderung darum nicht durchgeführt wird, weil wir 
uns dieser Anforderung nicht gewachsen fühlen, weil uns 
der Mut dazu fehlt. Man darf daher vermuten, daß wir inner- 
halb des Geschlechtslebens den jetzigen Zustand als eine 
Sicherung betrachten, die aufzugeben wir uns nicht getrauen. 
Es scheint etwas zu geben, wovor wir Angst haben. S o 
große Angst, daß wir eine Änderung des 
jetzigen Zustandes mehr fürchten, als di e 
sehr empfindlichen Schäden, die uns aus 
diesem Zustand erwachsen. 

An dieser Stelle — giltig für alles Weitere — muß ein für 
allemal, um Wiederholungen zu vermeiden, auf die große 
Auswirkung der Angst innerhalb unseres Seelenlebens ver- 
wiesen werden. Ich glaube, daß außer Beichtigern und Seelen- 
ärzten kaum jemand eine annähernde Vorstellung davon 
haben kann, wie groß der Prozentsatz der Angst als Leit- 
motiv für menschliches Tun und Lassen ist. Wozu noch 
kommt, daß niemand gern eingesteht, daß er sich ängstigt, 
es den andern und auch sich selbst zu verheimlichen sucht. 
Das treibt dann zu den merkwürdigsten Verschleierungsver- 
suchen. Wo immer wir einen Menschen asozial handeln oder 
seelisch erkranken, ihn den geradlinigen, gesunden Weg des 
seelischen Erlebens verlassen sehen — der Ausgangs- 
punkt dafür heißt Angst. Das gilt für sämtliche 
Gebiete des Seelenlebens, es gilt für alles Böse, das wir uns 
selbst und das wir anderen antun, es gut angefangen von so 
kleinen Schwächen als da sind: Faulheit, Unverläßlichkeit, 

5* 



68 

Unpünktlichkeit usw. über Lüge, Treubruch usw. bis zu se- 
xueller Abnormität und zu kriminellem Tun. Es gilt ganz 
gleichermaßen für beide Geschlechter, für alle sozialen 
Schichten, für jedes Alter und jegliches Gehaben. Meine Er- 
fahrung hat mir immer wieder bestätigt, daß man den Grad 
seelischer Gesundung wirklich daran bemessen kann, inwie- 
weit einer von Angst beherrscht oder frei davon ist. Auch 
was wir gewöhnt sind, als moralisches Handeln zu werten, 
hängt in sehr starkem Maße davon ab, inwieweit der Ein- 
zelne bereit ist, die Verantwortung für sich selbst zu tragen 
oder ob seine Ängstlichkeit ihn dazu treibt, sich davor zu- 
rückzuziehen und sie anderen Menschen oder übermensch- 
lichen Gewalten zuzuschieben. Die Wege, die er dabei nimmt, 
sind so mannigfaltig, oft so wirr und krumm, daß sich nichts 
allgemeines darüber sagen läßt, man kann sie nur im ein- 
zelnen Fall immer wieder nachweisen. 

Seocualität und Lebensangst. 

Wenn hier von Angst gesprochen wird, dann ist das wohl 
zu unterscheiden von der Furcht vor einer bestimmten Ge- 
fahr oder Bedrohung. Das ist etwas ganz anderes. Was hier 
gemeint ist, ist jene „Angst der Kreatur", die alles Lebende 
ursprünglich beherrscht. 

Über die Wurzel dieser Lebensangst gibt es die verschie- 
densten Theorien, sie alle hier durchzunehmen, ist nicht 
möglich und auch nicht nötig. Als zum engeren Thema ge- 
hörig wäre nur Freuds Psychoanalyse zu nennen, die ver- 
drängte Sexualwünsche ausnahmslos als Ursache der Angst 
ansieht. Im Gegensatz dazu setzt Alfred Adlers Indivi- 
dualpsychologie eine allgemeine Angst vor den Aufgaben des 
Lebens voraus, ein Gefühl der Minderwertigkeit, das nicht 
nur der Mensch dem Menschen gegenüber kennt, sondern 
das auch die Menschheit als Ganzes aus dem Gefühl der 
Vergänglichkeit des individuellen Lebens überhaupt be- 
herrscht. (Hugo Sperber „Todesgedanke und Lebens- 
gestaltung", Perles Wien.) Vom Grad des spezifischen Le- 
bensmutes beim Einzelnen hängt es dann ab, ob er sein per- 
sönliches Schicksal in die Forderungen der Gesamtheit ein- 
zuordnen lernt oder nicht. Im ersten Fall gelangt er zu see- 
lischer Gesundheit und geht nach besten Kräften an die 



[ 



69 



Lösung der „drei großen Lebensaufgaben, Gemeinschaft, 
Sexualität und Beruf". (Adler, Menschenkenntnis, Hirzel, 
Leipzig.) Im anderen Fall flüchtet er vor der Bewältigung, 
entzieht sich den natürlichen Anforderungen und kommt so 
allen Lebensaufgaben und darunter eben auch der Sexualität 
gegenüber zur Verneinung. Wir finden also bei Freud die 
Sexualverdrängung als Ursache für die Angst, während 
Adler umgekehrt in der Lebensangst die Wurzel der Ab- 
wendung von der Sexualität sieht und dies als Fluchtversuch 
betrachtet. Die Sorge, bei einer als zu schwer empfundenen 
Aufgabe zu scheitern und dadurch eine Einbuße an Geltung 
zu erleiden, hindert den Entmutigten daran, die Lösung der 
Aufgabe überhaupt nur zu versuchen. 

Geltungsstreben und Überkompensation. 

Der Wunsch nach Geltung und Ansehen ist in jedem Men- 
schen vorhanden. Schon das Kind mißt seine Macht an der- 
jenigen seiner erwachsenen Umgebung und eine oberste 
Altersgrenze hat das Geltungsstreben nicht, es treibt und 
beherrscht uns von der Geburt bis zum Tode. Es gibt auch 
keine bestimmte Form, in der es auftritt. In den verschie- 
densten Verkleidungen erscheint es, oft so gut maskiert, daß 
es wirklich nur dem psychologisch geschulten Beobachter 
erkenntlich wird. 

Wo und wie i mme r aber es erscheint, die Auswirkung des 
Geltungsstrebens ist immer die gleiche, es drängt die Men- 
schen dazu, Minderwertigkeiten zu überkompensieren. Das 
kann sich segensreich auswirken, wenn es Zwecken der 
menschlichen Gemeinschaft dienlich gemacht wird. Dann ist 
es gut und nützlich und braucht uns hier nicht weiter zu be- 
schäftigen. Es wirkt sich hingegen höchst unheilvoll aus, 
wenn wir es in den Dienst der persönlichen Geltung stellen 
und darauf müssen wir ein wenig genauer eingehen, denn 
dann wird es zur Wurzel aller asozialen Handlungen. 

Der Trieb, uns selbst zu erhöhen, führt — da wir die 
eigene Person nicht grenzenlos steigern können — sehr 
schnell dazu, unser Niveau auf Kosten der Anderen heben 
zu wollen, indem wir sie herabdrücken. Aber auch diese 
suchen Geltung, ertragen diesen Druck nicht, entziehen sich 
ihm. Manche tun das durch offene Revolte, andere wieder — 



70 

besonders die Schwächeren — flüchten in die Laster der 
Unterdrückten, helfen sich durch List, Heuchelei, Verstel- 
lung, offene oder versteckte Bosheit und Tücke. Damit er- 
schweren sie ihrerseits ihrem Unterdrücker das Leben wie- 
derum ganz gewaltig. So sorgt die „Logik des Lebens" dafür, 
daß letzten Endes doch jener bezahlt, der auf Kosten der 
Andern leben wollte. Und wir geben diese Methode, die wir 
so teuer mit allen seelischen und unendlich viel körperlichen 
Schäden erkaufen, nicht auf, weil alles uns erträglicher 
dünkt, als eine Einbuße an persönlicher Geltung. 

Daß diese Angst vor Herabsetzung unseres Persönlich- 
keitsgefühls zur Flucht führen kann, wurde schon ausge- 
führt, sie kann aber ebenso wie zur Flucht auch in den Trotz 
treiben. In diesem Fall wird dann auf dem Weg der Über- 
kompensation gerade jenes Gebiet besonders betont, auf 
welchem man sich besonders unsicher fühlt. So kann' man 
z. B. aus Angst vor einer sexuellen Minderwertigkeit leicht 
in die Überbetonung des Sexualgebietes geraten. Dies fest- 
zuhalten ist wichtig, denn es wird später noch entscheidend 
herangezogen werden. 

So hat die Sorge um persönliche Geltung unser ganzes 
Leben durchtränkt, alle menschlichen Beziehungen mehr 
oder weniger vergiftet. Ihre böse Auswirkung macht sich im 
öffentlichen, wie im privaten Leben, im Staat wie im Haus 
im Beruf wie in der Familie geltend. Am allermeisten aber 
im Sexualleben. Denn verträgt schon keine andere Beziehung 
ein ständiges Drücken und Gedrücktsein, um wie viel we° 
niger noch die sexuelle, die mehr als jede andere zu ihrem 
geglückten Verlauf ein „Gleich zu Gleich" verlangt. 

Aber gerade hier, wo Gleichgewicht am meisten herrschen 
müßte, ist die schlimmste Verschiebung eingetreten. Das 
sexuelle Leben innerhalb unserer männlich eingestellten 
Kultur ist auf Herabsetzung der Frau aufgebaut worden und 
dieses Verfahren wird trotz der daraus auch für den Mann 
resultierenden Schäden krampfhaft festgehalten. Dieses 
Festhalten des Mannes an einem Prinzip, das letzten Endes 
ihn selbst schädigt, ist sehr auffällig und eigentlich unver- 
ständlich, denn die gesunde Reaktion müßte doch sein, es zu 
ändern. Und hier wollen wir daran denken, daß alles Ab- 
seitige und Unverständliche darauf hin untersucht werden 




71 

muß, ob und inwieweit Angst Anteil daran hat; es wird 
unserem Verständnis dadurch um sehr viel näher gerückt. 

Diese Untersuchung zu führen, ist von besonderer Wich- 
tigkeit überall dort, wo wir sehen, daß die logische Er- 
kenntnis des Menschen ihn doch nicht davor schützt, an- 
scheinend unlogisch zu handeln. Wenn er z. B. wie hier 
unter irgend etwas Bestimmtem leidet, Grund und Ursachen 
davon erkennt, die Macht hätte, es zu ändern und es dennoch 
nicht tut, sondern es vorzieht, weiter zu leiden. In solchen 
Fällen darf man ohne Befürchtung eines Irrtums ruhig vor- 
aussetzen, daß er die Änderung noch mehr fürchtet, als den 
gegenwärtigen Zustand, daß er also nicht „anscheinend", 
sondern nur scheinbar unlogisch vorgeht, tatsächlich 
aber ganz konsequent handelt, denn die stärkste Triebfeder 
seines Handelns ist eben Angst. Und so ist es für ihn immer 
noch besser zu leiden, als sich der Gefahr einer Änderung, 
auch wenn sie objektiv eine Besserung wäre, auszusetzen, bo 
gesehen, handelt er von seinem Standpunkte aus vollkommen 
logisch, trotz scheinbarer Unlogik. 

Das muß man also mit in Betracht ziehen, wenn man die 
Gründe für das Festhalten an der Entwertungstendenz des 
Mannes gegenüber der Frau untersuchen will. 

Die Entwertungstendenz gegenüber der Frau. 

Man hat lange Zeit versucht, die Herabsetzung der Frau 
mit Naturgesetzen zu motivieren. Die Frau sollte physiolo- 
Ssch schwachsinnig sein (Möbius), oder von Natur aus mit 
Shlechten Eigenschaften bedacht (Weininger) usw. Ja man 
Sng geradezu 5 so weit, alles, was im Bereich geistiger und 
Sttficher Geltung als gut anerkannt war, für männlich, und 
alles schlechte für weiblich zu erklaren. 

Aber dieser Standpunkt ließ sich nicht halten Die Wissen- 
sch^t hat nachgewiesen und die praktische Erfahrung hat 
ef bestätigt daß diese unterscheidenden Merkmale keines- 
wegs für öfe Geschlechter wesentlich sind. Sie sind vielmehr 
Trst auf Grund dieser willkürlich zudiktierten Einteilung 
entstamm Den ersten Nachweis dafür, daß die untergeord- 
nete SteUung der Frau keine Naturgegebenheit ist, er- 
brachten die ethnologischen Forschungen über Mutterrecht 






72 



^u Sff "f nh ? TBch af t (Bachofen), die an anderer Stelle aus- 
führlich durchgesprochen sind. 

Anfangs viel umstritten, sind diese Ergebnisse heute doch 
Ät ^n • ™ ssenschaf Ui<*e Belege so hinreichend ge- 
stutzt, daß sie kaum mehr bezweifelt werden können. Aus 
«251 F ,° r rschu . n | en ^ u ß man den Schluß ziehen, daß ein 
exakter Vergleich zwischen Mann und Frau, der die wirk- 
lichen angeborenen Geschlechtsunterschiede zeigen soll in 
erster Linie eine neue Vergleichsbasis verlangt. (M. und M 
Vaerting: Männerstaat und Frauenstaat) Efe dürfte* 
nur Geschlechter m völlig gleicher Lage miteinander vergli- 
chen werden, also Männer bei männlicher Vorherrschaft mit 
Frauen bei weiblicher Vorherrschaft, oder FrauenTei männ- 
licher Vorherrschaft mit Männern bei weiblicher VorW- 
schaf t oder Manner und Frauen bei völliger Gleichberechtt 
gung der Geschlechter. vuuezecnti- 

Heute sind wir von diesem Gleichgewicht der Macht bei 
den Geschlechtern noch weit entfernt. Der Mann besitzt tm£ 
nomineller Gleichstellung noch immer ein großes Über£? 
wicht an Macht. Mann und Weib von heute sind daher r?" 
emen exakten psychologischen Vergleich nicht geeignet wi 
gegen zeigt sich bei Völkern, die unter Mutterrecht iebS" 
wo also die Macht m Händen der Frau liegt, eine genaue 
Umkehrung vieler bei uns als typisch weiblich geltende? 
Eigenschaften und auch die daraus gezogenen Konsequen- 
zen fehlen nicht; so gelobt z. B. bei der Heirat der Mann 
ehelichen Gehorsam, nicht aber die Frau. 

Die Eigenart wird also nicht durch das Geschlecht h* 
stimmt, sondern an erster Stelle durch das Machtverhältnis 
der Geschlechter, durch Vorherrschaft und Unterordnung 
Das herrschende Weib zeigt in seinem Wesen im StaSÄ 
die gleichen Grundzüge wie der herrschende Mann, unTbeTm 
untergeordneten Mann prägen sich dieselben EigentümS 
keiten aus wie beim Weibe in gleicher Lage. Wal wir heute 
als männliche und weibliche Eigenart bezeichnen, ist keine 
absolute geschlechtliche Eigenart, sondern eine relative 
Große, abhangig vom Maß der Machtunterschiede zwischen 
den Geschlechtern. Mit der Verschiebung des Machtverhält- 
nisses verändert sich zugleich die Ausprägung und Eigenart 
der Geschlechter. 

Was Vaerting vom ganzen männlichen Geschlecht berich- 







■<*■ ' < * 




Erwin Lang: Tanzende Mänade in moderner Auflassung 

Aus der Wu-si-nthulmappe, Verlag Ilaybarli, Wien 






73 

tet, gilt auch für den Einzelfall. Das tägliche Leben gibt ge- 
nügend Beispiele dafür, daß Knaben, die unter den sonst für 
Mädchen üblichen Bedingungen aufwachsen, sogenannte 
„typisch weibliche" Eigenschaften entwickeln und sie auch 
als erwachsene Männer beibehalten, während sich bei männ- 
lich erzogenen Frauen die angeblich nur männlichen Eigen- 
schaften einstellen. 

Aber nicht nur die Ethnologie, auch die biologische For- 
schung hat uns in letzter Zeit immer mehr an der Berechti- 
gung der altgewohnten Einteilung zweifeln lassen. 

Geschlechtsunterschiede sind Gradunterschiede. 

Je weiter die Untersuchungen über die Unterscheidung 
„männlich — weiblich" zurückliegen, desto mehr betonen sie 
diesen Unterschied, je weiter sie fortschreiten, desto mehr 
scheint er sich zu verwischen. Dies gilt für Körper und Seele 
gleichermaßen. Das Problem, ob dem Weib überhaupt eine 
Seele zuzusprechen sei, hat die Gelehrten von jeher ebenso 
beschäftigt, wie die Frage, ob die Frau auf Grund des ver- 
hältnismäßig geringeren Rauminhaltes ihres Schädels nicht 
eher „als ein Bindeglied zwischen Menschen und Menschen- 
affen anzusehen sei, denn als Mensch". Heute rückt die 
Wissenschaft immer mehr an die Erkenntnis heran, daß Ge- 
schlechtsunterschiede nur als Gradunterschiede anzusehen 
sind und daß sich die Unterwertung der Frau durchaus nicht 
auf den Willen der Natur zurückführen läßt. Wenn nun trotz 
dieser fortschreitenden Erkenntnis und trotz nomineller 
Gleichstellung der Frau an dieser Herabsetzungstendenz fest- 
gehalten wird, muß das zu denken geben. 

Daß der alte, durch fortschreitendes Wissen unhaltbar 
gewordene Standpunkt in der Praxis ernstlich noch gar nicht 
geräumt ist, zeigt die tägliche Erfahrung ebenso wie jeder 
Einblick in die wissenschaftliche Publizistik zum Sexual- 
thema. Selbst dort, wo die Untersuchungen mit dem besten 
Willen zur Gleichbewertung von Mann und Frau geführt 
werden und wo die theoretischen Ausführungen durchaus 
und mit Überzeugung diesen Standpunkt vertreten, auch 
dort schlägt die beim Mann unbewußt spukende Unterwer- 
tung der Frau immer wieder durch. Ich greife aus dem 
großen Material ganz wahllos das nächste Beispiel heraus. 






74 

Entseelung der Frau. 

In der Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Band XIV, 
1927/1928, befaßt sich die Arbeit eines Arztes mit der Frage 
der Beeinflussung weiblicher sexueller Empfindungsfähig- 
keit (Libido) durch Medikamente. Die Libido kann, so führt 
er aus, durch medikamentöse Behandlung gehoben oder her- 
abgedrückt werden. Alles, was der Autor an eigener Meinung 
zu dem Thema vorbringt, zeigt, daß er die sexuelle Gleich- 
berechtigung der Frau voll anerkennt und auch seiner ärzt- 
lichen Überzeugung nach auf diesem Standpunkt steht. In 
der Schilderung vom Verlauf einzelner Fälle aber kommt 
gänzlich unbeabsichtigt der Pferdefuß der männlichen Ein- 
schätzung ganz deutlich heraus. Es wird z. B. von einer Frau 
berichtet, welche im allgemeinen frigid, geschlechtlich ge- 
fühlskalt, während der Menstruation hingegen von besonders 
starken sexuellen Bedürfnissen beherrscht ist. Der Arzt wird 
vom Gatten zu Rate gezogen und berichtet nun, daß er auf 
Grund seines ärztlichen Befundes die Wahl zwischen zwei 
medizinisch gleichwertigen Behandlungsmethoden hatte Er 
konnte der Frau zu einer ständig starken Libido verhelfen 
oder sie dauernd kaltstellen. Und nun sagt er wörtlich : 
„ich entschloß michfür letztere (Methode), weil der Mann eine 
,kalte Frau* einer exzessiv erotischen, wie es seine Gattin 
bei der Menstruation war, vorzog und er sich eher ander- 
weitig entschädigen wollte, als die körperliche Schädigung 
bei der Menstruation weiter mitzumachen." Die erwähnte 
Schädigung des Mannes besteht in gar nichts anderem als 
in einer Beanspruchung sexueller Leistungen, die über die 
von ihm gewünschte Grenze hinausgeht. Daß die Frau selbst 
unter ihrem Zustand gelitten hätte, wird nicht berichtet. 

So weit die Schilderung des Falles, der in mehr als einem 
gewichtigen Punkt sehr lehrreich ist. Erstens wird nichts da- 
von gesagt ob die Frau selbst eine Änderung wünschte, und 
zweitens auch nicht, ob sie bei der Wahl der Änderungsmethode 
überhaupt um ihre Meinung befragt worden ist. Aber selbst 
wenn sie mitzureden hatte, so kann ihr Wort nicht sehr ge- 
wichtig gewesen sein, obwohl es dabei um einen wertvollen 
Teil ihrer eigensten Persönlichkeit ging. Denn ohne die Ein- 
stellung der Frau überhaupt zu erwähnen — vorausgesetzt 
schon, daß er sie darüber befragt hat, was nach der ganzen 






75 

Schilderung höchst unwahrscheinlich ist — , ohne also darauf 
überhaupt Bezug zu nehmen, sagt uns der Arzt klipp und 
klar, daß er diejenige Methode gewählt habe, welche der 
Mann „vorzog". So selbstverständlich, so einfach wird das 
gesagt, als ob es sich um die Wahl einer stärkeren oder 
schwächeren Sorte Zigarren gehandelt hätte. Und gerade 
diese Selbstverständlichkeit, mit der über das gesamte 
Sexualleben der Frau wie über einen leblosen Gegenstand 
entschieden wird, ist das Erschütternde daran. Besonders 
von Seite eines Mannes, der, wie schon erwähnt, von der 
Geschlechtsqualität der Frauen theoretisch überzeugt ist. 
Wenn solches am grünen Holz geschieht, wie soll es dann am 

dürren sein? 

Der Fall zeigt aber noch einiges. Gatte und Arzt, also 
zwei Männer, sind sich ganz einig in ihrem Recht, die Ge- 
fühlsfähigkeit der Frau dauernd herabzusetzen, und zwar 
nicht weil sie, sondern weil der Mann es so wünscht. Sie 
finden das sichtlich ganz selbstverständlich und in Ordnung. 
Sie fügen damit der Frau zweifellos einen großen Schaden 
zu, denn ein herabgesetztes oder gar erloschenes Gefühls- 
leben ist eine starke Einbuße an Glück. Wir hören also nicht 
ein Wort darüber, ob es mit ihrem Einverständnis geschehen 
ist aber wir erfahren, daß der Mann, zu dessen Gunsten es 
geschieht, nun sich selbst außer Haus schadlos halten 
wird für die Einbuße an Glück, die ihr auferlegt 
wurde! Wobei noch gar nicht untersucht werden soll, wie 
weit er seine Frau durch diese planvoll vorbedachte Untreue 
neuerlich an Leib und Seele kränken wird. Und dies alles 
aus dem einzigen Grund, weü er drei Tage im Monat ihren 
sexuellen Anforderungen nicht gewachsen ist! 

Wanken nicht alle unsere sittlichen Begriffe, wenn man 
dies überdenkt? Und gibt es ein anderes Gebiet, auf dem 
solches im tiefsten Sinn unmoralisches Handeln so unbedenk- 
lich peübt würde wie im Geschlechtsleben? 

Libman solch einen Bericht, dann .begreift man warum 
alle vom Mann geschriebenen Bücher über das weibliche Ge- 
schlechTsleben nur in sehr geringem Grad für die jFrau wirk- 
lich brauchbar sind. Man versteht dann aber auch den feind- 
seligen Ton, den die Frauenbücher zu diesem Thema meist 
enthalten. Ich sagte schon, daß es schwierig ist, sich von 
einer gewissen Bitterkeit gänzlich freizuhalten, wenn man 






76 

die männliche Sexualpraxis und ihre Auswirkungen betrach- 
tet. Sollte also auch ich, trotz besten Vorsatzes, hie und da 
in den gleichen Fehler verfallen, dann denke man an Fälle 
wie diesen — und sie sind leider nur allzu häufig — und man 
wird es verzeihen. 

Wir sahen also, daß der Mann, trotz seiner eigenen bes- 
seren Einsicht, an der Herabsetzungstendenz gegenüber der 
Frau doch unbewußt festhält. Überall aber, wo ein Mensch 
die Praxis seines Handelns nicht in Einklang mit seiner theo- 
retischen Überzeugung bringen kann, da steckt wieder ein 
Kampf zwischen Minderwertigkeitsgefühl und Geltungs- 
streben dahinter. & 

Schlußfolgerung: Wo immer wir sehen, daß einer versucht 
auf Kosten des andern zu leben, ihn herabzusetzen und zu 
unterdrucken, da tut er das, weil er sich ihm gegenüber 
minderwertig fühlt. Je größer die Schwäche, desto mächtiger 
der Überbau der Kompensation. Wenn nun ein ganzes oT 
schlecht das andere Geschlecht herabzusetzen trachtet und 
die gesamten Kulturkräfte in diesen Dienst stellt dann 
taucht wohl die Frage auf: wozu braucht der Mann die«£ 
gewaltsame Erhöhung seines Ansehens, die nur durch Er 
niedrigung der Frau zu erreichen war, was gab ihm die Kraft 
dazu und die Ausdauer, noch immer daran festzuhalten 
trotzdem auch er darunter zu leiden hat? Liegt da nicht die 
Vermutung sehr nahe, daß ein tiefes Minderwertigkeits- 
gefühl, eine Angst vor Persönlichkeitseinbuße, die Wurzel 
davon sein könnte? 

Das männliche Minderwertigkeitsgefühl. 

Wo aber wäre dieses Minderwertigkeitsgefühl beim Mann 
verankert? Hat er nicht überall das Vorrecht, gilt er nicht 
auf allen Gebieten als der Hervorragendere? Es bleibt kein 
Raum unseres Kulturlebens, wo eine Minderwertigkeit des 
Mannes gesucht werden könnte, überall hat er das Primat 
der männlichen Persönlichkeit errichtet. Wo könnte er sich 
minderwertig fühlen? Aber er hat noch mehr erreicht. Dort 
sogar, wo die Natur selbst die Gleichwertigkeit beider Ge- 
schlechter deutlich ausspricht, im Sexualleben, hat er es ver- 
mocht, den Naturgesetzen entgegen, seine eigene Geschlechts- 
rolle zur beherrschenden zu erhöhen, diejenige der Frau aber 



. 




77 

zur zweitrangigen, gleichsam zu einem Anhängsel, einem 
Füllsel des männlichen Geschlechtslebens zu degradieren. Es 
müssen gewaltige Kräfte im Spiel gewesen sein, die eine 
solche Vergewaltigung der Natur ermöglicht haben. 

Hier müssen wir uns der Triebkraft des Geltungsstrebens 
erinnern, das uns einerseits zu den größten Taten befähigt, 
uns aber dabei der richtigen Erkenntnis seiner Auswirkung 
beraubt, wenn wir es zur eigenen Persönlichkeitserhöhung 
mißbrauchen. Wir müssen auch daran denken, daß der 
Wunsch nach Überkompensierung eines Minderwertigkeits- 
gefühles desto üppiger in die Halme schießt, je unfrucht- 
barer der Boden ist, dem er entspringt, kurz, daß der Drang, 
unsere Überlegenheit zu beweisen, desto heißer wird, je we- 
niger wir selbst an uns glauben und daß wir für diese Über- 
betonung gern gerade jene Gebiete wählen, auf denen wir 
uns besonders unsicher fühlen. 

Und hier werden wir stutzig und besinnen uns darauf, 
daß es gerade die physiologisch-sexuelle Überlegenheit ist, 
mit welcher der Mann so besonders gern paradiert. Sollte 
es also vielleicht gerade auf diesem Gebiet etwas geben, 
wobei er sich unsicher fühlt? Höchst unwahrscheinlich, 
denn man ist doch gewohnt, den Mann gerade im physiolo- 
gischen Sinn auf sexuellem Gebiet der Frau gegenüber für 
sehr bevorzugt zu halten. Er ist frei von allen Begleit- 
erscheinungen der sexuellen Funktionen, unter denen die 
Frau zu leiden hat. Menstruation, Beschwerden der Schwan- 
gerschaft, Gefahren der Entbindung, das alles trifft nur sie, 
nicht ihn. Dieses Befreitsein von allen unangenehmen Be- 
gleiterscheinungen des sexuellen Genusses scheint doch deut- 
lich für eine entscheidende Bevorzugung des Mannes zu 
sprechen, und zwar in einem so hohen Grad, daß man gerade- 
zu zu der Ansicht von einer 

„Biologischen Tragödie der Frau" 

gelangt ist. (A. N. Nemilow.) 

Aber bei näherem Zusehen zeigt es sich, daß die Sachlage 
hier nicht ganz so ist, wie sie aussieht. 

Gewiß die Frauen sind durch ihre körperlichen Beschwer- 
den behindert, aber sie sind es bei weitem nicht so sehr, wie 
man im allgemeinen glauben müßte, wenn man den damit 












K 



78 

verknüpften Erscheinungsformen traut. Denn diese Be- 
schwerden, soweit es sich um Begleiterscheinungen der weib- 
lichen Sexualfunktionen handelt, sind bei gesunden Frauen 
nur in sehr geringem Maß organisch bedingt, also unver- 
meidlich mit dem weiblichen Geschlecht verknüpft. Die be- 
sondere Häufigkeit und auffällige Auswirkung, mit welcher 
sie aufzutreten pflegen, ist vielfach psychogen, d. h. auf see- 
lischem Weg entstanden und weitgehend vermeidbar. Dazu 
wird später noch manches zu sagen sein. 

Die Gefahr der organischen Erkrankung aber kann uns 
hier nicht beschäftigen, wo es sich um den Vergleich des 
gesunden Weibes mit dem gesunden Mann handelt, um den 
Vergleich der männlichen mit der weiblichen Sexualfunktion 
an sich. 

Wir sehen, die angebliche Tragödie der weiblichen CV 
schlechtsrolle ist, physiologisch betrachtet, gar nicht so tra 
gisch und es ist keinerlei primäre Benachteiligung damit ver" 
bunden, die sich im Geschlechtsleben der Frau als entsend" 
dende Behinderung auszuwirken vermöchte. 

Wenn es aber mit der physiologisch-sexuellen Benachteili 
gung der Frau bei genauerer Betrachtung nicht annähernd 
so schlimm steht, wie man gewöhnlich glaubt, ja dann darf 
man auch in der umgekehrten Richtung suchen. Vielleicht 
hält dann die angeblich so große Bevorzugung des Mannes 
bei näherer Beleuchtung auch nicht stand? Vielleicht gibt es 
in seiner körperlichen Bedingtheit auf dem Sexualgebiet auch 
manches, was nicht ganz hervorragend günstig für ihn ist ? 
Vielleicht ist doch irgendwo eine Minderwertigkeit versteckt 
die ihn dazu zwingt, gerade auf diesem Gebiet seine Über- 
legenheit so stark zu betonen? Vielleicht sitzt hier die Angst 
vor Persönlichkeitseinbuße, die Unsicherheit, welche zur 
Überkompensation treibt? Das würde viel Unverständliches 
im Wesen und Handeln des Mannes erklären. Also suchen 
wir diese Angst, wir werden es nicht lange tun müssen. 

Überblicken wir zuerst nochmals die Vorteile des Mannes 
beim sexuellen Genuß: Unbehindert von physiologischen Be- 
schwerden, unbeschwert von der Sorge um die Folgen der 
Empfängnis, kann er ohne unangenehme Begleiterscheinun- 
gen genießen so viel er will, nichts behindert ihn daran. 



* 



79 

Die biologische Tragödie des Mannes. 

Wirklich nichts? Hier stockt man schon. Denn gerade die 
körperliche Beschaffenheit des Mannes legt ihm Schranken 
auf, nur ihm, nicht aber der Frau. Seine Fähigkeit zum 
Sexualgenuß ist an die Erfüllung bestimmter physiologischer 
Bedingungen geknüpft, die ihre ist es nicht. Seine Funktions- 
möglichkeit ist an das Steifwerden des männlichen Gliedes 
gebunden und daher beschränkt, die ihre ist unbeschränkt. 
So ist er nur unter gewissen Voraussetzungen physiologisch 
aktionsfähig und in der Wiederholung begrenzt, die Frau 
hingegen ist es physiologisch jederzeit und unbegrenzt. 

Hier könnte leicht der Einwand erhoben werden, daß diese 
Unterscheidung nur für frigide Frauen gilt, nicht aber für 
solche, die voller geschlechtlicher Empfindung fähig sind, 
denn die letzteren ermüden gleichfalls, ebenso wie der Mann. 
Da muß ein Mißverständnis vorweggenommen werden. 
Zweifellos ermüdet der wiederholte Orgasmus die Frauen 
auch und macht sie schließlich einer Wiederholung wenig zu- 
gänglich, aber erstens ist bei ihnen die Grenze viel weiter 
gesteckt und vor allem ist hier ja gar nicht diese Ermüd- 
barkeit gemeint. Wovon hier gesprochen wird, ist ausschließ- 
lich die Tatsache, daß der Mann zur Entfaltung seiner phy- 
siologischen sexuellen Potenz auch schon beim ersten Mal 
von Faktoren abhängig ist, die außerhalb seines Willens 
liegen, während die Frau physiologisch jederzeit fähig ist, 
ihren Entschluß zur Sexualvereinigung in die Tat umzu- 
setzen. 

Damit liegt zweifellos eine Begünstigung der Frau vor. 
Eine große Bevorzugung, wir geben es zu, aber doch bei 
weitem nicht so entscheidend, wie der Mann, als der Be- 
nachteiligte, sie einschätzt. Denn alles, was uns fehlt, er- 
scheint uns immer besonders begehrenswert, wir empfinden 
den Mangel stets intensiver, als der Besitz uns beglückt. Und 
so hat sich auch in der männlichen Psyche eine starke Über- 
wertung dieser Unterscheidung festgesetzt und damit zu- 
gleich ein Zwang zur Überkompensation. Aus dem Bewußt- 
sein des Mannes von der physiologischen Überlegenheit der 
Frau im sexuellen Genuß hat sich bei ihm ein ganzer Angst- 
komplex entwickelt, dessen Ausstrahlungen sich bis in die 
letzte Verästelung nicht nur unseres Sexual-, sondern des 



80 

gesamten Kulturlebens fühlbar machen. Es ist die Angst 
vor dem Versagen, vor der sexuellen Niederlage. 

Als individuelle Erscheinung ist diese Angst des Mannes 
vor zeitweiliger oder dauernder Impotenz zur Genüge be- 
kannt. Die gesamte psychotherapeutische Literatur ist voll 
von solchen Fällen. Auch die Frauen wissen Trauriges 
genug aus der Praxis zu erzählen. 

Aber durchaus nicht nur der einzelne Mann, sondern die 
männliche Psyche in ihrer Gesamtheit lebt unter dem Druck 
der gleichen Angst und man kann das männliche Weltbüd 
gar nicht verstehen, wenn man diesen Faktor übersieht, 

diese Urangst des männlichen Geschlechtes, die das 

hofft dieses Buch nachzuweisen — zur „Ur- Sache" so 
vieler Schäden unseres Geschlechtslebens geworden ist und 
die gesamte Sexualatmosphäre vergiftet hat. Denn so steht 
nicht nur der einzelne Mann gegenüber der einzelnen Frau 
sondern das männliche Geschlecht als Ganzes steht dem' 
weiblichen in dieser Haltung der Minderwertigkeit gegen- 

Bedenkt man nun, wie schlecht der Mensch schon iede 
kleinste, belanglose Zurücksetzung erträgt, mit welcher 
Preisgabe der besten Lebenswerte da oft kompensiert wird 
dann begreift man vieles, was bisher unfaßbar schien Er- 
wagt man die Kraft des Wunsches nach Überkompensierune 
dann versteht man, woher die Quellen fließen, die es dem 
Mann ermöglicht haben, ein Herabsetzungssystem mit sol- 
cher Intensität durchzuführen, dessen schlimme Folgen doch 
in einem nicht durchbrechbaren circulus vitiosus auf ihn 
selbst zurückfallen. Hier nur ein Beispiel für diesen fehler- 
haften Kreis: 

Bedrückt von dem Gefühl seiner sexuellen Unsicherheit, 
getrieben von dem Wunsche, zu überkompensieren, hat der 
Mann die Frau herabgedrückt, hat sie in die Vorstellung von 
ihrer zweitklassigen sexuellen Rolle gejagt. Diese Herab- 
setzung hat nun bei ihr einen Protest gegen die weibliche 
Sexualrolle hervorgerufen, der unter vielen anderen Stö- 
rungen, von denen noch gesprochen werden wird, auch zu 
speziellen Sexualstörungen geführt hat. So ist auch ein hoher 
Prozentsatz von Frigidität, sexueller Gefühlsarmut, durch 
solche Protesteinstellung entstanden. Gefühlskalte Frauen 
aber sind keineswegs geeignet, die Potenz des Mannes zu 



VI 



■ 







Rubens: Kastor und Pollux rauben die Töchter des Leukippoa 

München, Pinakothek 






81 



heben, sie mindern sie im Gegenteil herab. Und so geht, was 
er zur Sicherung seiner Sexualrolle begonnen hat, letzten 
Endes zu deren Schaden aus. Das verstärkt wieder seine 
Unsicherheit, drängt ihn zur Kompensation usw. — der 
Kreis ist geschlossen. 

Wir sehen also, daß der Mann durch die größere physio- 
logisch-sexuelle Tüchtigkeit der Frau sich in ein Gefühl der 
Angst vor Minderwertigkeit und in unzweckmäßige Über- 
kompensation verlocken ließ, die ihn zum Herabsetzungs- 
prinzip gegenüber der weiblichen Sexualität und so zu einer 
Schädigung des Geschlechtslebens überhaupt geführt hat. 
Abgesehen davon, daß er die Tragweite seiner geringeren 
Leistungsfähigkeit bei weitem überschätzt und dadurch die 
von ihm abhängige Frau gleichfalls zu einer Höchstbewer- 
tung dieses Problemes gedrängt hat, die ihr ursprünglich 
gar nicht liegt — wir hören noch vieles darüber — , gibt es 
für ihn ganz andere produktive Möglichkeiten des Kräfteaus- 
gleiches, die, anstatt zu stören, das Geschlechtsleben be- 
reichern würden. 

Gelingt es, den Mann aus dieser Haltung zu losen, dann 
wird viel kostbare Energie frei, die er bisher sinnlos an 
diesen Kampf gewendet hat und noch immer weiter ver- 
schwendet. Dann tritt auch — das zeigt uns täglich die 
Praxis — automatisch eine seelische Befreiung der Frau und 
damit eine Bereicherung ihres Gefühlsvermögens ein. Denn 
die Überbetonung der männlichen Potenz hat durch die 
ieder Überkompensation innewohnende Durchschlagskraft 
auch die Frauen (entgegen ihrem besseren Wissen) zu Mit- 
spielern beim Tanz um den steinernen Phallus zu machen 
gewußt und so beide Geschlechter um die freie Entfaltung 
ihrer Liebeskräfte betrogen. 

Auch in der bildenden Kunst aller Kulturen f mden sich 
SDuren dieser Überkompensation. Bilder und Skulpturen 
mancher Völker betonen in ihrer Symbolik sehr reichlich die 
überragende Bedeutung des Phallus. Die Überkompensation 
spricht sich auch in jenen Darstellungen aus, wo die mann- 
liche Potenz in der Gestalt eines Gottes verkörpert erscheint. 
Dieser Gott ist oft in der Gestalt eines besonders kräftigen 
Tieres symbolisiert, das von der Frau Besitz ergreift, wie 
z. B. auf dem hier wiedergegebenen indischen Bild „Der 
Traum der Maya". 

Lazarsfeld, Wie die Frau den Mann erlebt. 6 



82 



Wir kommen später ausführlich auf die Frage der 
sexuellen Überkompensation zurück. Hier mußten wir mit 
diesem Problem erst nur so weit gelangen, als zum Ver- 
ständnis des zweiten Punktes nötig ist, für den es die Voraus- 
setzung bildet und dem wir uns jetzt zuwenden. 

Götze Seocus. 

Wir kehren damit zu der sehr auffälligen Tatsache un- 
serer merkwürdigen Einstellung zur Sexualität zurück Wir 
haben aus ihr emerseits einen Prügelknaben und Sündenbock 
gemacht, wir haben sie andrerseits zu einem allmächtigen 
Faktor erhoben, einem Gott, den man erzürnen oder ver- 

w^Sk ^ en ? T esetzen *££ sich aber rieht entziehen kann. 
Wir haben das Unzweckmäßige dieser Einstellung sehr deut 
lieh zu spuren bekommen, es in Ursache und Wirkung auch 
ziemlich klar erkannt und doch nicht geändert Wir hl W 
auch gesehen, daß solches Vorgehen stets auf Anest vt S 
Folgen der Änderung beruht, wir dürfen ÄSRffift 
daß auch hier die Änderung offenbar mehr beängstig *?' 
febe/^ 6 ^^ 1 ^ Schlimme Zustand unseres Geschlechts- 

Es ergibt sich nun die weitere Frage: wie ist diese Fin 
Stellung überhaupt entstanden und als Schutz vor welcher 
Gefahr wird sie, entgegen dem eigenen Interesse — denn 
halt 8 » mmen Auswirkun Sen sind unleugbar — , festge- 

Es scheint hier ein psychologischer Vorgang zuerunde 
zu hegen ähnlich dem bei primitiven Völkern! wfnr ugTäch 
einen Götzen schaffen. Sie sehen z. B. den Blitz und kernen 
seine Macht, ihnen zu schaden; aber sie wtaÄS 
den Gesetzen der Elektrizität, deshalb ist es ihnen nicht 
möglich, sich davor zu schützen. Also bleibt kein anderer 
Ausweg, als die Übermacht anzuerkennen, sich ihr zu beugen 
und durch Opfer ihre Gunst zu erringen suchen. So wird die 
Elektrizität zum Gott, den man fürchtet, und zugleich zum 
Prügelknaben, der nun auch für alles die Verantwortung 
trag l. 

Nicht viel anders dürfte zuerst die starre Einstellung des 
Mannes zur Sexualität entstanden sein, welche die Frauen im 



späteren Verlauf zugleich mit anderen Kulturhaltungen vom 
Mann übernommen haben. 

Ganz ähnlich dem Primitiven schuf auch er sich so einen 
Götzen, in dessen Händen Wohl und Wehe des Menschen 
liegt. Seiner Macht hatte man sich nun zu beugen, aber um 
diesen Preis war man auch der unerwünschten Verantwor- 
tung ledig. Nun fragt es sich, wozu er solch einen Götzen 
benötigte und für welches Tun er nicht gern selbst die Ver- 
antwortung tragen wollte. 

Da müssen wir uns erinnern, wie er in die Politik der 
Überbetonung des eigenen Sexualwertes und in die Herab- 
setzungstendenz gegenüber der Frau hineingeraten ist und 
wie er nun daran festhält, weil er das dem eigenen Prestige 
schuldig zu sein glaubt. Wir sehen ihn selbst darunter leiden 
und es doch nicht ändern. Es ist ihm keineswegs wohl dabei 
zumute — und für all das soll er verantwortlich sein? 

Das kann man nicht von ihm verlangen! Und hier stoßen 
wir auf ein neuerliches, charakteristisches Merkmal der auf 
eigene Prestigeerhöhung gerichteten Überkompensation. Sie 
ist immer mit einem gewissen Unbehagen verbunden. Man 
trägt nicht gern die Verantwortung für das, was man zur 
Unterdrückung des Nebenmenschen unternimmt, weil man 
doch irgendwie spürt, daß etwas dabei nicht in Ordnung ist. 
Der dem Menschen angeborene Gemeinschaftssinn rächt sich 
wenn er verletzt wird, zwangsläufig an dem, der ihn ver- 
letzt hat. Man kann es auch schlechtes Gewissen nennen. 
Niemand aber hat gern ein schlechtes Gewissen. Er will 
lieber alles, was er tut, mit gutem Recht tun, selbst wenn er 
dabei keineswegs im Recht ist. Darum arrangiert er unbe- 
wußt — auch das gehört zum Wesen der persönlich betonten 
überkompensation — die äußeren Umstände so lange, bis sie 
ihm Recht zu geben scheinen, er also der Verantwortung ent- 
hoben bleibt. 

So rebellierte auch bei diesem gemeinschaftsfeindlichen 
Vorgehen des Mannes gegenüber der Frau sein besseres 
Selbst. Da er aber nicht stark genug war, auf die Über- 
kompensation seiner Schwäche zu verzichten und auch nicht 
mutig genug, die Verantwortung selbst zu tragen, so kon- 
struierte auch er sich eine Macht, welche ihm die Verant- 
wortung abnehmen sollte. Nichts war näherliegend, als sie 



84 



auf dem gleichen Gebiet zu suchen, von welchem er ausge- 
gangen war, im Sexuellen, wie ja auch vom Primitiven der 
gefährliche Blitz zum Gott erhoben wird. Und so entstand, 
meines Erachtens nach, 

die Mythe von der sexuellen Veranlagung, 
als einer vor all dem anderen Gehaben des Menschen unab- 
hängigen, durch ihn nicht beeinflußbaren Gewalt. Was immer 
jetzt auf sexuellem Gebiet geschah, es war entschuldigt und 
entschuldbar, denn — man hatte die souveräne Sexualität 
die unser Handeln bestimmte und der man sich nicht ent- 
ziehen konnte. Sie allein trug alle Schuld. 

Diese primitive Einstellung zur Sexualität wurde durch 
das Leben langst widerlegt. Es zeigt sich immer wieder, daß 
der Sexualtrieb keineswegs so unbeeinflußbar ist, daß er 
keine absolute Macht besitzt, daß er nicht außerhalb der 
allgemeinen psychophysischen Gesetzmäßigkeit des Men 
sehen steht, sondern daß er sehr wohl zu regulieren m J?" 
herrschbar ist - wenn der Mensch will Auf diP«Sf" 
Willen eben kommt es an, oder besser gesagt, auf das I 
bensziel, das der Mensch unbewußt verfolgt. Diese™ 
Leitziel, das seine Lebenslinie bestimmt mannt 
er automatisch alle seine Fähigkeiten und Eigenschaften 
dienstbar und auch die Art seiner Sexualität wird dadurch 
bestimmt. (Adler.) Wir kommen noch ausführlich im orak- 
tischen Teil darauf zurück. p 

^.n D if e E rf^.™ n S en belehren uns ganz eindeutig darüber, 
daß Menschen ihren sexuellen Habitus vollständig verändern 
wenn ihre allgemeine Lebenseinstellung sich wandelt. Auch 
die angeblich angeborene polygame oder monogame Veran- 
lagung fallt damit zusammen, auch sie ist nicht angeboren 
sondern m jedem Menschen sind alle Möglichkeiten vorhan- 
den und je nach seiner Gesamtentwicklung entfalten sich 
auch seine Sexualeigenschaften. Es werden eben nur die- 
jenigen trainiert, die er für seine Zwecke braucht, die ande- 
ren verkümmern. Zeigt jemand im gesamten Leben Neigung 
zu Kontinuität und Ausschließlichkeit, dann entwickelt er 
automatisch die dazu nötigen Eigenschaften, wie z. B. Ge- 
dächtnis, Disziplin, Verläßlichkeit, Treue etc. und wird mono- 
gam. Scheint hingegen ein bindungsloses Leben einem ver- 
lockender, dann wird man polygam und erwirbt wiederum 



alle dazu nötigen Qualitäten. Man wechselt auch von einem 
Typus zum andern je nach dem Ziel, das einen jeweilig be- 
herrscht und 

man hat die Sexualität, die man gerade braucht, 

ganz ebenso, wie man auch alle anderen Eigenschaften in 
sich trainiert und erreicht, die man für seine Zwecke 
nötig hat. 

Wenn nun trotz dieser täglich wiederholten, greifbaren 
Erfahrung doch noch immer an der alten Meinung von der 
unbeeinflußbaren Sexualität festgehalten wird, dann kommt 
auch dies daher, daß man diese Meinung braucht. 
Man ist eben noch immer sehr weit entfernt von dem Ent- 
schluß, die Verantwortung für das sexuelle Tun und Lassen 
selbst zu tragen. Darum mußte trotz bester Gegengründe der 
Fetischcharakter der Sexualität erhalten bleiben. 

Ja es werden immer mehr, immer gewaltigere theoretische 
Stützpfeiler zusammengetragen, um den drohenden Einsturz 
dieses künstlichen Aufbaus zu verhindern. Und dabei kann 
man ein auffälliges Zusammentreffen beobachten, das zu 
denken gibt. Wie verschieden auch diese Theorien an Welt- 
anschauung und allem anderen sonst sein mögen, gewisse 
eemeinsame Merkmale haften ihnen allen gleichermaßen 
an- Erstens treten Herabsetzungstendenz 
gegenüber der weiblichen Geschlechtsrolle 
undFetischcharakterdesSexualtriebesda- 
hei immer paarweise auf, nie findet man das eine 
ohne das andere. Und zweitens eignet ih n f n 
immer eine oft bewußte, oft nur unbewußte, 
«her doch deutlich spürbare Neigung zu re- 
aktionärer oder zumindest äußerst konser- 
vativer Einstellung an. 

Als eines der schönsten Beispiele dafür darf die Psycho- 
analyse Freuds mit ihrer vollendeten Verherrnchung der 
Männlichen und ihrer absoluten Degradierung der weibhchen 
oichlechtsrolle angesehen werden. Auch sie braucht dabei 
Sd schafft sich also die überpersönliche verantworte 
Macht in der alles beherrschenden souveränen Libido, deren 
Diktat sie bedingungslos anerkennt. 

So entnält die Lehre vieles, was die Vermutung nahelegt, 
ob die dort vertretene, grundlegende Bedeutung vom Urstolz 






86 

bei Besitz eines Penis und dem daraus folgenden Urneid bei 
Fehlen eines solchen nicht entstanden sein könnte aus der 
Überkompensation der physiologisch bedingten männlichen 
sexuellen Insuffizienz. (Lazarsfeld, Ehe von heute und 
morgen, Bergmann, München, 1927.) 

Nun könnte man hier leicht entgegnen, daß die Tatsachen 
Freuds Theorie doch bestätigen. Die Frauen wünschen wirk- 
lich oft nichts sehnlicher, als Männer zu sein, und selbst bei 
kleinen Mädchen tritt dieser Wunsch schon auf. Aber diese 
Einstellung der Frau gehört durchaus in das Gebiet soge- 
nannter „weiblicher" Eigenschaften, von denen wir eingangs 
sagten, daß sie keineswegs angeboren, sondern angezüchtet 
sind. Und gerade diese Sehnsucht der Frau war leicht hervor- 
zurufen. Man braucht den Wert einer Sache im altgemeinen 
nur genügend zu betonen, um im anderen leicht den Wunsch 
danach zu entzünden. Wenn man nun eine ganze Kultur 
schafft zum Zweck der Erhöhung des Mannes? dann ist es 
wohl selbstverständlich, daß die dadurch benachteiligte BW 
mchts sehnlicher wünscht, als ein Mann zu sein TTi *" 

erscheint die Wirkung zur Ursache erhoben und die BW 
dürfte nicht so sehr von der primären Sehnsucht nach £££ 
Besitz eines Penis beherrscht sein, als vielmehr von den! 
Wunsch nach Anteil an jener Macht, welche die Penisträe-Pr 
aus Sorge um die Unverläßlichkeit ihres angeblich besten 
Besitzes sich geschaffen haben. en 

Wir finden also hier ebensowenig feste Anhaltspunkte für 
eine naturgegebene Inferiorität der Frau. Es wird nichts 
anderes übrig bleiben, als sich damit abzufinden, daß Frau 
Lebera"" 1 gleichwertig: sind im Haushalt des gesamten 

Nicht Gleichartigkeit, aber Gleichwertigkeit beider 

Geschlechter. 

Womit durchaus nicht gesagt sein soll, daß sie gleich- 
artig seien. Jener Engländer, der in das berühmte „Hoch 
auf den kleinen Unterschied!" ausbrach (three cheers for the 
little difference!), hatte wahrlich recht. Die Frauen können 
gar nichts Ungeschickteres tun, als ihre wirklich vorhande- 
nen Geschlechtsmerkmale und ihre Unterscheidung vom 
Mann verwischen. Aber man soll sie eben auch nicht dazu 



87 

zwingen, indem man ihnen das Frauenleben und besonders 
die weibliche Geschlechtsrolle von vorneherein als minder- 
wertig ausmalt. (Alfred Adler.) Viel nervöse und spezi- 
ell sexuelle Störungen bei beiden Geschlechtern werden ver- 
schwinden, wenn man erst diese unsinnige Zwangseinstellung 
aufgegeben hat, die aus der unberechtigten Überwertung des 
Mannes entstanden ist. Löst man sich aber erst mal von 
dieser falschen Einstellung, dann benötigt man auch keines 
Götzen mehr, der die Verantwortung dafür tragen müßte. 
Dann kann die Sexualität aus der ihr künstlich aufgepfropf- 
ten Starre erwachen und sich viel schöner und reicher ent- 
falten als bisher. Denn die souveräne Macht, welche die alte 
starre Einstellung dem Geschlechtstrieb zugeteilt hat, ist 
nur eine scheinbare, in Wirklichkeit ist damit eine Beschrän- 
kung erfolgt, weil die Überzeugung, daß der Mensch seinem 
Sexualtrieb ausgeliefert ist, ihn wie jede fatalistische An- 
schauung, des besten Teiles seiner produktiven Kräfte be- 
raubt. Es lähmt ihn in seiner Entwicklung. Wenn etwas un- 
abänderlich ist, ja, da braucht man sich auch nicht zu be- 
mühen, denn man kann es doch nicht verbessern und ver- 
schönern oder bereichern. So ist die Erhöhung, welche die 
frühere Einstellung der Sexualität scheinbar angedeihen ließ, 
in Wirklichkeit zur Herabsetzung geworden, während unsere 
optimistischere Anschauung zu dem umgekehrten Schluß 
führt. Da unserer Meinung nach der Geschlechtstrieb va- 
riabel ist, so liegt es an uns, das Beste daraus zu machen und 
unser Liebesleben immer reicher auszugestalten, denn „jeder 
hat die Sexualität, die er verdient". (Oswald Schwarz.) Wir 
sehen, der mutige Entschluß zur eigenen Verantwortung 
kann auch hier, wie überall, nur gute Früchte tragen. 

Und wie wird sich das speziell bei der Frau auswirken, 
wenn sie nicht mehr durch Herabsetzung in Unmut und 
Protest gejagt wird? 

Vor allem werden viele der jetzt aktuellen Schwierigkeiten 
und Störungen geringer werden und manche ganz verschwin- 
den Das allein schon wäre ein Gewinn. Aber die Aufhebung 
der 'seelischen Zwangswirtschaft wird noch mehr bewirken. 
Jetzt verkümmerte Kräfte werden sich entfalten und werden 
gedeihen. Darüber hinaus aber werden bisher überhaupt 
nicht vorhandene Fähigkeiten zum Vorschein kommen, denn 



88 



die neue Anerkennung wird der Frau neue Pflichten aufer- 
legen, deren Auswirkung nur günstig sein kann. 

Empfindet sie sich erst einmal als sexuell vollberechtigt, 
begreift sie, was sie zu geben hat, dann wird es nicht mehr 
schwer sein, sie zur rationeller Ausbildung und Pflege dieses 
Gutes zu erziehen. Was vorläufig vollständig fehlt. Die 
Frauen leiden im allgemeinen unter einer gewissen Ver- 
schlamptheit ihrer Sexualität und das ist auch ganz begreif- 
lich. Denn was allgemein als nebensächlich gewertet, was 
allgemein mcht anerkannt und geachtet wird, das achtet 
und pflegt man gewöhnlich selbst auch nicht achtsam. So 
haben es die Frauen verlernt, ihre Sexualität zu pflegen, und 
diese Vernachlässigung wirkt wieder ungünstig auf den 
Mann zurück. 

Sexuelle Tradition. 
Es fehlt dadurch etwas sehr Wichtiges, was ich als see- 
Ä '«ö?P e *■***' ^ guten Sinn bezeSinen möchte 
N cht Tradition als starres von andern übernommenes öS 
bilde ist damit gemeint, sondern ein System, das dTe aus eT 
fahrungen übernommene beste Ausbildung 'und Vervvaftune 
vorhandenen Besitzes gewährleistet. Zu dieser Vh? nötS 
und heilsamen traditionellen Gepflegtheit wira d^ Frau abe? 
niemals auf Zwangsweg, sondern immer nur im freien Sp^el 

% J ^£*ß***e L J& gÜnSti S e Auswirkung dieser Pflege 
£bt auch dem männlichen Partner wiederum ein Plus u£d 

£w? er ' e ^ nS ° ^ e er jetzt * Na chteile der Zwangswirt- 

ÄfiW** darm der erste Nutznielfer des 

So vieles hat er zu gewinnen und was hat er zu verlieren? 
i^; nichts! Es ist für ihn nicht £^2£5( 
sondern auch als Individuum höchst unbequem und unfrucht- 
bar, eine tatsachlich nicht vorhandene Überlegenheit künst- 
lich aufrecht erhalten und beweisen zu müssen, er würde also 
nicht nur indirekten Gewinn, sondern auch eine sofortige 
Erleichterung verspüren, wenn ihm diese innere Umstellung, 
der Abbau des Prestigekampfes im Geschlechtsleben ge- 
länge. 

Leicht gesagt, wird man hier einwerfen, aber schwer 
getan! 









VII 
















Pygmäenehepaar 

Aus Hirsdifeld: Grschlechtskunde, Verlag Puttmann, Stultgarl 



89 

Ich weiß schon, daß es schwierig ist, sich umzustellen, 
wenn man einmal in eine Überwertung verrannt ist, aber die 
Praxis hat mich gelehrt, daß der eigene Vorteil immer der 
beste Weg zum Umstellen ist. Nach dieser Methode ist es 
wiederholt im individuellen Fall geglückt und ich hege die 
feste Überzeugung, daß sich das verallgemeinern läßt. So wie 
einzelne Sexualbeziehungen durch des Mannes ehrlichen Ver- 
zicht auf Herabsetzungstendenz gebessert und verschönert 
wurden, so muß es auch möglich sein, unsere ganze Sexual- 
atmosphäre zu entgiften. 

Aber — wie macht man das? 

Damit sind wir bei der Frage, die am allerhäufigsten in 
der Beratung an uns gestellt wird. 

Alle Ratsuchenden, ob sie theoretisch vorgebildet zu uns 
kommen oder bei uns erst diese Einsicht erhalten, alle fragen 
letzten Endes am dringlichsten nach der praktischen Durch- 
führbarkeit der Theorien. 

Dabei kommen bei ihnen immer wieder zwei Grundfehler 
in der Betrachtungsweise zutage. Erstens sind sie der Mei- 
nung, daß man die einzelne Schwierigkeit für sich allein 
beheben könne und zweitens glauben sie, daß der gute Willle 
genüge, um es besser zu machen. Sie sind sehr erstaunt oder 
auch enttäuscht, wenn sie hören, daß es damit nicht 

getan ist. 

Selbstredend ist der gute Wille die erste Vorbedingung, 
ohne die es gewiß nicht geht. Aber das genügt noch nicht zur 
Durchführung. Wirklich nützen und bessern kann nur die 
Unistellung der gesamten inneren Lebenshaltung. Deshalb 
hilft es auch nichts, wenn man sich der einzelnen Schwierig- 
keit zuwendet und sie zu bessern sucht. Man darf sie im 
Gegenteil niemals für sich allein, sondern nur als ein 
Svmptom der Grundstörung betrachten. Freilich kann man 
diese einzelhafte Erscheinung sehr oft bessern oder auch be- 
heben aber damit ist nichts getan. Es ist das so, wie wenn 
man einem defekten Motor durch eine kleine Reparatur zum 
augenblicklichen Weiterlaufen verhilft. Das hält eine kleine 
Weile an und plötzlich gehts doch wieder nicht weiter. 

Dem Motor hilft nur eines: gründlich auseinandernehmen, 
putzen und alles wieder ordentlich zusammensetzen. 

Ganz so muß bei seelischen Problemen vorgegangen wer- 
den, wobei es gleichgütig ist, um welche Teilfrage es sich 









90 

augenblicklich handelt. Durchgeputzt muß das ganze werden, 
denn alles, was in der menschlichen Seele drinnen steckt, 
greift eines ins andere und keines kann für sich allein repa- 
riert werden. Zumindest nicht, wenn es anhaltend nützen soll. 
Jann man auch sexuelle Fragen nicht lösen, ohne das 
gesamte Gehaben des Menschen zu betrachten und umge- 
kehrt, kernen Teil dieses Gehabens richtig beurteilen, wenn 
man seine Einstellung zur sexuellen Frage nicht in Be- 
tracht zieht. 

Daß man Körper und Seele im Sexualproblem nicht ein- 
zeln für sich betrachten und behandeln darf, ist schon zur 
Binsenwahrheit geworden. Aber das genügt bei weitem nicht. 
Viel weiter muß diese Einsicht reichen, viel tiefer gehen muß 
man bei der Erforschung der Totalität des Menschen. Alles 
was immer er tut, das Kleinste wie das Größte, alles alles 
muß herangezogen werden, wenn es besser gehen soll als es 
bis dahin ging. Nur so kann die allgemeine Frage w soll 
maus besser machen?" beantwortet werden 
































































































V. Kapitel. Wege zur Sexualreform. 



„Der Liebeswunsch, gegeben 
von der Natur, wächst durch 
die Kunst und wird, wenn die 
Weisheit jede Gefahr aus dem 
Wege geräumt hat, stark und 
sicher." Kama Sutra. 



Wie allgemein und brennend die Frage nach dem „Besser- 
machen" ist, das zeigt das große Interesse an Büchern, die 
eine Antwort darauf versprechen. Überblickt man nun die 
vielen alten und neuen Reformvorschläge, die sich mit der 
kritischen Beleuchtung des Sexualproblems befassen, dann 
zerfallen sie immer wieder in zwei Gruppen. 

Die einen versuchen der Frage vom Körperlichen her 
beizukommen; sie beschäftigen sich dabei wohl auch mit der 
Bedeutung des Seelischen, aber doch mehr als einer aus- 
füllenden Arabeske in der physiologischen Grundzeichnung. 
Die anderen stellen wieder die Seele in den Mittelpunkt und 
betrachten den Körper gleichsam als deren ausübendes 
Organ Demzufolge trachten die Ersteren zur Verbesserung 
des Geschlechtslebens durch technische, gewissermaßen 
handwerkliche Verbesserungen beizutragen, die anderen ver- 
buchen es mehr als eine metaphysische Angelegenheit zu 
fassen und vom Übersinnlichen her zu verschönern. 

Von beiden Richtungen kann man viel lernen, aber beide 
bleiben dabei etwas Entscheidendes schuldig. Sie alle suchen 
£e Sexualfrage vom körperlich-seelischen GescWechtstrieb 
allein her zu lösen, ganz befangen noch von dem Glauben an 
dessen Sleinherrschende Macht und mit Außerachtlassung 
der verschiedentlichen anderen Lebensreaktionen, die, un- 
trennbar damit verwoben, wohl von ihm beeinflußt, aber 
ebe^fähig sind, ihn ihrerseits zu beeinflussen Trotzdem 
haben cüese Bücher sehr viel geleistet und das Publikum hat 
es auch entsprechend dankbar quittiert. 



92 



Leben und Literatur. 



Ein kurzer Überblick soll über diejenigen Bücher be- 
richten, die es verstanden haben, das Interesse der großen 
Öffentlichkeit zu erregen. Ihr Erfolg wird oft weitgehend 
mit Verlagsgeschicklichkeit oder auch mit der Sensations- 
lust der Leser motiviert, aber das glaube ich nicht. Wenn 
ein solches Buch das allgemeine Interesse zu wecken ver- 
steht, dann muß es, wenn schon nicht als Ganzes, so doch 
in einem Teil etwas enthalten, das dem Geist seiner Zeit und 
ihren Bedürfnissen entspricht und entgegenkommt. Hin- 
gegen darf man nicht den umgekehrten Schluß ziehen, daß 
Bücher, denen kein großer Publikumserfolg beschieden ist, 
deshalb allein schon unzeitgemäß oder unzweckmäßig wären. 
Hier können sehr wohl äußere Umstände hindernd einge- 
wirkt haben. Darum sollen auch Publikationen, die allgemein 
wenig bekannt sind, aber doch brauchbares enthalten oder 
solche, die historisch interessant sind, in dieser Zusammen- 
stellung berücksichtigt werden. Und letzten Endes auch 
solche, die nicht geeignet sind, zu belehren, außer in dem 
Sinn, wie man es n i c h t machen soll, was zu wissen auch 
sehr wichtig ist. Aber nicht nur Fachliteratur, auch Belle- 
tristik, soweit sie geeignet ist, die Einstellung ihrer Zeit 
zum Sexualproblem anschaulich zu machen, soll dabei zu 
Worte kommen. Gerade hier können wir manches lernen, 
was kein Fachwissen uns zu vermitteln vermag. Berichtet 
dieses über das Ergebnis exakter Untersuchungen, so zeigt 
uns die schöne Literatur hinwiederum deren Auswirkung 
auf das Leben. Nach Abzug dessen, was wir an poetischer 
Lizenz dabei in Rechnung setzen müssen, können wir aus der 
Belletristik einer Epoche viel von deren allgemeiner Stellung- 
nahme zum Geschlechtsleben erkennen. Beleuchtet durch die 
wissenschaftliche Forschung, sehen wir dann das Problem 
deutlich gespiegelt in der Dichtung. 

Deshalb soll es bei dieser Bücherschau auch gar nicht 
trocken schematisierend zugehen. Wie Leben und Literatur 
einander stets wechselseitig befruchtet haben, jedes die 
Spuren des andern tragend, soll auch hier bunte Reihe herr- 
schen dürfen. Gelehrte Forschung, dichterische Gestaltung, 
praktische Erfahrung, wie es gerade kommt, wenn es nur 






93 

auf Tatsachen des Geschlechtslebens Bezug hat und uns 
neue Einsicht vermitteln kann. 

Zuerst noch eine kleine Auseinandersetzung mit der Be- 
wertung von Tatsachen. 

Was kann man mit einem feststehenden Tatbestand an- 
fangen, besonders wenn er nicht angenehm ist? Man kann 
ihn anerkennen und sich ihm fügen, oder man kann ihn zu 
leugnen und zu umgehen versuchen, ändern kann man ihn da- 
durch nicht. Trotzdem bleibt er in seiner Auswirkung immer 
relativ. Tatsachen mit absoluter, für alle gleichermaßen gil- 
tiger Auswirkung gibt es nicht. Wohl finden wir Tatsäch- 
liches überall im Leben für alle Menschen gleichmäßig ge- 
setzt, aber es gelangt zu höchst verschiedener Geltung und 
Auswirkung, je nachdem man dazu eingestellt ist. Was den 
einen aufs höchste erfreut, läßt den andern kalt und ebenso 
kann ein Mißgeschick sich ganz verschieden auswirken, je 
nachdem, wie unsere Gesamthaltung es aufnimmt und ver- 
arbeitet. So kann auch eine Niederlage der Ansporn zu mu- 
tigen erneuten Versuchen werden, sie kann aber auch in die 
Flucht schlagen, uns den Mut gänzlich benehmen. Das hängt 
durchaus davon ab, inwieweit Eitelkeit dabei im Spiel ist. 
Und in gewissem Maß hängt es auch von unserer Umgebung 
ab. Es ist dabei sehr entscheidend, wie diese eingestellt ist, 
ob sie uns einen Mißerfolg übel nimmt, oder uns hilft, dar- 
über leicht hinwegzukommen. Auch das hängt wiederum 
davon ab, inwieweit sie selbst durch den Mißerfolg in ihrer 
Geltung betroffen und in Mitleidenschaft gezogen ist. Ist 
sie frei davon, dann geht es gut, fühlt sie sich aber mitbe- 
troffen, dann haben nur die allerwenigsten soviel Disziplin, 
um sich nicht zu Vorwürfen hinreißen zu lassen. Am schlimm- 
sten aber ist es, wenn die Mitbetroffenen auch die Mit- 
schuldigen sind, wenn sie zu dem Mißerfolg selbst bei- 
getragen haben. Man sollte doch glauben, daß dann das eigene 
Teil Schuld stillschweigend auf sich genommen wird. Das ist 
aber keineswegs der Fall, sondern das genaue Gegenteil tritt 
ein weil da wieder die Eitelkeit des Menschen herauskommt. 
Je mehr er mitverschuldet hat, um so eifriger sucht er sein 
Teil Verschulden von sich abzuwälzen und dem andern auf- 
zuerlegen, so daß man wohl schließen darf: jemehrwir 
jemandem einenFehlschlag übelnehmen, de- 
sto schlechter ist dabei unser eigenes Ge- 



94 

wissen. Das trifft auch dort oder vielleicht sogar am 
meisten dort zu, wo wir uns unseres eigenen Verschuldens 
gar nicht deutlich bewußt sind. Das Bewußtsein ist dazu 
nicht notig, die Tatsache unserer Beteiligung genügt 
schon, um uns in diese Abwehrpolitik zu drängen, wenn wir 
— und das sind leider die meisten — nicht geneigt sind, Ver- 
antwortung auf uns zu nehmen. Es setzt dann der Auto- 
matismus des Arrangements ein, wie er im früheren aus- 
geführt wurde. 

Das Fiasko. 

Dies zu wissen, ist besonders wichtig für das Problem des 
Mißerfolges auf sexuellem Gebiet. Da wir hier dem Erfolg 
eine ganz besonders große Bedeutung beilegen, liegt die Ver- 
suchung auch besonders nahe, bei einem eventuellen Fehl- 
schlag unschuldig sein zu wollen. 

Und hier wird von den Frauen im allgemeinen schwer ge- 
sundigt Sie sind zu dem physiologischen VeiSfJaa 
Mannes beim Geschlechtsakt gewöhnlich so eingesteht als 
ob nur er allein dafür verantworüich wäre und verschärfen 
dadurch die wirklich vorhandene Peinlichkeit einer sofcheS 

ÄS" WG1 i Ub T ^ Walu L e Bedeutung hinaus E?ffi 
dadurch manchmal sogar geschehen, daß ein einmaliger Miß- 
erfolg, der bei verstandigem Verhalten der Frau leicht korri- 

Sffhf i st Und J ed , enfalls bedeutungslos bliebe, durch ihr 
Verschulden zum bleibenden Mißgeschick wird. 

,w A M er g ? rade .^t 1 * 8011 ^ 1,6 Affektbetonung, mit welcher 
der Mann für sein Versagen von der Frau belastet wird, läßt 
wie vorher ausgeführt, vermuten, daß ein dumpfes Gefühl 
der Mitverantwortung, die sie abzuwälzen wünschen, die 
Frauen in solche Haltung drängt. Wir sagten schon, daß 
gerade unbewußte Mitschuld sich oft in den heftigsten Vor- 
würfen entlädt. Das erklärt auch die häufige Tatsache, 
daß selbst bei sonst sanften Frauen dann nicht selten Hohn 
und Rohheit oder in anderer häßlicher Form dokumentierte 
Verachtung des Mannes zutage tritt. 

Ich bin geradezu froh, nach so vielen seelischen Störungen 
des Geschlechtslebens, die zu Lasten des Mannes gehen, nun 
etwas zeigen zu dürfen, woran ausschließlich die Frauen 
schuld sind. Aber sind sie es wirklich so ausschließlich? Ist 



95 

das nicht wieder nur eine Folge der Überwertung der männ- 
lichen Geschlechtsrolle, an die sie nun auch glauben? Und 
vielleicht ist auch eine kleine Rache für diesen aufgezwun- 
genen Glauben dabei mit im Spiel, die den Mann gerade dort 
straft, wo er gesündigt hat? 

Wie dem auch sei, das allgemein übliche Gehaben der Frau 
in solcher Situation und ihre Einstellung dazu ist durchaus 
abzulehnen, denn ein einseitiges Verschulden bei sexuellem 
Versagen gibt es nicht. Das Wort Lichtenbergs: „wenn zwei 
zusammen eine Dummheit machen, dann ist sie gewöhnlich 
so groß, daß einer allein sie gar nicht zusammengebracht 
hätte", ist hier wahrlich am Platz. 

Das einzelne Beispiel wird später zeigen, wie entscheidend 
günstig das verständige Verhalten der Frau in solcher Si- 
tuation einwirken kann und wie dringend vonnöten eine ver- 
nünftige Schulung der Frauen in diesem Punkt ist. 

In der Literatur konnte nur wenig Aufklärendes gefunden 
werden. Sie ist überreich an Ratschlägen zur positiven Stei- 
gerung des geschlechtlichen Genusses, aber ganz arm an Be- 
richten darüber, wie einem Versagen vorzubeugen sei und 
wie das bereits eingetretene Mißgeschick von seiner schlim- 
men Auswirkung bewahrt werden könnte. 

Von medizinischer Fachliteratur abgesehen, finden wir 

J zumeist gar nichts oder doch nur ganz spärliche Ansätze in 

den vielen Werken, die sich mit dem Sexualproblem befassen 
und auch dann nur in flüchtigen Andeutungen. Das berühm- 
teste Liebesbuch, die zweitausend Jahre alte indische Kama 
Sutra z. B. bringt ungezählte Varianten, welche zur Hebung 
der Freude im Geschlechtsleben beitragen sollen, aber kein 
Wort darüber, wie eine Behinderung zu vermeiden wäre. 
Diese Tatsache ist sehr auffällig, es scheint fast, als ob die 
starke Angstbetonung, die mit dem realen Erlebnis ver- 
knüpft ist, auch eine theoretische Auseinandersetzung dar- 
über hemmte. Wo aber davon gesprochen wird, dort ge- 
schieht es immer wieder in einer Weise, die durchaus ge- 
eignet ist, den Riegel dieser Hemmung noch fester zu ziehen, 
statt ihn zu lockern. Das Versagen wird dann immer als ein 
beschämender Vorfall behandelt, was sicher nicht dazu bei- 
trägt, den Mann von seinem Alp, von der Überwertung eines 
solchen Vorkommnisses zu befreien. Selbst Autoren, die be- 
ruhigend einwirken wollen, und eine Auseinandersetzung 



96 

über diese Frage nicht scheuen, kommen über diesen Stand- 
punkt nicht hinaus; sie glauben schon das meiste zu leisten, 
wenn sie Entschuldigungsgründe für den Mann anführen. 
So Stendhal, der weit ausführlicher, als man es sonst 
findet, in seinem Buch „De l'Amour" (Über die Liebe) ein 
eigenes Kapitel dem Thema widmet, das er „Fiasko" betitelt. 
Aber auch hier ist solch ein Ereignis als ein für den 
Mann ehrenrühriges Unglück betrachtet. Mme. de Sevigne 
wird einleitend zitiert, die ein solches Malheur von ihrem 
Sohn berichtet und hinzufügt: „Das ganze Reich der Liebe 
ist voll solcher tragischer Ereignisse." Und dann wird alles 
aufgezählt, was zur Entschuldigung des Mannes dienen 
könnte. Allerlei Gründe werden angeführt, die ein „Fiasko" 
herbeizuführen oder zu vermeiden geeignet sind und das In- 
teressanteste dabei ist, daß alles angeführte — hundert 
Jahre vor der modernen Psychologie geschrieben — die 
späteren wissenschaftlichen Erkenntnisse intuitiv vorweg- 
nimmt. Eine Erfahrung, die wir bei allen Dichtern machen, 
wenn sie wirklich aus dem Leben schöpfen. Wir finden dort 
vieles sehr oft seherisch gestaltet, wofür viel später erst die 
gesetzmäßige Begründung gefunden wurde. So auch bei 
Stendhal. 

Die Verhütung des Fiasko. 

Zu den Bedingungen, die zu einem guten Abschluß führen 
können, rechnet er nur vier: 

„1. wenn der Mann keine Zeit hatte, sich mit der geliebten 
Frau in seiner Phantasie zu beschäftigen, 

2. oder bei Frauen, denen gegenüber keinerlei weitere 
Verpflichtung besteht, die man nur begehrt, wenn man sie 
eben gerade sieht, 

3. oder bei einer so unvorhergesehenen spontanen Verei- 
nigung mit einer geliebten Frau, daß nicht Zeit zur kleinsten 
Überlegung bleibt, 

4. oder wenn die Leidenschaft der Frau ganz besonders 
hingebend und vom Mann nicht voll geteilt ist." 

Mit jedem kleinsten Keim von Leidenschaft aber, der in 
das Herz eines Mannes eindringt, schlägt schon die Möglich- 
keit eines Fiasko Wurzel, sagt Stendhal. Und je mehr zärt- 
liche Liebe dabei ist, führt er weiter aus, desto größer wird 



VIII 









Aldcgrcver: Der Sündenfall 

Wien, Albertina 



97 

die Gefahr. Sie wächst ganz besonders dort, wo falsche 
Scham dazukommt, die aus einem unbegrenzten Bedürfnis 
zu gefallen, verbunden mit einem Mangel an Mut entspringt. 
Dieser außerordentlich qualvolle Zustand wird dann als un- 
überwindlich empfunden, wessen man sich nunmehr schämt. 
Wenn aber die Seele Scham empfindet und damit beschäftigt 
ist, diese zu überwinden, dann ist sie keiner Glücksempfin- 
dung zugänglich. Denn „bevor man an das Glück denken 
kann, das ein Luxus ist, muß die dafür unerläßliche Grund- 
lage gewährleistet und ungefährdet sein, die Sicherhei t". 

Das letzte Wort betont Stendhal selbst durch besonderen 
Buchstabensatz. Er erkannte die seelischen Gefärdungen, die 
aus Unsicherheit und Angst erwachsen, er wußte um den 
Kampf zwischen Geltenwollen und Mutlosigkeit und gibt uns 
so eine nahezu lückenlose Darstellung aller vom seelischen 
her stammenden Momente, welche die wissenschaftliche psy- 
chologische Einsicht als störend für ein geglücktes Sexuäl- 
erlebnis erkannt hat. 

Trotz dieser erstaunlichen Einfühlung in die psychogenen 
Bedingungen des Fiasko ist nirgends auf den Anteil der Frau 
dabei verwiesen, außer in einem Punkt, der aber mehr äußer- 
licher Natur ist. Stendhal meint, es wäre eine große Unge- 
schicklichkeit, wenn die geliebte Frau die Stunde des ent- 
scheidenden Rendezvous vorausbestimmt. Der Mann gerät 
dadurch in eine zu stark überspannte Erwartung, malt sich 
das bevorstehende Glück zu deutlich in der Vorstellung aus 
und erlebt auf diese Weise dann das „Fiasko der Phantasie". 
Seine Schlußfolgerung lautet, daß eine kluge Frau für ihre 
erste Hingabe niemals einen bestimmten Termin setzt; es 
soll immer ein unvorhergesehenes Glück sein. 

Weiter berichtet er noch über die Häufigkeit des Fiaskos. 
Er erzählt, wie er mit fünf seiner Kameraden alle gesunde 
-inne-e Männer, das Thema diskutiert habe und wie alle ein- 
standen beim ersten Zusammensem mit der geliebten 
Frau mr Fiasko erlebt zu haben. Ein einziger hätte behauptet, 
daß es ihm nicht passiert sei; aber dieser, meint Stendhal, 
war efndtier Fant und außerdem habe er höchstwahrschein- 

^Ä^Ä'^^i^^ vieler anderer solcher 
Fälle daß de Vorstellung von der außerordentlich großen 
V^t!^ die«» Unglücks die Bedeutung für den Em- 

L a z a r s 1 e 1 d, Wie die Frau den Mann erlebt. 7 






98 

zelnen wohl herabsetzen müßte und erzählt als Trost noch 
die Geschichte eines dreiundzwanzigjährigen Husarenleut- 
nants, der, eine Allegorie der Männlichkeit, trotzdem drei 
Tage und drei Nächte mit seiner Geliebten verbrachte, ohne 
daß sie etwas anderes erlebten, als sich zu küssen und zu 
weinen. 

Wie schon gesagt, auch bei Stendhal, der die Frage mu- 
tiger angeht als die andern Autoren, ist die Situation doch 
als eine herabsetzende Blamage des Mannes aufgefaßt, deret- 
wegen er entschuldigt werden müßte und für welche die 
Frau gar nicht mitverantwortlich zeichnet. 

Die gleiche Situation findet sich in Schnitzlers Reigen, wo 
der jugendliche Held, der sich dort eben nicht als Held er- 
weist und die Enttäuschung der Frau deutlich zu spüren be- 
kommt, die Häufigkeit dieses Mißgeschicks und jene Ge- 
schichte von Stendhals Husarenleutnant als Entschuldi- 
gungsmoment heranzieht. Aber er macht damit nicht den ge- 
ringsten Eindruck auf die junge Frau, die ihm die Situation 
sichtlich übelnimmt. 

Auch bei Schnitzler, der sozusagen mit der modernen 
Seelenkunde groß geworden ist, findet sich trotzdem nicht 
die leiseste Andeutung darüber, daß die Frau mitverant- 
wortlich wäre, was sie tatsächlich in irgendeinem Sinn doch 
immer ist, wie wir noch sehen werden. 

Vom Rhythmus im Geschlechtsleben. 

Weit ausführlicher beschäftigen sich die verschiedenen 
Theorien schon mit einer andern gleichfalls sehr wichtigen 
Frage, mit dem Problem, inwieweit Verlangen und Sättigung 
im Geschlechtsleben bestimmten rhythmischen Regeln unter- 
worfen bleibt. Das ist es nämlich in mancherlei Hinsicht. 

Von den Tieren ist es uns bekannt. Da gibt es im Jahr 
feststehende Zeiten, in welchen sie einander suchen, und 
andere, in denen sie unempfindlich oder wenig reizbar sind. 
Beim Menschen ging dieser gleichmäßige Jahresrhythmus 
verloren. Wohl gilt der Frühling als die Zeit verstärkten Ge- 
schlechtstriebes, aber das kann doch nicht so allgemein an- 
genommen werden. Es ist oft sehr verschieden. So gab ein 
Mann in der Beratung an, daß der Januar für ihn die Zeit der 
Höchstspannung bedeute, andere nannten den Herbst und 



viele konnten überhaupt keine Mitteilung darüber machen, 
sei es, weil sie nichts beobachtet hatten, sei es weil sie gar 
nicht wußten, daß es das gibt. 

Der Stundenrhythmus. 

Außer dem Jahres- ist noch der Monats- und der Stunden- 
rhythmus von Bedeutung. Im allgemeinen wird für letzteren 
angenommen, daß der sinkende Tag und die Nacht bevorzugt 
sind. Ich habe aber so viele Ausnahmen davon gesehen, daß 
ich vermute, es handelt sich hier nicht so sehr um eine 
Natur-, als vielmehr um eine Gelegenheitsgewohnheit, die 
aus unserer Lebensweise stammt. 

Daß die Gewohnheit eine starke Rolle spielen kann, habe 
ich aus Fällen gelernt, wo Frauen gewöhnt waren, außerehe- 
liche Beziehungen aus technischen Gründen in die Stunden 
am späten Nachmittag zu verlegen. Sie waren dann auch 
innerhalb der Ehe gerade in dieser Tageszeit sehr empfang- 
lich und entgegenkommend, während sie nachts kühl blieben. 
Diese Bindung an das bekannte „de cinq ä sept" (yon 5—7 
Uhr) der französischen Romane habe ich in der Literatur 
wiederholt gefunden. u , _, , „ 

Viele bezeichneten den Morgen als ihre „beste Stunde 
und der alte Mantegazza, sowie viele andere mit ihm, haben 
schon behauptet, daß dies das Richtige und Wahre wäre. Ich 
glaube nicht, daß sich hier eine Bewertung aufstellen laßt. 
Im gesamten Liebesleben ist immer nur dasjenige das Beste, 
was für einen bestimmten Menschen in einem ganz bestimm- 
ten Augenblick gerade das Erwünschte ist. Deshalb ist es 
auch keineswegs bedeutungslos, ob zwei Menschen zusam- 
mentreffen, deren Grundrhythmus der gleiche ist oder ein 

verschiedener. . -„^„„v^ 

Wir finden in der Literatur — meist ms Humoristische 
abe-eboeen — sehr häufig Ehen, deren Mißstimmigkeiten 
daher stammen, daß der eine Teil gern schlafen mochte 
wenn der andere gerade munter ist und umgekehrt. Das ist 
aber ear nicht heiter, sondern zweifellos wirklich eine große 
Schwierigkeit und es gehört zu den Zukunftshoffnungen, daß 
^nThen, ehe sie ein! dauernde Bindung eingehen, sich auch 
mTesem Punkt kennen lernen. Wozu gar nicht ein sexuelles 
Kennenlernen nötig ist, denn hier wie überall ist das Liebes- 

7* 



100 



gehaben nur ein Symptom für die gesamte Grundeinstellung 
zum Leben. Wer der Liebe am Morgen mehr zuneigt als am 
Abend, wird gewöhnlich auch gern sein ganzes übriges Tag- 
werk früh beginnen und lieber nicht allzu spät beenden, 
wahrend die andern morgens im allgemeinen schwer aus dem 
Bett finden und dann so lang als möglich wach bleiben 
wollem Auch die Laune, die gesamte Stimmung, wechselt 
danach; die emen sind am Beginn des Tages gesprächig und 
anschlußfreudig, die andern sind es gegen Abend. Und 
ebenso wollen manche morgens allein und in Ruhe sein 
andere wieder abends. Es ist ganz sicher, daß aus diesem 
ungleichen Stundenrhythmus Komplikationen und Belastun- 
gen im Liebesleben erwachsen können. 

Wohl kann Einfühlung und Anpassung sehr viel ausglei- 
chen, aber heller, beschwingter wird das gemeinsame Erleb- 

"£ ™£ v . on Be S™ £ «■ diesem Punkt Gleichklang 
herrscht. Deshalb ist es wichtig, das Wissen vom Vorhanden- 
sein eines Rhythmus, von seiner Bedeutung und der Art wie 

zTi e vX*t7n rden kajm und beachtet werden muß > «sys 

Der Versuch, dabei für alle gleichermaßen Feststehendes 
zu sagen wird allerdings immer scheitert Wann wYe oft 
Z Tw aS k £ n ?..™mals allgemein gütig entschieden wer- 
MMUM a dG -? 5 inzelnen kan * keine feste Regel 
fn^, Werde £ T eÜ diese Fra ^ en nicht ™ bei jedem 
m£?^Sj27»S& f° ndern auch inn erhalb des Einzel- 
S S Wo?T m Wech * el Verworfen sind. Das kluge alte 
mS?nS^ ^ £"J™! ^ em Andern sin Nachtigall« 
Sä£! t± hlII 1 e r^ tert r rd ? n ' daß auch im Lauf des 
KTw^^Ä* ? U f der EuIe eine Nachtigall werden 
fSL^S umgekehrt. Jeder muß für jeden dfs Richtige 
finden und das kann er nur, wenn er sich die Mühe nimmt, 
nn m allen seinen Lebensreaktionen zu beobachten, ihn 
kennen zu lernen. Kennenlernen aber heißt wissen, wie ein 
bestimmter'. Mensch in bestimmten Situationen auf be- 
stimmte Eindrücke reagieren wird. Um nun den Mitmen- 
schen, als welcher der Liebespartner ja in erster Linie gelten 
muß, kennen lernen zu können, muß man eine gewisse Ein- 
sicht haben in alles, was mit dem Geschlechtsleben zusam- 
menhängt, denn am meisten wird hier aus Unkenntnis ge- 
sündigt. Darum haben alle Anleitungen, auch wenn sie theo- 



101 

retisch nichts endgiltiges und praktisch nichts allgiltiges zu 
geben vermögen, ihren großen Wert und ihre volle Berech- 
tigung. Sie vermitteln neue Einsicht in die Zusammenhänge, 
sie regen den Einzelnen dazu an, daß und wie er zu be- 
obachten hat. Weiß er das erst einmal und ist sein Wille 
darauf gerichtet, den Andern als gleichberechtigt und nicht 
nur als Ergänzung für sich gelten zu lassen, dann wird 
er praktisch leichter das Richtige finden und so sich und 
den Liebespartner vor jenen allergröbsten Schäden bewahren, 
die aus der Unkenntnis entstehen. 

Der Monatsrhythmus. 

Die wüsteste Unkenntnis aber herrscht noch immer auf 
einem besonders heiklen und darum besonders beachtens- 
werten Gebiet, nämlich in der Einstellung zur Menstruation 
der Frau. 

Das stammt noch aus der alten, früher sehr verbreiteten 
Ansicht, daß man von heiklen Themen am besten ganz^ Ab- 
stand nimmt. Heute haben wir gelernt, daß Klarheit^ und 
Wissen niemals schaden, sondern nur nützen können. Die 
spezielle Problematik der Menstruationserscheinung, ihre 
psychische Auswirkung und alles, was damit zusammen- 
hängt, wird an anderer Stelle besprochen. Hier beschäftigt 
uns nur die Frage, inwieweit sie für Wunsch oder Ablehnung 
im Sexualverkehr eine Rolle spielt. Damit halten wir beim 
Monatsrhythmus. 

Die Meinungen der Ärzte darüber, ob die Frau während 
dieser Zeit dem Geschlechtsverkehr mehr als sonst oder we- 
niger zuneigt, weichen sehr voneinander ab. Manche glauben 
in dieser Zeit ein besonders starkes Bedürfnis nachweisen 
zu können, andere eine völlige Ablehnung. Auch die Er- 
fahrung ist vertreten, daß bei sonst gänzlich unempfindli- 
chen Frauen gerade nur in dieser Zeit heftige Wünsche vor- 
handen sind. 

Man muß hier noch vorsichtiger mit Behauptungen sein 
als sonst, weil die traditionelle Ansicht von der Unreinheit 
der Frau' in dieser Zeit, die jeden Verkehr ausschließt, sich 
auch dahin auswirkt, daß die Frauen glauben, in diesen 
Tagen keineWünsche haben zu dürfen. Bekommt 
man schon im allgemeinen selten die Wahrheit über eigene 



I 



102 

Sexualbedürfnisse von Frauen zu hören, so noch weniger zu 
diesem Thema. Man muß darum nicht nach ihren Berichten 
darüber allein urteilen, sondern nach dem, was sie über ihr 
sonstiges Verhalten erzählen. 

Aus der Erfahrung meiner Beratungsstunden habe ich 
nichts gefunden, was auf Interesselosigkeit der Frauen wäh- 
rend dieser Tage schließen ließe. Ich hörte im Gegenteil, daß 
sexuelle Träume da ganz besonders häufig, sehr intensiv und 
mit stärkster Auslösung auftreten. Meine Vermutung, daß 
diese Träume auf mechanischem Weg durch eine von vorge- 
lagerten Watte- oder Leinenbäuschen ausgehende Reizung 
hervorgerufen sein könnten, hat sich nicht bestätigt. Bei 
vielen Frauen kam später noch zutage, daß auch der wirk- 
liche Verkehr sehr gesucht, oft entgegen der Befürchtung 
gesundheitlicher Schädigung geübt und besonders stark ge- 
nossen wird. ° 

Ich wage nicht zu behaupten, daß diese Ergebnisse 
eine Deutung von verstärktem Rhythmus in dieler Zeit 
zulassen. Manches war darunter, was den Verdacht nahe- 
legte daß noch eine andere Komponente dabei mit im Spiel 
war. Es zeigte sich eine manchmal ausgesprochene, meistens 
aber nur fühlbare Genugtuung darüber, daß der männliche 
Partner vor einer Schranke nicht zurückschreckte, die als 
übliche galt, daß also sein Begehren groß genug war, um 
Grenzen zu überschreiten, was die Frauen sichtlich freute. 
Unter den Forschern, welche sich mit dem Problem des 
monatlichen Sexualrhythmus beschäftigen, ist es besonders 
Frau Dr. S t o p e s, eine englische Autorin, die diese Frage 
zum Kernpunkt ihres Buches „Das Liebesleben in der Ehe" 
(Verlag Füßli, Zürich) gemacht hat. Die aus ihren Unter- 
suchungen gezogenen Schlüsse gehen dahin, daß die weib- 
liche Vitalität innerhalb von 28 Tagen zweimal für kurze 
Zeit deutlich bemerkbar ansteigt. Zum erstenmal in den letz- 
ten 2 — 3 Tagen unmittelbar vor der Menstruation. Nach Be- 
endigung derselben folgen 8 — 9 stille gleichmäßige Tage, 
denen eine neuerliche Erhebung folgt, die wieder 2 — 3 Tage 
umfaßt, so daß die eine Spitze von der andern genau durch 
einen halben Monat getrennt ist. Die Menstruationszeit selbst 
fand sie ohne Wünsche. 

Frau Dr. S t o p e s glaubt, die mosaischen Ehevorschrif- 
ten über den geschlechtlichen Verkehr auf diese Periodizität 






. • 



103 

zurückführen zu können. Nach dem jüdischen Gesetz soll 
sich die Frau, vom Tage der Menstruation an gerechnet, 
12 Tage lang des Verkehrs enthalten, was wirklich eine ge- 
wisse Übereinstimmung mit den Kurven von Frau Dr. Stopes 
zeigt. Sie gibt allerdings zu, daß Überarbeitung, unruhiges 
Leben, schlechte Ernährung und ähnliche äußere Umstände 
herabdrückend wirken können, was in der zweiten graphi- 
schen Darstellung ihrer Kurve gezeigt ist (Abb. 11). Aus 
der gleichen Abbüdung ersieht man auch, daß ein Erholungs- 
aufenthalt der erschöpften Frau ihre Vitalität rasch zurück- 
gegeben hat. 

Trotz dieser kleinen Schwankungen meint Frau Dr. Sto- 
pes, diese einem Uhrwerk ähnliche Regelmäßigkeit bei ge- 
sunden Frauen so oft gefunden zu haben, daß sie in ihrer 
Beachtung einen nahezu sicheren Weg zur Höchstbeglückung 
der Frau sieht. Es folgen nun Ratschläge, wie der Mann es 
anstellen soll, sein Verlangen diesem Rhythmus anzupassen 
und ich meine, da wird ein wenig zu viel von ihm verlangt. 
Hier schlägt ein bißchen der heute längst überholte und 
durchaus abzulehnende Standpunkt der allerersten Frauen- 
pmanzipation durch. Damals war das Prinzip des Aug' um 
lug' Zahn um Zahn, dieses „Du hast mir Unrecht getan, 
n.m sollst du sehen, wie das ist", wenn auch nicht berechtigt, 
«-T doch begreiflich. Jeder gewaltsame Befreiungsversuch 
reiftt Dämme tiefer nieder, als unumgänglich nötig wäre. 
Aber heute dürfen wir Frauen nicht mehr so denken, dürren 
nun nicht unsererseits dem Mann Unrecht tun. 

Auch er hat seinen Monatsrhythmus, der, wenngleich er 
nirht durch äußere Zeichen sichtbar wird, sein Seelenleben 
Soch stark beeinflußt, sich in Hoch- und Tief sümmungen 
ausdrücS und selbstredend auch im Sexualleben auswirkt 
Sf Theorie Fließ-Swoboda gibt genauen Einblick m .diese 
Period Sät des Mannes, die, wenige Tage kurzer als die- 
Se der Frau, nicht einfach übergangen werden ka^-Sie 
muf genau so beachtet und beide müssen miteinander in 

m ^%^^^^ könnte, kann hier im einzelnen 
nicM ausgeführt werden. Wir werden es im Zusammenhang 
mi P tandfr?n fragen der Übereinstimmung behandelt finden 
und wenden uns nun einem neuen, sehr wichtigen Problem 
fernem Rhythmus, der gleichfalls bei Mann und Frau ver- 



104 , 

schieden ist und ebenfalls in Einklang gebracht werden muß, 
wenn das Liebeserlebnis glücken soll. Das ist der nach dem 
Geschlecht unterschiedliche Rhythmus bei Ansteigen und 
Abklingen des Sexualaktes. 



Der Rhythmus des Aufstiegs. 

Der letzte Antrieb zur sexuellen Vereinigung setzt beim 
Mann meist plötzlicher ein als bei der Frau, steigt jäh an, 
fällt steil ab und verklingt ziemlich rasch. Die Frau kommt 
im allgemeinen langsamer in Erregung, erreicht auch die 
Hohe des Genusses auf sanfteren Wegen als der Mann und 
gleitet sachter als er in einen länger nachklingenden Ab- 
schluß zurück. 

Fast scheint es, als ob eine so tiefgehende Verschiedenheit 
überhaupt nicht ausgleichbar sei, und tatsächlich bildet diese 
Frage auch das Kernproblem aller Reformvorschlä^e samt 
lieber Sexualtheoretiker. Von allen Seite™ regne es Rat 

SÜÄ ; eme 71^ aU ? . nur andeutungsweise Wiedergabe 
der dabei empfohlenen technischen Lösungen würde für sich 
allem schon ein Buch füllen. Ich wählte dar^L nur Tillen 
einzigen Autor und von ihm wieder nur einen einzigen Satz 
— aber er enthalt alles, was zu diesem Punkt zu sagen ist. 

«Jfe? ™} T n ^ bei • an *"* ^^sche Legende erinnert, die 
ro ! H* & f ^ emen Kö nigssohn die Quintessenz aller 
Weisheit aus Büchern gesammelt werden sollte. Zuerst 
kamen ganze Karawanen mit Büchern beladen: davon wurde 
das Wichtigste ausgewählt. Es blieb eine Kamelladung voll 
weiser Bucher übrig; davon wurde wieder das Wichtigste 
ausgewählt. Da blieb ein einziges Buch übrig. Und als man 
auch hier das unwesentliche ausschied, da blieb ein einziger 
Satz übrig und der hieß: „sie lebten, litten und starben." 
Damit war alle menschliche Weisheit erschöpft. 

Unser Satz heißt: „Laß die Ehe niemals mit einer Ver- 
gewaltigung beginnen!" (Ne commencez jamais le mariage 
par un viol) und es ist H o n o r e d e B a 1 z a c, der in seiner 
„Physiologie der Ehe" dem Mann diesen Ratschlag erteilt. 
Nichts braucht mehr hinzugefügt zu werden für den, der das 
richtig versteht, und alle Ratschläge, und wären es viele 
Karawanen voll, können dem nicht helfen, der diese letzte 



-*. 



105 

Weisheit nicht innerlich erfaßt. Wir wollen uns ein wenig 
damit auseinandersetzen. 

Daß damit nicht Vergewaltigung der Frau im Sinn der 
brutalen Gewalt gemeint ist, braucht wohl kaum gesagt zu 
werden. Erstens gibt es die nicht; eine Frau kann, rein tech- 
nisch genommen, von einem einzelnen Mann überhaupt nicht 
vergewaltigt werden, es wird aber auch kaum ein Mann 
diesen Weg beschreiten. Hingegen fällt alles, was ein 
Mann zur Durchführung der Vereinigung 
unternimmt, ohne der Bereitschaft der 
Frau sicher zu sein, unter den Begriff der 
Vergewaltigung, wie er hier gemeint ist. Hat 
ein Mann das einmal begriffen, nicht mit dem Verstand, das 
genügt nicht, sondern als innerliches Erlebnis, dann erübri- 
gen sich alle die vielen Leitfäden für das sogenannte „Vor- 
spiel", das mit so ausführlicher Deutlichkeit von manchen 
Autoren behandelt und dessen mannigfache Spielarten als 
mechanischer Ausgleich des bei Mann und Frau verschie- 
denen Anstiegtempos empfohlen werden. 

Hat ein Mann das aber nicht begriffen, nicht innerlich 
bejaht, dann möge er sich auf das sorgfältigste vor der Be- 
folgung dieser mechanischen Anweisungen hüten. Läßt er 
sich doch darauf ein, dann ist ihm das Los des Esels sicher, 
der Schoßhund spielen wollte und er wird dann auch so wie 
dieser, statt der erwarteten Zärtlichkeiten nur Abweisungen 
und Püffe ernten. 

Hier muß einmal prinzipiell Stellung genommen werden 
zu all jenen Sexualanleitungen, die das Geschlechtsleben be- 
handeln, als ob es ein zu erlernendes Handwerk wäre. Das 
ist es nicht, und die allgütige Natur möge gnädigst verhüten, 
daß es jemals eines werde. Es soll uns immer die hohe Kunst 
bleiben, die höchste, die zu erlernen uns im Leben gegeben 
ist. Also doch erlernen? Welcher Widerspruch! 

Gar kein Widerspruch. Auch hier kommt Kunst von 
Können und alles Können muß lernend erworben werden. 
Aber zu glauben, daß Gelerntes allein genügt um zu schaffen 

und erst das Schöpferische macht den Künstler aus — , 

das zu glauben und gar auf das Liebesleben anzuwenden, das 
ist ebenso schlimm, wie gar nichts gelernt zu haben. 

Darum würde ich Bücher, welche die Liebe, auch die kör- 
perliche, vom Mechanischen allein her zu erfassen suchen, 



106 



niemals irgend jemandem in die Hand geben, ohne ihn zu- 
gleich vor dieser Mechanisierung zu warnen. Gewiß ist es 
nötig, daß wir alles lernen, was mit den körperlichen Be- 
dingtheiten des Geschlechtslebens zusammenhängt, als da 
sind: erogene, das heißt leicht erregbare Zonen des Körpers, 
die Art, wie man den Reiz hervorrufen, steigern und befrie- 
digen kann, die verschiedenen Varianten davon und manches 
andere — , alles das zu wissen ist gut und nützlich. Vor 
dem Versuch aber, dieses Wissen nun auf die Praxis zu 
übertragen, einfach als Wiedergabe und Anwendung des Ge- 
lernten, kann gar nicht genügend gewarnt werden. Eine ein- 
fache, primitive Vereinigimg, bei welcher die Frau un- 
empfindlich bleibt, ist für sie schon schlimm genug und 
schwer zu ertragen, aber tausendmal schlimmer und schwe- 
rer wird es für sie, wenn der Mann ihr Mitgehen durch 
äußerliche Reizungen zu erreichen sucht, ohne dabei 
ihre innere Bereitschaft zu wecken. Entweder sie bleibt 
davon unberührt, dann verlängert und verstärkt sich für sie 
einfach der peinliche Zustand eines Menschen, der tanzen soll 
und die Musik nicht hört, oder es gelingt auf mechanischem 
Weg, Begehren und Auslösung hervorzurufen (was zweifel- 
los möglich ist), dann bleibt jene trübe Unlust zurück, 
welche so viele Frauen empfinden, ohne ihren Grund zu 
kennen. 

Der alte Ausspruch: post coituf omne animal triste est 
(alle Kreatur ist nach der Vereinigung traurig) hat mir viel 
Kopfzerbrechen gemacht. Es steht so sehr im Widerspruch 
mit der frohen Beschwingtheit, die Menschen nach einer ge- 
glückten Vereinigung empfinden. Ich glaube nun, aus den 
Berichten meiner Ratsuchenden den Schlüssel gefunden zu 
haben. Es bleibt wirklich immer eine dumpfe Trauer zurück, 
dort, wo die Vereinigung nur vom körperlichen ausgehend 
geglückt ist. Das gleiche Unlustgefühl stellt sich auch nach 
der Onanie ein, selbst wenn diese zur vollen Auslösung ge- 
führt hat. Es scheint eben immer dort aufzutreten, wo die 
Erregung und Entspannung durch äußerliche lokale Reizung 
herbeigeführt wurde, ob dies nun am eigenen Körper oder 
unter Zuhilfenahme eines Partners geschieht. Die Sexual- 
vereinigung ist nun einmal auf Gemeinschaft aufgebaut und 
kann nicht vollständig glücken, wenn nicht alle Elemente 
des Individuums diese Gemeinschaft bejahen. In diesem 



107 

Sinn müßte man eigentlich alles als Onanie bezeichnen, was 
durch lokalen Reiz zur körperlichen Ekstase führt, ohne ein 
seelisches Mitgehen ermöglicht zu haben. Gleichgiltig, ob 
allein oder mit einem Partner, das Kriterium dafür ist jene 
trübe Trauer. 

Sie tritt hingegen nicht auf, wenn eine innerliche 
Bereitschaft, ich möchte sie eine allgemeine 

Blutsbereitschaft 

nennen, vorhanden ist. Die Erweckung dieser Blutsbereit- 
schaft erst ist jenes Schöpfertum, welches das Handwerk 
zur Kunst erhebt. 

Diese Unterscheidung ist so wichtig, daß eine genauere 
Auseinandersetzung darüber unerläßlich ist. 

Der Name, mit dem ich es bezeichne, hat sich mir gleich- 
falls aus den Berichten der Frauen aufgedrängt. Bei den 
Schüderungen ihrer Erlebnisse erwähnten sie überraschend 
oft ein Gefühl, als ob das Blut in allen Adern ganz heiß nach 
außen, über den ganzen Körper hin verströmt und verteilt 
sei. Bei anderen Erlebnissen berichteten sie wieder, daß es 
ihnen so sei, als ob es sich nach innen wende, den Körper 
gleichsam erkalten lassend. Es handelt sich dabei keineswegs 
um frigide Frauen ohne Gefühlserlebnis, sondern sie mach- 
ten diese Unterscheidung innerhalb solcher Vereinigungen, 
die alle zur Auslösung geführt hatten. Ich begriff nach und 
nach, was sie meinten und konnte feststellen, daß die „kalte 
Form" immer dann auftrat, wenn die Frauen, ohne es mit 
ihrem ganzen Wesen zu verlangen, nur durch mechanische 
lokale Erregung zur Auslösung geführt worden waren. Dann 
blieb danach auch jene unbestimmte Trauer zurück. Sie 
fehlte gänzlich dort, wo ein allgemeiner Wesenswunsch die 
Frau zum Sexualakt geführt, wo also wirklich das ganze 
Blut danach verlangt hatte. 

Nun muß noch ein Mißverständnis verhütet werden, das 
hier leicht auftauchen kann. Es könnte scheinen, als ob es 
sich dabei einfach um die Unterscheidung zwischen den mit 
oder ohne Liebe vollzogenen Vereinigungen handelte. In sol- 
chen Fällen finden wir solchen Unterschied selbstredend 
auch. Aber dies ist hier nicht gemeint, hier trat die Unter- 
schiedlichkeit innerhalb der Beziehung zum gleichen und 



108 

geliebten Mann auf, je nachdem, ob er den Moment des 
innerlichen Mitgehens der Frau abgewartet hatte oder nicht. 

Dieses Blutsverlangen, das sich grundlegend unterscheidet 
von dem durch örtliche Reizung entstandenen, kann auch 
dann hervorgerufen werden, wenn auf Seite der Frau noch 
keine wirkliche Liebe vorhanden war und es fehlt anderseits 
oft gänzlich und leider sogar auch dauernd trotz vorhan- 
dener, zärtlichster Liebe. Es ist der tragende Grundpfeiler 
jedes vollkommenen Liebesgenusses und durch nichts ersetz- 
bar. Es ist auch durch kein noch so gut vorbereitetes und 
ausgeführtes „Vorspiel" zu erwecken, wenn dieses erst im 
Augenblick der Vorbereitung zum Sexualakt unter Außer- 
achtlassung anderer Bedingungen einsetzt. Eine Frau, die 
kleine oder große Differenzen mit dem Mann gehabt, die 
unter seiner allgemeinen schlechten Laune, unter Nörgeleien, 
unter Brüskierung, unter Vernachlässigung gelitten hat oder 
die selbst über irgend etwas verstimmt ist, wird durch kein 
noch so wirksames, körperliches Liebesspiel aus dieser Hem- 
mung ihres ganzen Wesens gelöst werden, wenn der Mann es 
nicht versteht, eben ihr innerstes Wesen mitzulocken und zu 
losen. Und so hängt es eigentlich von der ersten Begrüßung 
schon ab, ob das Vorspiel glücken wird oder nicht. 

Ich möchte hier nicht mißverstanden werden; ich weiß 
natürlich, daß der Mann nicht täglich vom frühen Morgen 
an daran denken kann, ob er tagsüber genug rücksichtsvoll 
ist, um den Abend glücklich vorzubereiten. Das ist hier nicht 
gemeint und ist auch nicht nötig. 

Was gemeint und was absolut nötig ist, das ist die allge- 
meine, rücksichtsvolle Einstellung des Mannes gegenüber der 
Frau. Daß er nicht nur seinem Zustand Rechnung trägt, 
sondern auch den ihren versteht und achtet. Man vergesse 
doch nicht, daß etwas sehr entscheidendes bei allen diesen 
Fragen mitspielt und das ist 

das sexuelle Gedächtnis des Körpers. 

Der Körper vergißt nicht, er behält seine guten 
und seine bösen Erfahrungen sehr treu im Gedächtnis und 
eine gute Erinnerung wird den Weg auch unter zufällig ein- 
mal erschwerten Bedingungen ebensosehr erleichtern, wie 
eine schlechte Erfahrung ihn auf lange hinaus verrammeln 
kann. 



• 



■5— 



109 

Darum ist auch das Wort Balzacs von so großer Bedeu- 
tung. Der Beginn ist entscheidend. Wobei gar 
nicht so sehr von Wichtigkeit ist, ob man einander gleich 
beim ersten Mal vollständig und restlos versteht. Einzig ent- 
scheidend bleibt die Art und Weise, wie es eingeleitet wird. 
Nochmals: laßt es nie eine Vergewaltigung werden! 

Und nun zurück zum Unterschied zwischen dem männ- 
lichen und dem weiblichen Anstiegstempo, der unleugbar 
besteht. 

Aber worin besteht er? Ist er wirklich eine absolute Na- 
turnotwendigkeit ? 

Ich glaube das nicht im vollen Maß. Ich glaube vielmehr 
daß er zum größten Teil aus unseren Kulturbedingungen er- 
wachsen ist, die dem Mann die werbende, der Frau die ab- 
wartende Rolle zudiktieren. Dadurch setzt der erste Antrieb 
zur Vereinigung im allgemeinen überhaupt erst dann ein, 
wenn beim Mann eben schon ein Wunsch vorhanden ist, den 
die Frau aber meistens noch gar nicht teilt. Selbst bei glei- 
chem, naturgegebenem Tempo bliebe sie allein dadurch beim 
Start schon um eine Stufe zurück, sie muß erst dahin gelan- 
gen, wo der Mann beim Beginn schon war. Wie soll sie das 
aufholen, wenn ihr Tempo nun wirklich auch noch langsamer 
ist? Da wäre es eigentlich logisch und nützlich, den Wunsch 
der Frau als das Zeichen zum Beginn der Werbung überhaupt 
abzuwarten. Trotzdem ist die übliche Praxis durchaus die 
umgekehrte, also eigentlich widersinnig, wie soll das also je 
gut ausgehen? 

Aus der Schule geplaudert. 

Hier darf aus der Praxis ein Wort des Trostes den durch 
so viel Erwägung schon ganz kopfscheu gemachten, armen 
Mann beruhigen. Ich verrate damit ein Geheimnis und plau- 
dere aus der Schule. Aus der Schule der Frauen, bei denen 
ich gelernt habe. Aber ich tu es gern und sie werden es hof- 
fentlich ebenso gern verzeihen, denn es geschieht im In- 
teresse beider Geschlechter. 

Es ist nämlich gar nicht so weit her mit diesem berühm- 
ten und angeblich so entscheidenden Unterschied im Tempo. 
Auch seine Konsequenzen sind nicht so tragisch. Es gilt dafür 
das gleiche wie für alles, was innerhalb des Liebeslebens 



f 

110 

« 

und des ganzen menschlichen Zusammenlebens bedeutungs- 
voll ist: man muß es in seinen Zusammenhän- 
gen verstehen und nicht achtlos daran vor- 
beigehen. Dann ist es schon nicht mehr halb so schlimm, 
als wenn man unwissend oder rücksichtslos an die Dinge 
herangeht. 

Und so auch hier. Versteht der Mann es überhaupt, sich 
auf die zu ihm gehörige Frau einzustellen, dann wird auch 
der gemeinsame Anstieg keine sonderlichen Schwierigkeiten 
bereiten. Ohne diese Gesamteinstellung hingegen wird keine ■-. 

technische Erläuterung oder Erleichterung viel helfen. 

Denkt der Mann dabei mehr an sich als an seine Gefährtin, 
dann wird alles schief gehen, da mag er so geschickt und 
technisch bewandert sein, als er nur immer will. Empfindet 
er hingegen das Geschlechtsleben als das, was einzig und 
allein imstande ist, es zum Liebesleben zu erhöhen, nämlich 
als eine wirkliche Zweisamkeit, dann wird alles, was 
er weiß, und noch vieles mehr, was er vorher gar nie ge- 
wußt hat und jetzt erst findet, zum zweckdienlichen Mittel. 
Es kommt dann gar nicht darauf an, was er tut, alles, was 
aus der richtigen Erkenntnis erwächst, ist dann das Richtige, 
so wie alles zwecklos bleibt, wenn man nicht auf den Partner 
abgestimmt ist. 

Diese Erfahrung habe ich aus all dem Material, sei es 
theoretisch gefunden, sei es praktisch erworben, immer 
wieder gewinnen müssen. Es ist das Um und Auf jeder Be- 
ziehung. 

Deshalb erscheint es mir töricht, Menschen mit allzuviel 
Mechanismen vollzustopfen. Wenn sie den Willen zur Ge- 
meinsamkeit nicht haben und nicht die Selbstzucht, ihn auch 
in die Tat umzusetzen, wird all ihr Tun für den Andern 
taubes Erz bleiben, aus dem kein Funken springen kann. 
Nur in wirklicher Gemeinschaft kann sich das Feuer ent- 
zünden. 

Nun darf man aber nicht in den umgekehrten Fehler ver- 
fallen und meinen, daß diese allein- und allseligmachende 
Gemeinschaft eine Gnade von oben wäre, auf die man nur zu 
warten braucht, und die einem zufällt oder nicht. 

Ganz im Gegenteil ! In härtester Selbsterziehung nur kann 
der Weg dazu gefunden werden. Denn will man beim andern 
keine Hemmnisse entstehen lassen, dann muß man zuerst 






L 



111 

sich selbst davon befreit haben. Nur aus der seelischen Si- 
cherheit, die schon Stendhal — tausendfach mit Recht — 
als unerläßliche Grundlage des Glückes bezeichnet, kann die 
göttliche Gabe der Zweisamkeit erwachsen. Diese Sicherheit 
aber erwirbt nur, wer wirklich im Innersten der Ichsamkeit 
abgedankt und zum Du gefunden hat. 

Nun noch ein sehr wichtiger Punkt. Es wird meistens nur 
von dem gesprochen, was den Ausgleich beim Anstieg för- 
dern kann und nur sehr wenig davon, was danach angetan 
ist, ihn zu hemmen. Da gibt es z. B. Fragen, Ausrufe, Kose- 
worte, die sehr am Platz sind — wenn sie am Platz sind! 
Wenn nämlich der andere auch Freude daran hat. Sie wirken 
tötlich, wenn die Freude nicht geteilt wird. Das kann man 
schon in viel einfacheren, von Störungen nicht so sehr be- 
drohten Situationen des täglichen Lebens erfahren. Die an 
sich durchaus berechtigte Frage: liebst du mich? z. B. kann 
allein schon für den Augenblick beim Andern alles Gefühl 
abschnüren, wenn er gerade nicht in der Stimmung ist, ge- 
fragt zu werden. Vielleicht wird er trotzdem mit ja ant- 
worten, aber es wird schon nicht mehr ganz so wahr sein, 
als bevor er befragt wurde. In Schnitzlers „Grüner Kakadu" 
ist diese Situation sehr hübsch ausgeführt. Da stellt der 
fange Marquis diese Frage immer wieder an die Dame seines 
Herzens, sie bejaht wohl, aber immer ungeduldiger, deutlich 
uninteressierter und als er neuerlich fragt, antwortet sie — 
und man merkt, daß sie nun schon am liebsten „nein" sagen 
möchte: „Ja, aber fragen Sie mich nicht so oft!" 

Gilt solches schon vom alltäglichen Verkehr, wo es nicht 
von so tragender Bedeutung ist, wie sehr erst dann, wo es 
darauf ankommt, alles aufs sorgfältigste zu vermeiden, was 
der andere nicht mag und was ihn stört. Nun ist das aber 
auch so eine zweischneidige Sache mit dem Stören. Wenn 
das Fragen meine Freude hebt, läßt sich hier einwenden, 
warum soll ich darauf verzichten, dadurch erleide doch wie- 
derum ich Einbuße an Freude, das stört dann mich? Warum 
soll ich auf den andern mehr Rüchsicht nehmen, als auf mich 

selbst ? 

Dieser scheinbar logische Schluß ist ein Trugschluß. Das 
ist nämlich das Merkwürdige an diesen Dingen; es liegt 
im tiefsten Wesen des Liebeslebens, daß 
nichts dem Einen dauernd Freude zu sehen- 









112 

ken vermag, wenn es vom Andern nicht ge- 
teilt wird. Und so ist der Verzicht auf eigene Gewohn- 
heiten, auch wenn es eine augenblickliche Einschränkung be- 
deutet, immer noch ein geringeres Übel, als die Einbuße an 
Freude, die man erleidet, wenn man den Partner durch ihm 
Unerwünschtes auch nur vorübergehend gestört und damit 
abgekühlt hat. 

Beim ersten Zusammensein kann man natürlich trotz aller 
Einfühlung noch nicht so genau wissen, was der eine 
wünscht und was der andere ablehnt. Aber hier setzt nun 
eben das Vermögen zum Einfühlen ein und wer an Gewohn- 
heiten, und wären sie an sich noch so bedeutungslos, fest- 
hält, die vom Andern nicht geteilt werden, der untergräbt 
sicher und systematisch jenes volle Mitgehen, das für jede 
geglückte Liebesbeziehung unerläßlich ist. 

Wenn man also merkt — und den andern zu be- 
merken, nicht in Isolierung zu versinken, 
ist und bleibt immer oberstes Gebot! — 
wenn man sieht, daß Zurufe, Fragen. Koseworte und ähn- 
liches ihr Echo nicht finden, dann wird man sehr wohl daran 
tun, sie weiterhin zu unterlassen. Man wird besser dabei 
wegkommen, als wenn man, ein Shylock der Liebe, strikt auf 
seinem eigenen Schein besteht, denn eine für des Anderen 
Empfinden unangemessene Art der Gefühlsbezeugung kann 
einer Beziehung ganz ebensosehr schaden, wie Gefühl- 
losigkeit. 

Der Gipfel. 

So viel über den gemeinsamen Anstieg. Ist er geglückt, 
dann ist über den Gipfelpunkt nichts zu sagen, dann ist er 
eben von Beiden zugleich erreicht, und damit die äußerste 
Glücksmöglichkeit, die immer das letzte Ziel bleiben wird. 
Wie dies beim Einzelnen verläuft, weiß Keines vom Andern. 
Wir wissen nicht einmal, ob bei Frau und Mann ganz das 
gleiche Gefühl sich einstellt. Wir werden es auch kaum je 
wissen, denn in genaue Worte fassen läßt es sich nicht. Wer 
es erlebt hat, der kennt es, und wer es nicht erlebt hat, dem 
kann man es ebensowenig erklären, wie man Einem, der ohne 
Geruchssinn ist, den Duft der Blumen schildern könnte. Aus 
den wahrnehmbaren Reaktionen aber darf man schließen, 






IX 




Der Traum der Maya 

Indische Verherrlichung der männlichen Potenz in Gestalt eines 

mächtigen Tieres, ähnlich dem bei uns vielfach dargestellten 

Motiv der Europa mit dem Stier 



Kalkutta, tndian Museum 



113 

daß Mann und Frau dabei bis zur Gleichartigkeit ähnlich 
empfinden. Über das geglückte Experiment also ist nichts 
weiter zu sagen. 

Wenn es aber nun nicht glückt? Wenn die verschiedenen 
Rhythmen sich nicht angleichen, Anstieg und Gipfelpunkt 
nicht gleichmäßig genommen werden? Die allgemeine Be- 
fürchtung ist, daß die Frau zurückbleibt und tatsächlich ist 
das auch der häufigere Fall. Aber ein Unglück ist es auch 
nicht, dazu wird es erst, wenn der Mann nur an sich denkt. 
Ist sein Trachten darauf gestellt, den Wegkameraden nicht 
unbefriedigt zurückzulassen, dann wird er auch Mittel und 
Wege dazu finden. Wir sagten schon, daß die Bereitschaft 
der Frau dafür das entscheidende ist. Wenn die geweckt 
wurde, dann gibt es genügend Möglichkeiten, Ausgleich zu 
schaffen. Sie zerfallen, grob genommen, in zwei Gruppen, 
in ein Vorher und ein Nachher. 

Gut disziplinierte, auf ihre Partnerinnen achtsame Män- 
ner werden das Zurückbleiben bald bemerken. Da ihre phy- 
siologische Beschaffenheit ihnen nicht leicht erlaubt, auf die 
übliche Weise den ganzen Weg gleich zweimal zurückzulegen, 
sie aber doch nicht allein ankommen wollen, werden sie 
durch Ersatzhandlungen erst einmal die Frau allein zum Ziel 
führen. Und hier verrate ich weiterhin das Geheimnis. Haben 
sie es verstanden, die Frau innerlich gut vorzubereiten, dann 
brauchen sie sich nicht allzusehr den Kopf über die detail- 
lierte Durchführung zu zerbrechen, dann wird der Frau im 
allgemeinen jeder Weg recht sein, der sie zum Ziel führt und 
einer so lieb wie der andere. Ist sie einmal dort, dann wird 
sie nicht nur geduldig, sondern gern warten, bis der Mann 
sie erreicht und ihre physiologische Beschaffenheit erlaubt 
ihr gar nicht selten, den letzten Gipfel dann zum zweiten 
Male und nun gemeinsam mit ihm zu nehmen. Aus diesen 
Erwägungen halte ich den Ausweg des vorherigen Ausgleichs 
für den besseren und empfehlenswerteren. 

Hat der Mann ein Zurückbleiben der Frau bemerkt und 
ist doch nicht fähig, beim Anstieg darauf Rücksicht zu neh- 
men dann wird er es eben nachher tun müssen. Diese Me- 
thode ist weit weniger gut als die erste, und zwar aus zwei 
Gründen. Erstens hat die Frau nun schon eine Enttäuschung 
erlebt, was ihre Bereitschaft stark vermindert, oder sie 
fürchtet, vielleicht überhaupt leer auszugehen und versagt 

LazargfeJd/jWie die Frau den Mann erlebt. 8 



114 

sich dann — sei es rein körperlich, sei es durch mangelnde 
Empfindung — einem versuchten späteren Ausgleich. Zwei- 
tens aber ist der Mann beim oder gar nach dem Abstieg auch 
bei der Ersatzhandlung einfach nicht fähig, sich mit dem 
gleichen Elan einzusetzen wie vorher. Glückt es trotzdem, 
so behält die Handlung doch von beiden Beteiligten her etwas 
Krampfhaftes, Gewaltsames. Es ist dann wie ein Schwimmen 
gegen den Strom des Rhythmus; der Rhythmus aber ist 
wichtig. Also lieber vorher als nachher! 

Und die dritte Eventualität? Ein Mann, der gar nichts 
bemerkt und daher auch nichts ausgleichen kann? Der muß 
dazu erzogen werden! Läßt er das nicht zu, dann hat er bei 
einer Frau nichts zu suchen, solange er nichts zugelernt hat. 

Ist der Abstieg vollzogen, dann kommt wieder eine be- 
achtenswerte Klippe. 

Nach dem Abstieg. 

Hier stellt sich nun beim Mann das jähe Abflauen des 
Interesses ein, während die Frau noch lange daran festhält, 
ja oft einer sofortigen Wiederholung sehr geneigt wäre. Und 
hier begehen sehr viele Frauen den Fehler, ihrer subjektiven 
Einstellung Ausdruck zu verleihen. Sie glauben das entglei- 
tende Interesse des Mannes dadurch länger wach zu halten, 
erreichen aber damit meist das gerade Gegenteil. Es gibt 
nämlich Menschen, bei welchen nach der vollzogenen Ver- 
einigung alles, was vorher positiv wirkte, nun plötzlich einen 
negativen Einfluß hat. Parfüms z. B., die vorher heftig ge- 
sucht und leidenschaftlich geliebt wurden, können nachher 
als unangenehm empfunden werden. Bestimmte Gesten, 
Worte, Küsse, Zärtlichkeiten, welche die Steigerung wunder- 
schön vorbereiteten, verlieren nachher ihren Reiz oder wir- 
ken gar abstoßend. 

Das ist psychologisch vollkommen verständlich. Zuerst 
wollte der Mann die Erregung, jetzt aber sucht er die Ruhe 
und lehnt instinktiv alles ab, was dieses notwendige Aus- 
ruhen beeinträchtigen könnte. 

Die Frau, welcher das Bedürfnis nach Ruhe noch nicht 
fühlbar geworden ist, versteht den Mann nicht, versucht ihn 
neuerlich zu locken, irritiert ihn dadurch und erhält eventuell 
eine Abweisung. Darauf Kränkung, Tränen, Szenen, eventuell 






115 

auch noch der ständig parate Ausruf „Du liebst mich nicht 
so wie ich dich!" oder ein verbissenes Schweigen, und die 
Katastrophe ist fertig. 

Keiner hat es böse gemeint und Beide haben einander sehr 
verletzt. Und alles nur darum, weil jeder in seiner Ichhaftig- 
keit die Situation des Andern nicht versteht. Die Frau be- 
greift nicht, daß sie durch ihre zweifellos liebevollen Ver- 
suche einen notwendigen Rückbildungsprozeß störend unter- 
bricht, wogegen der Mann in einer gesunden Reaktion sich 
wehrt. Der ungeduldige Mann wiederum versteht es nicht, 
diese Abwehr in solche Formen zu kleiden, daß die Frau 
davon nicht betroffen würde. 

Das muß natürlich nicht so sein und ist auch bei weitem 
nicht immer so. Es kann sich der Abstieg trotz des dabei 
verschiedenen Tempos durchaus gemeinsam vollziehen, wenn 
man eben auch an den Andern und nicht nur an sich selbst 
denkt. Und so wird auch ein Mann, der dies tut und der ge- 
nügend Kenntnis von dem längeren Nachhallen des weib- 
lichen Rhythmus hat, sich am Schluß nicht brutal abwenden, 
wie das leider so oft geschieht. Es gibt wenig Dinge, welche 
dem Mann von den Frauen mit Recht so verübelt werden, 
wie dieses plötzliche Alleingelassenwerden. Sie rächen sich 
dafür oft auf die komplizierteste Weise, die bis zu seelisch 
bedingten Erkrankungen führen kann. In einer Arbeit über 
psychogene Störungen der weiblichen Sexualfunktionen be- 
richtet Professor A. Mayer (Tübingen) über eine ganze 
Reihe von Krankheitsfällen, die auf diese Art entstanden 
sind. Er erzählt z. B. von einem Mann, der sich sofort nach 
der ersten Sexualvereinigung erhob, eine Zigarette anzündete 
und die Frau vollkommen unbekümmert in einer ihr fremden 
neuen Welt zurückließ. Mit diesem brutalen Absturz ver- 
setzte er ihr nach eigener Aussage zum Dank für ihre Hin- 
gabe einen Schlag ins Gesicht, über den sie nie ganz hinweg 
kam Professor Mayer schließt, daß ein Mann, der so vor- 
sehe sich nicht wundern dürfe, wenn die entrüstete Frauen- 
seele' Neffen solche Beleidigung sich mit dem Einsetzen kör- 
perlicher Schmerzen wehre", die dazu dienen sollen, einem 
weiteren Verkehr mit diesem Mann Einhalt zu tun. 

Aber auch die Frauen müssen sich auf die Situation des 
Mannes einstellen und möglichst alles unterlassen, was sein 

8* 



— — - 



11Ö 

Ausruhen unterbricht, alles meiden, was geeignet ist aufzu- 

stächein 

' Auch' hier, ebenso wie beim Anstieg, können Worte viel 
Gutes tun und andrerseits sehr schaden. Denn nicht nur der 
Körper, auch die Psyche will zur Ruhe kommen und durch 
Frage und Antwort dabei nicht gestört werden. 

In meiner Beratung hat ein Mann einmal gestanden, daß 
nichts ihn einer Frau so sehr zu entfremden vermag, als 
wenn sie nach der Vereinigung sofort zu reden anfängt. 

Und", fügte er seufzend hinzu, „fast alle reden!" Em an- 
derer, ein typischer Frauenliebling, der sehr oft von einer 
zur andern gewechselt hatte, erzählte mir, daß er am läng- 
sten bei einer Frau ausgehalten habe, die nicht reizvoller und 
anziehender als die andern gewesen sei, aus dem einzigen 
Grund, weil sie „nachher ein heiliges Schweigen gewahrt 

habe. 

Bitte, man darf hier ebensowenig generalisieren wie sonst 
irgendwo. Das alles kann sich fallweise auch gerade gegen- 
teilig abspielen, als es hier geschildert ist. Es können 
auch einmal Tempo und Rhythmus bei Mann und Frau im 
umgekehrten Verhältnis verschieden sein, aber im allgemei- 
nen geht die natürliche Verteilung zwischen den Geschlech- 
tern ungefähr nach dem Schlüssel, wie er hier angegeben. 
Und vorläufig hat uns ja nur der normale Durchschnitt zu 
beschäftigen, zu dem Absonderlichen kommen wir noch. 

Die Durchschnittserfahrung also lehrt, daß bei der Frau 
eine latente, ständig vorhandene sexuelle Funktionsbereit- 
schaft mit im Aktionsfall schwerer in Bewegung zu setzen- 
dem Empfindungsapparat verbunden ist, während der Mann 
bei funktioneller Begrenzung hingegen in der Aktion im all- 
gemeinen stürmischer zu empfinden vermag. Die psychi- 
schen Auswirkungen der physiologischen Gehemmtheit des 
Mannes wurden bereits ausführlich durchgesprochen, ebenso 
jetzt die Wege, wie das bei Mann und Frau verschiedene 
Empfindungstempo auszugleichen wäre. 

Ausgleich der Funktionsbereitschaft. 

Nun bleibt noch die Frage, wie im technischen Sinn die 
engere Leistungsgrenze des Mannes mit der lang eren *,mp- 
findungsbereitschaft der Frau in Einklang zu bringen sei. 



117 

Es kommt vor, daß das Bedürfnis der Frau die Fähigkeit 
des Mannes übersteigt. Die beiden hier wiedergegebenen Bil- 
der, die fünf Jahrhunderte auseinanderliegen, zeigen, daß es 
wohl immer so gewesen ist. Die dargestellte Situation ist die 
gleiche. Selbst in dem enttäuschten Blick der beiden Frauen 
ist die Ähnlichkeit zu finden. 

Aber auch diese Differenz erscheint mir aus den Erfah- 
rungen meiner Beratung nicht so entscheidend. In Fällen ge- 
glückter Sexualvereinigung habe ich nie konstatieren können, 
daß hier eine besondere Schwierigkeit erwachsen wäre und in 
nicht geglückten Verbindungen wird es ganz ebenso wie 
auch alles andere zum Teilproblem der Gesamtschwierig- 
keiten und eine Waffe im gegenseitigen Herabsetzungs- 
kampf. 

Es wurde eingangs schon ausgeführt, daß das männliche 
Geschlecht seine physiologisch gehemmtere Funktionsbe- 
reitschaft und seine der Zahl nach begrenzte Aktionsmög- 
lichkeit bei weitem überwertet, wie man eben ein Manko 
immer zu überbetonen geneigt ist. Die daraus erwachsenden 
psychischen Schäden wurden dabei durchgesprochen. Womit 
man sich hier aber noch ausführlicher auseinandersetzen 
muß, ist die — besonders aus Witzen und Schwänken her — 
bekannte Meinung, daß die Sexualfreude der Frau, unlöslich 
und durch nichts ersetzbar, einzig und allein mit der Muskel- 
kraft des Mannes stehe und falle. 

Niemandem wird es beifallen zu bezweifeln, daß die kör- 
perliche Leistungsfähigkeit des Mannes für ihn, wie für die 
Frau, die natürliche und glücklichste Grundlage ihrer sexu- 
ellen Vereinigung bildet. Es muß aber doch davor gewarnt 
werden, sie zu überwerten. Leider geschieht dies nur allzu- 
häufig, und zwar in zweifachem Sinn. Erstens glauben so 
viele Männer, daß sie aller anderen Beziehungen wie Zärt- 
lichkeit, Rücksicht etc. ledig sind, wenn sie nur genügend 
leisten". Zweitens aber glauben sie, Unersetzliches versäumt 
zu haben, wenn sie fallweise unter dem eigenen oder dem An- 
spruch der Frau zurückbleiben. Beides ist falsch und gefahr- 
lich zwei schwere Fehler entstehen daraus. 

Ich bezweifle gar nicht (und meine Beratungsstunden 
würden einen solchen Zweifel auch gar nicht zulassen), daß 
der Mann durch die Kraft seiner Fähigkeit für die Frau ein 
sehr schönes Erlebnis bedeutet. Pocht er aber nur darauf 



118 



und glaubt sich nun allem anderen enthoben, dann wird er 
bald sehen, daß dies auf die Dauer nicht genügt. 

Peter Altenberg erzählt in einem seiner reizvollen Bücher 
das Märchen von einem Prinzen, dem die gütigste der Feen 
das für den Mann wertvollste Geschenk in die Wiege gelegt 
habe. Es ist die Eigenschaft, sich niemals aus Begierde, son- 
dern nur in Liebe mit einer Frau vereinen zu können. Diese 
eine Eigenschaft, meint Altenberg, habe zwangsläufig alles 
im Gefolge, was wertvoll und liebenswert macht und tat- 
sächlich sei auch dieser Prinz etwas ganz Besonderes und 
von aller Welt Geliebtes geworden. Er war auch sehr glück- 
lich. Aber eines Tages suchte er die Fee auf und bat sie, ihn 
für ein einziges Mal von dieser Eigenschaft zu lösen, denn 
er habe ein Mädchen gesehen, das ihm außerordentlich ge- 
falle, aber lieben könne er es nicht, dieweil es dumm, faul 
und gefräßig sei. Die Fee, überzeugt, daß dies schlecht aus- 
gehen müsse und geneigt, ihrem Schützling eine Lektion zu 
erteilen, enthebt ihn für einmal seiner Bindung an die Liebe. 
Am nächsten Morgen sucht er die Fee wiederum auf und zu 
ihrer größten Überraschung bekommt sie auf ihre besorgte 
Frage, wie es denn gewesen sei, die schmunzelnde Antwort: 
„Gar nicht schlecht, gar nicht schlecht!" 

So geht es auch den Frauen manchmal mit sehr leistungs- 
fähigen und dabei brutalen Männern, auch diese sind unter 
Umständen „gar nicht schlecht". Aber eben nur für kurze 
Zeit. Zu glauben, daß es als Basis für eine Lebensbeziehung 
genügt, ist der erste der beiden Fehler. 

Der zweite, wir sagten es schon, liegt darin, das fallweise 
Versagen als ein nicht gutzumachendes Unglück anzusehen, 
die reine Muskelleistung als nicht ersetzbar. 

Ich habe es mir angelegen sein lassen, viele Frauen da- 
nach zu fragen, was ihnen beim Mann das Liebste und 
Schätzenswerteste innerhalb der Liebesvereinigung sei. 
Selbstverständlich bekam ich im Detail die allerverschieden- 
sten Ansichten zu hören, aber als Grundzug schlug doch ein, 
ich möchte fast sagen, Generalnenner durch. Der hieß: In- 
tensität der Werbung, verbunden zugleich mit Zärtlichkeit. 
Keine einzige nannte als entscheidendstes die Potenz an sich. 
Die Frauen wollten mit großem Nachdruck begehrt und doch 
dabei rücksichtsvoll behandelt werden. Bißchen viel auf ein- 
mal verlangt, wird der männliche Leser — falls dieses Buch 






119 

einen solchen Überhaupt hat — hier einwerfen: Ja, es ist 
viel, aber es ist auch nicht wenig, was er dafür zurückbe- 
kommt, nämlich die volle, restlose Hingabe der Frau, die sich 
ganz nur dort einstellt, wo diese beiden Faktoren vereint zu 
finden sind. Fehlt einer davon, dann verflüchtigt sich damit 
auch ein Teil von dem, was Frauen zu geben haben. 

Für den vollfähigen Mann ist daraus leicht die Lehre 
gezogen, seiner Fähigkeit nun auch noch die rücksichtsvolle 
Zärtlichkeit beizugesellen, dann dürfte er konkurrenzlos sein. 

Die Lehre für die anderen aber? Da stoße ich an eine 
Grenze. Es ist die gleiche Begrenzung, welche die von Män- 
nern geschriebenen Bücher für Frauen nur wenig geeignet 
macht. Der Mann kennt unser Gefühlserlebnis nie ganz genau 
und wir ebensowenig das seine. Wenn ich nun dem Mann den 
Rat erteilen wollte, dort, wo die physiologische Erregung 
zur Durchführung der Aktion noch nicht genügend einge- 
treten ist, das durch besonderes Bemühen bei der Werbung 
zu ersetzen, so weiß ich nicht, ob er das kann, ohne dabei zu 
heucheln. Die Auskünfte, die ich darüber von Männern be- 
kam lauteten verschieden und hängen wohl im Einzelfall 
vom' Gesamthabitus des Betreffenden ab. Ich weiß also nicht 
2-enau ob der Mann im allgemeinen fähig ist, ein starkes 
Gefühl des Begehrens zu empfinden und zu dokumentieren, 
ob er also den Rat, die Frau durch intensive Werbung zu ge- 
winnen, überhaupt befolgen kann, auch wenn sein Vollzugs- 
organ noch nicht in voller Aktionstätigkeit sich befindet. 

Aber eines weiß ich, und diese Erkenntnis zu verbreiten 
ist unendlich wichtig und ihr diente dieser ganze Abschnitt; 
ich weiß aus den Beratungsstunden mit Frauen, daß die 
Muskeltüchtigkeit des Mannes im Sexual- 
leben nicht allein ausschlaggebend ist. Und 
alle Männer sollten dies erfahren, es würde sie davon be- 
freien das Versagen so sehr zu fürchten, wie sie es jetzt tun 
und es würde beide Geschlechter zu reicheren und schöneren 
Formen des Liebeslebens führen als dort möglich ist, wo der 
sexuelle Prestigekampf zwischen den Geschlechtern tobt. 

Nun muß auf ein Buch verwiesen werden, welches in ganz 
spezieller Weise die Physiologie des Mannes berücksichtigt. 

Es wurde schon ausführlich gezeigt, daß das männliche 
Geschlecht im allgemeinen seelisch unter dem Druck der Vor- 
stellung steht, der Anforderung der Frau physisch nicht ge- 



120 

wachsen zu sein. Das trifft im doppelten Sinn zu. Es bezieht 
sich auf die aktuelle Vereinigung, wo es als Befürchtung auf- 
tritt, der Frau gegenüber zu versagen und es beherrscht in 
der Form einer Angst vor Kraftverlust und Samenvergeu- 
dung das sexuelle Leben des Mannes überhaupt. Die letztere 
Befürchtung ist, nach übereinstimmender Ansicht der Ärzte, 
objektiv nicht entfernt so berechtigt, wie sie subjektiv emp- 
funden wird. Ich habe aus praktischer Erfahrung nichts dar- 
über zu sagen und muß mich an die ärztliche Meinung haiton, 
nach welcher hier eine wirkliche Schädigung bei einem Le- 
ben, das nicht über alle Stränge sexueller Durchschnittsbe- 
grenzung schlägt, nicht zu befürchten ist. Die subjektive 
Befürchtung dieser Gefahr hingegen fällt unter die nervösen 
Störungen und muß als solche behandelt werden. 

Es gibt mm eine Methode, welche dem Mann den Samen- 
erguß gänzlich ersparen will, sofern die Vereinigung nicht 
zu Fortpflanzungszwecken vollzogen wird. Die Methode geht 
auf einen Arzt, namens Zugassent, zurück, wurde von 
Dr. Alice Stockham, einer seither verstorbenen Frau- 
enärztin in Chicago, vor ungefähr dreißig Jahren in einem 
Buch, „Reformehe" betitelt, herausgegeben; es ist die The- 
orie der 

„Karezza". 

Das Buch ist vergriffen, aber 1927 erschien im Verlag „Neue 
Zeit", Jena, unter dem Titel „Ethik der Ehe" eine deutsche 
Übersetzung. Der Übersetzer vertritt in seiner Vorrede die 
Meinung, daß das Buch Frau Dr. Stockhams unterdrückt 
worden sei, weil — ja er soll es lieber mit eigenen Worten 
sagen : 

„ . . . ,Karezza', ein köstliches Kleinod grundstürzender 
und heilbringender Wahrheiten ..." 

Da fand ich schon seit dem vorigen Jahrhundert alles 

gesammelt, um Millionen lebender und künftiger Menschen, 
auch ohne erst die langwierigen wirtschaftlichen Umwälzun- 
gen abwarten zu müssen, Glück und Segen näher zu führen 
und schreiende, aus Unwissenheit begangene Greuel in seeli- 
sches Wachstum zu wenden — und wurde von der »öffent- 
lichen Meinung' — nein, von einigen Hintermännern! — 
heimlich verscharrt und totgeschwiegen . . ." 






=rr-r 



121 



„ . . . Warum wird denn Karezza totgeschwiegen? — Ich 
kann keinen anderen Grund finden, als die Furcht der Herr- 
schenden, mit dieser neuen Erkenntnis würden die Menschen 
sich nicht mehr zwangsläufig und kaninchenhaft vermehren, 
wie unter den heutigen Greuelzuständen zufälliger und un- 
erwünschter Zeugungen. Diese Sozialpolitiker, die nur die 
Masse sehen, die nur für die Höhe der privaten Grundrente, 
für die Sicherung des Nachwuchses an Kanonenfutter, an 
Sklaven und Sklavinnen der Ausbeutungs- und Lustbefriedi- 
gung ein ,Herz' zu haben scheinen, haben ihre Seele an 
Zahlenreihen verloren, wissen nicht, daß zu innerst in jedem 
Menschen der Wunsch nach Vater- und Mutterschaft lebt 
und auch zur Erfüllung käme, wenn wir menschenwürdige, 
gesicherte wirtschaftliche Verhältnisse hätten. Nur so ist der 
Grund zu einer wirklichen Gesundung zu legen, im Zurück- 
gehen auf die tiefsten Wahrheiten menschlichen Wesens und 
wirtschaftlicher Gerechtigkeit, niemals aber in feiger und 
pharisäischer, wenn nicht gar kalt berechnender Verheim- 
lichung. . 

Kampf diesen Mächten der Finsternis! ... 

Vor allem ihr Frauen sollt das neue erlösende Wissen 
all 'euren leidenden Schwestern bringen und eure Zeitschrif- 
ten und Verbände veranlassen, die frohe Botschaft laut m 
alle Winde zu rufen! ..." 

Der Übersetzer, an dessen lauterer, ehrlicher Gesinnung 
gar nicht zu zweifeln ist, kämpft also, wie er sagt, vor allem 
darum so heiß für Karezza, weil er damit ein Mittel gefunden 
zu haben meint, das der arbeitenden Masse, dem Proletariat, 
zu helfen geeignet sei. Aber schon die Ausstattung des Bu- 
ches erschwert seine Verbreitung in der großen Menge. Das 
hundert kleine Seiten umfassende Bändchen ist erstens für 
seinen Umfang ganz unverhältnismäßig teuer und zweitens 
ist nach Art Stefan Georges alles in kleinen Lettern gesetzt, 
ohne eroße Anfangsbuchstaben, was für nicht geübte Leser 
eine ziemliche Erschwernis bedeutet. Auch der Stil wendet 
sich durchaus an einen äußerst kleinen Leserkreis. All dem 
entspricht auch der Inhalt: 

Karezza bedeutet »Zuneigung in Worten wie in Taten 
ausdrücken', und da dies Wort die Vereinigung die aus i tief - 
ster menschlicher Zuneigung kommt, den Gipfelpunkt der 
Liebe treffend bezeichnet, so verwende ich es in diesem 




122 

Buche als technischen Ausdruck im Sinne einer gemeisterten 
Sexualverbindung. 

Aufgeweckte Eheleute, die hohe Lebensziele besitzen und 
geistiges Wachstum und Entwicklung wünschen, haben es in 
ihrer Hand, ihre ehelichen Beziehungen so in Einklang zu 
bringen, daß alle ihre Kräfte einen ungeahnten Antrieb er- 
fahren. Das wird erreicht durch den Geschlechtsakt, wenn 
dieser sich als tiefster Liebesausdruck ergibt und zugleich 
vollständig unter der Herrschaft des Willens steht. 

Der gewöhnliche hastige und krampfartige Vorgang einer 
Begattung, auf die man sich nicht längere Zeit vorbereitet 
hat und wobei die Frau die passive Rolle spielt, ist ebenso un- 
befriedigend für den Mann, wie für die Frau. Er ist schädlich 
für den Körper, wie für den Geist. Er enthält in sich keine 
Folgerichtigkeit als eine Äußerung von Zuneigung und ist 
häufig eine Ursache der Entfremdung und Trennung. 

Karezza vollendet die Ehe in der Weise, daß durch die 
P^/? 3 WiUens und liebender Gedanken der Eintritt der 
Schlußekstase nicht erreicht wird. Eine vollkommene Mei- 
sterung von Mann sowohl als Frau wird während der ganzen 
Verbindung beibehalten, was eine bewußte Erhaltung der 
schöpferischen Energie in sich schließt. 

Karezza verlangt bedachtsame Vorbereitungen, sogar für 
mehrere Tage vor einer Verbindung. Zärtliche Aufmerksam- 
keit und Taten der Güte künden das stille Einverständnis zu 
einer tiefsten Liebesverschmelzung an. Diese binden Herz zu 
Herzen, Seele zu Seele. In bewußtem Vorgehen sollte man 
versuchen, den Geist zu erheben und den Körper zurück- 
treten zu lassen. Dies wird erreicht durch Lesen und innere 
Versenkung (Meditation). Das Lesen sollte zur Erhöhung 
des Geistes und zur Erkenntnis der Kraft, der Quellen des 
Lebens führen. Die gewählten Verfasser sollten erleuchtete 
Geister sein wie Browning, Emerson, Carpenter . . ." 

,, . . . Die Meditation sollte ein Vorgang sein, bei dem man 
den eigenen Willen, die Vorstellungen des Verstandeslebens 
aufgibt, um die kosmische Intelligenz frei in uns strömen 
zu lassen. Dem Gesetz ergeben lauscht das gewöhnliche oder 
endliche Bewußtsein dem kosmischen Bewußtsein. Täglich, 
stündlich erwacht die lauschende Seele zu neuen Idealen. 

Zur festgesetzten Stunde, ohne Müdigkeit des Körpers 
oder Unrast der Seele, mehren sich die Kundgebungen von 












123 

Zärtlichkeit und Zuneigung, Liebkosungen bereiten den kör- 
perlichen Zusammenschluß vor, der zu einer innigen, aber 
ruhigen Vereinigung der Geschlechtsorgane führt. Während 
einer längeren Zeit völliger Beherrschung sind beide Wesen- 
heiten völlig ineinander getaucht und erleben eine unver- 
gleichliche Erhöhung in den Geist. Das mag begleitet sein 
durch eine ruhige Bewegung, die ganz unter der Botmäßig- 
keit des Willens stehen muß, so daß bei keinem der Beiden 
der Schauer der Leidenschaft die Grenzen eines angenehmen 
Gefühlsaustausches überfluten kann. Falls keine Zeugung 
beabsichtigt ist, so wird auf diese Weise der überschäumende 
Rausch am Ende des Fortpflanzungsaktes gänzlich ver- 
mieden. 

Bei gegenseitiger Übereinstimmung und genügender zeit- 
licher Ausdehnung führt ein solcher Verkehr ohne Samen- 
erguß und ohne Krisis zu völliger Befriedigung. Im Verlaufe 
einer Stunde klingt die körperliche Spannung aus, die gei- 
stige Verzückung wächst und führt nicht selten zum Schauen 
höherer Welten und zum bewußten Erleben neuer Kräfte. 

Vor und während der Zeit können andächtige Übungen 
vorgenommen werden, oder beide mögen ihre Seelen in einer 
Weiheformel erhebender Art vereinigen. Das trägt bei zur 
Vertiefung und zur Erlösung der Gedanken aus rein körper- 
lichen Empfindungen. Die folgende Wahrheit hat vielen ge- 
holfen: ,Wir sind lebende geistige Wesen. Unsere Körper 
stellen sinnbildlich unsere seelische Vereinigung dar, und in 
dieser engsten Berührung erhält jedes Stärke, dem andern 
und der ganzen Welt mehr zu sein . . . ' " 

Viele Wissenschaftler glauben nun, es werde keine 

Samenflüssigkeit ausgeschieden, wenn nicht der Schlußakt 
des Orgasmus verlangt und erstrebt wird. Falls dies richtig 
ist so hat unter Karezza kein Same aufgesogen zu werden, 
da' unter der Herrschaft des Willens der Vorgang kurz vor 
der letzten Stufe der Samenausscheidung aufhört . . ." 

Karezza überträgt dem Sexualverkehr ein Amt, das 
sich vom Fortpflanzungsakt vollständig unterscheidet, ein 
hohes Amt persönlicher Entfaltung und Charakterbildung. 
Sie bedeutet sowohl eine Gemeinschaft im Gefühlsleben als 
eine Vorbereitung der bestmöglichen Bedingungen einer Zeu- 
gung . . ." 



124 

„ . . . Zeit und Häufigkeit von Karezza können nicht von 
bestimmten Gesetzen vorgezeichnet werden. Die Erfahrung 
allerdings hat gezeigt, daß sie viel tiefer befriedigt nach 
einer Unterbrechung von zwei bis vier Wochen, und viele 
finden, daß sogar eine Wartezeit von drei oder vier Monaten 
sowohl einen größeren Antrieb an Kraft und Wachstum als 
tiefere persönliche Befriedigung gewähren. Während dieser 
Unterbrechung bringen die tausend und ein verliebten Auf- 
merksamkeiten beidseitig Entzücken und weisen und führen 
auf die erneute höchste Verschmelzung hin. Nach dem 
Karezza-Gesetz geht das Verlangen nach körperlichen Lie- 
besbezeugungen zurück, da die tiefe Seelenverbindung voll 
andauernder Befriedigung ist . . ." Soweit Frau Dr. Stock- 
ham. 

Liest man die hier empfohlene Vorbereitungsmethode 
durch, dann muß man sich schon fragen, wo der Übersetzer 
wohl auch nur einen einzigen proletarischen Hausstand ge- 
sehen haben mag, innerhalb dessen sie regelmäßig durch- 
führbar wäre. Ob sie sich bewährt, dafür fehlt mir jede Er- 
fahrung. Da sie aber nun einmal vom Übersetzer, wie auch 
in den beigedruckten Briefen, gerade für die große Menge 
so überschwänglich angepriesen wird, hielt ich mich für ver- 
pflichtet, sie der Vollständigkeit halber meinen Lesern aus- 
führlich zu übermitteln. 

Technische Anleitungen. 

Ich möchte das gleiche Prinzip auch für solche Bücher 
festhalten, gegen die ich aus meiner Praxis ernste Einwände 
oder Bedenken zu machen habe, die ich aber doch ehrlicher- 
weise nicht einfach weglassen kann. Das gilt vor allem für 
jene Theorien, die auf mechanische Weise, vom Körperlich- 
Technischen her, die Verschönerung des Geschlechtslebens 
zu bewerkstelligen versuchen. Es wurde schon gesagt, was 
von der allzu großen und wahllosen Verallgemeinerung dieser 
Mechanisierung zu befürchten ist. Sie mündet in die Erstar- 
rung und diese ist immerdar und auf allen Gebieten bedenk- 
lich. Das schmiegsame seelische Einfühlen wird stets die 
gesunde und tragende Basis der Liebesbeziehungen bleiben. 

Trotzdem ist es wichtig, das Technische zu kennen, denn 
auch die feinste Einfühlung kann immerhin durch Unwissen- 



185 



heit empfindliche Einbuße erleiden und das Fehlen aller tech- 
nischen Kenntnis hat sich allzuoft als störend erwiesen, als 
daß es gänzlich übergangen werden dürfte. 

Deshalb habe ich hier auch einen Auszug dieser Anleitun- 
gen zu geben, nachdem ich nochmals dringlichst auf deren 
nur relativen Wert verweise. Ich habe dazu jenes schon 
erwähnte indische Liebesbuch, die Kama Sutra des 
Vatsyayana, aus einer bestimmten Erwägung her ge- 
wählt. Ich finde diese Art Anweisungen desto geeigneter für 
Lehrzwecke, je nüchterner, je trockener im Ton sie gehalten 
sind, je mehr sie ganz geradezu und unumwunden die Dinge 
beim rechten Namen nennen. In dem jüngst erschienenen 
Buch einer Frau über „die Schule der Liebe" lehnt die Auto- 
rin diese ungeschminkte, unverhohlene Art des Unterrichts 
ganz entschieden ab und lobt dafür jene „köstlichen Lehr- 
meister und Lehrmeisterinnen", welche durch „ein ver- 
schämt-verschmitztes Lächeln" mehr erreichen. Da fragt es 
sich nur, was man erreichen will. Ich zweifle gar nicht dar- 
an daß im Beisammensein zweier Liebesleute die leichteste 
Andeutung eines speziellen Wunsches mehr am Platz ist und 
Besseres erreicht, als philosophische Ause l n ^er s et^ng<m 
darüber. Ich gehe sogar noch weiter und meine, daß dort, wo 
prSzi^ielle Aussprachen unmittelbar vor oder gar wahrend 
emer Vereinigung andauernd vorkommen, daß da über- 
haupt nichts mehr zu wollen und Malz und Hopfen verloren 
ist Aber damit in einer solchen Stunde eben keinerlei Philo- 
sophie mehr nötig sei, damit für eine Verständigung schon 
der Hauch einer Andeutung genüge, ist es gut, die Möglich- 
keiten der Wünsche vorher schon zu kennen. Sicherlich geht 
es auch ohne solche theoretische Kenntnis ganz ausgezeich- 
net und nichts kann besser und schöner sein, als ein intui- 
tives, gegenseitiges, sofortiges Verständnis der beiderseiti- 
gen Wunsche. Aber ich entnehme doch allen Berichten, daß 
das die große glückliche Ausnahme bildet, unser Buch hin- 
ee-en gilt dem Ziel, den zufälligen Glücksfall allgemein er- 
reichbar zu machen. Theoretisch erworbene Kenntnis der 
verschiedenen Möglichkeiten ist also durchaus am Platz. 
Dann aber möglichst exakte trockene Theorie bei der Art, 
wie diese Belehrung erteilt und erworben wird, sie kann gar 
nicht genug geradeaus und unverhohlen sein, kein ver- 
schmitzt-lächelndes Andeuten, keine rosa Gazeschleier! Ge- 






126 



wiß wirkt sie dann weniger verführerisch, aber das soll sie 
ja eben auch gar nicht. Der in weiten Kreisen so beliebte 
neckische Amor mit dem Pfeil hat meines Erachtens hier 
keinen Platz. 

In bewußtem Gegensatz zu dem bei allen anderen Lehr- 
fächern richtigen und wichtigen Prinzip, daß der Gegenstand 
des Unterrichts schon im theoretischen Vortrag lebendig 
gemacht werden soll, halte ich hier die trockenste Vortrags- 
weise für die beste, ja für die einzig mögliche und ange- 
messene. Das Lebendigwerden überlasse man ruhig der nach- 
folgenden Praxis. 

Aus dieser Erwägung habe ich die zweitausendjährige 
Kama Sutra gewählt, die in voller Unbefangenheit 64 rein 
technische Regeln des Liebeslebens aufstellt. Es wird eine 
Anweisung erteilt über „die unterschiedlichen Arten des 
Liebesgenusses nach Maß, Bekehren und Zeit". Der Kuß 
sowie jede andere Form körperlicher Zärtlichkeit, wird nach 
SS < ? lc ^ un 8 en durchgesprochen. Bei der Untersuchung 

£«£ ^Y- marm , Ung *S55 hBl > 1 das Buch zwischen ste- 
nh« ,?t / en ^ ^führten Umarmungen, zwischen sol- 
™ w • ^solchen zu Wasser. Jede dieser Umarmun- 
gen hat einen bestimmten Namen, z. B. : 

„ . . . Setzt die Frau einen Fuß auf den Fuß des Geliebten, 
den zweiten auf seinen Schenkel, umschlingt sie ihn dabei 
mit einem Arm, während der zweite auf seiner Schulter ruht, 
girrt sie dazu leise und sucht sie ihn förmlich zu erklettern, 
um einen Kuß zu holen, so ist das .Baumbesteigen'. Diese 
Umarmung wird stehend ausgeführt." 

,, . . . Liegen beide Liebende auf dem Lager, wobei sie ein- 
ander so fest umarmen, daß Arme und Schenkel des einen 
von denen des anderen in reibender Bewegung umschlossen 
werden, so ist dies die ,Sesam- und Reis'-Umschlingung." 

„ . . . Liegen beide mit gestreckten Beinen aufeinander, 
dann gibt dies die .geschlossene Stellung'. Sie ist von 
zweierlei Art, je nachdem, ob sie in Seiten- oder in Rücken- 
lage stattfindet. In Seitenlage hat der Mann sich unbedingt 
auf die linke Flanke zu legen, das Weib aber auf die rechte. 
Dies ist in allen Fällen zu beobachten." 

„ . . . Dreht sich ein Mann während des Beischlafs um den 
Lingam als Achse im Kreise herum, ohne im Genüsse inne- 
zuhalten und hält dabei das Weib seine Hüften umschlungen, 



127 

so nennt man dies die .Mühle'. Man erlernt sie nur durch 
Übung." 

Das Kapitel schließt mit den Worten : 

„ . ... Auch die hier nicht gelehrten Umarmungen sollen 
zur Zeit des Geschlechtsgenusses gehörig angewendet wer- 
den, wenn man sich von ihnen Mehrung der Leidenschaft 
oder Steigerung des Vergnügens verspricht. Die Regeln des 
Kamashastram reichen nur so weit, als die Erregung des 
Menschen in mäßigen Grenzen bleibt. Ist aber einmal das 
Rad der Wollust in Gang gekommen, dann gibt es weder 
Lehrbuch noch Reihenfolge mehr." 

Seelische Hemmungen, 

■ 

Man sieht aus diesem Schluß, daß sogar dieses ganz auf 
technischen Unterricht eingestellte Buch die Grenzen der 
Technik sehr wohl kennt. So grotesk manchmal die Schil- 
derungen von Einzelheiten anmuten, so sehr einverstanden 
kann man sich mit dieser letzten Formulierung erklären. 

Man muß sich hier vor allem an die Frauen wenden. Es 
wurde schon früher darauf hingewiesen, welch große Gefähr- 
dung des Liebeslebens darin liegt, daß unsere allgemeine 
Einstellung zur Sexualität die weibliche Geschlechtsrolle als 
minderwertig zu betrachten gewohnt ist. Dadurch sind die 
Frauen so sehr gehemmt, daß sie sich einfach nicht trauen, 
ihren eigenen Launen des Augenblicks, ihren Einfällen, nach- 
zugeben, ja sich solcher Anwandlungen oft sogar schämen. 
Selbstverständlich wirkt eine solche innere Hemmung läh- 
mend und tötet jede Leidenschaft. Wir werden bei der Frage 
der psychogenen Impotenz und Frigidität ausführlich darauf 
zurückkommen und an praktischen Beispielen sehen, daß 
überall dort, wo der Mann es verstanden hat, diese Hemmun- 
gen der Frau zu lösen, die Frau dann leicht und gern ihr Teil 
beiträgt zu einer phantasievolleren und genußreicheren Ge- 
staltung des Liebeslebens. Diese Frauen sind dann auch 
weder erschreckt noch zurückgestoßen, wenn des Mannes 
Laune ihn einmal zu Varianten drängt. Ja noch mehr, sie 
selbst werden aus ihrer eigenen Stimmung oder aus einem 
bestimmten Bedürfnis ihres Körpers ihn neue Wege führen. 

So erzählte mir eine Frau einmal in einer Beratung, sie 
habe bei der Liebesvereinigung jedesmal den intensiven 



128 

Wunsch gehabt, die Hand des Mannes an ihrem Schoß zu 
fühlen, sich aber niemals getraut, diesem Wunsch in irgend 
einer Form Ausdruck zu verleihen. Volle Erfüllung aber habe 
sie erst in der Vereinigung mit einem anderen Mann emp- 
funden, der es verstanden hatte, ihre psychischen Hemmun- 
gen zu beheben. Er hatte ihr ihre sexuelle Unbefangenheit 
gegeben, das frohe Bekenntnis zu ihren eigenen Wünschen. 
Dann war es ihr auch möglich geworden, ihm ganz ohne 
Worte und Auseinandersetzungen das Verständnis ihrer kör- 
perlichen Wünsche zu übermitteln. Mit diesem Mann hatte 
sie dann auch volle Beglückung erlebt, was nie vorher der 
Fall gewesen. 

Die alte Erziehung hat sich aber in diesem Punkte auch 
beim Manne in seiner Einstellung zur Frau, besonders zur 
legitim angetrauten Gattin, verhängnisvoll ausgewirkt. Die 
Meinung von der zweitrangigen weiblichen Sexualrolle hat 
dazu geführt, auch dem Manne eine starke Scheu vor unge- 
hemmter Vereinigung mit seiner Frau einzuflößen. Der Ehe- 
gatte, der vor der Ehe und auch außerhalb derselben seiner 
Phantasie freiesten Raum gewährt, betrachtet das gleiche 
Tun oft als eine Erniedrigung der eigenen Frau. Es tritt hier 
eine sehr merkwürdige Einteilung auf. Einerseits wird die 
Frau zu einem höheren Wesen hinaufgeschraubt und an- 
dererseits wird sie von dem ausgeschlossen, was der Mann 
selbst doch so intensiv sucht, von dem vollen Liebesglück. 
Es zeigt sich hier deutlich, daß die alte Einstellung zur 
Sexualität von der Idee nicht loskommen kann, als ob in der 
Hingabe der Frau unter allen Umständen eine Erniedrigung 
mit eingeschlossen läge. 

Ein sehr hübsches Bild dieser Hemmung und ihrer ver- 
hängnisvollen Auswirkung gibt Martin Maurice in seinem 
Buch „Amour, Terre inconnue". Das Buch ist in verschiede- 
ner Hinsicht psychologisch so interessant, daß sein Inhalt 
wohl verdient herangezogen zu werden. Es ist die Geschichte 
einer Liebesehe, die glücklich verläuft, aber trotzdem bei 
Mann und Frau, besonders bei letzterer, die volle sexuelle 
Freude nicht hervorzurufen imstande ist. Durch ein Er- 
lebnis mit dem Freunde ihres Mannes lernt die Frau erst ihre 
eigenen Wünsche und zugleich auch deren Erfüllung kennen. 
Nach einiger Zeit trennt sie sich aber von ihrem Freund, weil 
sie ihren Mann liebt und ihn nicht verlassen will. Nach einer 




Pliallnsgötze in einem Männerhaus in Neuguinea 

Berlin, Institut für Sexualwissenschaft 



1 



129 

ziemlich langen Zeit der Karenz vereinigen sich die beiden 
Gatten eines Abends und die Frau gibt, ohne es zu wollen, 
ihrer durch den Freund erworbenen neuen Kenntnis Aus- 
druck. Dadurch wird aus dem ehelichen Erlebnis der beiden 
Gatten zum erstenmal ein volles Liebeserlebnis und die Frau 
empfindet nun bei ihrem eigenen Mann ein Entzücken, das 
sie vorher bei ihm nie gekannt hat. Aber auch in ihm geht 
eine Wandlung vor. Seine Erziehung hatte ihn gelehrt, in 
der eigenen Frau eine Art höheres Wesen zu achten, das 
nicht in sexuelle Begierde hineingezogen werden dürfe. Er 
hatte wohl verschiedentliche Wünsche gekannt, aber niemals 
gewagt, sie der eigenen Gattin zu vermitteln. Durch deren 
unwillkürliche Initiative wird nun auch bei ihm dieser Bann 
gebrochen und die Frau hat keinen Grund mehr, einen an- 
deren Gefährten als den eigenen Mann zu suchen. Dies der 
Inhalt des Buches von Maurice. 

Eine gesündere Einstellung zur sexuellen Frage wird 
derlei Hemmungen vermeiden lassen und sowohl Mann wie 
Frau das positive Bekenntnis zum eigenen Körper und zu 
seinen individuellen Neigungen ermöglichen und darüber 
hinaus die Fähigkeit verleihen, auch innerhalb der Ehe die 
eieenen Wünsche dem Partner einzugestehen. Sache des 
Partners, und zwar beider Partner, des Mannes sowohl wie 
der Frau, wird es dann sein, die körperlichen Gegebenheiten 
des anderen zu achten und nicht als quantite negligeable zu 
betrachten und zu behandeln. Der seelische Weg dazu ist der 
gleiche, wie er bei der Frage des gemeinsamen Anstieges im 
sexuellen Verkehr ausführlich besprochen wurde. 

Hier muß aber noch eines hinzugefügt werden: Es genügt 
nicht, eine Vertrautheit der Seelen herbeizuführen, auch die 

Körpervertrautheit 

muß sich einstellen und darf um nichts geringer geachtet 
werden. Ich habe in meinen Beratungen wiederholt Fälle ge- 
sehen wo der Mann aus seiner eigenen Befangenheit heraus 
die Frau verhinderte, mit ihm über körperliche Vorgänge zu 
sprechen. Menstruation und Schwangerschaft waren mit 
einem Tabu belegt, es durfte nie darauf Bezug genommen 
werden und selbstverständlich gab es auch keine Rücksicht- 
nahme darauf. Dadurch setzte bei diesen Frauen ein Training 
der Körperfremdheit ein, das sie dann nicht nur im Reden, 

Lazarsfeld, Wie die Frau den Mann erlebt. 9 






130 

sondern auch im Tun entscheidend hemmte und eine wirk- 
liche sexuelle Vertrautheit nicht mehr aufkommen ließ. 

Der Körper des geliebten Partners darf eben nicht nur 
im Augenblick der sexuellen Vereinigung ein liebens- und 
begehrenswertes Objekt sein, er ist ja schließlich immer da 
und will immer gewürdigt und in das Leben miteinbezogen 
sein. Es kann keine letzte Vertrautheit zwischen Menschen 
geben, die sich außer im Augenblick der Leidenschaft vor- 
einander ihres Körpers schämen. Dieser Mangel an Scham 
ist keineswegs identisch mit der Schamlosigkeit des ver- 
spießerten Ehepaars, für das Körpervertrautheit nichts an- 
deres bedeutet als Mangel jedes ästhetischen Gefühls im ver- 
trauten Alltagsleben. 

In „Mitsou", dem schönsten Roman der berühmten fran- 
zösischen Schriftstellerin Colette, schreibt die Heldin 
ihrem Freund, er möge ihr „die warme Freundschaft seines 
Körpers" (la bonne amitie de son corps) schenken. 

Diese Körpervertrautheit ist hier gemeint, es ist daa 
Wissen um alle körperlichen Sorgen, das Miterleben jeder 
Gegebenheit des Leibes. 

Eine jener Gegebenheiten und unter ihnen nicht die un- 
wichtigste, ist die Tatsache der sogenannten 

„erogenen Zonen" 

des Körpers. Das sind jene Stellen, welche für erregende 
Zärtlichkeiten besonders empfänglich und bereit sind. Sie 
sind keineswegs ausschließlich im Genitaltrakt verankert, 
sondern treten in den verschiedensten Varianten über 
den ganzen Körper verstreut auf. Einige darunter, wie z. B. 
Mund und Brust, gelten als allgemein vertreten. Andere 
wieder sind durchaus individuell. So wurden mir in verschie- 
denen Beratungsfällen die allerverschiedensten Stellen ge- 
nannt, wie: Die Achselhöhle, die Handfläche, das Innere des 
Ohrs, die Stelle hinter dem Ohr, die innere Leistengegend^ 
die Oberarme, der Rücken etc. Die Frau, welche von dieser 
letzten Besonderheit erzählte, war so stark daran gebunden, 
daß für sie gar keine andere Zärtlichkeit auch nur annähernd 
daneben in Betracht kam, es grenzte fast schon an Feti- 
schismus oder Perversion. 

Es ist vielleicht nötig, hier ein Wort über den Unterschied 



131 

zu sagen, zwischen individueller Neigung und ernstlicher Ab- 
irrung ins Abnormale. Auch die letztere ist an ein ganz 
bestimmtes sexuelles Moment gebunden, das sich in seiner 
Beschreibung von einer individuellen Neigung kaum unter- 
scheiden läßt. Der Unterschied liegt auch tatsächlich nicht 
in der Erscheinungsform, sondern in der starren Gebunden- 
heit an die Bedingungen. Ich möchte die Unterscheidung 
dahin fassen, daß die individuelle Neigung nur einen beson- 
ders starken Teil der Gesamterregung bildet, während bei 
Fetischismus und Perversion eben dieser Teil die unerläß- 
liche Vorbedingung für die Gesamterregung ist. Wovon wir 
hier sprechen, sind aber nur reizsteigernde Teilempfindlich- 
keiten. Diese nun beim Partner zu finden und zu berück- 
sichtigen — oftmals sogar, wo dieser selbst noch gar nichts 
davon wußte — , ist durchaus keine unangenehme Pflicht, 
sondern eines der schönsten Vorrechte des liebenden 
Menschen. 

Was für die erregbarsten Stellen des Körpers gesagt 
wurde, gilt ganz gleichermaßen für die Frage, ob die sexuelle 
Vereinigung unabänderlich in der gleichen Lage ausgeführt 
werden müsse, oder ob auch hier Varianten am Platze wären. 
Es scheint fast nicht glaublich, daß man hierüber verschie- 
dener Meinung sein könne, da doch das Prinzip, was beiden 
Beteiligten recht sei, sei auch das richtige, kaum ange- 
zweifelt werden kann. Trotzdem finden wir auch hier eme 
unbegreifliche Scheu, Varianten der Lage innerhalb der Ehe 
zu versuchen. Vielleicht stammt diese Einstellung von einer 
ursprünglich religiösen Anschauung her, welche den Zweck 
der F Geschlechtsliebe ausschließlich in der Fortpflanzung 
sieht und eben nur als Mittel zu diesem Zweck anerkennt. 
Es wird im allgemeinen die Ansicht vertreten, daß die soge- 
nannte „natürliche Lage" bei der Vereinigung zugleich auch 
die zweckdienlichste für die Empfängnis sei. Viele Arzte be- 
streiten diese Ansicht und bringen Fälle, wo die Empfängnis 
bei natürlicher Lage überhaupt nicht und nur auf anderen 
Wesen möglich gewesen ist. Aber selbst wenn die Rucken- 
lage der Frau die geeignetste für die Empfängnis wäre, so 
ist es doch heute nicht mehr gut möglich, dies als entschei- 
dend für die sexuelle Vereinigung anzusehen, da fast im 
gesamten Kulturleben und selbstverständlich auch innerhalb 
der Ehe der Geschlechtstrieb sich weitgehend vom Fort- 

9* 



132 

pflanzungswunsch losgelöst und als eigenberechtigt instal- 
liert hat. Es ist daher absolut nicht einleuchtend, warum 

Varianten der körperlichen Position 

innerhalb der Ehe ausgeschaltet werden müßten oder als 
Zeichen der Verderbtheit anzusehen seien. Ich glaube aller- 
dings nicht, daß ein Sachregister oder eine Musterkarte ver- 
schiedener Möglichkeiten, wie manche Autoren sie geben, 
helfen wird, den gewünschten Zweck zu erreichen. Eine Mi- 
nute der Inspiration wiegt hier mehr als eine Stunde Arbeit. 
Vor allem aber gehört dazu das körperlich-seelische Vertraut- 
sein mit dem Partner, das allein die ruhige Sicherheit ver- 
leiht, Wünsche in Taten umzusetzen. 

Diese Wünsche können körperlich bedingt sein, sie können 
aber auch seelischen Ursprung haben. So wurde in einer Dis- 
kussion über dieses Thema von einer Frau berichtet, die nach 
jeder sexuellen Vereinigung, welche in natürlicher Lage er- 
folgt war, in schwere Depression und Tränenkrämpfe verfiel. 
Sie wurde hingegen bei demselben Manne restlos glücklich, 
wenn die Situation sich dahin veränderte, daß sie ihn nicht 
Aug' in Aug' gegenüber hatte, sondern ihm den Rücken zu- 
kehren konnte. In diesem Falle lag eine allgemeine psychi- 
sche Störung zu Grunde. Der den Fall vortragende Arzt 
berichtete, daß es sich hier um ein besonders heftiges weib- 
liches Minderwertigkeitsgefühl handle, das ein „obenauf" des 
Mannes auf gar keinem Gebiet ertragen könne und in der 
Zuwendung des Rückens gegenüber dem Manne sich unbe- 
wußt eine Art Genugtuung durch Herabsetzung des Mannes 
konstruiert hatte. Diese Genugtuung setzte sich dann in se- 
xuelles Wohlgefühl um. Einen ähnlichen Fall hörte ich in 
einer Beratung, wo die Frau berichtete, daß sie nicht restlos 
glücklich sein könne, wenn der Mann nicht vorher vor ihr 
gekniet hätte. Auch hier der Wunsch, sich erhöht zu fühlen. 
Solche und ähnliche Fälle gehören vermutlich schon in das 
Gebiet der neurotischen Störung und können nicht mehr 
unter die individuelle Neigung gezählt werden. Das gleiche 
dürfte, soweit ich von Ärzten darüber informiert wurde, für 
solche Fälle gelten, wo eine Überempfindlichkeit oder Unter- 
empfindlichkeit einer gesamten Körperhälfte vorhanden ist. 
Ob speziell bei dieser letzteren Erscheinung nicht doch auch 






133 

physiologische Bedingungen zugrunde liegen, scheint mir 
nicht genügend geklärt. Wir erinnern hier an die Bevorzu- 
gung der linken vor der rechten Seite im Rahmen jener Kul- 
turen, die unter Frauenherrschaft geblüht haben, wir finden 
die Unterscheidung bestimmter männlicher und weiblicher 
Eigenschaften an die eine oder die andere Körperseite ge- 
bunden bei Fließ-Swoboda, wo gleichfalls die linke als die 
weibliche Hälfte angesehen wird. Die alte weise Kama Sutra 
schreibt, wie wir gesehen haben, bei der Vereinigung in 
Seitenlage dem Manne vor, sich auf die linke Flanke zu legen, 
dem Weibe hingegen auf die rechte und fügt noch bei, daß 
dies in allen Fällen ausnahmslos so zu halten sei. Es scheint 
also eine gewisse Erfahrung über eine solche Teilung nach 
links und rechts je bei Frau und Mann vorzuliegen. Daß auch 
sie wie alles auf dieses Gebiet bezügliche, nicht allgemein 
eiltig ist, habe ich aus der Praxis der Beratungen erfahren. 
Frauen die in diesem Punkte Erfahrungen hatten, haben 
wiederholt berichtet, daß für sie (im Gegensatz zur Kama 
Sutra) das Ruhen auf der linken Seite bei der seitlichen Ver- 
emieuW das selbstverständliche sei und sie es sich anders 
Shtdenken könnten. Verschiedentiiche Bevorzugungen 
Sd Abneigungen je nach der einen Körperhalfte wurden of- 
ters erzählt. 

Abneigungen sind ebenso individuell wie Neigungen 

und müssen ebenso wie diese beachtet werden. Es kann 
auch hier das schlimmste Mißverständnis entstehen, wenn 
man seine Kenntnis bestimmter erogener Zonen nun auto- 
matisch auf jeden Partner überträgt. Es kann sich namhch 
sehr leicht ereignen, daß in einzelnen Fällen die im allge- 
meinen leicht erregbaren Stellen besonders aggresiv ab- 
weisend reagieren, wenn sie ungeschickt gereizt 
werden. Dies zu wissen und zu berücksichügen gehört .gleich- 
falls zum Problem der körper-seelischen Vertrautheit. 

Ebenso die Frage, ob Licht oder Dunkelheit bevorzugt 
wird und noch vieles ähnliche. 

Es ist nun auf keine Weise einzusehen, warum dieses reiz- 
volle gegenseitige Entdecken gerade innerhalb der Ehe mcht 
sollte statthaben dürfen. Gerade die Monogamie mit ihrer auf 



134 

Dauer und Ausschließlichkeit eingestellten Tendenz kann 
leicht Gefahr laufen, zur Monotonie zu werden, wenn diesen 
Dingen keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ja, vielleicht 
kommt gerade der schlechte Ruf der Ehe in diesem Punkte, 
nämlich im Sinne des Abgestumpftwerdens, daher, daß man 
sich davor scheut, diese sehr anziehende Abwechslung inner- 
halb der Ehe zu praktizieren. 

1 



i- 















VI. Kapitel. Ehe und Geschlechtsleben. 

„Zu behaupten, daß es unmöglich sei, die 
eigene Frau ständig zu lieben, ist ebenso ab- 
surd, wie zu behaupten, daß ein Musiker 
viele Instrumente nötig habe, um eine bezau- 
bernde Melodie hervorzubringen. u Balzac. 

Damit kommen wir nun zu der Frage, wie sich Ge- 
schlechtsleben und Ehe überhaupt zueinander verhalten. 

Zu diesem Problem bekommt man in überreicher Fülle 
Meinungen der allerentgegengesetztesten Richtungen zu 
hören, von denen doch jede einzelne mit der gleichen Über- 
zeugung als einzig richtige vorgebracht wird. Ihre Zahl ist 
so groß, daß nur eine sehr summarische Darlegung hier 
möglich ist. Sie zerfallen in zwei Hauptgruppen. Die einen 
snielen die Ehe gegen das Liebesglück aus, finden dieses nur 
Sich ohne Dauerbindung. Diese Gegenüberstellung von 
Shf contra Erotik als zweier einander ausschließender Be- 
griffe ist von einem alten, französischen Essayisten dahin 
famuliert worden, daß es wohl »gute Ehen ge be aber -keine 
oSlichen". Das ist eine etwas bedenkliche Einstellung. 
fKnfotorf ^durch die Dauerverbindung in einen durchaus 
«£ht begründeten Mißkredit. Wenn auch zugegeben werden 
muß Are jetzt übliche Gestaltung viele Hemmungen der 
Ä Tin sich schließt, deren einige eben d urchgesp r ^hen 
Ei-ouk iu öiu nichts gegen die Institution der 

mit de m Bade aiKzuacu , Reformierung zu 

SSTS 'wSfrhaÄ^e^ulturfom, die WeUos 
^S^ideae menschliche Entwicklung fordernde Elemente 

ta ffier muß "elleicht ein prinzipielles Wort zur Frage der 
M™£aiSe gesagt werden. Kritiker der Einehe hat es ge- 
geZf sf tengf diese selbst besteht. Es scheint also, daß Sie 









136 

nie vollkommen ideal gewesen ist. Aber warum sollte gerade 
die Ehe in dieser Welt der Unvollkommenheiten als einzige 
Ausnahme das Bild der Vollkommenheit zeigen? Es ist un- 
gerecht, ihr diese Ausnahmestellung zuweisen zu wollen. Die 
Frage muß umgekehrt gestellt werden, was denn Besseres an 
ihre Stelle zu setzen wäre und da wird es schwer halten, 
einen Ersatz zu schaffen, der die Mängel der jetzt bestehen- 
den Eheform ausschließt und ihre Vorzüge doch erhält. Zu 
diesen Vorzügen gehören so viele kultur- und persönlich- 
keitsfördernde Momente, daß sie meiner Meinung nach die 
Schäden überwiegen. Ja, allein schon die Tatsache, daß sich 
die Monogamie, trotz so vieler, zweifellos in ihr begründeter 
Schwierigkeiten — und sogar trotz so vieler Reformversuche 
— doch immer noch erhalten hat, läßt auf ihre allgemein 
menschlichen positiven Werte schließen. Die von vorneherein 
kurz befristete Sexualverbindung scheint in keiner Weise 
entsprechende Äquivalente dafür zu bieten und dürfte schon 
aus psychologischen Gründen abzulehnen sein. Aber selbst 
wenn sie das nicht wäre, so sind doch alle von diesem Prinzip 
SÜP^Ü *l *? f ? r u mvoraclü äge im Rahmen unseres Kultur- 
und Wirtschaftslebens vorlaufig nicht durchführbar. Sie 
finden innerhalb dieses z. B. schon keine Möglichkeit für eine 
auch nur halbwegs gesicherte Aufzucht der Kinder, sind da- 
ne r gegenstandslos. Ni cht mit Utopien wollen wir uns be- 
schäftigen, sondern mit Realitäten. 

^i 61 ^,^ 6 andere » realere Gruppe von Reformatoren, 
welche Erleichterungen und Reformen innerhalb einer Dauer- 
bmdung vorschlagen. Die Vorschläge zur Verbeserung er- 
strecken sich dabei auf die verschiedensten Gebiete. Vom 
physiologischen, vom psychologischen, vom soziologischen 
Standpunkt aus wird das Problem angepackt. 

Monogamie oder Polygamie* 

Einige Autoren bauen ihre Lösungsversuche auf die bei 
Männern angeblich polygame, bei Frauen jedoch monogame 
Veranlagung auf. Diese Ansicht von der in diesem Punkt ver- 
schiedenen Veranlagung der Geschlechter ist nicht mehr 
haltbar. Es wurde bereits ausgeführt, daß sich eine von 
Natur aus gegebene Neigung zu Monogamie oder Poly- 
gamie weder bei Männern, noch bei Frauen nachweisen 



XI 




137 

läßt, sondern daß vielmehr in beiden Geschlechtern beide 
Entwicklungsmöglichkeiten vorhanden sind und daß es 
durchaus Frage der Gesamtentwicklung ist, welche Richtung 
die Entfaltung dieser Möglichkeiten einschlägt. Deshalb 
werden Reformvorschläge, welche sich auf eine solche Ver- 
anlagung stützen, nicht weit führen. Dann gibt es Theorien, 
welche darauf aufgebaut sind, daß polygame und monogame 
Neigungen bei beiden Geschlechtern gleichermaßen vorhan- 
den, aber je nach der Altersklasse verschieden sind. Man 
wäre demnach in der Jugend polygam, im Alter monogam. 

Diese Einteüung, so bestechend sie im ersten Augenblick 
erscheint, entspricht durchaus nicht der praktischen Erfah- 
rung. Wir finden immer wieder Beispiele von Menschen, 
welche von Jugend an eine Tendenz zur Treue und ausschließ- 
lichen Bindung an einen einzigen Liebespartner gezeigt und 
auch durchgeführt haben und die gerade im späteren Alter 
sich an Wechsel und Flatterhaftigkeit gar nicht genug tun 
können. Ich glaube daher nicht, daß die Einteilung nach mo- 
nogamen oder polygamen Altersschichten als allgemein 
gültig angesehen werden kann. 

Von den Theorien, die sich auf dieser Einteüung aufbauen, 

möchte ich das Buch des Franzosen Leon Blum heranziehen, 

Du mariage" (über die Ehe, Verlag Ollendorf, Paris), in 

welchem der Verfasser auf der vorerwähnten Einteilung ein 

ganzes System aufrichtet 

Er schlägt vor, daß eine gesetzmäßige Regelung anzustre- 
ben sei nach welcher Männer wie Frauen ihren polygamen 
Trieben leben können, so lange, bis das Gefühl der Sättigung 
sie von selbst zur Ruhe drängt. Dann, meint er, mögen sie 
eine Ehe schließen, die ihnen den ruhigen, friedlichen Alters- 
abend sichert. Die Männer täten das sowieso, es handle sich 
nur noch darum, auch den Frauen, die infolge der gleichen 
Veranlagung gleichermaßen dazu berechtigt sind, das glei- 
che, von keiner sozialen oder ethischen Beschränkung behin- 
derte Recht einzuräumen. 

Er stützt diese These auch noch darauf, daß es unmöglich 
sei im selben Partner die zur Führung einer Ehe notigen 
Eigenschaften zu finden und zugleich die Qualitäten, welche 
den Liebespartner ausmachen. Wir sehen hier die Gegenüber- 
stellung 






138 

„Ehe contra Erotik" 

zum grundlegenden Prinzip erhoben. Blum betont, daß er 
mit seiner Theorie die Institution der Ehe keineswegs ab- 
bauen wolle, sondern im Gegenteil auszubauen bestrebt sei, 
aber es fällt schwer, das, was nach diesen Prinzipien noch 
übrig bleibt, eine Ehe zu nennen. Der modernen psycholo- 
gischen Einsicht, die den Menschen als ein unteilbares Ganzes 
sieht, widerstrebt die Einstellung Blums durchaus. 

Besehen wir vorerst die praktischen Möglichkeiten dieses 
Polygamievorschlages unter unseren realen Bedingungen, 
vor allem die Frage der Kinder. Diese Frage stellt sich der 
Autor natürlich auch selbst, aber er beantwortet sie etwas zu 
bündig mit der Auskunft, daß man eben nur die Kinder zu 
haben brauche, die man wünsche und keine anderen. Ich weiß 
nicht genügend, wie es auf diesem Gebiet in Frankreich be- 
stellt ist, aber für uns gilt diese Antwort gewiß nicht, das 
beweist zur Genüge der Kampf auf Leben und Tod — und es 
geht dabei wirklich um Leben oder Tod — , den unsere Frauen 
gerade jetzt gegen den Abtreibungsparagraphen führen. 
Also so einf ach ist die Frage der Kinder nicht aus der Welt 
zu schaffen. Aber es kommt noch etwas anderes hinzu. Blum 
verlegt das „mütterliche Alter", wie er es nennt, also die 
Zeit, in welcher seiner Meinung nach die Frau nach einer 
sexuell gänzlich ungebunden verlebten Jugend erst den 
Wunsch nach Einehe und nach Kindern empfindet, zwischen 
das 30. und das 40. Lebensjahr. Er führt auch einen ärztli- 
chen Ausspruch an, der behauptet, daß die Nachkommen- 
schaft einer Frau unter 30 Jahren immer nur ein „kümmer- 
licher Wurf" sei. Ich habe bei unseren Ärzten diese Meinung 
nicht gefunden, aber ganz abgesehen von der biologischen 
Seite der Frage, kann man es wohl auch psychologisch für 
keine glückliche Idee halten, das Einsetzen der mütterlichen 
Funktion der Frau grundsätzlich bis in ein Alter hin zu 
verschieben, in dem sie nahezu schon Großmutter sein kann. 
Eine planmäßige Durchführung dieses Prinzips würde unter 
anderem die Folge haben, daß die Kinder im Pubertätsalter, 
also in ihrer schlimmsten Sturm- und Drangzeit, Eltern vor- 
finden, die vermöge ihres abgeklärten Alters kein Verständ- 
nis für die Nöte der Kinder haben können und es würde 
für die Eltern bedeuten, das Erwachsensein ihres Kindes oft 






139 

gar nicht oder in senilem Zustand zu erleben. Es würde über- 
haupt das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern noch weit 
mehr verschärfen, als es ohnehin der Fall ist, denn die größte 
Fehlerquelle in der Beziehung zwischen Kindern und Eltern 
erfließt ja aus der Altersdifferenz. Es ist schon schwer 
genug, den Weg von einer zur nächstfolgenden Generation 
zu finden und umgekehrt, wie erst dann, wenn hier der Zeit- 
lauf noch einer Generation künstlich dazwischengeschoben 
wird. 

Stellt man sich also in der Frage der Nachkommenschaft 
auf den Boden der realen Tatsachen, dann kommt man da- 
durch allein schon zu dem Schluß, daß der Vorschlag Leon 
Blums kaum zur Bereicherung und Verschönerung des Lie- 
bes- und Geschlechtslebens beitragen kann. 

Das Recht auf die Geliebte. 

Eine andere gesetzmäßige Regelung schlägt Georges An- 
quetil, gleichfalls ein Franzose, in seinem Buch „La maitresse 
legitime" vor. Die deutsche Übersetzung des Titels lautet 
aber nicht, wie sie wörtlich und mit genauer Wiedergabe des 
Sinnes heißen müßte, „Die gesetzlich anerkannte Geliebte", 
sondern „Das Recht auf die Geliebte". Der Übersetzer hat 
dadurch, ich weiß nicht ob mit oder ohne Absicht, eine 
kleine, aber sehr berechtigte Demaskierung des Autors vor- 
weg genommen. Die Flagge, unter welcher das Buch segelt, 
ist nämlich eine andere als dessen Inhalt. Anquetü behauptet, 
daß der Jammer über die vielen Frauen, welche auf Grund 
des Männermangels unvermählt und kinderlos bleiben müß- 
ten das treibende Motiv seines Vorschlages sei. Der Vor- 
schlag geht dahin, daß die Gesetzgebung geändert werden 
müsse. Der Bigamieparagraph müsse fallen, die Geliebte und 
ihre Kinder als legitim berechtigt anerkannt werden. So weit, 
an schön. Aber dazu gibt es ja einen anderen viel einfacheren 
*£%*£ **• d^ Anerkennung des außerehehchen Kindes 
und seine, sowie seiner Mutter volle gesetzliche Gleich- 
stellung mit der legitimen Familie. Das würde genügen, um 
die aus der Überzahl an Frauen resultierenden Schwierig- 
keiten auf diesem Gebiet zu beheben. Es scheint dem Autor 
eben doch nicht nur darum allein zu gehen, sondern nebstbei 
oder vielleicht sogar vor allem, um die gesetzlich garantierte 



140 

Freiheit des Mannes zur Vielweiberei. Das scheint der Über- 
setzer ganz richtig empfunden zu haben, denn wäre die Ten- 
denz des Buches wirklich auf das Wohl der Frauen gerichtet, 
dann müßte es lauten: „Das Recht auf den Geliebten." Dem 
Buch sind die Antworten auf eine Rundfrage beigedruckt, 
welche der Autor an sehr viele im öffentlichen Leben her- 
vorragende Persönlichkeiten gerichtet hat, und die Art der 
Verschiedenheit, mit welcher z. B. französische oder deutsche 
Autoren, Romanciers oder Wissenschaftler die Frage beant- 
worten, ergibt das Bild eines sehr interessanten psychologi- 
schen Experiments. So z. B. sieht ein deutscher Forscher in 
der Forderung des Autors nach Wegfall des Bigamiepara- 
graphen eine ungeheuere Stärkung der zu befürchtenden 
weiblichen Vorherrschaft, die er geradezu als kulturzerstö- 
renden Faktor hinstellt und mit dem schwersten wissen- 
schaftlichen Geschütz bekämpft. Ein Franzose hingegen be- 
gnügt sich mit der Antwort: „Eine Frau und eine Schwieger- ' 
mutter wäre schon schwierig, wie aber erst, wenn es deren 
mehrere würden." Liest man das Buch Anquetils, so be- 
kommt man selbst den Eindruck, daß es sich nicht ganz um 
einen ernst zu nehmenden Vorschlag handeln kann. 

Kameradschaftsehe. 

Sorgfältiger zu erwägen ist schon das Buch Lindseys über 
die Kameradschaftsehe. Der Autor, der Jugendrichter in 
Amerika ist und aus seiner Tätigkeit weitgehenden Einblick 
in das Sexualleben der dortigen Jugendlichen gewonnen hat, 
hat seine Kenntnis in einem Buch „Die Revolution der mo- 
dernen Jugend" niedergelegt. Über seine Erfahrungen und 
ihre Gültigkeit für unseren Kulturkreis wird noch zu spre- 
chen sein, ihn selbst haben sie zu dem Schluß geführt, daß 
die heute heranwachsende Generation einem bindungslosen 
Leben mehr zuneige als einer verantwortlichen Bindung. Er 
schlägt nun vor, den jugendlichen Menschen selbst praktisch 
ausprobieren zu lassen, wie weit er geneigt und fähig sei, den 
Anschluß an einen bestimmten Partner zu einem dauernden 
werden zu lassen. Auch Lindsey sucht eine gesetzliche Rege- 
lung dieser Frage, und zwar möge das Gesetz unterscheiden 
zwischen Kameradschaftsehe und Familienehe. Das Wesen 
der Kameradschaftsehe besteht in folgenden Verpflichtun- 



141 



gen: Die Kameradschaftsehe wird auf 3—5 Jahre geschlos- 
sen. Mann und Frau verzichten auf Nachkommenschaft. Der 
Entschluß des einen Partners, die Ehe nicht weiter fort- 
führen zu wollen, genügt allein schon zur Lösung derselben. 
Ein Einspruch des anderen Partners dagegen ist nicht statt- 
haft. Alimentationsverpflichtung gibt es nicht. Der tiefere 
Sinn dieser Eheform liegt nach Lindsey darin, die Verbin- 
dung zweier jugendlicher Menschen von jeder Belastung 
durch irgendwelchen Zwang vollständig freizuhalten. In 
täglich erneuter Freiheit des Entschlusses mögen sie erpro- 
ben, ob ein gemeinsames Leben ihnen erwünscht sei oder 
nicht. Entstehen Mißstimmigkeiten, so möge das Ausein- 
andergehen keinerlei Schwierigkeiten bieten. Lindsey meint, 
daß gerade diese Befreiung von jedem Zwang das beste 
Mittel sei, die Beziehungen zu verschönern und zu festigen. 
Tritt diese günstige Entwicklung ein und fassen die beiden 
Partner auf Grund ihrer bisherigen Erfahrung den Entschluß 
zu einer Lebensgemeinschaft, dann lassen sie die bisherige 
Kameradschaftsehe in die Familienehe übergehen. Diese legt 
nun schon viel festere gesetzmäßige ^^f^Sim^ 
Ai* Scheidunesmodalitäten sind erschwert und die Verant- 
Inrtune fS die Nachkommenschaft wird bindend uber- 
ImS Undsey sieht in diesem stufenweise V f.^ a ^- 
weSEn zwefer Menschen miteinander die beste Gewahr für 
dauernde Glücksmöglichkeiten. 

Fr betont in seinem Buch wiederholt und nachdrücklichst 
^ Q a man seinen Vorschlag der Kameradschaftsehe nicht mit 
dem Xme" üblichen Ubiern der Probeehe ye^e« 
dürfe Ich kann nicht sagen, daß das Buch 5L$^ÄE 

düng gegenüber geltend machen. 

Das Problem der Dauerbindung. 

Diese Bedenken sind ziemlich tiefgehender Natur und 
bez?ehen fich hauptsächlich darauf, daß niemand und auf 






142 

keinem Gebiet, in eine von vornherein kurz befristete Be- 
ziehung, so viel zu investieren geneigt ist, wie bei einem auf 
lange hinaus geplanten Unternehmen. Das gilt ganz ebenso 
für einen Geschäftsmann, der ein Lokal für kurze Zeit 
mietet, wie für den Chef, der einen Angestellten, oder die 
Hausfrau, die eine Hausgehilfin für kurze Zeit engagiert. 
Sie alle werden sich bemühen, während der Dauer der Bezie- 
hung recht und schlecht auszukommen, aber sie werden si- 
cherlich nicht jene Intensität der Bemühung hineinlegen wie 
dort, wo sie auf lange Sicht rechnen können. Das gleiche gilt 
für die Frage der kurz befristeten ehelichen Verbindung. Es 
ist sehr wahrscheinlich, daß diese Arten von Ehen gewisse 
Vorzüge bieten, welche der von vornherein auf Dauer ge- 
schlossenen Ehe fehlen. Sie sind leichter, unbeschwerter, die 
Enthebung von jeglichem Zwange wirkt sich zweifellos gün- 
stig aus, aber das alles hat auch seine negative Seite. Die 
hegt darin daß man sich nicht so viel Mühe geben wird, ein- 
Sf^JSfS 1 ?«*«*** zu lernen, die verschiedentlichen 
Eigenschaften einander anzupassen. Es nützt dabei gar 

X ^i JTT n ^ m l mt * daß , der übe rgang *ir Familien- 
2&Ä K ^ggfegfoüS ? ffen bl *ibt d!s mag im Ein- 
2SiÄ£ Ja man £ hn ? al gwtoS auswirken. Im allgemeinen 
aber ist die menschliche Seele nicht so eingerichtet, daß sie 
sich auf Ziele, die ihr augenblicklich noch gar nicht vor- 
schweben, wirklich richtig einstellen könnte. Da wir nun aber 
aus der modernen Seelenforschung wissen, daß das Ziel aus- 
nahmslos die Mittel bestimmt, so muß man wohl annehmen, 
daß die von vornherein auf Dauer eingestellte Zielrichtung 
sich im psychologischen Haushalt des Menschen anders aus- 
wirken wird, als die kurz befristete. Betrachtet man nun 

die Ehe als eine Art Vergnügungsstätte, 
die man bei der einen Tür betritt und bei der anderen jeder- 
zeit verlassen kann, dann wird man sich um die Aus- 
schmückung dieser Stätte nicht allzuviel kümmern. Man wird 
das Gute, das sie bringt, annehmen, die Schwierigkeiten bei- 
seite schieben, ja vielleicht sogar bei der ersten Schwierig- 
keit schon den Versuch aufgeben. Hat man hingegen den 
Plan, aus der Ehe eine Stätte des dauernden Weilens zu ma- 
chen, dann wird man gewissermaßen als ein seelischer 
Architekt alle Möglichkeiten der Verschönerung und Ver- 



143 



besserung viel genauer erwägen und sich auch dieser oder 
jener momentanen Unbequemlichkeit unterziehen, wenn ein 
dauernder Gewinn sich daraus verspricht. Diese momentanen 
Unbequemlichkeiten als da sind: Das Einfügen in den 
Wunsch des andern, Rücksicht in gewissen alltäglichen Not- 
wendigkeiten, fallweiser Verzicht auf eigene Wünsche, lauter 
Dinge, die sicher nicht immer leicht sind, lohnen dort nicht, 
wo kein Dauergewinn dafür in Aussicht steht. Es lohnt hin- 
gegen sehr, wenn man gewillt ist, aus dem augenblicklichen 
Partner den wirklichen Lebensgefährten werden zu lassen 
und auch sich selbst dazu zu machen. Ich weiß, daß diese 
Meinung vielseitig nicht anerkannt wird. Meine gesamte 
Erfahrung aber hat mich gelehrt, daß dieDauereiner 
auch nur halbwegs geglückten Beziehung 
an sich schon ein positives Gut bedeutet, und 
zwar im doppelten Sinn. Erstens kann der Mensch, wie auch 
jede wertvolle Pflanze, nur dort wirklich voll gedeihen, wo 
er Wurzeln schlagen kann. NurdasUnkrautsprießt 
überall und hält nirgends fest. Zweitens aber 
entwickelt, wie schon gesagt, die Einfügung in eine Dauer- 
bindung sehr viele wertvolle Eigenschaften, die nicht nur 
innerhalb dieser, sondern darüber hinaus für jede mensch- 
liche Beziehung, von großem Wert sind. : 

Diese Werte, meine ich, gehen uns verloren, wenn wir eine 
Verbindung schließen, zu deren Aufrechterhaltung wir von 
vornherein nicht fest entschlossen sind, denn dazu brauchen 
wir sie dann nicht und man trainiert nur, was man zu seinem 
Ziel braucht. ■ . _J 

Aber auch im sexuellen Zusammenleben ist die Frage der 
Dauer nicht ohne Bedeutung. Es gibt dabei so viele Nuancen, 
die nicht leicht sich einfinden, wenn man sich nicht Zeit 
läßt, sie zur Entwicklung zu führen. Wohl können Seele wie 
Körper im ersten Rausch sich sehr gut verstehen, aberum 
ausdem Liebespartner alles herauszuholen 
was eransexuellemGeh alt zugeben vermag, 
dazu braucht es einer längeren seelischen 
Einfühlung und Beobachtung, ganz ebenso wie 
im allgemein menschlichen Zusammenleben. Es tritt auch 
nach dem ersten Rausch meistens eine gewisse Ernüchterung 
ein und wenn man nicht auf Ausdauer eingestellt ist, dann 
neigt man leicht dazu, in diesem Zustand eine Beziehung 






144 

aufzugeben, welche bei weiterer sorgsamer Pflege später 
noch viel mehr Freude hätte geben können als zuvor. Zu 
dieser tieferen intensiveren Freude aber gelangen diejenigen 
überhaupt nicht, die sich damit begnügen, den obersten 
Schaum sexueller Beziehung abzuschöpfen, sie dann stehen 
zu lassen, um neuerlich wieder nur den ersten Rausch bei 
einem neuen Partner zu genießen. 

Andererseits kommt es auch sehr häufig vor, daß man 
sich zu Beginn sexuell nur wenig versteht und daß erst lang- 
sam das gegenseitige Verständnis und damit die sexuelle 
Beglückung sich einstellen. So manche Frau hat mir schon 
erzählt, daß sie im Anfang sehr enttäuscht vor der Frage 
stand, über die schon so viele Bücher geschrieben wurden: 

n ünd das ist alles ? u 

daß sie aber späterhin mehr und intensiver beglückt war, 
als sie sich je zuvor hätte träumen lassen. 

In einer französischen Erzählung, deren Titel und Autor 
ich leider vergessen habe, ist geschildert, wie ein sehr ver- 
führerischer, mit großer Frauenerfahrung ausgerüsteter 
Mann an eine Frau gerät, die er wirklich liebt und bei wel- 
cher das erste sexuelle Zusammensein doch mit einer Ent- 
täuschung für beide endet. Sie versuchen es trotzdem wieder, 
ohne über belanglose Freude hinauszukommen. Da gelingt 
es dem Mann einmal, durch ein aller Gewohnheit widerspre- 
chendes Experiment die Frau und zugleich sich selbst weit 
über ihre Grenzen hinauszureißen. Von da an steigert sich 
ihre Verbindung zu immer reicherem Glück, und nun kommt 
die Szene, wegen welcher ich das Buch heranziehe. Die 
Beiden sind auf einer Reise; frei von der gewohnten Um- 
gebung, haben sie einander noch mehr geben können als 
sonst, nun sind sie glücklich und zufrieden. Und wie sie so 
in aller Ruhe beisammen sind, scheinbar ganz wunschlos, da 
fällt ihnen plötzlich ein, ob man nicht noch dies oder jenes 
versuchen könne; sie versuchen, — es glückt; sie versuchen 
noch etwas anderes, — es glückt wieder! Der Schluß der Er- 
zählung besagt, daß der Mann, der so viele Frauen gekannt 
und bei keiner ausgehalten hat, nun bei dieser einen bleibt, 
weil er mehr bei ihr findet, als bei allen an- 
deren zusammen. 






XII 




ßotticclli: Mars und Venus 
London, National Collery 




Greta Garbo und Lewis Stune in dein Film „Truuenglut" 
Photo Metro Goldwyn Mayer 

Wir sehen, die Situation hat sich bisher nie geändert 






145 



Auch bei vielen Berichten in meiner Beratung habe ich 
ähnliches gehört und ich erinnere an Anatole France „Insel 
der Pinguine", wo ein Liebespaar, das sich keineswegs mehr 
neu ist, für ein paar Stunden zusammentrifft. Wie das 
Stubenmädchen nachher das Zimmer aufräumt, findet sie in 
der Wand neben dem Bett sieben Kreuzchen mit der Haar- 
nadel eingekratzt. Das ist eine alte Geschichte, denn heute 
tragen wir keine Haarnadeln mehr, sonst aber hat sich nichts 
daran geändert. 

Monotonie <Ü8 Gefahr. 

Damit halten wir bei dem elementarsten Einwand, der 
gegen die Ehe im allgemeinen erhoben wird, bei der Frage, 
ob es wirklich durchführbar sei, ein dauerndes Zusammen- 
leben vor Langweile zu bewahren und ganz besonders vor 
erotischer Abstumpfung. Es wurde bereits erwähnt, daß die 
augenblicklichen Klagen darüber zum großen Teil von der 
Scheu herrühren dürften, Abwechslung ins Liebesleben 
innerhalb der Ehe einzuführen. Es kommt aber auch noch 
etwas anderes dazu. Persönliche Geltung brauchen wir alle, 
nie Wege aber, auf denen wir sie zu erreichen streben, sind 
£hr verschieden. Und so wird der eine seine Bestätigung im 
Werben um immer neue Menschen suchen, wahrend der 
andere sie dort findet, wo es ihm glückt, einen einzigen Men- 
ophen sich ganz zu erschließen. Dieser Unterschied geht 
keineswegs nach dem Geschlecht geteilt. Es gibt Männer 
Pbenso wie Frauen von beiden Arten und für den Einen be- 
!wpt eine bisher noch nicht erreichte und 
fun zum erstenmal gefundene Zärtlichkeit 
5es ständigen Gefährten oft mehr Glucks- 
möglichkeit als der Andere jemals in immer 

erneutem Suchen bei noch so vielen Zufalls- 
partnernfindenkann. 

Fs liegt hier zweifellos zwischen diesen beiden Typen eine 
weit über das Sexuelle hinausgehende Kluft vor, die sich 
auch in allen andern Lebensfragen ausdrückt. Man konnte 
vielleicht die Scheidungslinie so ziehen, daß man die einen 
als Dilettanten betrachtet, die sich auf allen möglichen Ge- 
bieten versuchen, dabei sicherlich auch zu einer gewissen 
Virtuosität gelangen können, daß aber doch wohl nur die 

Lazarsf eld, Wie die Frau den Mann erlebt. 10 







146 

anderen als die schöpferischen Künstler anzusprechen sind. 
Und in diesem Sinne ist ja auch der Ausspruch Balzac's zu 
verstehen, den wir als Motto hier vorangestellt haben. 
Künstler sein heiße nicht, viele Instrumente, sondern 
ein Instrument vollkommen beherrschen. 

Diese Frage ist besonders für Jugendliche, die vor der 
Gestaltung ihres Lebens stehen, von so entscheidender Be- 
deutung, der Entschluß, Lebens-Dilettant oder Künstler 
werden zu wollen, kann so bestimmend für die Gesamt- 
entwicklung werden, daß wir auf diesen Punkt bei der Frage 
des ersten sexuellen Erlebnisses noch ausführlicher zurück- 
kommen werden. Hier will ich nur noch darauf verweisen, 
daß die Gesetzmäßigkeit solchen seelischen Verlaufs vor 
keiner Gesellschaftsklasse halt macht und daß auch ihre Stö- 
rungen an kein soziales oder ökonomisches Milieu gebunden 
sind. Die Erfahrungen der Beratungsstellen läßt sie uns in 
allen Schichten der Bevölkerung vertreten sehen. 

Es ist vielleicht wichtig, einmal besonders zu betonen, 
daß die Meinung, seelische Verschönerung und Bereicherung 
des Sexuallebens wäre ausschließlich eine Angelegenheit der 
höheren Gesellschaftsklassen und berührte das Proletariat 
nicht, durchaus falsch ist. Auch diejenigen, die im härtesten 
Kampf um das nackte Dasein stehen, sind keineswegs un- 
empfindlich dagegen. Ich wünschte allen jenen Zweiflern 
einmal zu hören, mit welcher zärtlichen Sorgfalt sich jugend- 
liche Arbeiter an den Beratungsstellen darnach erkundigen, 
wie sie am zweckmäßigsten mit dem Mädel, das sie lieb 
haben, umgehen sollen, wie rührend sie davon sprechen, daß 
sie nicht aus Unkenntnis Schaden zufügen wollen. Und an- 
dererseits die Mädel, die oftmals mit heller Begeisterung 
davon erzählen, wie zart und behutsam der Bursch mit ihnen 
umgegangen sei und wie er es ihnen dadurch ermöglicht 
habe, ihm nicht nur aus ganzer Seele, sondern mit ihrem 
ganzen Körper zu danken. Ebenso wie diese positiven Er- 
scheinungen finden sich selbstverständlich auch die Störun- 
gen dort vor und auch zur Behebung dieser wird, ganz ebenso 
wie in der besitzenden Klasse, die Beratung oftmals auf- 
gesucht. 

Wir sehen immer wieder, daß der gesetzmäßige Ablauf 
psychischen Geschehens weder an das Geschlecht, noch an 
die Klasse, noch an das Alter gebunden ist. Zweifellos er- 



. 



147 



geben sich aus Geschlecht, Klasse und Alter gewisse Diffe- 
renzierungen, aber sie sind im Sexualleben von keiner ent- 
scheidenden Bedeutung gegenüber jenem seelischen Mecha- 
nismus, der mit gesetzmäßig zwangsläufigem Ablauf für alle 
Menschen gleichermaßen gilt. 

Wir kommen jetzt zu jenen Autoren, die ein volles Be- 
kenntnis zu der altgewohnten Form der Ehe ablegen. Deren 
Reformvorschläge beziehen sich also nicht mehr, wie die 
bisher zitierten Bücher, auf eine Änderung der gebräuchli- 
chen Eheform, sondern auf eine Verbesserung von deren 
Inhalt. 

Physiologie der Ehe. 

Interessanterweise gibt es ein Buch, das gerade für den 
Gebrauch der Menge durchaus brauchbare Möglichkeiten 
enthält, obwohl es aus einer Zeit stammt, wo die Masse 
noch kein Gegenstand des Interesses der psychologischen Li- 
teratur war. Es ist das Buch „Physiologie der Ehe" von 
Honore de Balzac, mit dem Untertitel „Betrachtungen über 
eheliches Glück und Unglück". 

Ich ziehe dieses Buch besonders ausführlich heran, .nicht 
nur seines historischen Interesses wegen, sondern weil die 
darin enthaltene Lebensweisheit sich mir aus meiner Bera- 
tungspraxis immer wieder neu bestätigt hat. Ja, ich muß 
sagen daß alle neuen und neuesten psychologischen Unter- 
suchungen und Ratschläge nichts zu Tage gefördert haben, 
was mit den dort niedergelegten Erfahrungen in Wider- 
spruch stünde und daß darüber hinaus alle von Balzac emp- 
fohlenen Verhaltungsweisen sich als zweckmäßig und, was 
am Wichtigsten ist, praktisch durchführbar erwiesen haben. 
Auch die Lebensanschauung, von welcher der Autor ausgeht, 
ist heute noch die tragfähigste Basis für eine dauernde Ge- 
schlechtsgemeinschaft. 

Balzac ist der Überzeugung, daß die der Monogamie so oft 
vorgeworfene Monotonie keineswegs eine zwangsläufige ist, 
er sieht deren Verbesserung in einer Veränderung der dabei 
geübten physiosexuellen Praxis. Da er aber ein wirklicher 
Dichter ist, entgeht er der Gefahr, im Mechanischen stecken 
zu bleiben; er weiß, daß nur das beseelte Handeln schöpfe- 
risch gestaltend sich auswirken kann. 



148 

Balzac ist der Überzeugung, daß auch die Dauerverbin- 
dung mit dem gleichen Partner sehr wohl erotisch abwechs- 
lungsreich gestaltet werden kann. 

In dem Buch sind Aphorismen eingestreut, welche oft in 
einem einzigen Satz die Quintessenz sexuell erotischer Weis- 
heit enthalten, wie wir es schon beim Problem des gemein- 
schaftlichen Anstieges im Sexualverkehr gezeigt haben. 
Einige davon sind unter dem Titel 

„Ehelicher Katechismus" 

vereinigt, der mit dem beherzigenswerten Wort beginnt: 
„Die Ehe ist eine Wissenschaft." Der erste Ratschlag lautet: 

„Kein Mann soll sich verheiraten, ohne die Anatomie der 
Frau genau zu kennen." 

„Das Schicksal einer Ehe hängt von der ersten Nacht ab." 
Wir erinnern uns hier seines schon früher herangezogenen 
entscheidenden Ratschlages : 

„Laßt es nie mit einer Vergewaltigung beginnen." 

„In Bezug auf die Liebe ist die Frau, selbst wenn wir von 
der Seele ganz absehen, wie eine Lyra, die ihre Geheimnisse 
nur dem ausliefert, der sie gut zu spielen weiß." 

„Das eigene Interesse des Gatten, ebenso wie seine Ehre, 
schreiben ihm vor, sich niemals einen Genuß zu gestatten, 
den er nicht auch seiner Frau erwünscht zu machen ver- 
steht." 

„Die Nuancen des Genusses zu begreifen, sie geschickt zu 
entwickeln, ihnen einen neuen Stil zu verleihen, einen origi- 
nellen Ausdruck zu geben, darin besteht das Genie des 
Gatten." 






* 









„Die Fähigkeit des Mannes besteht nicht darin, oft und stark m 
treffen, sondern richtig zu treffen." 

Dieses aber, das Richtige zu treffen, meint Balzac, ver- 
stünden die Männer so selten, und er erzählt dazu die be- 
rühmte Geschichte von dem Affen von Cassan. Von seinem 
Herrn sehr verwöhnt, bewegte sich das Tier, ein großer 
Orang Utan, ganz frei und benahm sich öfters, wie der 
Dichter sagt, „Ebenso unverschämt, wie ein Mensch , 
Eines Tages beobachtete Balzac den Affen, wie dieser mit 
großem Interesse dem Violinspiel seines Herrn lauschte und 
ihm dabei auch mit gespannter Aufmerksamkeit zusah. Da 






, 



149 



wurde der Künstler weggerufen. Der Affe näherte sich der 
Violine und ergriff sie mit großer Würde. Erst brachte er 
sie an seine Nase und beroch sie. Er schien einen angeneh- 
men Geruchseindruck davon zu haben; dann drehte er das 
Instrument um, betrachtete es von allen Seiten, hob es hoch, 
senkte es wieder, hielt es gerade vor sich hin, brachte es an 
sein Ohr um zu lauschen, legte es wieder weg und nahm es 
wieder auf. Er untersuchte die stumme Geige mit großer 
Intensität. Endlich legte er sie auf die groteskeste Art unter 
seinem Kinn an, nahm den Bogen in die Hand und begann 
zu streichen. Aber wie ein verzogenes Kind, das noch keine 
Ausdauer gelernt hat, ermüdete er rasch bei einer Übung, 
die zu erwerben ihm zu lang dauerte und begann nun die 
Saiten mit den Nägeln zu reißen, ohne dadurch natürlich 
etwas anderes erreichen zu können, als sehr unharmonische 
Töne Darüber beleidigt, lehnte er die Geige an die Wand und 
beeann den Bogen über die Saiten zu ziehen wie ein Maurer, 
der einen Stein zersägt. Dieser neuerliche Versuch brachte 
ihm keinen anderen Erfolg als seine Ohren, die gelernt hatten 
Besseres zu hören, noch viel mehr zu verletzen. Er nahm nun 
^n Bolen in beide Hände und schlug damit in harten 
Stößen Mf das Instrument, wie ein Schüler, der ^ einen zu 
loden geworfenen Kameraden unter sich festhalt und An 
Sit Faustschlägen traktiert, um ihn für eine Feigheit zu be- 
trafen. Nachdem der Affe die Geige zu Tode venirteilt und 
fuch hingerichtet hatte, setzte er sich auf die Überreste und 
wann in blöder Freude mit dem blonden Gespinst des zer- 
brochenen Bogens zu spielen. „Seit diesem Tage", schließt 
Balzac , habe ich oftmals Gelegenheit gehabt, sehr viele 
Männer in ihrer Beziehung zu Frauen mit diesem Orang 
TTtan zu vergleichen, der Violine spielen wollte. 

Fbenso wie früher bei Stendhal, finden wir hier bei 
Balzac^ eine außerordentlich feine Empfindung für psycho- 
foefsche Zusammenhänge, die zu jener Zeit sicherlich nicht 
Xemein bekannt, auch wissenschaftlich noch kaum gefun- 
ff waren und die der große Dichter aus seiner Kenntnis 
des Lebens geschöpft hat So wie er erwähnt daß ein ver- 
Senes Kind keine Ausdauer zum Lernen besitzt (eine psy- 
chische Ansicht, die heute ein Fundamentalsatzjeghcher 
SC ist), so erkannte er vor mehr als hundert Jahren 
fchon die katastrophale Auswirkung eines mißgluckten 



150 

Sexualerlebnisses auf Körper und Seele der Frau. Es ist ihm 
hoch anzurechnen, daß er als Mann die Schuld dafür beim 
Manne sucht und nicht vom männlichen Geschlecht abzu- 
wälzen trachtet. Er spricht von den vielen jungen Frauen, 
die schwach und kränklich durchs Leben gehen, ständig 
leichterer oder schwererer körperlicher Erkrankung ausge- 
liefert oder von der grausamen Herrschaft mehr oder weni- 
ger heftiger nervöser Attacken bedroht. Balzac zieht den 
Schluß, daß die Ehemänner solcher Frauen dies selbst ver- 
schuldet haben und dazu bestimmt sind, durch eine in jedem 
Sinn unglückliche Ehe dafür bestraft zu werden. „Sie haben", 
so sagt er, „ihr Unglück mit derselben Sorgfalt vorbereitet, 
die ein erotisch künstlerisch begabter Gatte dazu verwendet 
hätte, die berauschendsten Blumen des Genusses zur Ent- 
faltung zu bringen. . . . Die Zeit, die ein Unwissender braucht, 
um seinen Ruin vorzubereiten, ist genau die gleiche, welche 
ein geschickter Mann zum Aufbau seines Glücks zu verwen- 
den weiß." 
Die Frage 

„Kann man die eigene Gattin ständig begehren?" 
beantwortet Balzac mit einem bündigen , Ja". 

In letzter Zeit sind noch zwei kleine Bücher erschienen, 
welche „Ratschläge an einen jungen Ehemann" enthalten. 
Das eine ist von Colette, das andere von Geraldy. Beide 
stammen aus Frankreich, sind sehr liebenswürdig und auch 
geistvoll geschrieben, aber sie berücksichtigen bei ihren Er- 
wägungen doch allzu wenig die Frage der ökonomischen Be- 
dingungen und den damit untrennbar verbundenen Zeitman- 
gel der arbeitenden Klasse. Hier sehen wir einen großen Un- 
terschied zu Balzac, der keine Ratschläge erteilt, die mit be- 
sonderem Zeit- und Kostenaufwand verbunden wären. Immer- 
hin empfehlen auch diese beiden modernen Schriftsteller, 
das Glück nicht im Wechsel, sondern in der Pflege der 
dauernden Beziehung zu suchen. 

Nun kommen wir zu einem der meistgelesenen Autoren. 
Es ist van de Velde, der in seinem Buch 



n 



Die vollkommene Ehc u 






und in daran anschließenden Werken die Meinung vertritt, 
daß das jetzt etwas mangelhafte Wesen der Ehe durch Ver- 



151 



änderung ihres Sexualinhaltes zur Vollendung gebracht wer- 
den könne. Im ersten Band beschäftigt er sich überhaupt 
nur mit der physiologischen Seite dieser Frage. Er gibt in 
detailliertester Form eben jene mechanische Anleitung, die 
zu kennen, wie schon gesagt, sehr wichtig ist, auf deren 
Bedenklichkeit aber, wenn sie zur alleintragenden Grundlage 
gemacht wird, gleichfalls schon als einer Gefährdung im 
Sinne der Mechanisierung verwiesen wurde. 

Als Gynäkologe, der die Anatomie der Frau genau kennt, 
berücksichtigt er sie auch besonders und gibt dabei zweifel- 
los sehr wichtige Ratschläge, wie sie eben nur ein einsichts- 
voller und kenntnisreicher Arzt zu geben vermag. Er steht 
mit bestem Willen auf Seite der Frauen, aber auch er spricht 
dabei als Mann zu Männern, wie er ganz ausdrücklich selbst 
betont. Man darf ihm darum keinen Vorwurf machen, wenn 
das Buch vieles vermissen läßt, was vom Standpunkt der 
Frau wünschenswert wäre. In dem lobenswerten Bemühen, 
diese Wünsche, die er aus eigenem Erlebnis eben nicht 
kennen kann, zu erraten und zu erfüllen, schießt er manch- 
mal etwas über das Ziel. So z. B. wenn er davon spricht, wie 
diese oder jene „Position" mit Hilfe eines oder mehrerer 
Polster zu stützen sei. Zweifellos kann es für den weiblichen 
Körper, besonders wenn er ermüdet ist, eine große Erleichte- 
rung bedeuten, bei akrobatischen Kunststücken, an die seme 
Anleitungen manchmal heranreichen, durch zweckmäßige 
Unterlagen gestützt zu werden. Aber eben diese allzu ge- 
häufte Anleitung zur prinzipiellen Akrobatik, so gut gemeint 
sie zweifellos ist und so dankbar gerade die Frauen, in deren 
Interesse er sie empfiehlt, dem Autor dafür sein müssen, 
reicht manchmal fast an jenen kleinen Schritt heran, der 
das Erhabene vom Lächerlichen trennt. 

Es wurde schon darauf verwiesen, daß auch die ausge- 
feilteste Technik nichts nützt, wenn es nicht vorher gelingt 
dem Partner die innere Bereitschaft zu vermitteln, und daß 
so?ar mdTesem Fall ein kompliziertes Verfahren für die un- 
SiSe Frau noch weit unangenehmer ist. Hat es hingegen 
feHum verstanden, der Frau die Unbefangenheit zu er- 
halten — und keine Befangenheit aufkommen zu lassen ist 
hier wichtigste Voraussetzung — , dann wird sie schon selbst 
andern, was ihr behaglich ist und was nicht. . Die beiden 
Darstellungen von Merkel und Schiele geben in schönem 



152 

Kontrast eine innerlich unbeteiligte und eine deutlich interes- 
sierte Frau wieder. Es ist darum sehr wichtig, daß der Mann 
alle Möglichkeiten kennt, aber ebenso entscheidend, daß er 
sie nun nicht wahllos anwendet. Vergessen wir doch nicht, 
daß die Phantasie des Menschen seine beste Mitarbeiterin ist. 
Ebenso wie ein geschickter Regisseur mit zwei Stücken 
bunten Tuches mehr Stimmung auf die Bühne zaubern kann, 
wenn er unsere Phantasie anregt als einer, der das nicht ver- 
steht, mit den prächtigsten Dekorationen, so kann man sich 
auch hier ruhig auf die Inspiration verlassen, wenn man sie 
nur vor Behinderung zu schützen und ihr den Weg freizu- 
halten versteht. In dem zweiten Buch Van de Veldes: 

„Die Abneigung in der Ehe, ihre Entstehung und Bekämpfung 11 

beginnt die psychische Verankerung, die wir in der Posi- 
tionslehre vermißten. Hier zählt der Autor die verschiedenen 
Quellen auf, aus denen sich innerhalb der Ehe Abneigung 
einstellen kann und zeigt die Wege ihrer Bekämpfung und 
vor allem ihrer vorbeugenden Vermeidung. Als Kernpunkt 
des Problems sieht er eine, seiner Ansicht nach physio- 
logisch bedingte, dem weiblichen Wesen eigentümliche 
leichte Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit. Diese Eigen- 
schaft kann, wie er meint, die Basis für eine „psychologische 
Tragödie der Frau bilden" (die „biologische Tragödie der 
Frau", wie Nemilov es formuliert, lehnt auch er, wie wir 
es bereits getan haben, ab). Er meint nun, wenn dieser 
psychologischen Tragödie der Frau, „nicht durch den Mann 
rechtzeitig ein Ende gemacht wird, so kann sie sich zu einem 
psychologischen Ehetrauerspiel in optima forma entwickeln". 

Hier schließt van de Velde sein psychologisches Glaubens- 
bekenntnis an, das sich mit dem Machtkampf auseinander- 
setzt. Es lautet (beim Autor gesperrt gedruckt, da es ihm 
sichtlich der tragende Grundgedanke ist) folgendermaßen: 

„Die Frau ist zufolge wesenseigentümlicher Geschlechts- 
eigenschaften (nämlich ihrer physiologischen Verletzlichkeit 
und Labilität) auf den Mann als Schutz und Stütze ange- 
wiesen. Sie verlangt — bewußt oder nicht bewußt — diese 
Stütze. Und die sich daraus ergebende Abhängigkeit akzep- 
tiert sie nicht nur, sondern wünscht sie auch, weil sie mit der 
ihr eigenen starken Intuition fühlt, nein: weiß, daß das 






153 

Wesen dieser Abhängigkeit auf natürlichen (biologischen) 

Ursachen beruht. 

Mit Abhängigkeit ist stets Unterwerfung verbunden, und 
der Wunsch nach der einen bringt hier die andere mit sich. 

Außerdem bestehen für das weibliche Individuum bei der 

geschlechtlichen Vereinigung zahlreiche starke Elemente der 
Unterwerfung unter das männliche, so daß also das Streben 
nach dieser Vereinigung, der Geschlechtstrieb, für die Frau 
mit einem Hang nach Unterwerfung verbunden ist. 

Aus diesen beiden Gründen ist es also erklärlich, daß der 
Wille zur Macht, den wir als einen der stärksten Triebe — 
und zu dem als einen, der besonders zur Verkehrung neigt — 
kennengelernt haben, von der Frau in der Tiefe ihres Wesens 
vornehmlich im umgekehrten, negativen Sinne empfunden 
wird, also als Drang, sich zu unterwerfen, — speziell sich 
dem Mann zu unterwerfen. 

Jedoch — und hier beginnt der Konflikt — es äußert sich 
in jeder menschlichen Beziehung (um uns jetzt nur auf die 
Menschen zu beschränken) der Wille zur Macht zuerst im 
positiven Sinn, so daß ein Kampf um die Herrschaft statt- 
findet, bis eine der beiden Parteien — bei einer Beziehung 
zwischen zwei Menschen also: bis einer von beiden — die 
Führung erlangt hat oder bis (meistens stillschweigend) eine 
endgültige Regelung erreicht ist. Diese Möglichkeit ist in 
einer Beziehung zwischen einem männlichen und einem weib- 
lichen Individuum relativ selten und in jener, die wir als Ehe 
kennen, sogar äußerst selten. Denn die Frau ist — vielleicht 
als Folge ihrer Emotionalität — wenig zugänglich für ein 
Kompromiß; sie verlangt die Macht — oder die Selbstunter- 

We Daß g sie diese mit ihrem ganzen Sein und Wesen wünscht 
und jene zu erlangen trachtet; daß gerade sie früher oder 
Star-- gewöhnlich schon sehr bald - den Kampf um &e 
ffiSht berinnt, durch deren Besitz sie gerade das, was sie 
Macht W™*»i3h* Hie Stütze und den Schutz ihres Mannes 
^i^-ÄfiÄÄ* in ihr Bewußtsein 
? e £SL^ dufch ihrephysiologische Minderwertigkeit ffi^ 
plo^g^ÄeK^^S - es ist darum nicht 

^Nur SÄ wenigen Frauen, die klug, nein: weise genug 
sind, um den 'Zusammenhang all dieser Dinge zu durch- 



154 

schauen, und die infolgedessen dem Verlangen, diesen Streit 
auszutragen, widerstehen können, — nur die Glücklich- 
Gearteten (deren Charakter an den von Goethes Mutter 
erinnert), die jeden nicht unbedingt nötigen Zwist instinktiv 
vermeiden, bleiben von diesem, sich zur psychologischen 
Tragödie der Frau entwickelnden Konflikt verschont." 

Dann führt der Autor weiterhin aus, wie er sich den Aus- 
gang dieses Machtkampfes denkt, dort, wo die Frau nicht 
„weise" genug ist, sich von vornherein zu fügen. Er sagt: 

„Hat der Mann genug Seelenstärke, um sich erfolgreich 
zur Wehr zu setzen; hat er genug Verstand, um sich nicht 
durch hypermoderne Schlagworte imponieren zu lassen und 
um durch ihren — gewöhnlich nicht einmal schönen — 
Schein hindurch das Wesen der Frau ständig zu erkennen, 
und also in der Abwehr nicht zu erlahmen; hat er genug 
Liebe, Takt und Selbstbeherrschung, um seinen Verteidi- 
gungskampf so zu führen, daß dadurch keine unnötigen Re- 
aktionen ausgelöst werden; und vermag er durch die Plan- 
mäßigkeit seines Vorgehens seine Frau früh genug von der 
Nutzlosigkeit weiterer Versuche zur Eroberung der Herr- 
schaft zu überzeugen — dann wird er jene Tragödie noch 
rechtzeitig an ihrer Weiterentwicklung hindern. Wenn nicht 
— so nimmt sie ihren Lauf, zu beider Schaden. 

Man kennt das Spiel, bei dem das „qui perd, gagne" gilt. 
Dort gewinnt der, der verliert — und verliert der, der ge- 
winnt. Hier verliert ebenfalls die Frau, die das Spiel — den 
Kampf um die Macht — gewinnt. Nur wenn der Mann den 
Preis davonträgt, nur dann gewinnen beide Gatten; siegt die 
Frau, dann verlieren beide. Der Mann verliert viel, aber ihm 
bleibt seine Arbeit, die ihm auch hiefür Ersatz bieten kann. 
Die Frau hingegen verliert durch ihren Sieg alles. 

Und weil sie fühlt, daß der Mann sich als der Stärkere 
hätte zeigen müssen, so fügt sie zu dem durch ihre 
physiologische Minderwertigkeit hervorgerufenen Ressenti- 
ment und zu all dem, was durch den Verlust der ersehnten 
Stütze und der daraus folgenden unersetzlichen Einbuße ver- 
ursacht ist, noch die Ranküne (ein von Ressentiment durch 
das Fehlen eines Minderwertigkeitsbewußtseins verschiede- 
nes Rachegefühl) gegen den Mann, den sie im Innersten ver- 
achtet, weü er sich von ihr besiegen ließ." So weit van 
de Velde. 



• 



155 

Hiermit halten wir an einer jener typischen Stellen, wo 
wieder einmal der schon früher erwähnte männliche Pferde- 
fuß hervorguckt. Auch van de Velde, der vorher in seinem 
Buch die weibliche biologische Tragödie ausdrücklich abge- 
lehnt hat, — sieht für die Frau doch keine Möglichkeit, ihre 
biologische Minderwertigkeit, an die er trotzdem glaubt, an- 
ders zu kompensieren, als durch ihre restlose Unterwerfung 
gegenüber dem Mann. Er kennt auch keine andere Glück- 
möglichkeit für die Frau, als ständig Schutz zu suchen 
und bezeichnet den Mann als „natürlicherweise den Stärke- 
ren . . . erstens weil seine Eignung zum Denken und Han- 
deln nicht durch physiologische Verletzlichkeit und Labilität 
beeinträchtigt wird. Weiter, weil seine geringere Emotio- 
nalität den Mann momentanen Eindrücken energischer wider- 
stehen läßt". 

„ ... So ist also das Abhängigkeitsverhältnis, in dem die 
Gattin zum Gatten steht, sehr sicher nicht — wie eine 
tendenziöse Anschauung das wahr haben will — das der 
Unterdrückten zum Unterdrücker, sondern eines, in dem die, 
die Schutz und Stütze sucht, zu dem steht, von dem sie 
Schutz und Stütze erwartet — eine Beziehung, die ihr durch 
ihre wesenseigentünüichen Geschlechtseigentümlichkeiten 
aufgenötigt wird." 

Diese Auszüge mußten in Gänze wiedergegeben werden, 
weil van de Velde damit 

das Zentralproblem jeglicher Sexualbetätigung 

r 

anschneidet, die Frage der von Natur aus be- 
stimmtenAbhängigkeitderFrauvomMann. 
Da nun van de Velde mit seinen Ausführungen ideologisch 
auf Seite der Frauen steht, deren Interessen er mit dem 
<*anzen Gewicht des sehr erfahrenen Arztes vertritt, so daß 
leiner Meinung in der breiten Öffentlichkeit berechtigter- 
weise das größte Gewicht beigelegt wird, ist es umso notiger, 
2 einigest verweisen, das zu gefährlichen Vergebungen 
gegenüber der Wirklichkeit führen könnte, wie sie von Seite 
der Frauenerlebnisse her sich abspielt. 

DaS ist aber vorher noch ein Punkt heranzuziehen, ohne 
welken das ganze Problem gar nicht diskutiert werden 
Sann will mal den Boden der Realität nicht verlassen Es 
handelt sich um das Arbeits- und Berufsproblem der Frau. 



I 



- 






VII. Kapitel. Die Persönlichkeitsenfwicklung 

der Frau. 

„Der Mensch ist das Ergebnis seiner 
Anlage und seiner Lage." 

Hirschfeld, Geschlechtskunde. 

Mit dem Berufsproblem ist sowohl die seelisch-geistige, 
wie auch die wirtschaftliche und somit die sexuell-erotische 
Unabhängigkeit der Frau auf das Engste verknüpft. 

Es sind also nicht gerade belanglose Kleinigkeiten, mit 
welchen wir uns jetzt zu beschäftigen haben und eine gewisse 
Ausführlichkeit in der Darlegung der Voraussetzungen wird 
darum gestattet werden müssen. 

Ich werde mit der unerläßlichen Grundlage aller Betrach- 
tungen, wenn sie praktische Bedeutung behalten sollen, mit 
der Untersuchung der wirtschaftlichen Bedingungen begin- 
nen, also mit dem Arbeitsproblem der Frau. In der Beur- 
teilung dieser Frage spricht sich bei van de Velde trotz seiner 
so frauenfreundlichen Haltung eine sehr konservative, um 
nicht zu sagen reaktionäre Einstellung gegenüber der Frau 
aus. Wir rufen hier in Erinnerung, was in diesem Buch schon 
einmal ausgeführt wurde, daß nämlich die Herab- 
setzungstendenz gegenüber der physiolo- 
gischen Geschlechtsrolle der Frau aus- 
nahmslos mit nichtf ortschrittf reundli- 
cherGesinnung verbunden auftritt. Mögen 
die Thesen solcher Forscher scheinbar noch 
so fortschrittlich lauten, es wird sich, wenn 
sie an die sexuelle Minderwertigkeit der 
Frauen glauben, bei näherer Betrachtung 
immer noch irgend eine andere rückschritt- 
liche Einstellung verraten. So auch hier und wir 
wollen es mit des Autors eigenen Worten sagen. 

In den vorher zitierten Ausführungen van de Veldes, wo 
er davon spricht, daß beim Geschlechterkampf der Sieg auf 
Seite des Mannes bleiben müsse, weil das für beide Teile das 



i 



157 



einzig richtige sei, sagt er: „Nur wenn der Mann den Preis 
davonträgt, nur dann gewinnen beide Gatten; siegt die Frau, 
dann verlieren beide. Der Mann verliert viel, aber ihm bleibt 
seine Arbeit, die ihm auch hiefür Ersatz bieten kann. Die 
Frau hingegen verliert durch ihren Sieg — alles." (Vom 
Autor gesperrt gedruckt.) 

Wie man sieht, setzt van de Velde als selbstverständlich 
voraus, daß die große Allgemeinheit der Frauen nicht ar- 
beite. Er kommt bei der Beurteilung des vorliegenden Pro- 
blems gar nicht einmal auf den Gedanken, — und hier zeigt 
sich die rückschrittliche Gesinnung — , daß auch der 
Frau, und zwar nicht nur im vereinzelten Fall, sondern im 
allgemeinen, die Arbeit ein Gegenstand des Interesses und 
ein Teil des Lebensinhaltes sein könnte. Auch was er an einer 
späteren Stelle seines Buches über Frauenberufe sagt, — und 
er schenkt diesem Problem nur einen winzigsten Bruchteil 
seiner Gesamtbetrachtungen — zeigt, daß er die weibliche 
Berufsarbeit, wie überhaupt ein Tätigkeitsgebiet für die 
Frau durchaus nicht als nötig ansieht. Besonders ein eigener, 
vom Beruf des Mannes gänzlich geschiedener Arbeitsbereich 
scheint ihm unnatürlich. Das höchste, wozu er sich auf- 
schwingen kann, ist, daß er die Arbeit der Frau als Hilf e für 
Hie Arbeit des Mannes anerkennt. Demzufolge sieht er auch 
nicht die Notwendigkeit zu einer speziellen Berufsausbildung 
des iungen Mädchens. Er hält sie im Gegenteil für über- 
flüssig ist der Meinung, daß nur eine allgemeine gründliche 
Schulbildung für die Entwicklung der Frau angemessen sei, 
«na deren Randgebieten heraus sie dann gelegentlich m dem 
einen oder dem anderen Beruf dilettieren könne. Das ein- 
?tee was er an Spezialausbildung verlangt ist eine grund- 
üche Schulung in der Hausarbeit. Diese Forderung kann man 
voll beiahen, aber sie allein genügt nicht. Ji+M 

Es sei hier eine kleine ökonomische Betrachtung erlaubt 
Heute muß der Großteü der Frauen arbeiten, ob er will 
oder nSit und muß sehr froh sein, wenn über- 
2 on^ Arbeit gefunden wird. Aber selbst, wenn 
dies nkht wäre, kaiSi man die Frage der Frauenarbeit schon 
fus seelischen Gründen nicht damit allein abtun, daß man 
als selbstverständlich voraussetzt, daß die Frau nicht 

ar Und 1 nun wollen wir uns dieser Frage von der psycholo- 









158 

gischen Seite her zuwenden. Wir wissen heute, daß eine volle 
Entfaltung der Persönlichkeit nicht möglich ist, wenn sie 
nicht auch ein Tätigkeitsbereich umfaßt. Das gilt für Frauen 
wie für Männer. Ein großer Teil schwerer seelischer Schäden 
im Geschlechtsleben geht nun darauf zurück, daß den Frauen 
die Erfüllung ihrer Persönlichkeit durch Arbeit fehlt und 
daß sie dann eben, wie van de Velde ganz richtig sagt, außer 
ihrer Beziehung zum Mann, und eventuell noch zu den Kin- 
dern, keinerlei andere Lebenswerte besit- 
zen. Aber weder Mann noch Kinder sind imstande, dauernd 
diese Lücke im Leben der Frau auszufüllen. Von dem Ver- 
hältnis Mutter-— Kind werden wir später sprechen, wir blei- 
ben jetzt vorläufig bei dem bedauernswerten Gatten oder Ge- 
liebten, der den alleinigen Lebensinhalt einer Frau bilden soll 
und dem damit eine wahre Sisyphusarbeit zufällt. 

^«t fühlt e l ?, ich 8enr geschmeichelt, eine so hervorra- 
gende Rolle zugeteilt zu bekommen. Sehr bald aber wird er 

S^SlTtu un * M eJ ar ? *** dai «it auf seine Schultern ge- 
Ä^w^T n T di r h "*£ emeute Zärtlichkeit und Rück- 
13££FJ£Z ^ b f w P ftr ?^» su <*t dann eine solch unbe- 
Fntt • 5^ !, U lh ^ h8W, !£5 zu bereichern. Statt an der 
^r ä, g d6r ei F ne ? Personli <*keit zu arbeiten, kennen 
lr«~ T^ aUen "^ j* e ! n * Zle1 ' von ihrer Umgebung und in 
TT* T m l vo ™ Geschlechtspartner so viel zu empfangen, 
daß das Leben erträglich wird. 

rxiSXf^ kann i"® 111 ^ *** von der Frau erwartete Maß 
unTdat \J r * mX i* ****? bleiben ' Die Be Lebensleere - 
nTem^l? ft ^f 18 ^ daran ~ läi *t sich nämlich 
weU a?.« w«« einen And eren ausfüllen, 
nach ,« ■ f *♦ lmmer er leistet, und sei es 
?ririiT« ä ' stet \ nur der Ansporn zu neu- 
V^ 111 Anspruch und so zu ständiger Un- 
zufriedenheit wird und werdenmuß. Nicht von 
außen, immer nur aus uns selbst können wir die Lebenswerte 
linden, die das Leben wirklich lebenswert machen. Darum 
geht es im Interesse der Frauen nicht an, sie einfach aus den 
Reihen der Arbeitenden zu streichen. 

Damit halten wir bei dem Punkt, der über die Gestaltung 
und den mehr oder weniger glücklichen Verlauf unseres 
ganzen Lebens entscheidet, bei der 



r- 






159 



Frage des Lebensplanes. 

Darunter ist zu verstehen, daß jeder Mensch eine unbe- 
wußte Vorstellung von sich und seiner Lebensgestaltung in 
sich trägt. Diese Vorstellung bildet sich bereits in frühester 
Kindheit und alles, was der erwachsene Mensch tut, was er 
anstrebt oder unterläßt, die Mittel und Wege, die er dazu 
nimmt, sind eine getreue Wiederholung der Kindheitssitua- 
tion. Das Kind steht vor der Bewältigung bestimmter Auf- 
gaben, welche es seine Umgebung mühelos lösen sieht, denen 
es sich selbst aber nicht gewachsen fühlt. Seine seelische 
Entwicklung kann nun zwei verschiedene Bahnen gehen, die 
im wesentlichen davon abhängen, wie es von den Erwach- 
senen angeleitet wird. Gelingt es der Umgebung, durch e r- 
mutigende Erziehung dem Kind zu zeigen, daßdieses 
Nichtgewachsensein kein endgiltiges ist, 
sondern nur ein „Nochnicht" bedeutet, dann 
wird das Kind unter solch vernünftiger und lebenszweck- 
mäßiger Anleitung dazu gelangen, seine kleinen Kräfte zu 
sammeln und zu stahlen und wird sich mutig an seine Aut- 
eaben heranwagen. Es wird durch dieses seelische Training 
dann auch als Erwachsener den Lebensaufgaben gegenüber 
die gleiche mutige und verantwortungsbewußte Haltung 

zeigen. 

Gewinnt jedoch das Kind bei entmutigender Be- 
handlung den Eindruck, daß seine relative Minderwertig- 
keit eine a b s o 1 u t e sei, dann gerät es auf den gefährlichen 
Ausweg, sich jeder Leistung zu entziehen oder sie nur mit 
Hilfe seiner Umgebung auszuführen, indem es sich dauernd 
in Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit einspinnt. Auf diese 
Weise schafft es sich einen Schutz vor der Verantwortung, 
die es sich nicht zu tragen getraut. (Alfred Adler.) 

Die Entmutigung der Frau. 
Tn d*r Entwicklung unserer historischen, kulturellen und 
cJalen BedVn^ngen steht die Frau dem Manne so gegen- 
^r^e das lind dem Erwachsenen. Man hatsiene- 
m^ls dazu ermutigt, ihr Teil zur Bewälti- 
gung der Lebensaufgaben beizutragen man 
hat !hr im Gegenteil immer vorgesagt, daß 
sie ungeeignet dazu sei und daß sie alles nur 



160 

von dem allein dazu befähigten Mann zu er- 
hoffen habe. Sie habe sich einfach seinen Entscheidun- 
gen zu fügen und ihm zu gehorchen, dann werde es ihr Wohl- 
ergehen auf Erden. Ich will hier nicht untersuchen, wie gut 
der Mann unsere Kulturgeschäfte ebenso wie unsere sozialen 
geführt hat, aber wenn man z. B. den Weltkrieg und seine 
Folgen betrachtet, dann muß man wohl sagen, noch 
schlechter hätten es die Frauen auch nicht mehr 
machen können. 

Aber sei dem wie immer, wir wollen uns jetzt nicht damit 
beschäftigen. Sicher ist, daß diese jahrtausendealte Entmuti- 
gung die Frauen wirklich dazu gedrängt hat, an ihrer Fähig- 
keit zur Leistung zu verzweifeln und ihre Berücksichtigung 
ausschließlich auf dem Gebiet der Hilfsbedürftigkeit zu 
suchen Sie wurden dabei auch noch durch des Mannes Gel- 
l^f/* a re ^, kr i ftig unters tützt, denn er gefiel sich 

IX^/fjJf R ° lle . G ° tte * auf Erden - Er drän ^ e dadurch 
die Frau immer weiter m ein Training der Hilflosigkeit das 

FrTuTchfnur'i^ 8 ****** *T™ jSSÄftS 
EhSiSrS LT 'S 1 sexuellei1 ' /ondern in jedem Sinn unent- 
fifÄÄ Bekam «* jedoch im weiteren Verlauf einer 
tuf^l ZZ hmdw 8™ S P uren ' welche Belastung er damit 
2££ £■ 1 ? mmen hat ^'- S™ 1 Suchte er nur allzugern einer 
E8E£2&3i ^«lehen. Durch ihr Training auf Hilf- 

2 f ffn 6 Frauen also dazu > auf ^re vollwertige 
F^rsonliche Entwicklung zu verzichten und oftmals geraten 

üntw Gefah !"' dann gerade wegen dieser mangelnden Ent- 

JSSS^i Ve "l aS i^? ™ werden ' da der Mann, wie wir bereits 
sagten, gewöhnlich aus solcher belastenden Verbindung frü- 

JShÄS SP ^u •? Sä ere T Luft zu achten sucht, die ihm 
mehr Atemfreiheit laßt Je stärker sich nun aber so eine 
Frau von der Gefahr des Verlassenwerdens bedroht fühlt, 
desto mehr greift sie zu der einzigen Verteidigungswaffe, die 
ihr geläufig ist, eben wieder zur Hilflosigkeit, mit welcher 
sie nun an die Ritterlichkeit des Mannes appelliert. Es setzt 
dann ein System ein, das sich wie ein Spinnennetz um Frau 
und Mann schließt und sie erstickt. Durch unsere Beratungs- 
stellen ging schon so manche Ehe, die trotz beiderseitiger 
Höllenqualen zusammenhielt, einfach, weil der Mann es nicht 
wagte, die innerlich längst vollzogene Lösung auch äußer- 
lich durchzuführen, und zwar nur aus dem Grund, weil er 



■ 



! 



XIII 




Georg Merkel: Liebende 
Aus Buschbeck; Georg Merkel, Kristollverlag, Wien 



' 



161 

Angst davor hatte, daß die Frau irgend eine unsinnige Tat 
vollführen könne, zum Beweis dafür, daß er sie nicht hätte 
allein lassen dürfen. 

Hilflosigkeit als Waffe. 

Bevor wir in der theoretischen Behandlung dieses Pro- 
blems weitergehen, soll die Darstellung eines solchen Falles, 
der alle für diese Situation typischen Merkmale trägt, uns 
zum besseren praktischen Verständnis führen. Im folgenden 
stellen wir, sowohl von Seite des Mannes, wie von Seite der 
Frauen, Briefe einander gegenüber, die, aus beiden Lagern 
gesehen, ein Zusammenleben, das nur mehr aus Rücksicht 
auf die Hilfsbedürftigkeit der Frau zusammenhält, schildern. 

„Ich verfolge seit ihrem Erscheinen Ihre Rubrik 
»Schriftliche Aussprache und Beratung' mit großem Inter- 
esse — und glaube, daß der von Ihnen eingeschlagene Weg 
gut ist. Denn — seien wir ehrlich, einem Menschen von 
Angesicht zu Angesicht gegenüber würden wir Dinge nie 
eingestehen, die auf dem Papier einem anderen anzuver- 
trauen, deshalb wohl möglich ist, weü der andere uns — 
und wir ihn nicht kennen. Darum auch mein Entschluß, 
einmal — ein einziges Mal meine Not hinauszuschreien — 
ohne Rücksicht auf alles. Vielleicht — 

. . . Doch lassen Sie mich beginnen. Meine Frau liebt 
mich — ich kann es nicht bezweifeln. Sie liebt mich so 
sehr, daß sie am liebsten den ganzen Tag an meiner Seite 
wäre, um ja nicht eine Minute von meinem Leben zu ver- 
säumen. — Von mir aus kann ich das nicht mehr be- 
haupten. Gewiß, ich will ihr nicht wehe tun, sie kann 
nichts dafür, daß sie mir das nicht bieten kann, was ich 
so sehr ersehne. 

. . . Nach der ersten Gewißheit, daß wir absolut nicht 
harmonieren, kamen Versuche, das mir unhaltbar erschei- 
nende Verhältnis zu lösen. Abgesehen von Schrei- und 
Weinkrämpfen, die oft nächtelang dauerten — hat mich 
der eine Schrei immer zurückgehalten. Geh nur — aber 
ich gehe auch und komme nicht wieder. 

Sie werden sagen, das sei nur so daher geredet. Ich 
bin davon nicht überzeugt. Und wenn ich mir auch selbst 
einzureden versuche, daß diese Drohung leere Worte seien, 

L a z a r s f e 1 d, Wie die Frau den Mann erlebt. 1 1 



162 

tief drinnen in meinem Innern liegt immer die Angst, sie 
könnte sich vielleicht doch in einem exaltierten Ausbruch 
etwas antun. — Und das, verehrter Herr, kann und will 
ich nicht auf mein Gewissen nehmen. — Und so 
heuchle ich hundertmal Liebe. 

. . . Ich habe hunderttausendmal gebetet, meine Frau 
möge auf den Gedanken kommen, daß das kein Leben sei. 
Ich habe, so sonderbar es klingt, gewünscht, meine Frau 
möge ihre Gefühle einem anderen zuwenden — nur um 
dieses unmögliche Zusammenleben zu enden. Aber sie liebt 
mich noch immer. Ist eifersüchtig auf jede Minute, die 
ich nicht bei ihr bin, zwingt mich, den verliebten Ehe- 
mann zu spielen — sonst, wenn ich sie nicht mehr lieb 
habe, geht sie ins Wasser. — Ich bin durch diese Kämpfe 
schon sehr müde geworden, sehr müde . . ." 

Diese Schilderung scheint weniger das Bild einer Ehe als 
vielmehr das Leben eines Galeerensklaven wiederzugeben. 
Eines? Nein, zweier Galeerensklaven, denn auch das Leben 
der Frau ist unter solchen Umständen die Hölle. 

Hat sie sich einmal der eigenen Persönlichkeit begeben, 
hat sie den Entschluß zur Hilflosigkeit durchgeführt, dann 
findet sie nur sehr schwer mehr aus dieser Situation heraus. 
Sie hat ja nur zwei Auswege. Entweder sie gibt den Mann 
frei, dann bleibt sie allein in einem Leben, mit dem sie nichts 
anzufangen weiß, oder sie versucht immer aufs neue, ihn 
mit den alterprobten Mitteln zu binden. Dann aber muß sie 
die Dosis immer mehr steigern, denn es tritt von Seite des 
Mannes doch nach einiger Zeit eine gewisse Abstumpfung 
gegenüber diesen Liebeserpressungen ein. Die Gewaltmaß- 
nahmen der Frau müssen darum immer stärker getroffen 
werden, soll der Mann in seiner Abhängigkeit erhalten 
bleiben. Das verstärkt hinwiederum die innere Revolte des 
Mannes, welcher er nach außen hin nicht Ausdruck zu geben 
wagt, und so habe ich in solchen Beziehungen Haßreaktionen 
entstehen gesehen, die gar seltsam mit der äußerlich doku- 
mentierten, anscheinend ungebrochenen Fürsorge des Man- 
nes für die Frau kontrastierten, wie ja der vorliegende Brief 
ganz deutlich zeigt. 

Wir wollen nun das Leben einer solchen Frau betrachten 
je nach dem, welchen Weg sie wählt; zuerst wie es aussieht, 



163 

wenn sie den Mann verliert und dann, wie ein Zusammen- 
bleiben auf solcher Grundlage für die Frau verläuft. 

„An die Beratungsstelle für seelisch bedrückte Menschen f u 

„Wenn diese menschenfreundliche Institution auch 
nicht jedem helfen kann, so gibt sie doch Gelegenheit, 
sich auszusprechen — oft ist dies schon halbe Hilfe." 

Die Schreiberin schildert nun den Verlauf der Beziehung 
zu ihrem Partner, die Entfremdung, die von seiner Seite ein- 
getreten ist und ihre Versuche, die alte Vertrautheit wieder 
herzustellen, was ihr nicht gelingen will. 

* 

„ . . . Und die Entfremdung besteht, wir sprechen einan- 
der wohl — aber zumeist von mir provoziert, nichts Herz- 
liches — konventionelle Phrasen — und doch wie glück- 
lich bin ich, höre ich nur die Stimme! Wüßten Sie doch, 
wie ich mich vor mir selbst schäme. Wie ich die Energie 
herbeisehne, aus diesem unwürdigen Zustande herauszu- 
kommen. Jetzt nehme ich mirs vor — » und nach einer 
Stunde alle Vorsätze vorbei — , nur das Verlangen nach 
ihm, nach einem guten Wort . . . 

So wirds wohl fortgehen — bis ich eines Tages in der 
Verzweiflung einen unbedachten Schritt mache, um für 
immer Vergessen zu finden! Das ist Sünde, ich weiß es 
und doch Was soll ich tun? 

Was habe ich doch schon alles versucht... mich ge- 
demütigt, gebeten — Entfernungen zwischen uns gelegt 
— und bin dann nach wenigen Tagen wieder zurückge- 
flüchtet — um nur wieder hier zu sein, wo er ist, um die 
Möglichkeit zu haben ihn zu hören — zu sehen! 

Ich weiß nicht aus noch ein, bin in einer solchen De- 
pression, daß ich mir gar nicht mehr zu helfen weiß. 
Bitte, raten Sie mir!" 

Wenn das Alleinsein solcher Frauen so aussieht, wenn sie 
dem Verlust eines geliebten Menschen so völlig ungewappnet 
gegenüberstehen, darf man sich dann noch wundern, daß die 
größten Qualen ertragen werden, nur um ein Verlassen- 
werden zu verhüten? 

Und nun sehen wir uns das Beisammenbleiben solcher 

II* 



164 

Menschen im Bilde folgender Bitte um seelische Hilfe an. 
Die Schreiberin schildert in ihrem Brief zuerst, wie unsäglich 
schwer ihr der Entschluß wurde, an uns zu schreiben und 
wie sie zehnmal begonnen und es wieder aufgegeben hat. — 
Aber zum Schluß siegte doch die Hoffnung auf Hilfe und 
so entstand endlich der Brief, der ihre Verzweiflung schil- 
dert: 

Ihr Abgott. 

„ . . . ich liebe meinen Mann unbeschreiblich, sah ihn als 
Abgott an, ich glaubte zu allem ,ja* sagen zu müssen. Ich 
erniedrigte mich schon derart, daß ich ihn mit aufgeho- 
benen Händen bat, gut mit mir zu sein. Er spricht tage- 
lang kein Wort. Gleichgiltigkeit verträgt er schon gar 
nicht. Ich besuchte eine Gesellschaft, wo er [furchtbar an- 
fing mich zu quälen, jedoch dabei sich äußerte: ,Geh 
wohin Du willst, ich kümmer mich nicht um Dich.' Ich 
glaube jedoch, seine Gleichgiltigkeit ist nur Schein. Dann 
bilde ich mir ein, er habe Genugtuung, oder wie ich mich 
ausdrücken soll, wenn er mich halb verzweifelt, verweint, 
vergrämt vor sich sieht. Ich bat ihn, die Scheidung ein- 
zureichen, was er energisch zurückweist. 

Was soll ich tun, wie soll ich ihn behan- 
deln?" 

Der Brief zeigt — und das ist das typische an ihm — , wie 
auch die stärkste Liebe nichts auszurichten vermag, wenn 
sie das Wesen des geliebten Menschen nicht erfaßt. Die Frau 
weiß nichts von dem, was in ihrem Mann vorgeht, sie steht 
dem wirklichen Problem ahnungslos gegenüber. Sie fühlt 
sehr wohl die Auswirkung, aber der Grund ist ihr gänzlich 
unverständlich. Und so bleibt sie am Detail, am Symptom 
hängen, versucht von außen her zu bessern, was doch nur 
von innen geändert werden kann. 

Der Mann ist launenhaft? — Sie gibt in allem nach. — Er 
sieht über sie hinweg? — Sie fleht ihn an, gut zu ihr zu sein. 

Er gibt ihr die Scheidung, die sie anscheinend will, nicht? 

— Sie fügt sich und leidet weiter. 

Warum? Wenn sie die Scheidung will, weshalb reicht sie 
dann nicht selbst darum ein, macht nicht selbst den ersten 
Schritt dazu? Wäre es ihr wirklich ernst damit, dann wurde 



165 

sie es tun, wir wissen aus tausendfältiger Erfahrung, daß 
wir letzten Endes immer nur das tun, was wir wirklich 
wollen. Auch wenn es, oberflächlich angesehen, nicht leicht 
erkennbar ist, es ist doch so. „Denn alles schüttelt, was ihm 
unerträglich, der Mensch von seinen Schultern sträubend 
ab, den Druck nur mäßiger Leiden duldet er." (Kleist.) Und 
wenn wir immer neu gehäuftes Leid doch immer wieder 
tragen, obwohl es in unserer Macht stünde es zu ändern, 
dann wollen wir es so haben, dann ist uns der Schmerz immer 
noch lieber als die Änderung, die mit dem Abschütteln ver- 
bunden wäre. 

So auch bei dieser Frau. Wir finden in ihrem ganzen Brief 
kein leisestes Anzeichen von Aktivität. Sie bleibt passiv auf 
der ganzen Linie ihres Lebens. Sie fügt sich, sie bittet, sie 
bettelt, aber nirgends wehrt sie sich, sie kämpft nicht, nie 
ergreift sie die Initiative. 

Diese Frau — wir sehen es aus ihrem Brief — hat keine 
andere Umgebung als ihren Mann. Also wird er zum „ A b- 
gott" ernannt und soll nun leisten, was er niemals fähig 
ist zu vollbringen: er soll durch sein Leben die Leere des 
ihren ausfüllen, das aber kann kein Mensch. 

Die Frau aber glaubt nun wirklich an des Mannes uott- 

"hnlichkeit ein schönes Symptom dafür ist, daß sie „Er", 

Dun" usw. mitten im Satz jedesmal mit großen Buch- 
staben beginnt. Nicht aus Unbildung, denn „sie" schreibt sie 
klein, sondern eben ganz charakteristisch, aus dem Gefühl, 
von Gott zu sprechen. Und so behandelt sie ihn auch und 
kommt nicht weiter dabei. Denn hier liegt ja das Problem, 
das sie nicht versteht. Sie will immer nur nehmen, empfangen 
und er soll ständig abgeben. Das kann er nicht, und so 
drängt sie „Ihm" dadurch nur immer wieder aufs Neue das 
Gefühl der Unzulänglichkeit auf, wofür er sich wieder an ihr 
rächt indem er sie erniedrigt. Und nun erwartet sie wieder- 
um von uns die Rettung. Die liegt einzig und allein in der 
Richtung, daß die Frau sich entschließt, i n e i g e n e r V e r- 
antw ortung selbst etwas aus sich zu machen, auf den 
eigenen Beinen zu stehen und sich nicht auf den Zehen emes 
Partners durchs Leben schleichen zu wollen. 

Wir könnten statt dieser zwei Briefe ebenso gut ein paar 
Dutzend bringen, die alle der gleichen Stimmung Ausdruck 
geben ganz unabhängig von der Verschiedenheit, die sonst 



166 

in sozialer oder wirtschaftlicher oder auch in der Bildungs- 
stufe der betreffenden Frauen besteht. Sie stammen immer 
von Frauen, deren persönliches Leben so arm ist, daß sie mit 
dem Verlust des geliebten Mannes wirklich alles verlieren. 
Kein Wunder, daß sie dann so verzweifelt um ihn kämpfen 
und gerade durch diese blinde Verzweiflung sich in den Mit- 
teln vergreifen und ihn dann erst recht verlieren. So gehen 
sie immer im Kreis herum und rücken nicht von der Stelle. 
Das gemeinsame an ihnen ist die absolute seelische 
Abhängigkeit vom geliebten Mann, also die angeblich 
charakteristische Hilfsbedürftigkeit der Frau. Ob diese wirk- 
lich so typisch weiblich ist, werden wir später sehen. 

Bekommt man genügend Einblick in die verhängnisvolle 
Auswirkung dieser Einstellung zum Leben, dann wird man 
verstehen, warum gerade dieser Frage der breiteste Raum 
im Rahmen unserer Betrachtungen gewährt werden muß. Ich 
will deshalb hier etwas ausführlicher auf das Buch eines an- 
deren Arztes eingehen, der dieses Thema zum Zentralproblem 
seiner Untersuchungen macht. Er beschäftigt sich sehr ein- 
gehend mit der Frage, woher die allgemein giltige Einstellung 
zur Hilfsbedürftigkeit der Frau stammt, wie sie sich aus- 
wirkt und inwieweit sie berechtigt ist. Der Titel des Buches 
„Die moderne Frau" wird dem Inhalt nicht genügend gerecht, 
der mehr gibt, als man darnach erwarten dürfte. Tatsächlich 
fügt auch der Autor, Dr. Paul B o u s f i e 1 d, den Untertitel 
bei 

„Über die Menschwerdung des Weibes" 

und dieses Problem ist der wirkliche Inhalt des Buches. 
(Orell Füssli Verlag, Zürich.) 

Der Autor zieht für seine Untersuchungen M. u. M. Vaer- 
tings Buch „Männerstaat und Frauenstaat" (Braun, Karls- 
ruhe) als Grundlage heran. Bei Vaerting wird ausführlich 
darüber berichtet, daß das, was wir heute als typisch weib- 
lich oder typisch männlich zu bezeichnen gewöhnt sind, diese 
Einteüung keineswegs verdient. Wie wir einleitend schon 
kurz erwähnten, finden sich bei mutterrechtlichen Völkern 
diese Eigenschaften vielfach durchaus umgekehrt vor und 
auch im individuellen Einzelfall sehen wir durch Erziehungs- 
und Milieueinflüsse bei Buben und Mädeln durchaus gegen- 
geschlechtliche Eigenschaften entstehen. Der großzügigen 








167 



Darstellung mutterrechtlicher Zeiten, die wir Bachofen und 
anderen Forschern verdanken und die einleitend ausführlich 
besprochen wurde, wäre hier die Betrachtungsweise Vaer- 
tings beizufügen, die sich mehr mit der detaillierten Auswir- 
kung des Mutterrechts auf die Entwicklung der Geschlechter 
befaßt und die Anschauung vertritt, daß die mutterrechtliche 
Einstellung bei Mann und Frau s t e t s die genau umgekehr- 
ten Eigenschaften hervorrufe wie im Männerstaat. 

Was ist weiblich und was männlich? 

Sowohl Bousfield wie Vaerting beschäftigen sich nicht 
eigentlich direkt mit dem Problem der Ehe und doch beleuch- 
ten gerade diese Autoren das für ein eheliches Zusammen- 
leben entscheidendste Problem besonders klar: die wirkliche 
Gleichberechtigung von Mann und Frau unter gleichen sozia- 
len Bedingungen. Sie gehen davon aus, daß die übliche Vor- 
stellung über die den Frauen gebührende Stellung und die Be- 
wertung ihrer Leistungen auf willkürlichen Annahmen aut- 
gebaut ist. Bousfield beschäftigt sich sehr ausführlich mit 
den Differenzierungen der Geschlechter, von denen er nur die 
rem primären Gefchlechtsmerkmale als wirklich . «fnnlich 
«25. weiblich getrennt anerkennt. Alles andere sieht er als 
Airline! äJ^ Erziehung und Milieu entstandene Eigen- 
Schäften an. 

*7llT* 

Frage der männlichen Tapferkeit 

«nrH unter vielen anderen Beispielen darauf verwiesen, daß 
Ir KönTg von Dahomey seine persönliche Leibwache aus 
weiblichen Kriegern zusammenstellte, denen der Mann als 
e^enÄe galt, wie unseren Soldaten das Weib Inemenj 
Perserzug gegen Athen war eine Frau einer der größten 

^mchDr Beatrice Hinckle berichtet er zur Frage der Fi- 
nan^erwitung, daß sie bei den Malayen der Philippinen 
tochaul in den Händen der Frauen liege und daß auch m 
deröff?nthchen Angelegenheiten die Männer sich durchaus 
auf Urteil und Rat der Frauen verlassen. 

Vonden Kamtschadalen wird erzählt, daß die Manner 
wuschen und kochten, während die Frauen herrschten^ Dort 
galten häusliche Arbeiten als unter der weiblichen Wurde. 






168 

Keine Bezahlung konnte eine Kamtschadalin zum Kochen 
oder Waschen bewegen, sie taten es nur um einen einzigen 
Preis : die Befriedigung ihrer Sinnlichkeit. Sowie bei Männer- 
herrschaft die Männer den Frauen, so zahlten dort die 
Frauen den Männern für ihre Liebe. 

Zur Frage der Ängstlichkeit und Unsicherheit, die wir 
heute gewöhnt sind, den Frauen zuzuschreiben, wird erzählt, 
daß dort die Männer nur ungern einen ganzen Tag vom 
Hause weg waren und bei längeren Reisen sich von ihren 
Frauen begleiten ließen, weil sie allein nicht zurecht kamen. 
Auch der schwächere Körper sei keineswegs zu allen Zeiten 
und an allen Orten ein Merkmal des weiblichen Geschlechts. 
Von vielen primitiven Völkern stehe es fest, daß dort — 
ebenso wie bei manchen Tieren — das Weib größer und kräf- 
tiger ist als der Mann. Von den Buschmännern wird erzählt, 
daß die Frauen im Durchschnitt um 4 cm größer sind als 
ihre Männer. Die relative körperliche Schwäche des weib- 
lichen Geschlechtes ist also nach Bousfield kein wesentliches, 
kein unabänderliches Merkmal. Das jeweilig herrschende 
Geschlecht hat die Tendenz, auch das größere und stärkere 
zu werden. 

Auch 

die spezifisch weiblichen Formen 

werden, soweit sie auf Fettablagerung beruhen, durch die- 
selben Faktoren beeinflußt. Historisch läßt sich die Tendenz 
zur Verfettung jeweilig an dem beherrschten Geschlecht be- 
obachten, an den Männern so gut wie an den Frauen. Bei 
diesen am allermeisten dort, wo ihre Hörigkeit am ausge- 
sprochensten ist, im Orient Dagegen mußten die Jünglinge 
zur Zeit der Frauenherrschaft bei den Kamtschadalen einen 
gewissen Leibesumfang haben, um als Männer anerkannt zu 
werden. Dann erst durften sie die häuslichen Arbeiten ver- 
richten, die dort Männerarbeit waren. 

Bousfield macht hier die Einschränkung, daß die Tendenz 
zur Verfettung bei Frauen mit der inneren Sekretion der 
Geschlechtsorgane zusammenhängt, während sie sich bei den 
Männern gerade nach der Kastration einstellt und nach 
Wiedereinsetzung der entfernten Teile wieder verschwindet. 
Andererseits aber, sagt er, daß die Fettbildung auch von 
Schilddrüse und Hirnanhang abhängt, die nicht mehr spezi- 







169 

fisch weiblich sind und tatsächlich gibt es auch viele Männer 
mit Fettwanst, während bei vielen sonst ganz normalen 
Frauen diese Rundung fehlt. 

Aus meinen Erfahrungen kann ich zu diesem Punkt eine 
kleine Beobachtung beitragen, welche dafür zu sprechen 
scheint, daß nicht nur der Fettansatz, daß sogar das Skelett 
variabel ist. Es ist noch nicht lange her, da war es ein wich- 
tigster Teil des allgemein als schön geltenden weiblichen 
Körpers, daß Becken- und Hüftknochen möglichst breit und 
weit ausladend sein mußten. Die Schultern hingegen sollten 
zart, schmal und abfallend sein. Der heutige Schönheitstypus 
des weiblichen Körpers hingegen verlangt männlich schmale 
Hüften und breite gerade Schultern. Und siehe da, so wie die 
Mehrzahl der Frauen früher Hüften hatte, so daß die Aus- 
nahme davon auffiel, so sind sie jetzt in der großen Allge- 
meinheit wirklich schmalhüftig und breitschultrig. Auch in 
einem so allgemeinen Maß, daß ein Abweichen davon gleich- 
falls schon auffällt. 

Der jetzt moderne Typus des Frauenkörpers ist von Ame- 
rika herübergekommen, wo die Frau eine viel dominierendere 
Stellung einnimmt als bei uns und wo es dem Mann kaum 
mehr einfiele, ihr z. B. die alleinige Sorge für die Instand- 
haltung des Hauses aufzuerlegen. Wo keine Dienerschaft 
dafür vorhanden ist, und das ist dort in der Mittelklasse fast 
nie der Fall, teilen sich Mann und Frau ganz automatisch in 
diese Arbeit, ja wenn man den Berichten glauben darf, leistet 
der Mann ein Gutteil mehr der häuslichen Arbeit als die 

Frau. 

Es könnte sein, daß auch hier eine Anpassung des Kör- 
pers an die äußeren Bedingungen vorliegt. Aber auch noch 
ein zweiter Punkt ist dabei zu erwägen. Das weite Becken 
der Frau gilt im allgemeinen als eine Erhöhung der guten 
Gebärfähigkeit und als Erleichterung bei der Entbindung, 
es war also durchaus am Platz, so lange die Tendenz dahin 
ging, möglichst viele Kinder zu bekommen. Unsere heutige 
Zeit aber beschäftigt sich, mehr als es je zuvor der Fall 
gewesen, mit der Einschränkung des Kindersegens. Viel- 
leicht daß die Natur, die nirgends verschwendet, sondern 
überall nach ökonomischen Prinzipien vorgeht, auch das 
weibliche Skelett danach umformt, welchen Zwecken es 
tauglich sein soll. 



170 

Was zu diesem Punkt aus eigener Beobachtung vorliegt, 
berechtigt wohl kaum besondere Beachtung, aber vieles, was 
später einmal Erkenntnis wurde, ist zuerst nichts anderes 
als eine zufällige Beobachtung gewesen. Man denke an New- 
ton, der einen Apfel zu Boden fallen sah, an Galilei, der die 
Schwingungen eines Kirchenleuchters beobachtete, an den 
Deckel des Wasserkessels, der sich vor Watts Augen hob 
und man wird verstehen, was ich meine. Und wenn ich auch 
nicht im entferntesten daran denke, aus meinen Beobachtun- 
gen den Anspruch auf eine Theorie zu erheben, so sollte 
trotzdem gesagt werden, weil es, zugleich mit manchen an- 
deren Betrachtungen, geeignet ist, den Glauben an den un- 
wandelbaren Typus des Körperbaues zu erschüttern. 

Die Einteilung in bestimmte Charaktertypen auf Grund 
des Körperbaues (Kretschmer) hat so viel Bestechendes, daß 
man zur eigenen Ernüchterung sich die Gegengründe, die das 
Leben einem täglich vorführt, vor Augen stellen muß, um 
nicht durch vorschnelle Instradierung eines Menschen, den 
man noch gar nicht kennt, ihm unrecht zu tun. 

Zu diesen Gegengründen gehört eben die Tatsache, daß 
das Skelett des Menschen innerhalb sehr kurzer Zeit sich 
seinen Lebensf orderungen anpassen lernt und daß wir nicht 
genau unterscheiden können, was angeboren und was er- 
worben ist. Nach allem, was namhafte Forscher in der 
letzten Zeit über die Frage der Konstitution veröffentlicht 
haben, muß man doch annehmen, daß es zum Teil wirklich 
der Geist ist, „der sich den Körper baut", und ich glaube, 
daß wir bis auf weiteres uns damit begnügen müssen, bei 
solchen Beurteilungen vorsichtig zu Werke zu gehen. Seele 
und Leib stehen in so inniger Wechselwirkung, daß sich gar 
nicht sicher entscheiden läßt, welchem von beiden der stär- 
kere Einfluß zukommt. Man muß sich wohl daran halten, 
daß das Wesen des Menschen sich aus seiner Konstitution 
und den seelischen Einflüssen gemeinsam ergibt. 

Putesucht. 

Bousfield geht nun zu zwei Eigenschaften über, von wel- 
chen die eine im allgemeinen dem weiblichen Geschlecht als 
dominierend zugeschrieben wird, während man die andere 
von ihm verlangt. Das ist erstens die Putzsucht und zweitens 



171 



die Keuschheit. Der Autor führt hier aus, daß die Neigung 
zur Putzsucht keineswegs eine natürlich weibliche sei. Auf 
den Südsee-Inseln z. B. und auch bei vielen andern Primi- 
tiven beschäftigten sich die Männer noch eifriger mit der 
Ausschmückung ihres Körpers als die Frauen und wenn wir 
die Geschichte befragen, so finden wir auch bei Kultur- 
völkern Zeiten, in denen die Frauenkleidung auch in der herr- 
schenden Klasse verhältnismäßig einfach ist, während der 
reiche Mann sich gar nicht genug tun kann an golddurch- 
webter Seide, prachtvollen Pelzen und juwelengeschmückten 
Handschuhen. Er zitiert ein englisches Tagebuch vom 1. Juli 
1660, wo ein Mann Gott um Hilfe bittet, da er in Geldnot sei. 
Diese Geldnot sei entstanden durch die Kosten der Kleidung 
des laufenden Jahres. Nun folgt die Kostenaufstellung, aus 
welcher zu ersehen ist, daß seine eigene Gewandung ihn 
genau fünfmal so viel gekostet habe wie die Kleidung seiner 
Frau. Am 27. Juli 1665 schildert er seine Aufwartung bei 
Hofe und schließt mit den Worten: „Es war aber hübsch zu 
sehen, daß die jungen Damen in bunten Kleidern und Mützen 
mit Bändern und Spitzen einhergingen, als ob sie Männer 



wären." 



Vaerting stellt geradezu als historisches Gesetz auf, „daß 
die Neigung zu Putz und Schmuck und damit die Differen- 
zierung von Haartracht und Kleidung bei den Geschlechtern 
sich nach dem Machtverhältnis zwischen ihnen richtet und 
daß das herrschende Geschlecht auf Schmucklosigkeit ten- 
diert". Bousfield betont auch, daß unsere Ansichten über die 
für Männer und Frauen schickliche Kleidung gleichfalls rein 
willkürlich angesetzt seien. Unser heutiger Frauenrock war 
Jahrhunderte hindurch auch in Europa als Männertracht 
üblich und ist es in China noch heute, während dort die un- 
verheirateten Frauen Hosen tragen. 

Werbung. 

Der Autor geht dann über zur Frage der Keuschheit und 
der Liebeswerbung, von denen man heute letztere als dem 
Manne zukommend, erstere den Frauen ziemend ansieht. 
Auch dies ist nicht immer und überall so gewesen. Es wird 
ein indischer Volksstamm in Assam erwähnt, bei dem der 
keusche Bräutigam ein heftiges Widerstreben zu bezeugen 



172 

hat, das sich bis zur Flucht steigert. Unter dem Wehklagen 
der Eltern wird er zum Brauthause zurückgeführt. Viele 
ethnologische Forscher berichten von zahlreichen anderen 
Stämmen, daß dort die Mädchen die Freier waren, während 
Werbungsversuche der Männer als schamlos bestraft wurden. 
Auch in der Dichtung sind die Frauen sehr oft der wer- 
bende Teil; von kürzlich aufgefundenen 19 altägyptischen 
Liebesliedern sind 15 von Frauen an Männer gerichtet. Bei 
den alten Teutonen warben die Frauen um die Männer, sie 
dichteten Liebes3änge, bis die Kirche im 9. Jahrhundert es 
ihnen als unmoralisch verbot. Sie haben es trotzdem weiter- 
hin getan. 

Auch die Neuzeit kennt die glühendste Liebeslyrik von 
Frauen, nicht nur als Antwort für den werbenden Mann, 
sondern auch aus eigener spontaner Werbung. Als ein Beispiel 
nur für sehr viele sei hier ein Gedicht der französischen 
Lyrikerin Marceline Desbordes-Valmore, in der 
Übersetzung von Stephan Zweig (Insel Verlag) , angeführt. 
Das Gedicht ist ungefähr 100 Jahre alt und lautet: 

Die Rosen von Saadi. 

„Heut morgen wollt ich Dir Rosen bringen, 

Ich füllte mit ihnen den Gürtel zum Springen — 

Der allzu bedrängte, er könnt sie nicht fassen. 

Er brach auseinander; die Rosen verflogen 

Im Wind und sind alle zum Meere gezogen. 

Die Wogen, um die sie mich wirbelnd verlassen, 

Erschäumen von rötlicher Glut Übergossen, 

Mein Kleid aber hält noch die Düfte verschlossen . . . 

Komm abends — ich will sie Dich atmen lassen!" 






. 



Ich glaube, jede Frau wäre sehr zufrieden, einen Mann 
zu finden, der so wirbt, wie hier um den Mann geworben 
wird. Auch das Leben der Dichterin und ihre anderen Schöp- 
fungen sind von der gleichen lodernden Flamme erfüllt. Es 
ließen sich leicht von der Antike bis zum heutigen Tag un- 
endlich viele ähnliche Gedichte zusammenstellen, aber das 
würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. 

Aus dem praktischen Leben glaube ich sagen zu können, 
daß wohl die konventionelle Moral der Frau offiziell die 



173 

Werbung nicht gern zugesteht und daß daher die Mittel 
andere sind, als bei den primitiven Völkern, trotzdem habe 
ich immer noch sehen können, daß eine Frau, wenn sie einen 
Mann wirklich wollte, ihn auch bekommen hat. Die Wege 
dafür sind allerdings sehr verschieden, sie sind desto ge- 
rader, je weniger eingeschüchtert die Frau in ihrer Sexuali- 
tät sich fühlt und desto krummer, je unsicherer man sie 
gemacht hat. Ein sehr schönes Beispiel für einen Umweg 
brachte mir ein Beratungsfall, wo ein eingefriedetes Haus- 
töchterchen, dessen streng eingegrenzter Aktionsradius ihr 
keinerlei Werbetätigkeit gestattete, mir erzählte, daß sie 
doch von jedem Mann geliebt werde, der ihr gefalle. Sie bete 
dann immer recht innig zu Gott, er möge ihr zur Gegenliebe 
verhelfen und das habe noch jedesmal genützt. Man darf 
annehmen, daß ihr festes Gottvertrauen ihr die nötige 
Sicherheit gab, um die richtigen Mittel zu finden, die ihren 
Werbeentschluß in die Tat umsetzen konnten. 

Der Erfolg einer Werbung hängt nämlich immer von zwei 
entscheidenden Faktoren ab. Erstens muß man wissen, was 
man wirklich will und darf nicht schwanken und zweitens 
darf man nicht mit dem Gefühl der Unsicherheit an die 
Werbung herangehen, jener Unsicherheit nämlich, die aus 
mangelndem Vertrauen zu sich selbst entspringt. Ist man 
nicht von Minderwertigkeitskomplexen belastet, hat man 
dieses ruhige Vertrauen zur eigenen Persönlichkeit, dann 
gibt dieses uns die zweckdienlichen Mittel ein und führt uns 
die rechten Wege ganz so, wie das Gottvertrauen unseres 
kleinen Haustöchterchens. 

Heute finden wir diese notwendige Sicherheit in der end- 
lich sich durchsetzenden Erkenntnis von der vollen natür- 
lichen Gleich Wertigkeit der Geschlechter. Wo dies noch 
nicht herrscht, wo die Frau in der Geschlechts- 
wahl aktiv wird als Uberkompensation kör- 
perlicher oder sozialer Minderwertigkeit, 
dortkannesböseFolgenfürsiehaben, weil sie 
sich dann oftmals in den Mitteln arg vergreift, mit der Tür 
ins Haus fällt und so den umgekehrten statt des erstrebten 
Erfolges erzielt. Wir sehen das gleiche beim Mann, der sich 
aus irgendeinem Grund minderwertig fühlt. 

Bousfield verweist darauf, daß schon die Kindheitsein- 



174 

I 
drücke, unter denen das weibliche Kind heute aufwächst, es 
in die Richtung des Minderwertigkeitsgefühles drängen und 
dadurch zur Überkompensation führen. Diese Überkompen- 
sation sieht auch er darin, daß die Frau, die einsehen gelernt 
hat, daß eine wirkliche Gleichberechtigung mit dem Mann 
für sie nicht zu haben ist, in ihre Schwäche flüchtet und 
durch überbetonte Hilfsbedürftigkeit den 
Mann an sich zu fesseln lernt, wie wir früher 
schon zeigten. Er führt sein ganzes Buch hindurch die Aus- 
einandersetzung mit dieser Frage und kommt mit seinen 
Zukunftsforderungen zu dem Punkt, den er mit Recht für 
den entscheidenden ansieht, daß das weibliche Kind 
unter den gleichen Bedingungen heran- 
wachsen und ganz ebenso erzogen werden 
müsse, wie das männliche. Der Autor stellt sich 
damit auf den Boden von Adlers Individualpsychologie 
(allerdings ohne diese Schule jemals zu nennen), obwohl er 
der psychoanalytischen Schule angehört; zumindest muß 
man das daraus schließen, daß er die Terminologie der 
Freud-Schule geläufig gebraucht und auch gelegentlich er- 
wähnt, daß er nach ihrer Methode Patienten behandle. Die 
latsache, daß der Autor Psychoanalytiker ist, macht einen 
weiteren Punkt semer Untersuchungen doppelt interessant, 
nämlich die Fragestellung, welches Interesse denn der Mann 
dabei verfolge, wenn er die Frau als möglichst wesensver- 
schieden von sich zu betrachten und zu erhalten sich be- 
strebe. Er kommt bei dieser Untersuchung zu dem gleichen 
Resultat der männlichen Furcht vor der sexuellen Unzuläng- 
lichkeit, wie sie in unserer Einführung dargelegt wurde und 
sieht in dem Grundgebäude der Freudschen Lehre einen aus 
männlichen Minderwertigkeitskomplexen erwachsenen Ver- 
such, die durch keinerlei naturgegebene Bedingungen be- 
rechtigte Überbetonung der männlichen Geschlechtsrolle und 
den angeblich angeborenen weiblichen Geschlechtsneid auf 
dem Weg der Überkompensation zu stützen. Die Ausführun- 
gen in Gänze hier wiederzugeben würde zu viel Raum vom 
jetzt behandelten Thema der weiblichen Hilfsbedürftigkeit 
wegnehmen, es sei nur im knappsten angeführt, was Bous- 
field unter dem Titel „Der Komplex der männlichen Über- 
legenheit als Fehlerquelle in Freuds Werken" auseinander- 
setzt: 



175 

„Wir wissen aus Freuds Lehren, daß die am schwer- 
sten zu lösenden Komplexe diejenigen sind, welche auf 
niemals angezweifelten Meinungen beruhen, mit Affekten 
beladen, durch die Macht des Ich-Ideals gestützt und durch 
den Narzißmus verstärkt sind. Darum setzen sie schon 
der Entdeckung die heftigsten Widerstände entgegen. 

Ich will hier zeigen, daß alle diese Vorbedingungen bei 
Freud selbst für den Komplex zusammentreffen, welchen 
ich als den 

„Komplex der männlichen Überlegenheit" 

bezeichnen möchte. Er steht offenbar mit dem Kastra- 
tionskomplex in engem Zusammenhang und scheint mir 
ein Schlupfwinkel zu sein, in den die Analytiker aus der 
Freudschen Schule vor den analysierten Teilen dieses 
Komplexes sich zurückziehen, unterstützt durch einen 
Rest des nicht ganz überwundenen Narzißmus. 

Der Komplex, den ich meine, veranlaßt den Mann, sich 
dem Weibe überlegen zu fühlen. Gelingt ihm das nicht, 
dann hat er das Bedürfnis, das Weib als von sich mög- 
lichst wesens-verschieden vorzustellen. Der letztere Ge- 
sichtspunkt wird von der Freud-Schule nicht erwähnt. Auf 
beiden Wegen steigert der Mann sein eigenes Machtgefühl 
und schützt sich gegen seine unbewußte Angst vor Ver- 
lust der männlichen Kraft." 

. . Es scheint in der Tat, als ob diese Sexualüber- 
schätzung für Freud eine wirkliche Notwendigkeit wäre 
und vielleicht gehört seine Tendenz, das Sexualleben über- 
haupt zu überschätzen, zu demselben Komplex; sie geht 
durch alle seine Werke, kommt gelegentlich immer wieder 
zum Vorschein und erklärt auch die Tendenz, die Frau 
geringzuschätzen und sie auf eine obskure Stellung, auf 
ein Nichts zu reduzieren ..." 

Wir fragen, wozu diese .Überschätzung gebraucht 
wird' Und es drängt sich uns die Antwort auf, daß in 
dem Unbewußten eine Unterschätzung stattfindet — der 
Mann fürchtet sich vor Impotenz . . ." 

.So sehen wir, daß derselbe Machtkomplex, der 
Freud zu seinem Werke trieb und ihm ermöglichte, ein so 
ungeheures Unternehmen in so grandioser Weise auszu- 



,. 






176 



führen, auf der anderen Seite zur Ursache seines Irrtums 
in der Erkenntnis der relativen Bewertung der Ge- 
schlechtsdifferenzen geworden ist, wie dies anders ear 
nicht sein konnte . . ." s 

So kommt Bousfield zu den gleichen Schlüssen, die ich ein- 
SäwLSI dwBe »^2 ien » ausgeführt und schon in früheren 
Publikationen („Ehe von heute und morgen", Bergmann 
München 1926, und „Erziehung zur Ehe", Peries Wie?1927)' 
gezogen habe. ' 

Nur in einem Punkt ergibt sich eine Differenz. Ich bin 
nicht, wie Bousfield es tut, durch das Leben und die Person 
E5.*!!?!3E ******* 5 Einern Schluß gelangt, sondern 
2tl e allgemeine Beobachtung der männlichen Psyche 

Ste £^JS^S°2S E* *P der Autor ü ber Freud und, 
SÄ^h^"???» -? uch für eini S e ">dere Psycho 
?S ' dfc mä™ii^ t g, b \ tont - das «t er doch weit entfernt als 
ich S im^EäS? p syche allgemein gültig anzuerkennen, wie 
ich es im Kapitel „Sexuelle Atmosphäre" dareelest habe 

des Zmes dÄ Wei , ter AS eben «ÄBKhÄ 
teiÄfi?Si?SSlt?Äf e , Überwertung der männlichen 
Sn Buch iSt %f«5i! Ver kruppelung treibe. Er schließt 
aSJSSZ^Jl WOrt t n L " Nicht die Vorurteile früherer 
SÜSSES ^ÄiS beherrsch en, sondern die Wahrheit, 
*2?ttft d . er Erfahrung und des nimmermüden Experi- 

££~ r? r 1 em §?S kann daran viel ände ™> so langedie 
jetzigen Denkgewohnheiten herrschen. Wirkliche Gleichheit 
kann nur aus dem Wandel der Seelen geboren werden. Die 
Sä Ur =™ em ^ «sprecht, ihre Gesetze arbeiten mit unbe- 
irrbarer Folgerichtigkeit. Sie kennt keine Gnade." 

Menstruationsbeschwerden. 

Bousfields Buch ist auch noch für einen anderen Punkt 
heranzuziehen, und das ist die Frage der seelisch bedingten 
körperlichen Störungen in der Menstruationszeit der Frau. 
Bei weiblichen Tieren findet sich diese zeitweilige Aktions- 
unfahigkeit ebensowenig wie bei den Frauen der Naturvöl- 
ker. Erst die zivilisierte Frau, der schon von Jugend auf eine 
besondere Schonungsbedürftigkeit suggeriert wird, kennt 
diese eben schon vorher erwarteten Leiden. Er meint, daß 
schon das Wort „Monatliches Unwohlsein" die Suggestion 



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177 

der Gesundheitsstörung auslöst und so aus einem natürlichen 
Vorgang einen Krankheitszustand macht. Er zitiert die Un- 
tersuchungen namhafter Ärzte darüber, daß dort, wo man 
den Mädchen in Aussprachen klar machte, daß es sich bei der 
Menstruation um eine ganz normale Funktion handle, Men- 
struationsbeschwerden, die bis dahin vorhanden gewesen, 
manchmal teilweise, manchmal gänzlich verschwanden. Aus 
einer Statistik führt er an, daß von 100 Mädchen 70 über- 
haupt ohne irgendwelche Beschwerden gefunden wurden und 
daß sich dieser Prozentsatz nach einer einzigen privaten Un- 
terredung mit den Beschwerden empfindenden Mädchen gar 
auf 93 von 100 erhöhte. Er betont, daß diese Untersuchungen 
von Ärzten geführt wurden, die nicht einmal psychologisch 
eingestellt waren. Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung 
gleichfalls berichten, daß sowohl Frauen wie Mädchen, 
die an Menstruationsbeschwerden litten, und manche davon 
sogar in sehr hohem Maße, nach ganz wenigen Aussprachen 
mit einem Arzt davon befreit waren. Ja noch mehr, Frauen, 
die wegen persönlicher Schwierigkeiten zu mir in Beratung 
kamen und etwaige Menstruationsbeschwerden gar nicht er- 
wähnten (welches Thema also in unseren Aussprachen gar 
nicht vorkam, die sich nur mit Berufs-, Liebes- oder Ehe- 
fragen befaßten) , erzählten mir späterhin ganz beiläufig und 
ohne dabei an einen Zusammenhang zu denken, daß mit fort- 
schreitender Klärung ihrer persönlichen Situation sich Men- 
struationsbeschwerden gebessert hatten. Damit halten wir 
bei der eingangs kurz gestreiften Frage, daß vieles, was der 
alten Betrachtungsweise als physiologisch erschien, seeli- 
schen Ursprunges ist und somit auch ein Gutteil der angeb- 
lichen „biologischen Tragödie der Frau". 

Einen entscheidenden Einblick in diese außerordentlich 
wichtigen Zusammenhänge und zugleich eine übersichtliche 
Darstellung davon gibt der Wiener Gynäkologe Professor Dr. 
J. Novak, gemeinsam mit Dr. M. Harnik, in seiner Arbeit: 
„Die psychogene Entstehung der Menstrualkolik und deren 
Behandlung", erschienen in der „Zeitschrift für Geburtshilfe 
und Gynäkologie" Band 96. Er berichtet dort über 247 Fälle 
von Menstruationsstörungen, von denen 132 geheut, d. h. 
vollkommen beschwerdefrei gemacht wurden und 67 Fälle 
mehr oder minder weitgehend gebessert, so daß die Schmer- 
zen erheblich nachließen. In 11 Fällen trat kein Erfolg ein 

Lazarsfeld, Wie die Frau den Mann erlebt. 12 






178 

und über 37 weitere Fälle liegen keine Nachrichten vor. Zur 
Frage des Dauererfolges berichtet Professor Novak, daß die 
Heilung in 58 Fällen bereits länger als ein Jahr andauert, ein 
Fall seit 6 Jahren geheilt ist und ein zweiter seit 4 Jahren. 
Die Statistik über die Erfolgsdauer ist darum unvollkommen, 
weil systematische Beobachtungen erst seit dem Jahre 1927 
vorliegen. Die außerordentlich große Verbreitung leichterer 
oder stärkerer Menstruationsbeschwerden und die daraus re- 
sultierende Behinderung besonders der arbeitenden Frauen, 
sowie die unendliche Unkenntnis auf diesem Gebiet macht es 
notwendig, die medizinischen Voraussetzungen zu dieser 
Frage ausführlich zu geben. 

Sie sind der vorerwähnten Arbeit Professor N o v a k s 
entnommen : 

„ . . . Wenn wir die Fälle, in denen über Schmerzen in der 
Genitalregion bei der Periode geklagt wird, eingehend analy- 
sieren, so werden wir unschwer verschiedene Gruppen unter- 
scheiden können. In einer gewissen, nicht sehr großen Zahl 
von Fällen klagen die Frauen über wehenartige Schmerzen. 
Frauen, die bereits geboren haben, heben die Ähnlichkeit 
dieser Schmerzen mit Geburtswehen ausdrücklich her- 
vor . . ." 

„ ... In allen diesen Fällen ist die Blutung auffallend 
stark ..." ö 

„ ... In einer anderen Gruppe von Fällen handelt es sich 
nicht um heftige Schmerzen, sondern um anhaltende, 
drückende und ziehende Schmerzen im Kreuz, um ein lästiges 
Gefühl der Völle, der Spannung und Schwere im Unterleib 
und um einen Druck nach unten. Diese Beschwerden be- 
stehen gewöhnlich nicht während der Blutung, sondern vor- 
her, und lassen gewöhnlich mit Eintritt der Blutung erheb- 
lich nach. Manche Frauen fühlen sich sogar während der 
Blutung besonders wohl. Es handelt sich bei diesen Frauen, 
ebenso wie bei den Frauen der ersten Gruppe, um Krankheits- 
zustände, die mit vermehrter Blutfülle einhergehen . . ." 

„ . . . Weitaus am häufigsten aber sind diejenigen Dys- 
menorrhöefälle, in denen die Frauen über heftige, krampf- 
oder kolikartige Schmerzen in der Unterbauchgegend und im 
Becken klagen, die in beide Seiten des Unterleibs, manchmal 
auch in die Oberschenkel ausstrahlen. Sehr oft gehen sie mit 



179 

Brechreiz und Erbrechen einher. In schweren Fällen liegen 
diese Frauen zusammengekauert im Bett und winden sich vor 
Schmerzen. Wärmezufuhr lindert die Schmerzen, welche 
meist zu Beginn der Blutung, seltener vor, manchmal erst 
mitten m der Blutungsperiode einsetzen. Hat die Blutung 
bereits begonnen, dann wird sie während der Schmerzen 
schwächer oder versiegt vollständig, um mit dem Abklingen 
des Schmerzanfalles in normaler Stärke wieder einzusetzen. 
Diese Schmerzform wird am besten durch den von S t o 1 p e r 
geprägten Ausdruck Menstrualkolik gekennzeichnet ..." 

„ ... Zu einer befriedigenden Erklärung der Dysmenor- 
rhöe werden wir nur dann gelangen, wenn wir vorurteilsfrei 
die klinischen Tatsachen ins Auge fassen . . ." 

„...Wir können weiterhin sehr oft die Beobachtung 
machen, daß bei Frauen, die an Dysmenorrhöe leiden, zeit- 
weise eine oder die andere Periode schmerzfrei ist oder nur 
mit unerheblichen Schmerzen verläuft. Forschen wir nach den 
näheren Begleitumständen dieser schmerzfreien Intervalle 
dann erfahren wir, daß sie sich an freudige Ereignisse, gün- 
stige äußere Verhältnisse, Zeiten von Zufriedenheit und se 
hobener Stimmung knüpfen. Schulmädchen verlieren ihre 
Dysmenorrhöe nicht selten während der Ferien, in Berufen 
stehende Frauen während des Urlaubes, Mädchen und 
Frauen, die in mißlichen Familienverhältnissen leben, bei der 
Entfernung aus dem häuslichen Elend, die meisten in einer 
Ehe, welche sie seelisch und sexuell befriedigt . . ." 

., ... Die angeführten klinischen Beobachtungen decken 
jedem Unvoreingenommenen leicht die wahre Wurzel der 
Menstrualkolik auf. Seelische Vorgänge sind es, welche den 
ersten Anstoß zur Dysmenorrhöe geben, seelische Vorgänge 
unterhalten sie, seelische Vorgänge können ihre Intensität 
steigern oder abschwächen oder sogar zu ihrem völligen Er- 
löschen führen. Die Vorstellung, daß man die eigentliche 
Ursache der Dysmenorrhöe in der Psyche der Patienten zu 
suchen habe, bricht sich unter den Gynäkologen, welche ent- 
sprechend ihrer Ausbildung meist rein materialistisch ein- 
gestellt sind und vor der fremden Welt psychischer Erkran- 
kungen eine begreifliche Scheu haben, nur sehr langsam 
Bahn. In der Aufstellung einer nervösen Form der Dysmenor- 
rhöe erscheint die Auffassung von der psychogenen Natur 

12* 



180 

der Menstrualkolik bereits angedeutet. Aber durch die un- 
klaren Vorstellungen von dem Wesen der Neurasthenie und 
Hysterie und durch die Abneigung der Gynäkologen, sich 
mit psychischen Problemen zu befassen, wurde diese Rich- 
tung in falsche Bahnen gelenkt. Mit Mastkuren, Massage, 
Gymnastik, klimatischen Einwirkungen, bestenfalls mit einer 
bewußten Suggestivtherapie suchte man ein seelisches Pro- 
blem aus der Welt zu schaffen. Erst in den letzten Jahren 
wurde der psychogene Charakter einzelner Erkrankungen 
der Genitalsphäre entdeckt und der Psychotherapie ein — 
wenn auch sehr bescheidenes — Plätzchen in der gynäkolo- 
gischen Therapie eingeräumt." 

„ . . . Bis zum Jahre 1925 stand uns aber nur ein kleines 
Beobachtungsmaterial zur Verfügung. Erst im Laufe der 
Jahre gelang es uns, ein Material zu sammeln, welches uns 
als Beweis für den psychogenen Ursprung der Menstrual- 
kolik zu genügen scheint. Wir untersuchten 247 Fälle dieser 
Erkrankung und konnten nahezu in allen Fällen den kausalen 
Zusammenhang zwischen psychischen Vorgängen und Men- 
strualkolik aufdecken. In 224 Fällen war die Menstruation 
anfangs schmerzfrei, nur in 23 Fällen wurde die bestimmte 
Angabe gemacht, daß auch die erste Menstruation schmerz- 
haft gewesen wäre. Daß in diesem Zahlenverhältnis ein wich- 
tiges Argument gegen die Stenosenlehre gelegen ist, haben 
wir schon früher angeführt. Eine eingehende Aussprache mit 
den Patientinnen ergab regelmäßig, daß sich die Menstrual- 
kolik an ein psychisches Trauma anschloß. Es handelte sich 
stets um ein Erlebnis, das auf die Patientin zunächst einen 
starken Eindruck machte, trotzdem aber im Laufe der Zeit 
in Vergessenheit geriet und erst durch unsere Untersuchung 
wieder ans Licht gefördert wurde. Die Tragweite eines seeli- 
schen Erlebnisses ist natürlich vollkommen relativ. Dasselbe 
Ereignis kann den meisten anderen Menschen, in späteren 
Jahren auch der Patientin selbst, belanglos erscheinen. We- 
sentlich ist nur die Tatsache, daß es der Patientin seinerzeit 
bedeutungsvoll erschien und durch diese hohe Einschätzung 
imstande war, ihr Seelenleben nachhaltig zu beeinflussen und 
sich in einer entsprechenden körperlichen Reaktion aus- 
zuwirken — " .. 

„ . . . Daß durch einen Schrecken oder eine andere seeli- 
sche Erregung eine bereits eingetretene Menstruations- 






181 

blutung unterbrochen, eine erst zu erwartende vorzeitig her- 
beigeführt werden kann, daß Furcht vor einer Gravidität ), 
aber auch der brennende Wunsch gravid •*) zu werden, den 
Eintritt der Menstruation verhindern und Graviditäts- 
beschwerden ***) herbeiführen kann, ist nicht bloß dem 
Frauenarzt, sondern auch den meisten Frauen wohl bekannt. 
Wie oft kommt es vor, daß Frauen, welche aus den ver- 
schiedensten Gründen eine ärztliche Untersuchung fürchten, 
im ärztlichen Wartezimmer die Menstruation bekommen! 
Der Wunsch und die Hoffnung, mit Hilfe der Blutung die 
gefürchtete Untersuchung hinauszuschieben, spielen bei 
diesem Ereignis eine nicht zu unterschätzende Rolle. Daß 
heftige seelische Erregungen einen Abortus auslösen oder 
die Geburt herbeiführen können, daß psychische Einflüsse 
die Wehentätigkeit nicht bloß fördern, sondern mindestens 
ebenso häufig auch hemmen können, ist eine dem Geburts- 
helfer vollkommen geläufige Tatsache. Wir werden uns 
daher wenn wir folgerichtig denken und unseren Blick nicht 
absichtlich vor der Wahrheit verschließen, gar nicht wun- 
dern, wenn es unter dem Einfluß starker, affektbetonter 
Erlebnisse auch im nichtgraviden Uterus zu motorischen 
Vorgängen kommt. Die Auslösung der Menstrualkolik durch 
unlustbetonte Affekte ist also gar nichts Besonderes oder 
gar Erstaunliches. Wäre der Vorgang, welcher sich dabei im 
Genitale abspielt, so sinnfällig wie beim Abortus oder bei 
der Geburt, dann wäre der Zusammenhang zwischen Affekt- 
zuständen und Menstrualkolik längst bekannt. Welcher Art 
die Vorgänge sind, die sich während der Menstrualkolik im 
Genitale abspielen, wissen wir — wie bereits gesagt — nicht. 
Für die Frage nach dem Verhältnis des psychischen Gesche- 
hens zur Menstrualkolik ist die Kenntnis dieses Vorganges, 
dessen Bedeutung wir keineswegs unterschätzen, ebenso 
belanglos wie die Kenntnis der Nervenbahnen, welche die 
Umsetzung des Affektes in den organischen Vorgang ver- 

mi n!?'see!ischen Traumen, welche in unseren Fällen zur 
Dv?menSe führten, hatten verschiedenen Inhalt. Immer- 
Sn klhrten gewisse typische Schilderungen mit verhaltnis- 

"V^angewchaft. - ••) echwanger. - "•) Schwanger^hafta- 
beschwerden. 



182 



mäßig geringfügigen individuellen Abweichungen ziemlich 
häufig wieder. Oft hatten die Erlebnisse einen sexuellen 
Inhalt. In 186 Fällen bestand eine inhaltliche Beziehung des 
Traumas zur Sexualsphäre. Eine erotische Färbung war 
häufig, aber nicht immer festzustellen: Verweigerung der 
Hingabe an den verlangenden Mann, gleichzeitig die Befürch- 
tung, ihn durch dieses ablehnende Verhalten zu verlieren, 
also ein tragischer Konflikt zwischen Ehre und Liebe; De- 
floration und die damit verbundenen mannigfachen seeli- 
schen Gleichgewichtsstörungen, Angst vor Schande, vor 
einer Schwangerschaft, einer Infektion, das Gefühl einer 
unabänderlichen schweren Werteinbuße, Entsetzen über die 
mit der Defloration verbundenen Schmerzen, über die wirk- 
liche oder vermeintliche Brutalität des Mannes, Enttäu- 
schung über das Ausbleiben der beim Sexualakt erhofften 
körperlichen und seelischen Wonnen, Feststellung seitens 
seelisch nicht mehr unberührter Mädchen, daß das Wollust- 
SSEi"? ^ hlechtsv erkehr weit hinter der durch Onanie 
erzielten Befriedigung zurückbleibe; Enttäuschung wenn 
durch vorhergehende körperliche und sSSdte ÄiSSE 
gen das Verlangen nach g^ediüicSeÄvS^lSSSSt 

^ d n^ derKoit ^^ er ? der 853SBÄSEE 3ÄS- 

R?dPn^ e i n > ? d if Gm Falle ^gebrachten Vorsicht und 
Bedenklichkeit des Mannes scheiterte; Abneigune eeeen den 

Sf^g» k^T' ***W oder TEÜ5T wenS 
SSSLf 8 ! ^"L SKS* ***&&****> sie «* Perversitäten 
™T^ und abstieß mit Prohibitivmaßnahmen anekelte. 

^SSTSmSST — Handlun ^ n bel «' *«* 

Fr^L^r 61 * J" der wüsche Konflikt, wenn die 
S^ifln 5 ^eren Mann hebt und unwillkürlich Vergleiche 
5ÄS 2*2 gel * ebten M^' n ach dem sie sich sehnt, und 
dem ungehebten Mann, dem sie ausgeliefert ist, ziehen muß. 
?L Ve ^ leich ■» natürlich immer zuungunsten des unge- 
liebten Mannes aus und steigert den Widerwillen der Frau 
gegen ihre sexuelle Erniedrigung und damit gegen alles, was 
ihr Weibtum kennzeichnet, ins maßlose. Wiederholt ließ sich 
in unseren Fällen die Untreue des Freundes oder des Ehe- 
mannes als das die Dysmenorrhöe auslösende Trauma nach- 
weisen. Aber auch die eigene Untreue rächte sich gelegent- 
lich durch das Einsetzen dysmenorrhöischer Schmerzen, 






seiner 



183 

welche der reuigen Sünderin als eine gerechte Buße für ihr 
schweres Verschulden erschienen. Ein oder das andere Mal 
wurde ein Notzuchtattentat oder die Furcht vor einer Ver- 
gewaltigung als Ursache der Dysmenorrhöe aufgedeckt. Ab- 
bruch eines Liebesverhältnisses auf Wunsch der Eltern, 
Eifersuchtsszenen, die niederschmetternde Entdeckung, daß 
die eigene Mutter ein Verhältnis mit dem Bräutigam unter- 
halte und dabei von der Patientin sogar in flagranti ertappt 
wurde, die peinliche Entdeckung, daß eine vertraute Freun- 
din intime Beziehungen zum Bräutigam oder Ehemann auf- 
genommen habe, die schreckliche Erkenntnis, vom Bräuti- 
gam oder Ehemann mit Gonorrhöe oder Lues infiziert 
worden zu sein, spielten in unserem Beobachtungsmaterial 
in einzelnen Fällen die Rolle des Dysmenorrhöe auslösenden 
Traumas. Unglückliche Liebe zu einem verheirateten Mann, 
Abbruch der Beziehungen zu einem Freunde, der seine Ver- 
heiratung verheimlicht hatte, die Geburt eines unehelichen 
Kindes und alle damit zusammenhängenden peinlichen Fol- 
gen für die uneheliche Mutter, eine schwere Geburt und die 
Angst vor einer neuerlichen Schwangerschaft, Beschuldi- 
gungen durch den Mann oder Bräutigam, daß die Patientin 
bei der Aufnahme des Geschlechtsverkehrs keine Virgo •) 
gewesen wäre oder gar eine Infektion des Mannes ver- 
schuldet hätte, werden in unseren Krankengeschichten als 
Quelle seelischer Erschütterungen und als Ursache dys- 
menorrhöischer Schmerzen angegeben . . ." 

. Löst das seelische Trauma ein Ekelgefühl aus, dann 
geht die Dysmenorrhöe besonders häufig mit Brechreiz und 

Erbrechen einher ..." M.'uLax 

Ein 20 jähriges Mädchen, sonst ganz gesund, klagt 
über* schwere Krämpfe am ersten und zweiten Tag ihrer 
Periode, Krämpfe von solcher Stärke, daß sie vollkommen 
arbeitsunfähig ist, das Bett aufsuchen und überdies noch 
dutoSteMate brechen muß. Zu finden war nichts. Virgo 
intacta vom Mastdarm aus auch nichts Besonderes zu 
fürüen 'im ganzen ein etwas scheuer Mensch mit unruhigem, 
flackernd^ Blick und hastigen Bewegungen. Ich gab zu- 
nSt die üblichen Ratschläge. Das Mädchen kommt nach 
dSger Zeit wieder mit den Worten, die jedem Kenner *>*«* 

*) Jungfrau. 









184 

weiblichen Kranken verrieten, daß nun die Bereitschaft zur 
Beichte da ist. Sie ist verlobt mit einem Mann, den sie liebt. 
Aber jeder Versuch irgendeiner zärtlichen Annäherung, eines 
Kusses, das Berühren ihrer Taille, ihres Armes ruft sofort 
einen nicht unterdrückbaren Brechreiz hervor. Alle Willens- 
anspannung nützt nichts; sie ist unglücklich, weil an dieser 
entsetzlichen Sache ihr Lebensglück zu scheitern droht. Im 
Sinne SiegmundFreuds beginne ich nun eine vertiefte 
Anamnese zu erheben, fordere sie auf, ganz zwangslos ge- 
danklichen Assoziationen nachzugehen und diese zu äußern. 
Und es dauerte auch nicht lange, daß aus dem tiefsten Unter- 
bewußtsein die Erinnerung an ein sexuelles Attentat empor- 
gehoben wurde, das an dem damals neunjährigen Kinde von 
einem älteren Mann versucht worden ist. Vor Angst und 
Schrecken hatte sie geschrien und begann furchtbar zu bre- 
chen, womit sie den Lüstling verscheuchte. Mit Erinnerung 
dieses psychosexuellen Zusammenhangs war es nun ein 
leichtes, die Kranke zu heilen. 

^„^ aber auch seelische Traumen, welche wohl einen 
Bezug auf die Sexualsphare haben, ohne aber einen eroti- 
schen Anstrich zu besitzen. Eines der häufigsten derartigen 
Traumen ist die Befürchtung, sich bei der Periode erkältet 
und sich dadurch ein schweres Frauenleiden zugezogen zu 
haben. Die Furcht vor einer Erkältung in der Menstruations- 
zeit und die übertriebene Wertung der vermeintlichen Schä- 
den, welche sich daraus entwickeln könnten, ist im Volke 
außerordentlich verbreitet. Sorgsame Mütter prägen ihren 
Töchtern eindringlich ein, das Baden, Schwimmen, Skilaufen 
und Tanzen während der Periode zu unterlassen und erfüllen 
die Phantasie dieser Mädchen mit schreckhaften Vorstellun- 
gen aller erdenklichen schweren Krankheiten, die als Folge 
einer Erkältung auftreten können. Wird nun ein derartiges 
geschrecktes Geschöpf beim Baden im Freien, bei einem ver- 
regneten Ausflug, beim Skisport und dergleichen von der 
befürchteten Menstruation überrascht, dann fallen ihm na- 
türlich sofort die Warnungen der Mutter ein, es lebt in der 
ständigen Furcht vor den angekündigten schweren Folgen 
der Erkältung und findet es geradezu selbstverständlich, 
wenn die Menstruation mit Krämpfen und Schmerzen einher- 
geht. Wir konnten dieses Erkältungstrauma in unserem Ma- 






1 






185 

terial 37 mal feststellen. Es spielte gerade in Fällen von 
primärer Dysmenorrhöe nicht selten eine bedeutsame Rolle. 
Oft hängt eine primäre Dysmenorrhöe damit zusammen, 
daß das heranwachsende, noch nicht geschlechtsreife Mäd- 
chen die Mutter, eine ältere Schwester, eine Verwandte oder 
die Erzieherin an Dysmenorrhöe leiden sieht. Die daraus ge- 
wonnene Überzeugung, daß das Unwohlsein mit Schmerzen 
einhergehen müsse, wird dem Mädchen zum Verhängnis. 
Kommt das gefürchtete Ereignis, dann findet sie es nur na- 
türlich, wenn es auch bei ihr mit Schmerzen einsetzt. Die 
Menstrualkolik ist also, wenn wir die durch sorgsame Mütter 
herangezüchtete Erkältungsfurcht und die durch schlechte 
Beispiele provozierte Dysmenorrhöefurcht ins Auge fassen, 
nicht selten ein Erziehungsschaden . . ." 

„...Das Minderwertigkeitsgefühl, welches Adler in 
den Vordergrund seiner Neurosenlehre stellt, ist bei den 
meisten an Dysmenorrhöe leidenden Frauen anzutreffen. 
Es wurzelt in dem Bewußtsein, genitalkrank zu sein, und 
wird leider durch unvorsichtige ärztliche Äußerungen 
häufig verstärkt Man muß sich hüten, diesen Mädchen, 
die mit Angst und Bangen auf das ärztliche Urteil warten, 
von einer Gebärmutterknickung, einer Rückwärtslagerung 
einer zu kleinen Gebärmutter, einer Gebär- oder Konzept 
tionsunmöglichkeit oder gar einer chronischen Eierstock- 
entzündung zu sprechen. Sie finden in jeder derartigen 
Äußerung die gefürchtete Bestätigung ihrer genitalen 
Minderwertigkeit und die ärztlich beglaubigte Berechti- 
gung ihrer Krankheitsäußerung. Die Befreiung von die- 
sem drückenden, die Patienten in ihrem ganzen Tun und 
Lassen beherrschenden Minderwertigkeitsgefühl ist eine 
der wichtigsten und dankbarsten Aufgaben unserer The- 
rapie. Es ist freilich nicht immer leicht, die schweren 
Schäden, welche durch unvorsichtige, übrigens meist un- 
richtige und ungerechtfertigte ärztliche Äußerung ange- 
richtet wurden, auszumerzen . . ." 

Alle unlustbetonten Erlebnisse, welche in die 
Menstruationszeit fallen oder ihre Wirkung bis auf die 
Menstruationszeit erstrecken, können ihre organische Aus- 
wirkung in dysmenorrhöischen Krämpfen finden. Verlust 
einer nahestehenden Persönlichkeit, unangenehme Vor- 






186 

fälle im Hause, in der Schule sind imstande, eine Dys- 
menorrhöe hervorzurufen, wenn der durch diesen Vorfall 
ausgelöste unlustbetonte Affekt zeitlich an die Menstrua- 
tion geknüpft ist. Aber auch das Versagen bei der Lösung 
bestimmter Aufgaben, beim Wettbewerb mit männlichen 
Konkurrenten und das durch diesen Konflikt ausgelöste 
Minderwertigkeitsgefühl kann die Patientin zur Flucht in 
die Dysmenorrhöe drängen. Die Dysmenorrhöe soll der 
ganzen Welt beweisen, daß die Patientin nur ein schwa- 
ches, hilfsbedürftiges Weib ist und daß sie nur durch ihre 
Krankheit an der Erfüllung ihrer Aufgabe verhindert war. 
Die Patientin wirbt mit dieser Dysmenorrhöe um Mit- 
gefühl, Zärtlichkeit, Hilfe und Wohlwollen . . ." 

„ . . . Fassen wir unsere Ansicht über die Ätiologie der 
Menstrualkolik zusammen, so können wir sagen (von 
hier an im Original fett gedruckt), daß die Menstrualkolik 
durch ein psychisches Trauma ausgelöst und durch die 
Angst, welche sich an den ersten Anfall knüpft, immer 
wieder in Gang erhalten wird. Daneben mag das ins Un- 
bewußte verdrängte seelische Erlebnis seine schädliche 
Einwirkung fortsetzen. Die innersekretorischen Vorgänge, 
welche sich bei der Menstruation im Organismus ab- 
spielen, sind eine notwendige Vorbedingung für die Aus- 
legung des dysmenorrhöischen Vorgangs, da sie sowohl 
die psychische wie die genitale Disposition schaffen, 
welche zum Zustandekommen des schmerzverursachenden 
Mechanismus erforderlich ist. Dem konstitutionellen 
Faktor kommt nur eine untergeordnete Rolle zu . . ." 

Die Ausführungen Professor Novaks und die Einsicht in 
die von ihm geübte Therapie und deren Erfolge zeigt deut- 
lich, welch großer Prozentsatz der angeblich physiologisch 
bedingten Menstruationsbeschwerden auf seelischem Weg 
entstehen — wie schon eingangs bei der Frage der „biologi- 
schen Tragödie der Frau" gesagt wurde — und daß sie auch 
auf dem gleichen Wege heilbar sind. Aus seiner Darstellung 
ergibt sich klar, daß die Beschwerden durchaus mit einer un- 
bewußten Zielrichtung verknüpft waren und auftraten oder 
verschwanden, je nachdem dieses Ziel sich wandelte, je nach- 
dem also, ob sie gebraucht wurden oder nicht. 






187 

Aber nicht nur Menstruationsbeschwerden, sondern auch 
gewisse 

Beschwerden bei Schwangerschaften 

unterliegen nach Ansicht der Ärzte seelischen Einflüssen. 
Dieses Problem kann im Rahmen unseres Buches nicht aus- 
führlich besprochen werden, weil zu viel ärztliches Wissen 
dazu herangezogen werden müßte. Nur über das Erbrechen, 
das so vielen werdenden Müttern zur Qual wird, sei einiges 
gesagt, es ist der Arbeit von Professor A. Mayer (Tübingen) 
„Psychogene Störungen der weiblichen Sexualfunktion" ent- 
nommen, die in dem von Dozenten Oswald Schwarz heraus- 
gegebenen Band „Psychogenese und Psychotherapie körper- 
licher Symptome" (Verlag Springer) erschienen ist. Der 
Autor führt aus, daß nach der Laienmeinung Üblichkeit und 
Erbrechen zu den ersten selbstverständlichen Anzeichen 
einer Schwangerschaft gehören. Darum warten oft jung ver- 
heiratete Frauen nach Ausbleiben der Periode schon mit 
Spannung auf das Erbrechen als weiteres Zeichen ihrer 
Wunscherfüllung. Er meint, daß man hier schon fast von 
einer Massensuggestion reden könne, die im Einzelfalle zur 
Autosuggestion führt. Als Beispiel für die suggestive Macht 
von Vorstellungen berichtet er, daß ein Arzt einmal den 
Kranken eines ganzen Saales Zuckerwasser als Arznei geben 
ließ. Bald nachher eilte er mit ängstlicher Miene herein und 
erklärte, daß aus Versehen ein falsches, schädliches Medi- 
kament verabreicht worden sei. Am besten wäre es für die 
Kranken, wenn sie es sofort wieder erbrechen könnten. Wer 
nicht erbrechen könne, werde sich einer schmerzhaften 
Magenausheberung unterziehen müssen. Der Erfolg war, daß 
fast alle Kranken sofort erbrachen. Auf ähnliche Weise 
müßte man sich das Zustandekommen des Schwangerschafts- 
erbrechens vorstellen, dort, wo das Kind erwünscht ist. 

Oft könne dem Erbrechen aber auch eine unlustbetonte 
Note zugrunde liegen. Es gibt Frauen, die unmittelbar nach 
einer vollzogenen Sexualvereinigung Erbrechen bekommen. 
Die eingetretene Schwangerschaft bedeutet für sie dann die 
tägliche Erinnerung an diese Situation und könne so unter 
Umständen zum Schwangerschaftserbrechen führen, auch 
dort, wo die Schwangerschaft an sich nicht unerwünscht sei. 

Auch die Unzufriedenheit mit dem Ehemann, der die 



188 

Leistung einer Schwangerschaft nicht genügend wertet, 
kann eine große Rolle spielen. Es wird das Beispiel eines 
widerwärtigen Ehemannes gebracht, der nicht einsieht, daß 
die schwangere Frau, die an starkem Erbrechen litt, Scho- 
nung braucht. Der Mann begann jeden Tag schon am frühen 
Morgen mit der mißmutigen Frage: „Hört die Kotzerei noch 
nicht auf?" Als ihm der Arzt erwiderte, es wundere ihn gar 
nicht, daß die Frau über einen solchen Mann Ekel bekomme 
und erbreche, änderte er sein Verhalten von Grund aus und 
das Erbrechen hörte alsbald auf. 

Zum Ekel kann es auch führen, wenn die Frau sich zum 
ehelichen Verkehr zwingen muß. Es wird ein Fall berichtet, 
wo eine schwangere Frau sich ganz in der Vorstellung fest- 
gefahren hatte, während der Schwangerschaft keinen Sexual- 
verkehr haben zu wollen. Als es gegen ihren Wunsch doch 
dazu kam, ekelte sie sich so darüber, daß sie seither alles 
erbrach. Der Autor fährt fort: 

Daß das Erbrechen der Ausdruck irgend einer 

Gegeneinstellung gegen den Mann sein kann, geht auch 
daraus hervor, daß es oft blitzartig mit dem 
Eintritt ins Krankenhaus aufhört (vom 
Autor gesperrt gedruckt). Hier, wo der Mann es nicht 
mehr sieht, hat es keinen Zweck mehr, in Form des Er- 
brechens gegen ihn zu demonstrieren. 

In anderen Fällen besteht der zum Erbrechen führende 
unlustbetonte Affekt in Unlust zum Kind, Furcht 
vor Krankheit des Kindes, wirtschaftlicher Not, Erinne- 
rung an eine überstandene, beschwerdenreiche Schwanger- 
schaft, an ausgestandene Geburtsqualen, im angstvollen 
Rückblick auf ein Kindbettfieber, in Scheu vor Wieder- 
holung des Überstandenen usw. Im Erbrechen bekommt 
hier die Gravide *) einen Bundesgenossen für die Errei- 
chung ihres Zieles, das Kind los zu werden. Ich erkundige 
mich darum immer nach all diesen Punkten. Bei Unlust 
zum Kinde frage ich immer nach Geschlecht der vorhan- 
denen Kinder. Ist ein Geschlecht ausschließlich oder we- 
nigstens vorwiegend vertreten, z. B. lauter Buben, dann 
sage ich der Mutter, daß sie sich mit der Schwanger- 



J ) Di« schwangere Frau. 



189 

Schaftsunterbrechung unter Umständen um das ersehnte 
Mädchen bringt. Oft wirkt dieser Ausblick auf die Eme- 
sis 2 ) ganz ausgezeichnet, und ich kenne manche Mutter, 
die hinterher außerordentlich dankbar ist, daß man die 
Schwangerschaft nicht unterbrochen hat . . ." 

Der Autor verweist darauf, daß es einen sehr wirksamen 
Bundesgenossen im Kampf gegen das Schwangerschafts- 
erbrechen gibt, das ist der Mutterinstinkt. Gelingt es, den 
zu wecken, dann läßt das Erbrechen gewöhnlich nach. 

Zur Bestätigung der Theorie von der seelischen Bedingt- 
heit des Erbrechens wird noch angeführt, daß Frauen, die 
ihre Schwangerschaft verheimlichen müssen, oder solche, die 
zu deren künstlicher Beendigung fest entschlossen sind oder 
gar schon wissen, daß sie unterbrochen wird, in der Regel 
kein Erbrechen haben. 

Eine wichtige Rolle spielt die seelische Einstellung zur 
Schwangerschaft auch bei der Frage, wie weit eine Erkran- 
kung, insbesondere Tuberkulose oder Herzfehler davon be- 
einflußt wird. Wenn eine Frau das Kind nicht will, dann wird 
sie auch bei sehr geringen Komplikationen immer elender, 
besonders dann, wenn sie erfährt, daß eine Schwangerschafts- 
unterbrechung erwogen wird. 

Im Gegensatz dazu steht das Verhalten bei leb- 
haftem Kinderwunsch. Dieser macht die Frauen oft zu be- 
wunderungswürdigen Heldinnen. Ich habe mehrfach erlebt, 
daß sehr erfahrene Internisten wegen einer Komplikation 
einen künstlichen Abort dringend anrieten, aber in der 
Sehnsucht nach dem Kind lehnte die Frau den Eingriff ab 
im Vertrauen auf ihren Instinkt. Keine einzige von ihnen hat 
einen nachweisbaren Schaden genommen . . ." 

Schließlich wird noch erwähnt, daß seelische Momente 
auch im Verhalten bei Geburtswehen zur Auswirkung kom- 
men können. So wird berichtet, daß z. B. der Eintritt von 
Studenten in den Kreissaal oder der Anblick einer bestimm- 
.„_ p erS on die Wehen nachteilig beeinflussen konnte. Pro- 
fessor Mayer meint, daß diese Angaben nicht genau zu kon- 
tieren sind, daß es hingegen aber bekannt ist, wie sehr 
rSst zum Kind die Geburtsarbeit in vieler Richtung 
erschwert, gleichgiltig, ob diese Unlust in wirtschaftlicher 



Schwangerschaftserbrechen. 






190 



Sorge, in Ehekonflikten oder im Fehlen des Mutterschafts- 
triebes wurzelt. Er fügt hinzu: 

„...Daß Erziehung zur Selbstbeherr- 
schung, persönlicher Stolz und Scheu, sich schwach zu 
zeigen, die Verarbeitung und die Wirksamkeit der Wehen 
befördern, bedarf keiner Erörterung." 

Wir sehen aus den Schlußworten, daß auch hier, ebenso 
wie bei den Menstruationsbeschwerden, die seelische Ein- 
stellung der Frau eine entscheidende Rolle spielt. Die körper- 
lichen Beschwerden wandelten sich je nach dem Ziel, das 
den Frauen vorschwebte. Wir werden hier, besonders bei der 
wandelbaren Erscheinung des Erbrechens an unseren Ver- 
gleich der Frau, die innerhalb unserer heutigen Kultur dem 
S? A er ?°S e - des entmuti &ten Kindes gegenübersteht, 
*55fr £ £* UnSe r n Schindern kennen wir das 
"21 oder ..Morgenerbrechen", das sich beim Frühstück 

Acht eSTSÄS^ ^% Sch ^ ^htet und zu vermeiden 
brTuoht ~ JS3 * ^S einen doppelten Zweck: Erstens 

SES?Sfe?5-?ffi ™ SchlÜe gehen und & seitens doch 
nicht für das Schwänzen verantwortlich 

.£/* wie * das Schulstürzen gilt auch für die 

±*fifn£»? n r Frau durch ihre Sexualfiinktionen, 
Tw c Pu ^ t T n u Ge & nern ^d Gegnerinnen der Frauen- 
^führt wi?d hauptsächlichstes Argument ins Treffen 

h^htii?l SC ? arf ™ unterscheiden zwischen dem wirklich 
der wÄS $T& - auf Schutz und Rücksicht, welcher 
ItÄÄr^A Sinn g eb ührt, daß man die 
K? hSSS ' W ^? e lhr K^per für die Austragung des 
SS^ **? ^it, die er damit leistet, eben 
LhafrTnXn^ StU ?? lm ? ahmen der menschlichen Gesell- 
daßm^Ä^^ honoriert > und zwar dadurch honoriert, 

fmW? 1 ak •? d ? Se / Zeit eine ^ ewis se Erleichterung auf 
anderen Arbeitsgebieten, die sie sonst noch in Anspruch 
nehmen, verschafft. Das gleiche, was für die letzten Monate 
aer bcn wangerschaft zu beanspruchen ist, muß auch für die 
•i L «""Periode gelten. Hingegen geht es nicht an, die 
vielen Störungen, die, wie wir gesehen haben, einer psychi- 
schen Einstellung entspringen, welche das Resultat der den 
Frauen gegenüber geübten Taktik der Unterdrückung ist, 
nun auch noch wiederum zu Lasten dieser Frauen zu buchen. 



191 

Denn nur dann, wenn die entmutigte Frau zur eigenen Siche- 
rung die Lebenslinie der Hilfs- und Schutzbedürftigkeit für 
sich in Anspruch nimmt, ist sie auch von einer extremen 
Schonungsbedürftigkeit im Punkt ihrer Sexualfunktion, 
will sie hingegen selbständig sein, dann überwindet sie die 
leichten Störungen, die ihr daraus erwachsen, ganz ausge- 
zeichnet. Daß die körperliche Behinderung auch bei jenen 
Frauen, die sich z. B. zum Schutz vor der Arbeit auf diese 
Linie zurückziehen, in Wirklichkeit gar nicht so groß ist, 
ersieht man daraus, daß sie diese Behinderung ganz gut 
überwinden können, wenn es sich um Sport oder sonst etwas 
handelt was sie gerne machen .wollen. So habe ich in Bera- 
tungsfällen wiederholt beobachten können, daß bei Frauen, 
welche unregelmäßige Menstruationszeiten hatten, der Ein- 
tritt der Menstruation, unter dem sie für gewöhnlich ihrer 
Angabe nach sehr schwer litten, sich verfrühte oder auch 
verspätete, je nachdem ihnen zu diesem Zeitpunkt ein er- 
wünschtes oder ein unerwünschtes sexuelles Zusammentref- 
fen bevorstand. Trat die Menstruation dennoch zu einer Zeit 
ein, wo sie sie lieber nicht gehabt hätten, dann verlief zu- 
mindest der sonst so gefürchtete erste Tag oftmals völlig 
schmerzlos. Man darf aber diese Frauen nicht verdächtigen, 
daß dabei Verstellung mitspielt, im Gegenteü, die Beschwer- 
den sowohl wie deren Wegfall sind ganz echt, je nachdem, 
was gerade zwecks innerlicher Zielrichtung gebraucht wird. 

Dies alles mußte so breit ausgeführt und mit den eigenen 
Worten der Wissenschaftler belegt werden, weil es nicht an- 
geht, die Persönlichkeitsentwicklung der Frau durch das 
scheinheilige Gegenargument ihrer biologisch bedingten Un- 
terwertigkeit und Schutzbedürftigkeit zu drosseln. Damit hat 
die moderne Wissenschaft endgiltig aufgeräumt, die physio- 
logische Möglichkeit zur Selbständigkeit kann den Frauen 
nicht länger abgesprochen werden. 

Es ist kein Zweifel mehr zulässig darüber, daß die 
Frauen es durchführen können, auf . sich 
selbst gestellt zu sein, wenn sie es wollen. 
Die andere Frage hingegen ist noch offen, obesgutfür 
s i e i s t, den Weg zur Selbständigkeit zu gehen. 

■ 






VIII. Kapitel. Lebensgesfalfung. 

„So sah ich denn, daß nichts 
bessers ist, denn daß ein Mensch 
fröhlich sei in seiner Arbeit" 

Salomo, Altes Testament. 

Wir haben im vorangehenden die psychologische Situation 
der restlos auf den Mann eingestellten Frau beleuchtet, sehen 
wir uns nun einmal das Leben der mehr selbständigen, der 
arbeitenden Frauen an. 

Wie sah es denn in diesem Punkt bis vor kurzem ganz all- 
gemein und wie sieht es heute noch in weiten Kreisen aus? 

Die verheiratete Frau war — bis auf verschwindend kleine 
Ausnahmen, die es überall gibt und die wir bei allem folgen- 
den immer schon stillschweigend voraussetzen wollen — ent- 
weder ein verantwortungsloses Objekt der Ehe, das, aller 
Rechte der eigenen Persönlichkeit entkleidet, diesen Entgang 
mit der materiellen Sicherstellung bezahlt bekam, oder sie 
war das dreifach belastete Arbeitstier von Hausfrau, 
Mutter und Arbeiterin unter härtestem materiellen Zwang, 
wie es hier in bitterster Satyre Zilles Bild einer hochschwan- 
geren Frau zeigt, und dabei immer noch ohne eigene Persön- 
lichkeitsrechte. Kein Wunder, daß in den Herzen und Köpfen 
der Frauen das Wunschziel einwurzelte, mittels der Heirat 
zumindest die Stufe relativer ökonomischer Sicherstellung 
zu erreichen, auch mit der Preisgabe aller persönlichen An- 
sprüche Das sind so oft ausgesprochene Tatsachen, daß man 
eine starke Scheu überwinden muß, um diese zur Banalität 
gewordenen Einsichten zu wiederholen und doch ist dieser 
Hinweis nötig, weil von diesen Tatsachen her gerade bei den 
Frauen eine Mentalität sich eingebürgert hat, deren Gefähr- 
lichkeit noch nicht genügend Beachtung gefunden hat und 
die den Frauen nun vom eigenen Lager her die größten 
Hemmnisse ihrer sozialen und geistigen Entwicklung in den 
Weg legt. 






XV 







Heinrich Zille: Selbstgespräch 
„Ob mir der Junge nur nicht mal von der Leiter fällt ?" 
Aus -Zille für Alle" Neuer Deutseher Verlag, Berlin 



193 

Da die Frauen die Arbeit immer nur unter äußerstem 
Zwang und begleitet von schier erdrückenden Nebenbelastun- 
gen gekannt haben, ist bei ihnen die sehr begreifliche Ein- 
stellung entstanden, daß Arbeit an sich etwas zu Fürchtendes 
sei, dem man nach besten Kräften ausweichen müsse. 

Bewertung der Frauenarbeit. 

Das wird noch verstärkt dadurch, daß den Frauen bis vor 
kurzem nur die ermüdendsten, schlecht bezahlten und dabei 
langweiligsten Berufe offen gestanden sind. Aus all dem re- 
sultiert die für die geistige Befreiung der Frau außerordent- 
lich gefährliche Folge, auch jetzt noch, wo schon mehr und 
bessere Berufsmöglichkeiten offen stehen, die Ehe doch noch 
immer als eine gewünschte Versorgung anzusehen, welche 
von jeder Erwerbsarbeit entheben soll. 

Ein besonders krasses Beispiel dieser Einstellung zeigte 
deutlich ein Fall beim Berufsberatungsamt der Stadt Wien. 
Dorthin kam eine Mutter mit ihrer eben aus der Schule ent- 
wachsenen Tochter, die ausgezeichnete Zeugnisse besaß und 
überhaupt zu einer gründlichen Weiterbildung durchaus ge- 
eignet war. Trotzdem wies die Mutter alle Vorschläge der 
Leiterin, die Tochter doch ordentlich ausbilden zu lassen, 
zurück und verlangte, sie solle nur Hilfsarbeiterin werden. 
Sie begründete das damit, daß der Mann, wenn die Tochter 
einmal verheiratet sein werde, sich nicht darauf verlassen 
solle, daß sie was gelernt habe. Wennsienichtskann, 
meinte sie, dann m u ß er sie erhalten. 

Mit dieser Einstellung nun haben sich die Frauen in dieser 
Zeit ohnehin schon schwerer wirtschaftlicher und seelischer 
Nöte noch eine ganz besondere Schwierigkeit selbst geschaf- 
fen, wie aus folgendem zu sehen ist. 

Es ist heute in der überwiegenden Anzahl der Bevölkerung 
zur zwingenden Notwendigkeit geworden, das junge Mädchen 
einem Beruf zuzuführen. Anderseits wird dies meistens als 
ein Provisorium betrachtet, dem die Ehe ein Ende bereiten 
soll. Daraus ergibt sich eine Ambivalenz, eine Zwiespältig- 
keit der Entschlüsse, die, wie jede Unentschlossenheit, die 
schlimmsten Folgen in sich birgt. Es ergibt sich daraus für 
die Frauen die höchst belastende Tatsache, daß sie sich in 
den meisten Fällen weder richtig auf einen Beruf 

Lazarsfeld, Wie die Frau den Mann erlebt. 13 






194 



vorbereiten, der ja doch kein Endziel für sie bedeutet, 
noch eine richtige häusliche Ausbildung 
bekommen, da ihre Berufstätigkeit meist an die Schul- 
zeit anschließt. Sie sind durch diese Zwitterstellung in die 
schwierige Lage versetzt, zwei schweren Aufgaben glei- 
chermaßen unausgerüstet gegenüberzustehen. Sie 
haben gänzlich verlernt oder es vielleicht noch niemals rich- 
tig gewußt, daß ein Leben ohne Arbeit und ohne die daraus 
resultierende Freude an der eigenen Leistimg niemals ein 
glückliches genannt werden kann. 

Wer sich je mit den schlimmen seelischen Schäden be- 
schäftigt hat, die für denjenigen entstehen, der eine Leistung 
auszuführen hat, der er nicht gewachsen ist, kann leicht er- 
messen, wie schwer die Frauen an dieser doppelten Belastung 
zu tragen haben, denn die Lust zu jeder Arbeit wächst mit 
dem Maß unseres Vermögens ihrer Bewältigung und umge- 
kehrt scheint uns alle Arbeit desto unerträglicher, je schlech- 
ter ausgerüstet in unserem Können wir ihr gegenüberstehen. 

Das hat besonders im Berufsleben der Frau seine ent- 
scheidende praktische Bedeutung, die Frauen sind hier in 
einen wahren Teufelskreis geraten, der sie gefangen hält. Da 
sie den Beruf nur als Übergang ansehen, bereiten sie sich 
nicht richtig darauf vor, demzufolge arbeiten sie im allge- 
meinen unlustig, das heißt, sie arbeiten schlecht, minder- 
wertig, denn nur wo mit Freude gearbeitet wird, kann gut 
gearbeitet werden. Diese minderwertigen Leistungen werden 
dann der Frau vorgehalten und als Begründung dafür ver- 
wendet, daß die qualifizierte, gut bezahlte Arbeit dem ver- 
läßlicher arbeitenden Mann vorbehalten bleiben müsse. Das 
hat wieder neuerliche Arbeitsunlust der Frau zur Folge, die 
dann desto mehr wünscht, sich durch eine Heirat aus diesem 
unerfreulichen Erwerbsleben zu retten. Damit gerät sie aber 
sehr oft 

vom Regen in die Traufe, 

denn nun muß sie wiederum Arbeit ohne richtige Vorbildung 
und dazu noch unentgeltlich und ohne Anerkennung der Lei- 
stung verrichten. Damit beginnen für sie dreifache Schwie- 
rigkeiten, denn sie ist weder für die rationelle Führung eines 
Haushaltes richtig vorgebildet, noch für eine zweckmäßige 
Behandlung des Mannes und schon gar nicht für eine wirk- 



195 

liehe Erziehungstätigkeit ihren Kindern gegenüber. Die Frau 
ist also dazu verdammt, auf allen Gebieten Dilettanten- 
arbeit verrichten zu müssen, und Haushalt, Mann und Kinder 
sind dazu verurteilt, ihr als Versuchsobjekt zu dienen. Wozu 
noch die geringschätzige Bewertung der Hausfrauenarbeit 
kommt, durch die man den Frauen ein schweres Unrecht zu- 
fügt und die gewiß nicht geeignet ist, die Freude an diesem 
Beruf zu heben. Denn die Hausarbeit ist ein Beruf wie jeder 
andere und muß als solcher gewertet werden, im geistigen 
wie im materiellen Sinn, das heißt, er müßte mit der Achtung 
behandelt werden, die wir jedem anderen Beruf zollen und er 
müßte auch seinen materiellen Ertrag zugesichert erhalten. 

Es ist doch eine sehr auffällige Erscheinung, daß man die 
Frau so gern auf den Hausfrauenberuf als die von Gott und 
der Natur für sie bestimmte Tätigkeit verweist, während alle 
die mit der Hausarbeit verbundenen Arbeiten, wie kochen, 
waschen, Teppiche reinigen, Boden bürsten, Fenster putzen 
usw. in dem Augenblick, wo sie zur bezahlten Arbeit avan- 
cieren und außer Haus ausgeübt werden, plötzlich Reservat 
des männlichen Geschlechtes sind. Da gibt es männliche 
Köche, Konditoren, Bodenwichser, Fensterputzer usw. Wa- 
rum hören diese Arbeiten auf, typisch weiblich zu sein, wenn 
ein Lohnertrag damit verbunden ist? Man sollte doch meinen, 
wenn der Mann diese angeblich weiblichen Arbeiten gegen 
Bezahlung sehr gut leisten kann, daß er sie dann, wenn es 
nötig ist, gelegentlich auch einmal innerhalb des eigenen 
Heinis und zur Entlastung der außer Haus erwerbstätigen 
Frau tun könnte? 

Ich habe die Frage von des Mannes Hilfe bei häuslichen 
Arbeiten im Rahmen meiner Vorträge wiederholt aufgewor- 
fen und muß hier zur Ehre der Männer sagen, daß sie in 
diesem Punkt verständiger und einsichtsvoller sind als die 
Frauen und daß sie es im ganzen und großen heute durchaus 
nicht mehr als eine abzulehnende Zumutung betrachten, der 
Frau im Haus behilflich zu sein. Um Mißverständnissen vor- 
zubeugen, will ich mich sofort dagegen verwahren, als ob ich 
eine strikte Umkehrung der jetzt herrschenden Gewohn- 
heiten befürworten wollte oder auch nur für zweckmäßig 
hielte Wo die Frau keinen Beruf außer der Führung ihrer 
Hauswirtschaft und der Aufzucht der Kinder zu bewältigen 
hat, wird sie die Hilfe des Mannes gewiß entbehren können, 

13* 



196 

auch wenn ihr sonst kein Hauspersonal zur Verfügung steht 
und sicher wird es in solchen Fällen keinem vernünftigen 
Menschen einfallen, sie davon entheben zu wollen und einen 
Teü dieser Arbeit dem Mann aufzubürden. Aber selbst in 
einem solchen Haushalt wäre es doch eigentlich logisch, wenn 
z. B. Arbeiten, welche in die gemeinsamen Freistunden eines 
solchen Ehepaares fallen, vom Mann mitgeleistet würden. 
Einfach aus dem Grund, damit der Frau auch ein wenig Zeit 
zu ihrer weiteren geistigen und seelischen Ausbildung übrig 
bleibt und auch die Möglichkeit zu einer rationellen Körper- 
pflege. 

Für alle diese Fragen habe ich im allgemeinen bei den 
Männern besseres Verständnis gefunden als bei den Frauen. 
Gerade diese sind es, welche oft in geradezu stürmischer 
Weise die häusliche Hilfe des Mannes als beschämend für 
diesen sowohl wie für sich selbst ansehen und ablehnen. Sie 
bemerken gar mcht, daß sie damit unumwunden eingestehen, 
daß sie sich selbst gerade gut genug finden für eine Arbeit, 
die sie als zu schlecht für den Mann ansehen. Solange die 
Frauen sich selbst so niedrig einschätzen, können sie nicht 
verlangen, für voll genommen zu werden. 

Es sind hier offenbar starke Kindheitserinnerungen, der 
Einfluß von überlieferten Wertungen für die Frau mit im 
Spiel. Sie hält, selbst wenn sie einen eigenen Beruf hat, noch 
fest an vielen kleinen häuslichen Verrichtungen und Sorgen, 
widmet noch, um sich und andere zu überzeugen, daß ihre 
Ehe sich von der guten alten Ehe durch nichts Wesentliches 
unterscheidet, viel mehr Zeit und Aufmerksamkeit den Fra- 
gen des häuslichen Alltags als ihr Mann, peitscht ihre Nerven 
auf, um als Weib und Mann zugleich zu wirken, woraus wieder 
das seltenere Vorkommen weiblicher Höchstleistungen auf 
beruflichen Gebieten zum Teil mit zu erklären ist. 

Die Ehe der berufstätigen Frau. 

Es ist für diese Frauen absolut nötig, das alte Hausf rauen- 
und Mutterideal zu revidieren, wollen sie nicht weiterhin ihre 
Kräfte sinnlos zersplittern. Das bedeutet keineswegs eine 
Vernachlässigung der häuslichen Pflichten, sondern nur de- 
ren Rationalisierung, das Ablassen von der Vorstellung, daß 
zu dem Pflichtenkreis der Frau auch die alleinige Sorge 



197 

um des Heimes und des Mannes Gepflegtheit und Behaglich- 
keit gehöre. Meistens hält man das noch dazu für eine Klei- 
nigkeit, die sich spielend nebstbei erledigen lasse, was ganz 
falsch ist, denn ein großer Teil der Seele der Frau geht an 
diese Aufgabe verloren, wenn sie neben dem Beruf erfüllt 
werden soll. Es müssen also dem künftigen Ge- 
schlecht andere Kindheitserinnerungen 
geschaffen werden. Dem Mädchen muß jede Lern- 
möglichkeit geboten werden, ebenso wie dem Jungen und 
dieser muß sich in der Häuslichkeit wie das Mädchen zurecht- 
finden lernen. Dann wird auch der Mann solche Arbeit nicht 
mehr automatisch von seiner Frau erwarten und sie wird es 
für keine Schande ansehen, wenn er dabei hilft und sie ent- 
lastet, so daß sie auch für andere Dinge Zeit bekommt. 

Aber auch die jetzt schon Erwachsenen können etwas zur 
Einsicht gebracht werden und freiwillig das tun, wozu die 
wirtschaftlichen Zustände sie früher oder später zwingen 
werden. 

Sie mögen bedenken, daß für Mann und Frau dabei 
sehr wesentliche Vorteile vorliegen, und der eigene Vorteil 
ist immer der beste Weg zur Einsicht. Je selbständiger und 
freier die geistige Entwicklung der Frau ist, desto mehr Frei- 
heit gewinnt dabei der Mann. Hat sie ihr eigenes Interessen- 
gebiet, dann versteht sie leicht die Achtung, die der Mann 
für das seine beansprucht, und gewährt sie gern, während 
die unselbständige Frau, die ganz an den Mann gebunden ist, 
ihn am liebsten mit Haut und Haar verspeisen will, was oft 
der sicherste Weg zur Entfremdung ist. Viele Ehen leiden 
heute unter dem Zwiespalt des Mannes, einerseits eine Frau 
zu wollen, die nur oder doch hauptsächlich für ihn und das 
Haus lebt, dabei aber von ihr volle Bewegungsfreiheit und 
allen Spielraum für diejenigen Interessen, an denen sie nicht 
teilhat, zu verlangen, was sicher unbillig ist Ebenso unbillig, 
wie ihr weiterhin statt ganzer Arbeit auf einem Gebiet, 
Drittelleistungen auf drei verschiedenen 
Gebieten zuzumuten; wir haben gesehen, welche untrag- 
bare Belastung daraus erwächst. 

Ganz sinnlos aber wäre es, diese Frauen an den berühmten 
häuslichen Herd zu verweisen, denn 



198 

das Bad der Zeit laßt sich nicht zurückdrehen, 

die Frauen sind aus wirtschaftlichen Gründen zu einer Er- 
werbstätigkeit gezwungen und sie werden mit fortschreiten- 
der geistiger Entwicklung dazu kommen, auch dort, wo es 
materiell nicht notwendig ist, eine Berufstätigkeit 
zu wollen, weil nur dann ihre ganze Persönlichkeit sich 
entfalten und nur so ihre wirkliche Gleichstellung sich voll- 
ziehen kann. Die Zukunftsforderung darf also nicht auf der 
Voraussetzung aufgebaut werden, daß die Frau nicht ar- 
beite, sondern darauf, ihr den Weg zur Arbeit zu ebnen und 
zu bereiten und ihre Zuversicht zu stärken. Die entmutigte 
Frau, die sich selbst nichts zutraut und alles nur vom Mann 
erwartet, entzieht sich auch der Arbeit soweit als möglich 
und wenn sie doch arbeiten muß, dann arbeitet sie schlecht 
oder bestenfalls ohne Freude. Ihre Geltung sucht sie dann 
ausschließlich auf erotisch-sexuellem Gebiet und belastet da- 
durch diese Beziehungen mit mehr Anforderungen als sie 
tragen können. 

Die Frauen hingegen, die sich von diesem weiblichen 
Minderwertigkeitsgefühl befreit haben, die bereit sind, ihr 
Teil Ixjistung und Verantwortung selbst zu tragen, sehen das 
Geschlechtsleben nicht mehr als den alleinigen Angelpunkt 
ihres Lebens an. Sie finden in der Arbeit die gleiche Freude, 
sind ebenso leistungsfähig, wie der Mann. Sie finden dort 
ihre Bewertung und Bewährung und können darum ihr 
Liebesleben frei halten von der Belastungsprobe der Geltung 
und des Ansehens. Je nachdem wofür sie sich entscheiden, 
wird ihre gesamte Lebensentwicklung verlaufen, denn sie 
empfinden sich nicht mehr als wertlos, auch wenn eine Liebe 
einmal mißglückt, sie brauchen sie nicht mehr als alleinigen 
Inhalt ihres Lebens, dem sie — entgegen jenem anderen 
Frauentypus — auch andere Inhalte zu geben sehr wohl im- 
stande sind. Und da das Lebensziel immer und überall die 
Mittel bestimmt, da wir immer diejenigen Eigenschaften ent- 
wickeln, die wir zur Erreichung unseres Zieles brauchen, so 
verändert sich auch das ganze Wesen dieser Frauen. Denn 
andere Eigenschaften verlangt der Wechsel von „himmel- 
hoch jauchzend zu Tode betrübt" jener, deren Leben als 
Hauptinhalt die Liebe setzt, von deren guten oder schlimmen 
Wechselfällen sie nun abhängen, andere Fähigkeiten, andere 









199 

Bedingungen braucht das nicht nur von eigenen, sondern 
auch von Interessen der Menschheit erfüllte Leben der Frau. 
Von diesen glücklicheren Frauen gilt dann nicht mehr Jean 
Pauls Ausspruch: „Wenn ein Weib liebt, liebt es ununter- 
brochen, ein Mann hat dazwischen zu tun." Auch sie „haben 
zu tun", sie sind nicht mehr ausschließlich abhängig von 
ihren und des geliebten Mannes Stimmungen und Laune, sie 
sind die glücklicheren, denn ihr Leben bleibt nicht mehr a n 
den einzelnen Menschen gebunden, sondern ist mit ihm ver- 
bunden, was zweifellos die ungleich gesündere und tragfähi- 
gere Grundlage ist. 

Die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau. 

Dazu kommt noch ein zweiter sehr wichtiger Punkt und 
das ist die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau vom 
Mann, die gleichfalls geeignet ist, viele seelische Schwierig- 
keiten des Liebeslebens entscheidend zu bessern. Das wirt- 
schaftliche Problem der Frauenarbeit in seiner großen Be- 
deutung zur Gänze hier aufzurollen, würde zuweit weg vom 
psychologischen Thema führen, es mußte aber doch heran- 
gezogen werden, weil der weiteren gesunden Entwicklung 
des weiblichen Geschlechts ein allzu bedrohlicher Riegel vor- 
geschoben würde, wollte man die Frau, wie van de Velde 
es tut, a priori von der Arbeit ausschließen. Nur die geistige 
und soziale Entwicklung der Frauen, verbunden mit ihrer 
durch eigene Erwerbstätigkeit gesicherten ökonomischen 
Unabhängigkeit vom Mann, kann das Fundament sein für 
jeden haltbaren Fortschritt auf dem Gebiete der Be- 
reicherung und Verschönerung geschlechtlicher Beziehungen. 

Man wird hier vielleicht einwenden, daß in dieser Zeit der 
Arbeitsnot, wo so viele Männer schon arbeitslos sind, es die 
reinste Utopie wäre, für alle Frauen Erwerbsmöglichkeit 
schaffen zu wollen. Das ist ja leider richtig, diesem Faktor 
gegenüber sind wir vorläufig machtlos. Aber etwas anderes 
liegt im Bereich unserer Möglichkeiten, und hier müssen wir 
einsetzen, das ist die geistige Umstellung in un- 
sererBetrachtungsweisedieserFragen. Wir 
müssen den seelischen Boden bereiten, aus dem ei nm al die 
Saat wirklicher sozialer und wirtschaft- 
licher Gleichstellung der Geschlechter er- 






200 

wachsen soll, die für jede geglückte erotische und sexuelle 
Beziehung unerläßliche Bedingung ist. 

Nun müßte ich der Gerechtigkeit halber Briefe folgen 
lassen, welche von der Verzweiflung innerlich selbständiger 
Frauen Zeugnis geben, aber solche gibt es nicht. Nicht als 
ob das Leben dieser Frauen ein wolkenlos ungetrübtes wäre, 
davon ist gar keine Rede, es kommen genug Anfragen auch 
von solchen Frauen, die über Schmerz und Kummer be- 
richten, aber niemals finden wir dort ein so gänzliches Sich- 
aufgeben, eine so tiefe Verzweiflung am Leben. Diese Briefe 
gelten, auch wenn sie über den Verlust eines geliebten Men- 
schen klagen, meistens dem Zweck, sich darüber Rat zu 
holen, wie sie am besten mit ungeschwächter Arbeitskraft 
aus ihrer Betrübnis herauskommen können. Sie betrachten 
den Mann — ganz ebenso wie der seelisch gesunde Mann es 
mit den Frauen tut — als eine durchaus nötige und sehr 
angenehme Beigabe des Lebens, aber keineswegs mehr als 
dessen alleinentscheidenden Faktor, sie haben eben „daneben 
auch noch etwas zu tun". 

Arbeit oder Liebe? nein — Liebe und Arbeit. 

Das darf aber nicht etwa so verstanden werden, als ob die 
Arbeit ein Ersatz für ein geglücktes Liebesleben sein könnte. 
Das kann sie ebensowenig, wie es umgekehrt auch nicht 
möglich ist, die Leere eines untätigen Lebens dauernd durch 
Liebe auszufüllen. Wir sagten schon und es soll hier nach- 
drücklichst wiederholt werden, daß zur Entfaltung der vollen 
Persönlichkeit — auch der weiblichen — beide Faktoren 
nötig sind. Wo die Frau zur Arbeit greift, nur als einem 
Heilmittel gegen persönliche Enttäuschung, da besteht 
immer die gleiche Gefahr wie dort, wo von der Liebe die 
volle Erfüllung eines ganzen Lebens erwartet wird. Auch 
Tätigkeit darf nicht mit Anforderungen belastet werden, die 
sie niemals erfüllen kann; verlangt man von ihr zu viel, dann 
gerät man schnell in die Gefahr der Übertreibung. Man 
unterliegt dann leicht der Versuchung, sich durch Arbeit 
gänzlich vom» Gefühlsleben abzuschließen und das ist ebenso 
bedenklich wie die ausschließliche Hingabe an die Gefühls- 
welt. 

Nun hat aber jeder Mensch nur einen bestimmten Fond 



201 

von Entwicklungskräften in sich und es taucht erstens die 
Frage auf, ob die eigene Liebesfähigkeit der Frau nicht ver- 
kümmere, wenn ihre Arbeitsfähigkeit sich entwickelt, und 
zweitens, ob ihre erotische Anziehungskraft auf den Mann 
nicht unter der „Menschwerdung des Weibes" zu leiden habe. 
Die Erfahrungen auf diesem Gebiet sind noch nicht so groß, 
als daß sich hiefür fixe Axiome aufstellen ließen. Wir werden 
uns damit begnügen müssen zu berichten, wie es nach 
unseren Erfahrungen auf diesem Gebiet aussieht. Dabei wird 
etwas geschehen müssen, was bisher sorgfältig vermieden 
worden ist, nämlich eine Einteüung nach Typen zu treffen. 
Das ist in gewissem Sinn immer bedenklich, denn nie ent- 
sprechen mehrere lebende Wesen genau dem gleichen 
Schema, wie es ja bekanntlich nicht mal zwei gleiche Blätter 
am selben Baum gibt. Da es aber nicht angeht, bei einer so 
prinzipiellen Untersuchung nur Einzelfälle heranzuziehen, 
muß man doch versuchen, etwas Verbindendes, Gemeinsames 
zu finden. Wenn also im nachfolgenden vom Typus die Rede 
ist, so ist es nur so zu verstehen, daß damit die auffälligsten, 
mehreren Schicksalen gemeinsam anhaftenden Merkmale ge- 
meint sind. Es wäre demnach zuerst zu unterscheiden 
zwischen den verschiedenen Typen jener Frauen, die nur 
dem Gefühl leben und dann zwischen solchen, welche auch 
der Leistung zugewandt sind; zweitens zu untersuchen, 
welche mehr eigene Liebesfähigkeit und erotische An- 
ziehungskraft besitzen, die ersteren oder die letzteren. 

Für den flüchtigen Betrachter wird die Frage eindeutig 
zu Gunsten des reinen Weibchentypus zu fallen sein. Es ist 
kein Zweifel, daß Frauen, die sich von allem andern frei- 
halten, ständig erotisch bereit sind und durch nichts anderes 
davon abgelenkt werden, eine gewisse rasch zündende An- 
ziehungskraft besitzen, welche den ernsteren Frauen fehlt. 
Und nach einem alten Ausspruch werden wir überhaupt 
nicht wegen unserer guten Eigenschaften geliebt, sondern 
nur wegen der schlechten. Tatsächlich sieht man oft gänz- 
lich wertlose Frauen, die heiß begehrt und sehr geliebt 
werden. Aber mit der Konstatierung dieser Tatsache allem 
ist ja noch nichts getan. Zu untersuchen bleibt, von welchen 
Männern sie geliebt werden, wie lange, in welcher Art und 
mit welchem Endeffekt für ihr eigenes Lebensglück. 

Heine erzählt in seinen italienischen Reisebüdern von 



202 

einer schönen Frau, deren Antlitz ihm wie eine jener Tee- 
tassen erschienen sei, welche die goldene Inschrift tragen: 
„Lieben und geliebt zu werden, ist das höchste Glück auf 
Erden", aber darunter seien deutlich merkbar Risse und 
Sprünge zu sehen gewesen. Es fragt sich nun, was bei sol- 
chen Frauen überwiegt, das Glück oder die Sprünge und 
Risse. Ich kann mir sehr wohl denken, daß man sein Leben 
trotz allen des damit verbundenen Entganges an Lebens- 
werten nur auf Liebesglück allein einstellt. Wenn man diese 
Wahl ganz bewußt trifft und sich über die Konsequenzen 
klar ist, auch bereit ist, sie zu tragen, dann ist kein Wort 
dagegen zu sagen. Man muß nur wissen, was man wählt 
und darf nicht Dauer erwarten von jenen Reaktionen, welche 
die erste Illusion der Liebe beim Mann hervorbringt. Fühlt 
er sich erotisch angezogen, dann schmückt er in diesem Zu- 
stand den Gegenstand seiner Liebe mit allen Eigenschaften 
aus, die er selbst für liebenswert ansieht. Der erste Ansturm 
der Liebe braucht das und schafft sich, was er braucht. Aber 
das ist kein stationäres Stadium und der Prozeß schreitet 
fort. 

Stendhal schildert diesen Entwicklungsgang sehr hübsch 
in seiner 

„ KristalUsationstheorie u . 

Er erzählt dazu folgendes Erlebnis: Bei einem Aufenthalt 
in Salzburg war er in die Saline eingefahren. In seiner 
Gesellschaft befand sich eine Frau, die von einem Mann stür- 
misch geliebt und in seiner Vorstellung mit allen Tugenden 
bedacht wurde, von denen sie keine einzige wirklich besaß. 
Die Frau hatte einen dürren Zweig in das Salz getaucht, der 
sich dadurch gänzlich mit glitzernden Kristallen bedeckte, 
die strahlenden Diamanten glichen. Der Anblick des glitzern- 
den Zweiges gab Stendhal den Ansatz zu seiner Kristalli- 
sationstheorie. Was die Salzlake für den dürren Zweig getan, 
das tut der Liebende für den geliebten Menschen, er kann 
nicht anders als ihn mit Strahlenglanz bedecken. Das ist das 
erste Stadium der Kristallisation. Täglich wird der geliebte 
Gegenstand mit neuen Tugenden geschmückt, welche der 
Liebende von seinem Standpunkt aus für wünschenswert hält. 
Aber nach und nach fällt dieser Schmuck ab und die Wirk- 
lichkeit tritt in ihre Rechte. Hat die Zwischenzeit dazu ge- 



203 

führt, dem Liebenden zu zeigen, daß auch dann noch Liebens- 
wertes übrig bleibt, wenn das Auge nicht mehr geblendet ist, 
dann tritt die dauernde Liebe ein, ist er hingegen vollständig 
desillusioniert worden, dann wendet er sich von dem dürren 
Zweig ab. So kann es Frauen ergehen, die sich allzusehr und 
ausschließlich auf die verblendende Macht der erotisch- 
sexuellen Anziehungskraft verlassen. 

Was Stendhal ausführt, kann die tägliche Praxis voll be- 
stätigen. Im vorangegangenen konnten wir an Hand des 
Briefmaterials zeigen, wie hinter der leuchtenden Glücks- 
aufschrift eines solchen Lebens gar oft die ärgsten Ent- 
täuschungen verborgen sind. Tatsächlich finden sich auch 
unter diesen Frauen die häufigsten Fälle jener schwanken- 
den Stimmung, dieser Labilität des seelischen Gleich- 
gewichts, das von van de Velde und vielen andern Forschern 
mit Recht als 

die schwerste Bedrohung für die Harmonie des Geschlechtslebens 

angesehen wird. 

Ich spreche hier nicht von Erkrankungen wie Melancholie 
oder Depression im klinischen Sinn, sondern von jener 
Launenhaftigkeit, die so gern und häufig als typisch weib- 
lich oder gar als der Frau wesensbedingt angesehen wird 
u nd die doch so weit entfernt davon ist, Reservat der Frauen 
2U sein. Es gibt viel mehr Männer, als der zufällige Beobach- 
ter annehmen könnte, die ganz genau diesem angeblich weib- 
lichen Typ us entsprechen. Es fehlt in deren Bild dann keine 
einzige jener Eigenschaften, sie haben ganz das gleiche Be- 
dürfnis nach Schutz und Stütze und empfinden auch das 
deiche „Ressentiment", wenn der von ihnen gewählte Liebes- 
partner, von welchem sie die Führerrolle erwartet haben, 
diese Erwartung nicht erfüllt. 

Andree Maurois, dem wir mehrere psychologisch ausge- 
zeichnet begründete Biographien großer Männer verdanken, 
Te tat Tn seinem Buch über Byron als eme Hauptquelle fur 
2fo Quälereien, die Byron seiner Frau zufugte, eme ahnliche 
t£& sieht den Grund darin, daß Byron seine Frau, 
deren starker Charakter ihm bekannt war gewählt hatte, 
weil er hoffte, durch sie aus seinen seelischen Konflikten 
herausgeführt zu werden. Da ihr dies nicht gelang, rächte er 
sich unbewußt für diese Enttäuschung. 






204 

Wir werden später solche Fälle ausführlich durchsprechen, 
es sollte hier nur zeigen, daß sie durchaus nicht so vereinzelt 
sind, und daß van de Veldes Determination des Weiblichen 
in diesem Punkt sehr anfechtbar ist. Ich kann mir nicht wohl 
denken, daß ihm bei seiner außerordentlichen Erfahrung 
nicht auch reichlich viel solcher Männertypen sollten unter- 
gekommen sein. Wenn er sie trotzdem nicht gefunden hat, 
da kommt das wohl daher, daß er sie nicht sehen wollte 
oder, überzeugt von der Idee seiner Einteilung, gar nicht 
mehr sehen konnte. Die Frau war nun einmal, seiner Mei- 
nung nach, unbedingt die Schutzbedürftige und mußte es 
auch bleiben. Er erwähnt auch ganz ausdrücklich, daß alle 
sozialen Auswirkungen, so wichtig sie auch seien, immerhin 
doch nur sekundär blieben, gegenüber den primären, die auf 
biologischen Ursachen beruhen. 

„Denn der Natur kann man nicht ungestraft Gewalt an- 
tun." Mit diesen Worten schließt er seine Betrachtungen über 
diesen Punkt und in diesem Ausspruch kann man ihm gar 
nicht genug recht geben. Hingegen ist vielleicht etwas mehr 
Vorsicht am Platz in der Bewertung dessen, was selbst die 
Biologie bis zum heutigen Tage an Erkenntnis gefördert hat. 
Vieles von dem, was sicher schien, ist unsicher geworden und 
neue Erkenntnisse haben frühere eindeutige Ergebnisse zwei- 
felhaft erscheinen lassen. Es kann richtig sein, daß das Be- 
dürfnis der Frau nach Schutz und Führung und ihr schwan- 
kendes seelisches Gleichgewicht von einer physiologischen 
Grundlage her kommt, aber das gilt dann zumindest ebenso 
für den Mann. Gerade er ist zufolge seiner sexuell-physiolo- 
gischen Minderwertigkeit, der daraus entstandenen Unsicher- 
heit und deren Überkompensation, besonders stark der Ge- 
iahr seelischer Verstimmung ausgesetzt. 

Wj;™ daher van de Velde sagt: „Wenige Dinge sind so 
schädlich für die Liebe und die Treue eines Mannes, als nicht 
zu wissen, welche Laune er zu Hause vorfinden wird," und 
hinzufügt: „So ist es — wenn man auch nicht vergessen 
darf — daß auch die Laune eines Mannes unausstehlich sein 
kann!", so ist mit dieser Formulierung die männliche Launen- 
haftigkeit etwas zu euphemistisch ausgedrückt. Zu diesem 
Punkt ist zu sagen, daß der Stimmungswechsel bei Männern 
nicht nur, wie es hier heißt, vorkommen kann, sondern daß 
er sehr häufig vorkommt und daß gerade Kla- 



205 

gen über depressive Stimmung des Ma n<n e s 
zu den allerhäufigsten gehören. 

Ich glaube auf Grund meiner Praxis ganz und gar nicht, 
daß sich für diesen leider sehr häufigen psychischen Habitus 
eine Trennung im Sinne von weiblich und männlich festhalten 
läßt. Sie kann im Gegenteil nur dort gezogen werden, wo es 
sich um die Unterscheidung zwischen entmutigten oder le- 
bensmutigen Menschen handelt. Diese gibt es aber nachge- 
wiesenermaßen bei beiden Geschlechtern, es ist keine weib- 
liche Wesenseigentümlichkeit, sondern es ist eine Folge see- 
lischer Unsicherheit. Wo durch glückliche Umstände dieser 
Faktor des Seelenlebens nicht zur Auswirkung gelangt, dort 
zeigen sich diese angeblich angeborenen Wesenseigentümlich- 
keiten des Weibes weder bei der Frau noch beim Manne. 

Wo immer aber sie auftreten, ob bei Frau oder Mann, eines 
bestätigt die Erfahrung der Beratungsstunde vollauf, daß 
es wohl wenige Dinge gibt, die ein Zusammenleben so er- 
schweren, wie die leicht hervorrufbare und oft durch ein 
Nichts entstehende Reizbarkeit oder Depression des einen 
oder des anderen Partners. Umgekehrt habe ich als 

die größte Erleichterung dauernder Beziehungen, 

ob sie jetzt ehelicher oder außerehelicher Natur waren, die 
Fähigkeit gefunden, den kleinen und großen Schwierigkeiten 
des Lebens mit sachlicher Gleichmäßigkeit ohne Stimmungs- 
bewertung entgegenzutreten. 

Ein hübsches Erlebnis, das ich einmal hatte, möge das 
illustrieren. Ein berühmter Graphologe wurde im Verlauf 
eines Scheidungsverfahrens zu Rate gezogen, um den Cha- 
rakter der dabei beteüigten Personen bestimmen zu helfen. 
Man legte ihm mehrere Frauenschriften vor, die er nicht 
kannte und unter welchen auch die Schrift jener Frau war, 
die sich in Gefahr befand, von ihrem Gatten verlassen zu 
werden Er zog wahllos eine Schrift heraus und rief ohne 
Zögern': „Diese Frau ist es nicht, von dieser wird kein 
£weg wollen. Bei der würde sogar der Teufel bleiben, 
so Sit versteht sie es, ihre Umgebung zu behandeln!" Wir 
waren über diesen Ausspruch höchst erstaunt, denn wir 
koSen nicht recht glauben daß die FäMgkeit den Neben- 
menschen zweckmäßig zu behandeln, ein bestimmter Uia- 



206 

rakterzug sei, der sich so eindeutig in der Schrift ausdrücken 
könne. Da aber die betreffende Frau wirklich dafür bekannt 
war, mit den Mitmenschen in Frieden zu leben, so baten wir 
unsern Graphologen um nähere Auskunft. 

Er gab zunächst zu, daß es tatsächlich nicht ein einzelner 
bestimmter Zug der Schrift sei, der ihm diesen Eindruck des 
Verständnisses für den Mitmenschen vermittelt habe, daß 
vielmehr viele Details sich zu diesem Gesamtbild vereinigt 
hätten. Er hatte in dem Bild dieser Schrift einen großen Teil 
jener Eigenschaften gefunden, die nötig sind, um ein stän- 
diges Beisammensein erträglich zu gestalten, vor allem 
aber den Ausdruck einer gleichmäßig hei- 
teren Gemütsart. Das allein, meinte er, würde jeden 
Mann veranlassen, bei so einer Frau zu bleiben. 

Wenn also die Tendenz zu einem schwankenden seelischen 
Gleichgewicht zweifellos eine Gefährdung der Liebesbezie- 
hungen bedeutet, so ist es doch ebenso sicher, daß diese Stö- 
rungen gleichermaßen bei Männern wie bei Frauen auftreten 
und da wir wissen, woher sie stammen, nämlich von der Un- 
zufriedenheit mit dem eigenen Selbst, so werden wir uns 
nicht wundern, sie besonders häufig in den zuvor geschilder- 
ten Schicksalen jener Frauen zu finden, die es versäumt 
haben, ihr eigenes Selbst auszubilden und die nun auf Kosten 
des Liebespartners leben wollen. Eine Zeitlang geht das ja, 
aber einmal wird doch die Rechnung präsentiert und dann 
steht es schlimm um diejenigen, welche keine eigenen seeli- 
schen Fonds besitzen. Weder das Leben, noch die Liebe kre- 
ditieren endlos und der Zahltag kommt für alles. In Claude 
Farreres Buch „La Bataille" lernen wir das an einem schönen 
Bild: 

Der englische Schiffskommandant Fergan lebt als Instruk- 
tionsoffizier in Japan. Er wird der Geliebte Mitzoukus. Sie 
liebt ihn nicht, sie dient nur den Zwecken ihres Gatten, des 
Marquis Yorisaka. Aus uraltem japanischem Geschlecht 
stammend, scheint dieser doch phrenetischer Anhänger der 
westlichen Kultur und Verächter der alten eingeborenen Tra- 
dition zu sein, in Wahrheit kennt er aber nur das eine Ziel, 
alle westlichen Kenntnisse zu erlernen, um mit ihrer Hilfe 
Japan groß und unabhängig zu machen. Jedes Mittel zu 
diesem Zweck ist ihm recht. Auch das Verhältnis seiner Frau 






=. 



207 

zu Fergan, so vollkommen unbekannt es ihm zu sein scheint, 
ist ihm ein Faktor in dieser Rechnung. 

Eines Tages sind Fergan und Mitzouku allein. Über seine 
Bitte singt sie ein altes japanisches Liebeslied. Er küßt und 
umarmt sie. Der Gatte tritt unerwartet ein. Hat er etwas 
gemerkt? Nein — denn seine Haltung bleibt unverändert 
freundlich. 

Wenige Tage später bricht der japanisch-russische Krieg 
aus. Fergan ist Yorisakas Schiff zugeteilt. Die Schlacht be- 
ginnt und der Japaner wird tödlich getroffen. Der nächste 
japanische Offizier will das Kommando übernehmen, doch 
der Sterbende untersagt es ihm, den er nicht für den geeig- 
neten Führer hält. „Nicht Du" und zu Fergan gewendet 

Sie!" 

Fergan verweigert es entschieden — als englischer Offi- 
zier Bruch der Neutralität — ganz und gar unmöglich! 

Und Yorisaka spricht keine weitere Bitte aus. Nur seine 
brechenden Augen sind auf den Engländer geheftet und mit 
erlöschender Stimme beginnt er ein Lied zu singen, das alte 
iapanische Liebeslied, das Mitzouku gesungen, und seine 
Augen fordern, fordern . . . Und Fergan, im vollen Bewußt- 
sein dessen, was er tut, fügt sich und übernimmt das Kom- 
mando, denn, sagt Fairere: 

,ßin Gentleman bezahlt." 

Ganz knapp, im Ereignis eines Sekundenablaufes, wird die 
Rechnung präsentiert, wird honoriert und schließt doch ab 
über ein ganzes Leben. Wunderbar intuitiv erfaßt ist hier 
die große Lebensfrage von Kredit und Debet im Bereich der 
seelischen Vorgänge. 

Nicht nur der Gentleman, jeder Mensch, 
wir alle müssen bezahlen. Und diejenigen, welche 
glauben, sich dieser Forderung entziehen zu können, sie be- 
zahlen letzten Endes am allerschwersten. 

In tausendfältiger Form begegnen wir ihnen, diesen seeli- 
schen Kridataren, die ständig über dem Standard ihrer psy- 
chischen Zahlungsfähigkeit leben möchten. Sie wollen Ruhm 
ohne Leistung, Liebe ohne Leid, Vertrauen ohne Bewährung, 
Erlebnisse ohne eigenen Entschluß, was möchten sie nicht 
alles! Und immer sind sie dadurch gekennzeichnet, daß sie 






208 

etwas wollen, — nur eines nicht, sie wollen ihre 
seelischeRechnungnichtbegleichen. Sie ver- 
suchen sich zu drücken um die Zahlung ihrer seelischen 
Schulden an das Leben, aber dieses ist ein unbarmherziger 
Gläubiger und furchtbar hart bestraft es säumige Zahler. 
Es schüeßt sie von jeder Gemeinschaft aus, von allem, was 
den Menschen froh und zufrieden macht. Und so schleichen 
sie umher, verfallen der Einsamkeit, der Neurose, oft der 
Verzweiflung bis zum Selbstmord. Und sie, die andere über- 
vorteilen wollten, sie stehen dann vor dem eigenen seelischen 
Bankrott. 

Zu diesen Zechprellern des Lebens und der Liebe muß man 
jene Frauen rechnen, welche den Mann mit der Forderung 
belasten, sie auf seinen Schultern durch das ganze Leben zu 
tragen und dabei noch anbetend vor ihnen zu knien. 

Nun liegt es zweifellos in der Tendenz sehr vieler Männer, 
knien zu wollen. Der schwedische Professor Lagerborg 
setzt sich mit dieser Frage in seinem schönen Buch „Xanthip- 
pe , das voU Verehrung für die Frauen ist, ausführlich aus- 
einander und kommt zu dem Schluß, daß der Mann nur jene 
Frau wirklich lieben könne, die es ihm ermögliche, vor ihr 

Sun?? 611 ZU iegen * Aber das Knien ist eine bedenkliche 
fc-acne. Thakeray sagt dazu: „Wenn ein Mann eine Frau liebt, 
Kniet er vor ihr, wenn er wieder auf seine Füße kommt, läuft 
er davon. Ich kann aus meiner Beratungserfahrung sagen, 
aaß der Mann sich oft nicht mit dem Fortlaufen allein be- 

f n i 1 ^ t 'v Lag er zulan S e auf den Knien, dann rächt er sicja 
dafür beim Aufstehen sehr oft durch einen wohlgezielten 
Fußtritt. 

Lagerborg formuliert seine Forderung an die Frau, die 
geliebt werden wolle, weiterhin mit den Worten, sie dürfe 
es nie so weit kommen lassen, „daß 

der Schleier der Madonna 

falle". Er meint damit, daß die Frau ihren Liebeswert ver- 
mindere, wenn sie die Last des Lebens tapfer mit dem Mann 
teilt, statt sich von ihm davor schützen zu lassen, und wie 
ein Madonnenbild unberührt und auch in gebührender Ent- 
fernung davon zu leben und sich anbeten zu lassen. 

Nun betrachten wir einmal die Zeit, aus welcher das 
Madonnenideal stammt. Es ist das Mittelalter mit seinen 



XVI 




Keuschheitsgürtel 

Aus Magnus Hirschfelil: GesclileclitskunäY, Vorlag Puttmaon, 
Stuttgart 



209 



Liebeshöfen, Minnesängern, Troubadouren. Die Frau wurde 
verehrt, angebetet und als der hehrste Schmuck des Lebens 
besungen. War nun der Besitzer eines solchen wertvollen 
Schmucks genötigt, sich zeitweilig von ihm zu trennen, so 
war es natürlich seine größte Sorge, wie er ihn wohl für 
diese Zeit am zweckmäßigsten aufbewahren könne. Und jetzt 
kommt heraus, was die Männer dieser Zeiten als Wertvollstes 
und Entscheidendes ansahen und was sie an den Frauen, 
diesem angeblich höchsten Gut des Lebens, wirklich 
schätzten. Wir sind damit bei einer der größten Ungeheuer- 
lichkeiten angelangt, welche der Mann der Frau gegenüber 
je verschuldet hat, beim 

Keuschheitsgürtel. 

Das waren Apparate, welche vor Abfahrt des Gemahls 
der Gattin um den bloßen Leib gelegt wurden und deren 
Konstruktion, wie die beiden Bilder zeigen, darin bestand, 
daß sie wohl gerade noch die Wege des Stoffwechsels offen 

ließen allerdings ohne die Möglichkeit diese jemals zu 

reinigen , dabei aber verhinderten, daß ein sexueller Ver- 
kehr stattfinden konnte. So zogen die edlen Ritter beruhigt 
auf ihre Fahrten aus, den Schlüssel zu dem höchsten Gut 
ihrer Frauen führten sie dabei wohlverwahrt mit sich. Ich 
will hier gar nicht auf die seelische Auswirkung eines 
solchen Vorgangs verweisen, sie würde mich in jene Bitter- 
keit der Darstellung treiben, welche ich vermeiden will, aber 
schon die körperliche Zumutung, welche den Frauen damit 
auferlegt wurde, erfüllt mit Schaudern. Ein einziger Licht- 
blick ist dabei. Die Legende berichtet, daß die meisten dieser 
maltraitierten Frauen geschickt und klug genug waren, sich 
Nachschlüssel zu verschaffen. Wir wollen hoffen, daß sie 
reichlich Gebrauch davon gemacht haben! 

So also sieht in extremis die Kehrseite des Madonnen- 
büdes aus. Wohl sind wir über das Mittelalter hinaus, aber 

• i crmwm davon sind in unserem Denken noch zuruck- 
äbneoÄr wlroÄ dem Problem der Jungfräulichkeit 
f^nt^zuXkkommen. Hier war nur nötig darauf zu ver- 
S£ w^ sichaUes hinter dem zweifellos sehr bestechen- 
5^ Schleier der Madonna" verbirgt. Die Frauen sollen 
wILf welchen ^eis sie für die Wahl dieser Lebensgestal- 

• Lazarsfeld, Wie die Frau den Mann erlebt. 14 



210 



tung zu gewärtigen haben. Wollen sie weiterhin hilflose 
Vitrinenstucke bleiben, die der Mann je nach den Bedürf- 
nissen seines Lebens herausnimmt und wieder einschließt 
oder wollen sie sein Kamerad bei diesem Leben sein. Beides 
ftat, wie alle Dinge, seine guten und seine schlechten Seiten 
und ich wurde niemals wagen, eine Frau bei dieser Wahl be- 
stimmend zu beeinflussen; ich gestatte mir. nicht einmal, den 
Ausgang dieser Wahl, wie immer er auch sei, zu bewerten. 
Nur. eines halte ich auf Grund meiner Erfahrungen dabei 
für unerläßlich: Man muß sich der Konseq uenzen 
seiner Wahl bewußt bleiben und darf nicht 
das eine wählen und die Auswirkungen des 
anderen erwarten. 

Für den oberflächlichen Beobachter scheint die Lage und 
2KJHSS W welche die Schutzbedürftigkeit gewählt 

& ÄaSMrft Sieht man aber n ^er z5, dann 
$5!SL ?Um B ade bei lhnen aus nahmslos die Neigung zu 

STTS ra? " nd R daS **"? auch * ar nichfan^ 
sein, es ist nur wieder ein Beweis dafür, daß eine harmo- 
nische Lebensgestaltung nicht anders zu Sta l feTafc 
Le^en fefi^ Entschluß ' ^lbst sein E Teil fm 

Die „freie Frau". 

ErfS aS rfSS^ ürdi ? e u Miß J erh ältnis zwischen anscheinend 
M*j££*££ Lebensbedingungen und innerer Unzu- 
iSSSSS&JSÜu *\f. nOCh bei einem I™®* 1 * T yP us - d er 
Frauen d^T^ 11 *"?*** 2? b ^ ehrt *** »«5 den 
sind ln?^f alS J der ^^benswerteste erscheint. Es 

fiZiMxftESS » le ni ? ht nur Liebe > sondern 

Ifreien fUu« *' * iSt der **" der genannten 

Rp^r ,tehfin r d, ? mter Frauen ' *• mit den landläufigen 
Begriffen moralischer Beschränkung bewußt gebrochen 
haben. Diese Frauen lehnen jede Dauerbindung und die 
daraus erwachsenden Verpflichtungen prinzipiell ab. Das 
Schlagwort des „Sichauslebens" ist auf ihre Fahne geschrie- 
ben, sie sehen mit einer gewissen mitleidigen Verachtung 
auf die ihrer Ansicht nach Rückständigen herab, die sich 
nach altem Brauch darum bemühen, aus der Beziehung zu 
einem Partner eine Lebensbeziehung werden zu lassen. Ihr 



211 

Lebensmotiv ist unbeschränkter sexueller Genuß, jede Be- 
hinderung durch irgend eine Art ethischer Bewertung lehnen 
sie strikt ab. Nun sollte man meinen, daß sie dann bei 
diesem selbstgewählten Leben auch wirklich glücklich wür- 
den, das aber ist höchst selten der Fall. Sie zeigen durch- 
gehends die Neigung zur Verstimmung und Reizbarkeit, die 
wir immer nur bei unausgeglichenen, mit sich selbst zer- 
fallenen Menschen finden und im Laufe der Aussprachen 
kommt ausnahmslos zutage, daß sie in irgend einem Winkel 
ihres Herzens zu allertiefst den sehnlichen Wunsch nach 
jenem Leben haben, das sie scheinbar so sehr verachten. 

Es ist sehr wichtig, auf den schlimmen Zwiespalt, der aus 
solcher Lebensgestaltung erwächst, zu verweisen, denn ge- 
rade, weil ein solches Leben äußerlich so bestechend ist, be- 
deutet es eine gewisse Gefahr für unseren Nachwuchs, und 
zwar nicht nur für den weiblichen. 

Damit sind wir bei einem Problem angelangt, das augen- 
blicklich sehr stark im Mittelpunkt des öffentlichen Inter- 
esses steht, das ist 

die angebliche sittliche Verwahrlosung unserer Jugend. 

Einige Prozesse der letzten Jahre haben wirklich 
grauenvolle Ausschnitte aus dem sexuellen Leben Jugend- 
licher gezeigt. Es sei hier nur an den Berliner Kranz- 

oze ß erinnert, der den schrecklichen sinnlosen Tod junger 
Menschen enthüllt hat. Im Laufe dieses Prozesses wurde ein 
Gedicht der Heldin veröffentlicht, eines knapp 16 jährigen 
Mädchens, in welchem sie ihren gleichaltrigen Freund ver- 
höhnt. Sie wirft ihm darin vor, daß seine Liebe zu ihr sich 
nur in Worten ausspreche, aber nicht im Bett betätige und 
ruft ihm als Schluß zu: „Beeile Dich, Du hast schon viel ver- 
säumt!" Dieses Bekenntnis zum sexuellen Genuß mit Aus- 
schluß aller anderen Lebenswerte finden wir auch in der 
Literatur, besonders in der amerikanischen Das Buch Lind- 
sevs Die Revolutionierung der Jugend belehrt uns dar- 
über, daß dieser Zug bei der heranwachsenden (^neration 
Amerikas offenbar sehr stark vertreten ist. Wenn der Autor 
glücklicherweise auch keine Fälle mit so tragischem Aus- 
land zu berichten hat, so finden wir in seinen Schilderungen 
deT g dorü^en Jugend 'doch ausnahmslos den Entschluß zu 

14* 






212 



möglichst unbehindertem restlosem sexuellem Ausleben 
unter Verneinung aller anderen Interessen. 

Auch bei uns ist das Schlagwort des Sichauslebens sehr 
populär geworden Es hat solche Ausdehnung angenommen, 
daß jetzt schon eine Reaktion dagegen unter den Jugend- 
lichen selbst bemerkbar wird, die sich sehr merkwürdig 
SfSl 2*™?^ Beratungsstunden kam es öfters vor, daß 
sowohl Madchen wie Burschen zwischen 16 und 20 Jahren 
mir klagten, daß sie sich ihren anderen Altersgenossen 
gegenüber geradezu minderwertig fühlten, weil es ihnen 
nicht gegeben sei, das gleiche, hemmungslose Leben zu 
fuhren wie sie. Das waren solche Jugendliche, welche sich 
mit sozialer geistiger, künstlerischer oder sonst irgend einer 
XSS^L*5? *%* In ^ esse stai * ^ Anspruch nahm, be- 
b^cSäStn 1 ^?^?^ in der ^glichst frühen und un- 
aUemTe * £LnSf Betätigung nicht, wie jene andern, das 
alleinige Lebensziel zu sehen vermochten Man durfte in 
ümen wohl den besseren Teil unserer Zukunft ^rüßeTsS 
selbst aber empfanden sich dadurch lÄ^T^lS? 

SS? Kinde? tSfr SS*^ £ "EMR 

diese Kinder direkt trösten und ihnen klar machen, es sei 

das Recht der Jugend, sich auszuleben, 
au^h W? 8 sch " eßüch ™<* kein Zwang sei und daß man 
SSLiÄ Ti fUr v< ? ZU gelten ' n «* nicht unbedingt 
S« Tn W 2 hrl0Sen ^ US3e - Es N^t wirklich eine gro- 
W^hY^n^ 18 ^ ^ übe ^mmenen Moralbegriffe zu 
aTS If;, D^ Junge Generation ist in Gefahr zu glauben, 

^hln7 e 'l f Ü u S L e der äußer e Zwang so weit- 
gehend auf gehoben ist 

u F^B***beaoaäm hübsche Persiflage dieser Zustände 
hat Andree Maurois geschrieben. Sie würde durch eine refe- 
rierende Wiedergabe zu viel ihres Reizes verlieren, darum 
soll sie im Auszug gegeben sein. (Entnommen der Vossischen 
Zeitung ) Es ist ein Teil einer „Sittengeschichte aus dem 
Jahre 1992" und heißt: 

„Erotik 1950." 

„Früher hatte die Sittenstrenge harmlosen Vergnügen 
einen gewissen Reiz verliehen. Im 19. Jahrhundert fand sich 



213 

die männliche und weibliche Jugend zu unschuldigen Spielen, 
zu Sport und zum Studium zusammen. Seit 1935 bekamen 
die meisten Zusammenkünfte ausschweifenden Charakter. 
Die öffentliche Meinung hatte sich derart verändert, daß in 
England, dem ehemals sittenstrengen Land, der Anti-Puri- 
tanismus eine Tugend geworden war. Er war zwar nicht 
durch das Gesetz vorgeschrieben, aber er gelangte allgemein 
zur Anwendung, und die sozialen Sanktionen waren uner- 
bittlich. 1954 mußte der sozialistische Premierminister zu- 
rücktreten, weil man ihn der ehelichen Treue verdächtigte. 
Er hatte zur Zeit das Gesetz der .obligatorischen Psycho- 
analyse in den Kindergärten' durchgebracht. Man beschul- 
digte ihn der Hypokrisie. Eine Reihe großer europäischer 
Zeitungen begann eine Kampagne, um zu beweisen, die 
sexuelle Freiheit Englands sei nur vorgetäuscht, es verstecke 
sich dort in Wahrheit hinter freien Reden und freier Lite- 
ratur manch keusches Leben. Die Beschuldigung war falsch, 
aber der Fanatismus der »Freien 4 war ins Maßlose gewachsen. 

Erste Anzeichen einer Reaktion. 

So ungefähr um das Jahr 1940 stieg die Kurve der Geistes- 
krankheiten mit ziemlicher Schnelligkeit. Für uneingeweihte 
Beobachter mußte es den Anschein erwecken, als bedeute 
dieses Symptom den Zusammenbruch der neuen Moral. Aber 
die Freien 4 forderten, unduldsam und blind, wie sie waren, 
noch neue Freizügigkeiten dazu. Dennoch machten sich lang- 
sam aber sicher Anzeichen einer Reaktion bemerkbar. 
1942 erschien ohne Namensnennung ein merkwürdiges Buch: 
Beichte eines Kindes des neuen Jahrhun- 
derts, 4 es enthüllte mit naivem Schamgefühl die Ver- 
wirrung, das Bedürfnis nach Sentimentalität der jungen 
Generationen. Der Erfolg war ungeheuer, so groß, daß 
mehrere Schriftsteller beherzt oder eifersüchtig, selbst auf 
die Gefahr einer Strafverfolgung hin, es versuchten, dieselbe 
Quelle auszunützen. 1943 wurde der berühmte Roman ,Con- 
tugal Happiness 4 von Miß Brushwood veröffentlicht, m dem 
sie mit einer für die damaligen Verhältnisse geradezu un- 
glaublichen Schamlosigkeit die Freuden der Treue, der nor- 
malen Liebe und der unauflöslichen Ehe schilderte. Die 
englische Zensur verbot dieses Buch, aber es wurde in Frank- 



214 



reich sofort neu aufgelegt, und Tausende von Exemplaren 
wurden in England eingeschmuggelt. Die männliche und 
weibliche Jugend schien ein ganz besonderes Vergnügen (die 
klassischen Moralisten nannten es ungesund) an den Ge- 
fuhlsschüderungen zu finden. 

aJ 8 ? 1 ^ d f der Einfluß von konjugal Happiness' und 
der .keuschen« Schule deutlich merkbar. Kleine Gruppen, die 
zuerst noch ziemlich zurückhaltend waren, aber immer zahl- 
reicher wurden, versuchten nach den von Miß Brushwood 
aufgestellten Grundsätzen zu leben. Alte Amerikaner können 
sich entsinnen, daß es im Winter 1943-1944 in New York 
und Boston modern war, sogenannte conjugal parties zu ver- 
anstalten naturlich im geheimen; man lud dazu nur ver- 
heiratete Paare ein, die den ganzen Abend zusammen ver- 
■5S£% 1GSe • Sittei L erre ^ en Ärgernis, aber dennoch 
S3£? S2SRJ£ n * ch - In . H y<*e Park mußte die Polizei 
Itelten äÄäL*?* eins chr ^en, die dort am klar- 
Ftato Prfi^iSL RaÄ l öfl 1 en und Gedichte lasen. Der 
pariser Polizeiprafekt mußte eine besondere Abteilung mit 

mSS^SJSSSi T diC F ^en1m%tndkleTd? 2 
dis zum Hals zugeknöpft war, aus dem Bois de Bouloeiie zu 

SÄ« ^Anblick nicht die ffiS 

Süschen ^TTn^f»f hll 1 OS0 . P ä e wurde von einer alten euro " 

S Äffu 1 ?? wegen verstockter Askese. Es 

™£r rTL^J 1 * M ? ral der Freiheit von der Elite nicht 

Äffinff WCDn SiG aUCh - Ch ™ ™ * 

i^! ^ e S Öhnt M ^ u F ois ^ durchaus berechtigter Kritik 
^.SäSSfo, wdc * e ln J' eder entschlußmäßig geübten 
WS 1 ^ 6 ^ 6 £* ^bensunfähigkeit sieht, über 
wtÄf IT t 00 ? Hemmu n^osigkeit und über die 

Wahldes sexuellen Lebensstils wird noch viel zu sagen sein, 
das Thema wurde hier nur berührt, um zu zeigen? welche 
Chancen und welche Gefahren auf dem Wege des hemmungs- 
losen Auslebens liegen. 

Wir haben bislang die erotisch-sexuelle Auswirkung jener 
Frauen betrachtet, welche sich entweder für das möglichst 
intensive passive Geliebtwerden oder für das hemmungslose 
Ausleben entschlossen haben, nun sollen solche Typen daran- 
kommen, die daneben noch andere Werte für sich in An- 
spruch nehmen. Auch unter diesen gibt es die verschiedensten 



2i5 

Erscheinungsformen und leider auch solche, welche die Mei- 
nung, daß die arbeitende Frau unter allen Umstanden ihre 
erotische Anziehungskraft verlieren müsse, zu rechtfertigen 
scheinen. So haben die weiblichen Emanzipierten der ersten 
Frauenbewegung schon in ihrer äußeren Erscheinung eine 
groteske Abdankung an alles Weibliche dokumentiert. Klei- 
dung und Betragen wurde übertrieben vermännlicht, alles, 
was bis dahin als für den Mann anziehend gegolten hatte, 
bewußt verneint. Diese Frauen sind gewiß keine erfreuliche 
Erscheinung gewesen, aber sie waren auch weit entfernt von 
jenem Frauentypus, der uns vorschwebt, wenn wir an die 
Gleichberechtigung der Geschlechter denken. Diese Frauen 
waren keineswegs frei von der alten Einstellung, daß die Frau 
das Lustobjekt des Mannes sei und die bewußte Abwendung 
davon war ja nur der Ausfluß eines Protestes dagegen. Und 
so nur dürfen diese Frauen beurteilt werden, denen wir trotz 
aller abzulehnenden Auswüchse ihres Gehabens den tiefsten 
Dank schuldig sind, denn sie waren, von einzelnen früheren 
Fällen abgesehen, die ersten, die laut und vernehmlich kor- 
porativ an der Kette gerissen und sie stellenweise auch zer- 
rissen haben. Daß dabei manches mit unterlief, was besser 
unterblieben wäre und was bei einer wirklichen Gleichstellung 
der Geschlechter unterbleiben wird, weil es dann nicht mehr 
nötig ist, ist wohl selbstverständlich. „Vor dem Skla- 
ven, derdieKettebricht, vordemfreienMen- 
s c h e n z i 1 1 r e n i c h t!" müßte man mit Schiller den ver- 
schreckten Männern zurufen, die heute noch der Meinung 
sind, daß die Befreiung der Frau zu ihrer Entweiblichung 
führen müsse. Diese Sorge braucht der Mann wirklich nicht 
zu haben, über dieses Stadium der Abkehr und Umkehr sind 
die Frauen heute weit hinaus. 

Da besteht schon eher bei einem gewissen Typus die ent- 
gegengesetzte Gefahr, nämlich die Versuchung, den Beruf 
als nichts anderes anzusehen, denn als eine neue und oft sehr 
wirkungsvolle Form der sexuellen Anknüpfung. Diese pein- 
liche Erscheinung haben wir leider während des Krieges all- 
zuoft gesehen, wo Frauen in ihrer Tätigkeit als weibliche 
Hilfskraft oder, was noch viel schlimmer, in ihrem Pflege- 
rinnenberuf nichts anderes sahen, als die erleichterte Mög- 
lichkeit, an Männer heranzukommen. Aber auch hier darf 



216 



man nicht das ganze Geschlecht nach vereinzelten Aus- 
wuchsen beurteilen und damit verurteilen. 

Wenn wir also jetzt von arbeitenden ' Frauen sprechen 
JÄÄE E! "TS*'*" 1 " 1 es ■* ihrer Arbeit ernst ist 
A^Ltt *?¥* m o C *u lm entferntesten daran denken, sich 
£££äLT de S R ^ en der erotisch anziehenden Frauen 
?h~ ? K,^ WO i len .' Sie werden im Gegenteil alles tun, was 

^rÄ%tnt: ehungskraft erhöhen und sie Ä» 

Nun wird man leicht einwenden können, daß dies nicht 
duÄ^^f !f1 daß sie eben autömatiacninfech 

£e# appeal 

in hübscher^bXe?b„nf%^ C i^^% AbbUd " n e » 
deren Geschlechtes auswirkt ohn?H.R Anz ' ehun e des an- 
Mären könnte Mannh» w* "i 8 man den Gm"* er- 

könnte Z%n^L^^ e T^T ^ "* man 

nentef &!Ä KS le T n . nUn eben auch sie kein so irnma- 
etwas ^r^^f^ 8 ^ 1 " 68 ! 68 für «• ^^ Daran ist 
fHr t J£ anres - ^ le standige und ausschließliche Bereitschaft 

&%SS%?S ein . e erotische HÄS2KS 

nJ f t?£ ^^ eCht Slch Bch5 P 1, entzieht, aber nicht 
2ttk!L£2"3E gllt . das ' so^rn ebensosehr für Männer. 
n^Ä te^ €8 * Welßh€ L^ ^er auf der Suche 
Skid Sil iffiSPS "T 61 ; ^ reit **** anzuknüpfen, 
E-*. 225 ^annern eignet gleichfalls jene rasche Zünd- 
kraft, welche das andere Geschlecht stark L™M und die 
sich rasch überträgt. Sieht man aber^herT daT wird 

äfXSjtLSSJ Viel 5*Ä » biet en haben und durch- 
Tch ke ^ e . ^sehenswerten Lebenskameraden sind. Sie sind 
s^hLhtes C geachtetsten Vertreter ihres Ge- 

ifSSL 11 !! ^JJffB» etwas so hoch stellen, was beim 
Manne fast als verächtlich gilt? 



XVII 




Füller: Sex Appeal. Wird er zu ihr hinunterspringen? 

Aus: „Die Dame" Novemberlieft 1929, Ullsleinverlug, Berlin 



' 












217 

Diese Teilung ist wieder nur so lange begreiflich, solange 
die Frau ausschließlich als ergänzendes Objekt für das 
Liebesleben des Mannes bewertet wird und nicht als eigen- 
berechtigtes Lebewesen. 

Andererseits würde es doch gewiß niemandem einfallen, 
hervorragende Männer, die auf geistigen oder künstlerischen 
Gebieten Großes leisten, darum von vorneherein schon als 
weniger Hebens- und begehrenswert hinzustellen. Wobei zu- 
gegeben werden muß, daß sehr intensive Verbundenheit mit 
der eigenen Arbeit fraglos einen Teil der Gesamtenergien 
festlegt und dadurch dem Sexualgebiet entzieht. Das gilt für 
Männer gleichermaßen wie für Frauen. Trotzdem denkt man 
bei Männern gar nicht daran, sie deshalb allein schon als 
geschlechtlich weniger wertvoll zu registrieren. Es ist im 
Gegenteil eine bekannte Erscheinung, daß Männer, die im 
öffentlichen Leben eine große Rolle spielen, wie z. B. Schrift- 
steller oder Künstler, sich vor dem Ansturm der Frauen 
kaum zu retten vermögen. 

Hier müssen wir wiederum fragen: Warum bei Frauen 
etwas als sexuell entwertend hinstellen, was bei Männern so 
erotisierend wirkt? 

Daß die Männer sich aus dieser Einstellung schwer be- 
freien können, ist durchaus verständlich. Sie meinen ja noch 
immer, ihren sexuellen Vorteil in der Unterdrückung des 
weiblichen Geschlechtes zu finden und fürchten sich heute 
noch vor jenen Frauen, die ihnen auch auf dem Gebiet 
menschlicher Wertung gleich oder gar überlegen sein könn- 
ten. Wir führten früher aus, wie sehr das männliche Ge- 
schlecht durch seine naturgegebene sexuelle Minderwertig- 
keit beängstigt ist. Kommt nun noch die Gefahr seelischer 
oder geistiger Minderwertigkeit der Frau gegenüber hinzu, 
so ist das zuviel und der Mann sucht sein Heil in der Flucht, 
das heißt, er verschließt sich erotisch vor solchen Frauen. 

Die Angst vor der Frau. 

Ich konnte aus den Erfahrungen der Beratungsstunden 
die interessante Tatsache feststellen, daß nur Männer, 
die ihrer sexuellenPotenz sehr sicher sind, 
sich von selbständigen Frauen angezogen 
fühlen, ja man kann fast aus dem Grad der erotischen 



218 



Ablehnung, mit der ein Mann der Selbständigkeit der Frauen 
gegenübersteht, auf seine sexuelle Sicherheit oder Unsicher- 
heit schließen. Bei der Beurteilung dieser Sicherheit darf 
m S? 5 cn « aber keine swegs von dem mehr oder weniger 
selbstbewußten Auftreten des Betreffenden täuschen lassen. 
Gerade erotisch sehr begabte Männer sind bei der Werbung 
oft schüchtern, besonders dann, wenn sie nebstbei auch noch 
wertvolle Menschen sind, während bei den anscheinenden 
Draufgängern oft nichts anderes dahintersteckt als über- 
kompensierte Ängstlichkeit und der Versuch, sich und die 
Anderen darüber hinwegzutäuschen. Das geht aber nur bis 
zu einem gewissen Grad, und wenn dann die Probe auf das 
kxempel kommt, dann erleben Frauen, die sich dadurch 
impl, fuhren lassen, die peinlichsten Enttäuschungen 
dTpS^L^- 86 ™ 611 ?, 11 Erfüllung. Ich würde den Frauen, 
orientt^J 1 ^ ^^"e Sicherheit des zu wählenden Mannes 
STÄX «2?-?* ^te^Gewisaen empfehlen können, 
een Frlu^Ä„^T erotlsche Einstellung zur selbständig 
werden ^i> rn.hr ^K° Ue ^ Je ° a ? dem - ™* er darauf reagiert, 
SwStSSh M* lhn erfah ™' ■"■ *"* -iere Mittel 

dazu z *y^*?r Rädern wie ersieh tatsächlich 
ni^chllrw- Ü. alB0 * ie er handelt. Es kommt 
VeSoht^r L^ 1 ! V ° r ' da ? Männer sich ** ^ feurigsten 
Verfechter der Befreiung der Frau ausgeben, dabei aber 

Fr u .n n Z g h an ^ 1 ? 1S ! lbstandi Se oder menschlich wertlose 

auf ^1a^^? ÄSSÄ* Wählen - Hier mehr noch «*» 
Wül^f/n ^^ k ? lh 1 < H e r en ^hr oft Theorie und Praxis. 
dTeL^™«^ wirk j 1 _ehe Meinung eines Mannes zu 
hefe£ ? g l a ah f en ' S °.^ man sich *&* an seine Worte 
rl Sin w f "T ubn S ens ^ernals und bei gar keiner 
S^. -)- sondern man muß sich die Flauen an- 
schauen die er begehrenswert findet. Traut er sich, 
auch Frauen mit persönlichem Wert ero- 
tisch auf sich wirken zu lassen, dann darf 
man ziemlich klar schließen, daß er seiner 
Sexualität sicher ist. Was gewiß nicht heißen will, 
daß ihm die Wertlosen nicht gefallen dürften, sondern nur 
so gemeint ist, daß der Persönlichkeits wert 
einer Frau für unsichere Männer von vorn- 



219 

hereineinHindernisdersexuellenFühlung- 
nahme bedeutet und daß nur sichere Mä n n e r 
davor nicht zurückschrecken, es in eroticis 
mit einer ihnen menschlich gleichwertigen 
oder gar überlegenen Frau aufzunehmen. 

Im Laufe der Beratungen habe ich schon so manchen 
Mann, der sich darüber beklagte, daß er trotz seiner Sehn- 
sucht nach ebenbürtigen Frauen immer nur an gänzlich un- 
bedeutende gerate, zu der Einsicht und zu dem unumwunde- 
nen Geständnis kommen sehen, daß er sich nur an die letz- 
teren herangetraute, den ersteren hingegen immer recht- 
zeitig aus dem Wege gegangen sei, so oft er auch den 
scheinbaren Versuch zu einem Anschluß gemacht 

hatte. 

Relative Potenz. 

Manchmal kommt der Mann sogar mit so einem Versuch 
so weit, daß er eine ebenbürtige Verbindung schließt, aber 
damit ist ja noch nicht alles getan, denn dann bleibt 
ihm immer noch ein sehr eindeutiger Weg 
zur Flucht und das ist das sexuelle Versagen. 

Es ist eine sehr häufige Erscheinung, daß gerade hoch- 
stehende Männer bei geistig, seelisch oder sozial minder- 
wertigen Frauen voll potent sind, während sie bei gleich- 
gestellten versagen. So erklären sich auch jene Beziehungen, 
die man sonst gar nicht begreifen kann, wo z. B. Manner, 
denen jede Wahl offen stünde, ihre Wirtschafterinnen hei- 
raten (Die alte Erklärung, daß diese am besten kochen, 
scheint mir doch nicht stichhältig genug.) Sie fühlen sich 
eben nur dort sexuell gesichert, wo keinerlei wie immer ge- 
artete Überlegenheit der Frau zu befürchten bleibt. 

Ein großes Beispiel für diese Flucht ist Goethe, der allen 
Frauen, die er geliebt hat, immer noch rechtzeitig ausge- 
rissen ist, um bei Christiane zu landen, bei welcher keinerlei 
Überlegenheit zu fürchten war. Auch Heinrich von Kleist 
so verschieden sein Persönlichkeitsbild sonst von dem 
Goethes ist, war ein solcher Flüchtling; auch er konnte sich 
die sexuelle Bindung nur mit einer vollkommen unterlegenen 
Frau denken. Auch er verließ alle Frauen, die er geliebt 
hatte und blieb erst bei derjenigen, die mit ihm in den Tod 
ging wo also keine Bedrohung eines Unterliegens mehr für 



220 



ihn zu fürchten und keine Bewährung mehr nötig war. Aus 
seinen Abschiedsbriefen ist das deutlich zu erkennen. Er hat 
auch sein Ideal der gänzlich unterworfenen Frau wiederholt 
in seinen Werken dargestellt, am deutlichsten im Kätchen 
von Heilbronn, und hat es auch ganz unumwunden in einem 
Brief ausgesprochen. Er schreibt dort: „Wenn ich ein Mäd- 
chen fände ... ich nähme sie mit mir, sie auszubilden nach 
meinem Sinn. Denn das ist nun einmal mein Bedürfnis; und 
wäre ein Madchen auch noch so vollkommen, ist sie fertig, 
so ist es nichts für mich. Ich selbst muß es formen und aus- 
bilden, sonst fürchte ich, geht es mir, wie mit dem Mund- 
stück an memer Klarinette. Die kann man zu Dutzenden auf 
der Messe kaufen, aber wenn man sie braucht, so ist kein 

iJSfi a gab mir einst der Musiker Baer in Potsdam 
em stuck, mit der Versicherung, das sei gut, er könne gut 

SSSHSÄSS Ä 2>. daS glaub ' ich ' Aber mir SBb es lauter 
ÜSSU^m. T ^ 1 an ' Da «^tt ich mir von einem 
KäESS ^ 22 Stu .<* al >. f ormte es nach meinen Lippen, 
schabte und kratzte mit dem Messer, bis es in jeden Ein- 
schnitt memes Mundes paßte und das ging herrlich. 

Ich spielte -nach JSeranslust." (Ausführlich im Jahrbuch der 
KleistgeseUschaft 1927: Lazarsfeld, „Kleist im Licht der 
Individualpsychologie". ) 

Nachfolgender Brief eines Ratsuchenden möge als ein 
Beispiel für viele einen solchen Fall aus der Praxis illu- 
strieren: 

„ ... Ich bin physisch nicht sehr angestrengt, körperlich 
vollkommen gesund und führe ein ruhiges, regelmäßiges 

Vor Jahren lernte ich eine hübsche junge Frau kennen, 
als es jedoch zu intimen Beziehungen kam, habe ich zu 
memer Überraschung konstatiert, daß ich vollständig ver- 
sagt habe. — Die Folge davon war, daß diese Frau von 
mir nichts mehr wissen wollte. Mein Hausarzt, dem ich 
den Fall erzählte, meinte, ich soll mir daraus nichts ma- 
chen, wahrscheinlich reizt mich diese Frau zu wenig und 
ich möge wo anders mein Glück versuchen ... 

Ich habe seither mehrere, wirklich hübsche Frauen 
kennen und lieben gelernt. Alles war sehr schön, aber so 
oft es zu einem geschlechtlichen Verkehr kam, mußte ich 



« 



• i 



" 



221 

mich schämen, denn die Erektion ist immer ausgeblieben. 
Der letzte Fall war der Interessanteste: Durch Zufall 
lernte ich eine sehr hübsche, junge Dame kennen. Als es 
nach einigen Tagen zu einem intimen Verkehr kam, mußte 
ich leider auch ihr gegenüber kapitulieren. Meine Part- 
nerin, zuerst über meine Unfähigkeiten erstaunt, brach in 
ein fast hysterisches Weinen aus und belegte mich schließ- 
lich mit unzähligen Grobheiten. 

Ich habe seither weitere Versuche aufgegeben und finde 
meine Befriedigung bei meiner Wirtschafterin, ein gewöhn- 
liches 40 jähriges Weib. 

Mein Arzt lacht über die Sache und meint — er hat 
mich sehr oft gründlich untersucht — , von einer Impotenz 
kann keine Rede bei mir sein, denn mit der Wirtschafterin 
vollzieht sich der Akt ganz normal. 

Ich habe zunächst, ebenso wie mein Arzt, die Ange- 
legenheit von der komischen Seite behandelt, der letzte 
Fall hat in mir aber eine Depression hervorgerufen und 
diese Niedergedrücktheit hat mir meine ganze Ruhe ge- 



nommen. 



Ich fühle mich, wie gesagt, vollständig gesund, kann 
mir aber nicht erklären, daß der Geschlechtsverkehr mit 
der Wirtschafterin, die ja schließüch nicht mehr jung ist 
und bei der niemals die Liebe, vielmehr die Befriedigung 
des geschlechtlichen Triebes in Frage kommt, sich ganz 
normal, ja sogar manchmal zweimal in einer Nacht voll- 
zieht, während bei anderen, jungen, schonen, intelligenten 
Frauen eine Erektion niemals zustande zu bringen ist. 

Sie werden vielleicht ebenfalls über den Fall lachen, ich 
versichere Sie aber, daß mir die Sache jetzt nicht mehr 
lächerlich vorkommt, vielleicht muß ich mich, zumal m 
Damengesellschaft, herabgesetzt und als minderwertig 
betrachten und fürchte, unter dieser Seelenqual spater 
noch mehr leiden zu müssen." 

Solche Anfragen sind viel häufiger als man glauben sollte, 
aber glück1Sie4eise nicht unheübar. Eine W**£**- 
handlung kann diese Hemmungen aus der Welt schaffen 
a£f S*? Benehmen der dabei beteiligten Frauen ist 
dafür von ausschlaggebender Bedeutung. 

Wir haben in dem Kapitel über das Fiasko gezeigt, wie 



222 



gänzlich verständnislos Frauen in solchen Situationen oft 
vorgehen und wie sie so ohne alle Einsicht in die Zusammen- 
hange ein solches Fiasko auf das alleinige Schuldkonto des 
Mannes setzen, ihm Vorwürfe machen, als ob sie gar nicht 
daran beteiligt wären. Sie vergessen, daß es zum Teil doch 
auch die Austrahlung ihres Wesens ist, die dabei mitspielt. 
Auch aus diesem Brief sehen wir, daß die in Frage kom- 
mende Frau den Mann durch ihr ihn demütigendes Verhalten 
endgiltig von dem Versuch, sich gleichgestellten Frauen zu 
nahern, abgeschreckt hat. Umgekehrt hatte ich in der Be- 
ratung Falle, wo Frauen durch aufmunterndes Betragen, 
indem sie der Sache keine Bedeutung beilegen ließen, sie 
Ä^fA e V der ? hrlich zu S aben > daß auch sie es mit- 
low * hatten ! , oft ^hr verschreckte, an ihrer Potenz 
Höh^h S r^fIf^- eif ä nde Männer vollkommen wieder in die 

^o^eÄe^ 08 SiCh beS ° ndera «£ ÄST» C 

se™VÄw ß ; aUCh hier ' "*? auf ^en Gebieten, das 

dZZ . tff^.Tf J" 18 . 2 ^ Froren entsteht, aus 

;!t»,*. '! ■ 8e ] bSt ml t°'ingen und aus dem, 
was wir vorfinden. 

se^L^f Ch T5 s , chließ en des Mannes gegenüber der 
S fnll Ch r Wl .£ un S gleichwertiger Frauen hat noch 
£SL2?&! r ™ eittragende Bedeutung. Der Mann straft 
Sn ™ SÄTf* BW,B S 81 ^ Frau für ihren Versuch, mehr 

wtoSeS&lÄ." * ^ ^^ braUCM ■* fÜr 

Erotisches Training. 

Nun wird man sich vielleicht wundern, daß wir immer 
von einer Wahl des erotischen und sexuellen Habitus spre- 
chen, so als ob man sich das aussuchen könnte, während die 
allgemeine Meinung doch dahin geht, daß so etwas ange- 
boren und unabänderlich sei. 

Da muß auf den einleitenden Teil verwiesen werden, in 
welchem ausgeführt wurde, wie unhaltbar die Meinung von 
der unveränderlichen Sexualität ist und daß die Art unseres 
Geschlechtslebens beim Einzelnen nur eine unter 



223 

vielen anderen Ausdrucksformen seiner ge- 
samten Einstellung zum Leben ist. Ebenso gut, wie jedes 
Training auf jedem anderen Gebiet, gibt es auch ein eroti- 
sches und sexuelles Training, und zwar nach zwei Richtun- 
gen: Wir formen unseren eigenen sexuellen 
Typus nach der Leitlinie, die unserem gan- 
zen Leben zugrunde liegt, wir entwickeln 
aber auch unsere Empfänglichkeit für se- 
xuelle Einwirkung je nach unserem gesam- 
ten Lebensstil. Beides tun wir in der Richtung unserer 
persönlichen Geltung* Von dem Training der eigenen eroti- 
schen Wirkung wurde bei der Frage der Hilfsbedürftigkeit 
schon gesprochen und auch andere Formen, solcher Ent- 
wicklung werden uns später noch beschäftigen. Für jetzt sei 
nur darauf verwiesen, daß wir nach dem Prinzip, daß das 
Ziel die Mittel bestimmt, auch unsere Reaktionen gegenüber 
dem Geschlechtsleben und seinen Anforderungen trainieren. 
Was uns zur Hebung unseres Persönlich- 
keitsgefühls, unseres Ansehens zweckmä- 
ßig scheint, das hat Anziehung für uns, wo 
wir hingegen eine Herabsetzung des eige- 
nen Wertes zu befürchten haben, dort rea- 
gieren wir mit Ablehnung. So also ist es zu ver- 
stehen, wenn gesagt wurde, daß der Mann in seinem Ver- 
sagen vor der erotischen Anziehungskraft der menschlich 
gleichwertigen Frau mit einem Schutz für sich selbst zugleich 
auch eine Strafe für diese Art Frauen verbindet. Er zeigt 
ihnen dadurch deutlich, welcher Gefahr sie sich aussetzen, 
wenn sie durch ihre persönliche Entwicklung die Grenze 
überschreiten, welche sein Geltungsstreben dieser Entwick- 
lung zu setzen für gut findet. Er straft sie sozusagen dafür 
mit dem Verlust ihrer sexuell-erotischen Ehren und Rechte. 
Diesen Ausführungen mußte hier ein gewisser Raum ge- 
geben werden, weü die Erfahrung, daß selbständigen Frauen 
bei bestimmten Männertypen die erotische Wirkung versagt 
bleibt, diese Frauen zu der falschen und für sie gef ahrhcnen 
Meinung drängen könnte, daß sie allein an diesem 
Versagen die Schuld trügen. Sie konnten dadurch 
in Versuchung kommen, ihren Typus wandeln und wieder 
nur ausschließlich liebendes Weib sein zu wollen, denn nie- 
mand leidet ganz begreiflicherweise gern Einbuße an semer 



224 

Erotik. Damit aber würde der menschlichen Entwicklung 
der Frauen ein bedrohliches Hemmnis aufgerichtet, deshalb 
mußten wir uns hier mehr als es sonst in diesem Buch beim 
Einzelproblem der Fall ist, mit der männlichen Psyche be- 
schäftigen. Und so müssen wir uns auch bei der Frage, was 
für den Augenblick zu tun sei, mehr auf den Standpunkt des 
Mannes als auf den der Frau stellen. So wie das männliche 
Geschlecht nun eben heute ist, hat es nur unter besonders 
glücklichen Ausnahmsbedingungen die Courage, den Frauen 
ihre persönliche Entwicklung zu verzeihen. Diese müssen 
darum Mittel und Wege finden, den Mann auch vorläufig 
schon mit ihrem menschlichen Aufstieg zu versöhnen. Dazu 
stehen den Frauen zwei Wege "offen. Erstens müssen sie 
trachten, ihn die Vorteile der neuen Situation erleben zu 
lassen, das heißt, sie müssen sich in vielen Dingen besser 
benehmen als die Frauen der alten Zeit. Das wird ihnen nicht 
allzu schwer fallen. Schon die Tatsache, daß sie ihm ein 
Stuck Privatleben gönnen, auch wenn sie nicht darin einbe- 
zogen sind, wird er sehr bald als eine wesentliche Erleich- 
terung empfinden und wird ihnen in seinem eigenen Interesse 
erlauben Menschen zu sein, ohne sie dafür durch den Entzug 
ihrer erotischen Wirkung zu bestrafen. 

Pioniere der Zukunft 

Zugleich aber müssen diese Frauen sich sorgfältig davor 
hüten, in allem, was weiblich anziehend ist, zurückzubleiben. 
Sie müssen ihr Äußeres mindestens so sorgfältig pflegen, 
wie die beschäftigungslose Frau, ja noch mehr. Ich möchte 
sagen, daß die Frau, die gerade nur einen Brief geschrieben 
hat, viel eher einen Tintenfleck auf der Hand haben darf, 
als diejenige, deren Beruf es ist zu schreiben. Die arbeitenden 
Frauen werden hier mit Recht einwenden, daß damit ein bis- 
chen zuviel von ihnen verlangt wird. Das weiß ich, es ist 
wirklich viel verlangt, aber wir dürfen nicht vergessen, daß 
es Pionierarbeit ist, die wir leisten und Pioniere haben immer 
ein schweres Leben. Wenn wir also hie und da sehr müde 
sind — und wir haben nur zu häufig Anlaß es zu sein — 
und wenn wir meinen, nun geht es nicht mehr weiter, dann 
werden wir an die denken, die nach uns kommen, für die wir 
den Weg bereiten und dann geht es schon wieder ein Stück. 



XVIII 






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• 



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• 



Zum Thema „Schwanken zwischen zwei Partnern" fällt hier die Entschei- 
dung der Frau eindeutig zu Gunsten jenes Mannes, der sie zu verlassen 
droht, den will sie dann behalten 

Gavarni, aus Charivari, Paris 



225 

Man wird es vielleicht verwunderlich finden, daß hier so 
viele Worte an die Frage der Frauenarbeit gewendet werden, 
wo doch Millionen Frauen des manuellen wie des geistigen 
Proletariates seit so langem die härteste Arbeit verrichten, 
ohne daß daraus viel Wesens gemacht würde. Nun haben wir 
wohl schon ausgeführt, daß eben im Interesse dieser Groß- 
zahl der Frauen eine andere, gerechtere Betrachtungsweise 
und Bewertung der Frauenarbeit anzustreben ist. Die kann 
aber nicht erreicht werden, wenn die wirtschaftlich geschütz- 
teren Frauen sich von diesem Problem als einer sie nicht 
berührenden Angelegenheit uninteressiert fernhalten. Denn 
wer unter jeder Bedingung arbeiten muß, weü er sonst ver- 
hungert, kann schwer Reformen durchsetzen. Deshalb ist es 
dringend nötig, die Gesamtheit der Frauen dafür zu inter- 
essieren, weil nur bei völlig gleichmäßiger Be- 
wertung der Frauenarbeit mit der Leistung 
der Männer, nur bei prinzipieller wirt- 
schaftlicher Unabhängigkeit der Frau vom 
Geschlechtspartner, eine dauernd gute Ge- 
schlechtsbeziehung für die Zukunft er- 
hofft werden kann. 

Es wurde schon erwähnt, daß gerade jetzt sicherlich die 
ungünstigste Zeit dafür ist, das prinzipielle Anrecht der 
Frauen auf Arbeit anzumelden, wo es doch nicht einmal ge- 
nügend Arbeit für alle Männer gibt und tatsächlich ist die 
Frage des Doppelverdienens bei Frau und Mann jedesmal, 
wenn dieses Thema in einem Vortrag angeschnitten wird, 
Gegenstand heftigster Diskussionen. Die wirtschaftliche Not 
bringt selbst bei jenen, die verstandesgemäß unseren Stand- 
punkt teilen, in der praktischen Einstellung zu diesem Pro- 
blem einen gefühlsmäßigen Rückschlag, der ganz verständ- 
lich ist. Jeder Mann, der einen Bissen Brot gesichert hat, ist 
in Sorge, ihn durch den Zustrom der Frauen zum Arbeits- 
markt zu verlieren. Die Situation ist noch dadurch erschwert, 
daß die Frau, auch wenn sie qualitativ und quantitativ die 
gleiche Arbeit leistet, oft schlechter bezahlt wird und da- 
durch vom Mann als Lohndrückerin angesehen wird. Das 
können wir vorläufig nicht ändern, wir müssen nur, wie 
schon gesagt, dafür kämpfen, daß gleiche Arbeit auch 
gleichen Lohn erhält, gleichgiltig, ob sie von Frau oder Mann 
ausgeführt wird. 

I.azarsfeld, Wie die Frau den Mann erlebt. 15 



226 

Vielleicht wäre augenblicklich eines zu berücksichtigen, 
was in den Diskussionen öfters vorgeschlagen wird. Viel- 
leicht sollten, dem Gebot der Stunde folgend, jene Frauen, 
deren Gatten ein genügendes Einkommen haben, im einzelnen 
Fall zurücktreten vor solchen Arbeitssuchern, deren Leben 
nicht gesichert ist. Aber daraus ein prinzipielles größeres 
Anrecht des Mannes auf Arbeit abzuleiten geht nicht an, es 
wäre ein zu großes Unrecht, das damit an den Frauen be- 
gangen würde. Wenn eine Frau heute aus sozialem Gefühl 
auf eine Arbeit verzichtet, weil das Einkommen des Gatten 
sie der Nötigung zur Erwerbstätigkeit enthebt, dann muß 
man wissen, daß sie damit einen wirklichen schweren Ver- 
zicht leistet. 

Ich will hier gar nicht neuerlich auf das genügend durch- 
gesprochene Thema eingehen, daß für die Frau Verlust an 
materieller Selbständigkeit zugleich Verlust der vollen Per- 
sönlichkeitsentwicklung bedeutet, aber wer garantiert denn 
diesen Frauen, daß ihr erwerbender Gatte sein Einkommen 
bestimmt behalten wird und selbst, wenn dieses der Fall ist, 
ob er es auch weiterhin mit ihr wird teilen wollen? Was 
geschieht, wenn die Ehe getrennt wird? 

Damit sind wir bei einem sehr gewichtigen Thema, bei der 

Alimentation 

angelangt. Dies ist eine jener schwebenden Fragen, welche 
die Umbildung unserer wirtschaftlichen Lage noch völlig 
ungeklärt gelassen hat, und es ist nicht möglich, etwas Ab- 
schließendes dazu zu sagen, weil man nicht weiß, wo man 
mit den Reformen zu diesem Punkt anfangen könnte. Die 
Männer werfen mit einem gewissen Recht ein, es ginge nicht 
an, daß durch die Arbeit der Frauen ihr Einkommensgebiet 
geschmälert wird, da sie ja unter allen Umständen, also 
auch nach der Scheidung für die Frau zu sorgen hätten, man 
solle zuerst die Alimentationspflicht abschaffen und dann, 
wenn diese Verpflichtung dem Mann abgenommen sei, dann 
ließe sich über die Zulassung der Frauen zur Arbeit unter 
gleichen Bedingungen mit dem Mann reden. Die Frauen sagen 
mit noch mehr Recht, es sei nicht möglich, daß sie auf die 
Alimentation verzichten, solange sie nicht die Sicherheit des 



227 

gleichmäßig bewerteten Arbeitseinkommens mit dem Mann 
hätten. 

Wo soll man anfangen? Auf keinen Fall kann ich mir die 
Regelung so vorstellen, daß die Verpflichtung zur Alimen- 
tation aufhört, solange man den Frauen prinzipielle Be- 
schränkungen bei ihrer Arbeit auferlegt, andererseits ist es 
wirklich eine krasse Ungerechtigkeit, daß ein Mann, dessen 
Einkommen dasjenige seiner Frau fallweise vielleicht bei 
weitem nicht erreicht, dem Gesetz nach sein ganzes Leben 
lang für sie sorgen soll, auch wenn sie nur ganz kurze Zeit 
miteinander verheiratet waren. Diese Praxis hindert ihn 
daran, eine neue Ehe zu schließen und ist überhaupt mit 
unserer Einstellung zur sexuellen Beziehung in keiner Weise 
vereinbar. Trotzdem muß sie geübt werden, solange die Frau 
nicht vollständig frei in der Ausübung ihrer Arbeitsmög- 
lichkeit ist. 

Für die augenblickliche Lage ist daher eine gesetzmäßige 
Regelung dieser Frage, die beiden Beteiligten ihr Recht gibt, 
nicht leicht denkbar. Vielleicht wird es nötig sein, eine solche 
rechtliche Einigung anzustreben, daß in jedem einzelnen 
Fall die finanzielle Lage der Frau im richterlichen Entscheid 
über die Alimentationspflicht des Gatten mitberücksichtigt 
wird. Dort, wo die Frau eigenen Erwerb hat, sollte sie für 
sich selbst nichts zu fordern haben. Was die Alimentations- 
pflicht gegenüber den Kindern betrifft, schiene es mir billig, 
daß bei gleichmäßig großem Einkommen von Frau und Mann 
der Mann die Kinder zu erhalten hat, weil die Gesellschaft 
nie vergessen dürfte, Schwangerschaft und Stillzeit als Tätig- 
keit einzurechnen, ganz ebenso wie alles andere, das dem 
Aufbau und Erhalt der menschlichen Gesellschaft dient. 
Übersteigt das Einkommen der Frau dasjenige des Gatten, 
dann hätte ein Teil der Alimentation der Kinder zu ihren 
Lasten zu gehen. 

Auf diese Weise könnte es möglich werden, in Zukunft 
den Widerstand des Mannes gegen die gleiche Arbeits- 
möglichkeit der Frau vom Materiellen her ein wenig zu be- 
siegen. Wie wir es uns vom Seelischen her zukünftig denken, 
wurde schon ausführlich besprochen und es bleibt noch die 
Frage. 

15* 



228 



was ist vorläufig zu tun? 



Für den Augenblick, da wir ja leider von dieser Zukunft 
noch ziemlich weit entfernt sind, möchte ich den fortschritt- 
lichen Frauen empfehlen, den Mann nur soviel von ihrem 
Fortschritt merken zu lassen, als er gerade noch verträgt 
und nicht ein Stückchen darüber hinaus, und wenn sie 
fühlen, daß er noch nicht viel gewöhnt ist, dann werden sie 
gut daran tun, etwas hilfsbedürftiger, etwas schwächer zu 
erscheinen, als sie wirklich sind. Was liegt denn daran? 
Hauptsache bleibt, daß wir weiterkommen ; die zurückgelegte 
Strecke dem Mann durchaus unter die Nase reiben zu wollen, 
wenn er es noch nicht verträgt, ist wirklich nicht nötig. 

Ich darf den Frauen vielleicht auch raten, in der Beur- 
teilung dessen, was der Mann an Ebenbürtigkeit der Frau 
verträgt, besonders vorsichtig zu sein. Das ist auch so 
ein Punkt, wo Reaktionen viel deutlicher sprechen als Worte. 
Durch meine Beratung ging der Fall eines Mannes, welcher 
von der Selbständigkeit seiner Frau restlos entzückt schien. 
Besonders auf ihre Tätigkeit und ihre Arbeitserfolge war er 
geradezu stolz. Als sie ihm einmal zur Zeit seiner eigenen 
materiellen Knappheit mit einem größeren Betrag aushalf, 
den er sehr dringend benötigte, da war er über die Hilfe an- 
scheinend sehr froh — aber er verlor das Geld sofort, noch 
ehe er es seinem Zweck zuführen konnte! Wenn man von 
der modernen Seelenforschung gelernt hat, was das Verlieren, 
Vergessen und alle anderen Fehlleistungen zu bedeuten haben, 
daß sie nämlich der wahre Ausdruck unserer Gefühle sind, 
die sich entgegen unserem Willen, sie zu unterdrücken, her- 
vordrängen, dann versteht man, wie dieser Mann in Wahrheit 
der Selbständigkeit seiner Frau gegenüber eingestellt war. 
Wobei seine Freude an ihren Erfolgen deshalb noch nicht 
einmal angezweifelt werden muß, die mag echt gewesen sein, 
aber den materiellen Ertrag dieser Arbeit für sich in An- 
spruch zu nehmen, zu dieser selbstverständlichen Gleichbe- 
wertung ihrer Tätigkeit mit der seinen konnte er sich doch 
innerlich nicht aufschwingen. Die altgewohnte Rolle des 
wirtschaftlich Stärkeren sitzt eben zu fest und drängt sich 
durch allen fortschrittlichen Firnis durch. 

Der Mann war so lange gewöhnt, für die Frau zu sorgen, 
daß ihm scheint, als ob ein Teü seiner Geltung bedroht 



229 

würde, wenn man ihm diese Funktion abnimmt. Und wenn 
nun gar umgekehrt die Frau ihm aushilft, dann mag er das 
als eine wohltätige Erleichterung empfinden, aber herabge- 
setzt fühlt er sich dadurch trotzdem. 

Das Kind im Mann will spielen. 

Ein ganz kleines bißchen hat er dabei auch Angst, ob 
diese selbständige Frau ihm auch weiterhin noch erlauben 
wird, mit ihr zu spielen. Hier ist der Ausdruck spielen nicht 
böse gemeint, sondern im Sinne Nietzsches, daß in jedem 
Mann ein Kind steckt, das spielen will. Ich darf aus meiner 
Erfahrung ergänzen, daß es durchaus nicht die schlechtesten 
Männer sind, die gern spielen wollen, im Gegenteil, man 
müßte die Frauen vor jenen warnen, welche es gar nicht 
können. 

Und, der Wahrheit die Ehre, spielen wir denn nicht auch 
gern? Ich komme damit zu einem zweiten Punkt der weib- 
lichen Pionierarbeit, das ist der Verzicht der selbstän- 
digen Frauen auf das Verwöhntwerden. Sie setzen oft, 
manchmal sogar entgegen ihrem eigenen ursprünglichen 
Wunsch, ihren ganzen Stolz darein, mit allem allein fertig 
werden zu können, den Mann bei der Bekämpfung der kleinen 
und großen Widerwärtigkeiten des Lebens vollständig ent- 
behren zu können. Das ist nicht gut und zwar aus vielerlei 
Gründen. Erstens verschwenden sie dabei oft viel wertvolle 
Energien, die besser verwertet werden könnten und zweitens 
nehmen sie dem Mann dadurch das für ihn sehr wichtige 
Gefühl, der Frau unentbehrlich zu sein. Außerdem geben sie 
ihm damit den Eindruck, daß sie einfach alles aushalten 
können und gewöhnen ihn dadurch daran, ihnen schließlich 
auch wirklich alles aufzuladen und zu überlassen. Wenn es 
ihnen dann doch einmal zu viel wird, dann ist niemand da, 
der ihnen etwas abnimmt. So gelangen sie zum Schluß dazu, 
gar keine Zeit mehr zum doch so nötigen Spielen zu haben. 
In diesem Punkt ist es sehr empfehlenswert, seine Kräfte 
nicht zu überspannen. So sehr und so berechtigt wir davor 
warnen mußten, die erotische Anziehung der Frau aus- 
schließlich in ihre Hilfsbedürftigkeit zu verlegen, so wenig 
zweckmäßig ist es im Interesse der sexuellen wie der all- 
gemein menschlichen Beziehung beider Teile, wenn die Frau 



230 

den Mann seine Entbehrlichkeit im Lebenskampf allzu deut- 
lich fühlen läßt. Sowie es nicht gut ist, gänzlich auf die 
eigene Leistung zu verzichten, so rächt es sich auch, wenn 
man die Leistung des Anderen herabsetzt, und sei es auch 
nur dadurch, daß man sie vollkommen überflüssig macht. 
Ich habe in meinen Beratungsstunden Fälle gehabt, wo Män- 
ner sich von ihren Frauen abwandten, nur weil irgend eine 
belanglose Frau in ihr Leben trat, die es aber gut verstand, 
sie gehörig in Bewegimg zu setzen. Die Frage dieser Einfluß- 
nahme ist von sehr weittragender Bedeutung, da sie sich 
weit über das Liebesleben hinaus in der gesamten Lebens- 
gestaltung auswirkt. Wir nehmen mit allem, was wir tun, ob 
wir es wollen oder nicht, Einfluß auf das Leben unserer Um- 
gebung und diese leistet im allgemeinen so viel, als wir von 
ihr erwarten. Männer, die vorher im Zusammenleben mit 
einer Frau, die für sich selbst zu sorgen imstande war, unge- 
schickt, nachlässig und langsam gewesen waren, wurden 
tatkräftig, unternehmend und lebhaft, wenn sie an eine an- 
spruchsvollere Frau gerieten, die das von ihnen verlangte 
und erwartete. Sie blühten sozusagen auf, weil sie nun nicht 
mehr für sich allein, sondern noch für einen zweiten Men- 
schen zu sorgen hatten. 

Das Streben der menschlichen Seele geht nun einmal da- 
hin, Anerkennung und Geltung zu finden und wir dürfen 
diesen Trieb nicht einschnüren, so lange er sich auf dem 
gesunden Pfad der Leistung erhält. Wir sollen im Gegenteil 
trachten, ihm dazu immer neue Gelegenheit auch zur Be- 
tätigung uns gegenüber zu geben, es wird daher gut sein, 
wenn die Frauen ihre Selbständigkeit nicht allzu sehr über- 
treiben. 

Aber nicht nur wegen der Auswirkung auf den Mann ist 
das nötig, sondern auch in ihrem eigenen Interesse. Sie ge- 
raten sonst leicht in Gefahr, im Gegensatz zu jenen Frauen, 
die nur nehmen und nicht geben wollen, nun ihrerseits sich 
ganz auf das Geben zu versteifen und das Nehmen ganz zu 
verlernen. Aber auch das muß man können. Sowie es zum 
Kriterium eines gut ausgeglichenen Seelenlebens gehört, den 
richtigen Rythmus im Wechsel zwischen Arbeit und Liebe 
zu finden, nicht das eine auf Kosten des anderen zu üppig 
in die Halme schießen zu lassen, so braucht die Harmonie 
der Liebe auch wieder ein gewisses Gleichgewicht von Neh- 




231 

men und Geben. Wir lieben einen Menschen oftmals lange 
nicht so sehr für das, was er für uns tut, als dafür, daß er 
die Fähigkeit hat, unsere eigenen Kräfte zu wecken; wir 
lieben ihn dann für das, was er uns befähigt, 
für ihn zu tun. Das dürfen die Frauen nicht vergessen. 

Die eigene Liebeskraft. 

So viel zur erotischen Anziehungskraft der mensch- 
gewordenen Frau. Wie steht es nun mit ihrer eigenen 
Liebesfähigkeit? 

Dieser Punkt entzieht sich mehr noch als jeder andere 
einer generellen Beantwortung. Man müßte dazu zuerst ein 
Paradigma für Liebeskraft aufstellen und dieser Versuch 
dürfte ziemlich aussichtslos sein. Versteht man darunter das 
Vermögen, sexuell gut zu funktionieren, dann gibt es dafür 
überhaupt keinen Gradmesser, denn der Mensch und sein 
persönliches Geschlechtsleben kann niemals für sich be- 
urteilt werden,. sondern immer nur in bezug auf die Haltung 
des Zweiten, der dabei im Spiel ist. Wieviel bei diesem Re- 
sultat dann eigene Aktion und was davon Reaktion auf die 
Umwelt ist, läßt sich allgemein auf gar keinen Fall und im 
einzelnen nur nach ganz genauer Kenntnis der Sachlage beur- 
teilen. Die Fähigkeit zur sexuellen Empfindung hängt ganz 
gewiß nicht vom größeren oder geringeren menschlichen Ge- 
halt des Einzelnen ab. Es kann sein, daß sie durch die Zu- 
wendung zu anderen Interessen geringer wird, es kommt aber 
auch sehr häufig gerade bei Frauen vor, daß durch eine grö- 
ßere Sicherheit, welche sie ihrer allgemeinen Entwicklung 
verdanken, ihre sexuellen Fähigkeiten sich mitentwickeln. 
Über den Mengeinhalt ihrer Liebesf ähigkeit wird sich darum 
weder bei selbständigen noch bei anderen Frauen etwas sägen 
lassen, eher schon über die Qualität oder besser gesagt über 
die Formen, in welchen die Liebesfähigkeit sich ausdruckt. 
Von jenen Frauen, welche Liebe mit dem Versuch verwech- 
seln, dem Mann das Mark aus den Knochen zu trinken, weil 
sie selbst keines haben, wollen wir gar nicht sprechen, auch 
nicht von jenen, welche glauben zu lieben dort, wo sie nur 
herrschen wollen. Aber auch jene, welche das Martyrium 
der Liebe wählen, sind allzu bereit, sich diese Opferhaltung 
teuer bezahlen zu lassen. Bleiben noch diejenigen, welche 



232 

wirklich nur um der Liebe willen lieben. Die zerfallen wie- 
derum in zwei Gruppen, solche, die einen ständigen Wechsel 
suchen und andere, die ihre Zuversicht in die Dauerbeziehung 
setzen. 

Die Art der Liebesfähigkeit ist bei diesen beiden Typen na- 
türlich gänzlich verschieden. Die einen bringen mehr Tempo 
in die Sache (was aber ja nicht mit Temperament verwechselt 
werden darf!), die anderen schürfen tiefer. Diese Unter- 
scheidung finden wir, wie schon gezeigt, auch bei Männern, 
obwohl die doch alle ihren Beruf haben und so läßt sich 
auch bei den Frauen nicht sagen, in welche Richtung des 
sexuellen Lebensstils die fortschreitende Entwicklung die 
Frauen führen wird. Es wird letzten Endes immer von ihrer 
Gesamthaltung zum Leben abhängen. Ganz allgemein läßt 
sich vielleicht nur die vorsichtige Behauptung aufstellen, 
daß ihre größere Sicherheit die Frauen davor bewahren 
wird, sexuelle Geltung in immer erneuten Eroberungsver- 
suchen zu finden. Das kann für sie, wie für den Mann, nur 
von Vorteil sein, denn wer zu viel umarmt, hält nicht gut 
fest und wir können nicht anders als unser durch so viel 
Erfahrung erworbenes Bekenntnis zur Dauer hier nochmals 
zu wiederholen. Es erscheint darum, in unserer Anschauung 
betrachtet, als durchaus begrüßenswert, wenn die Zukunfts- 
entwicklung der Frau nach dieser Richtung ginge. 

Nicht gegeneinander, sondern miteinander! 

ttJ^ *' eden FaU aber bleiben uns zwei Dinge zu erkämpfen: 
Erstens die Erziehung der Frauen in dem Sinn, daß sie ver- 
stehen was ihre Arbeit ihnen bedeuten kann und daß sie sie 
mit vollem Pflichtbewußtsein übernehmen und durchführen 
und zweitens die Erziehung des Mannes zur Anerkennung 
der weiblichen Leistung, ohne die Frau darum als sexuell 
entwertet zu stigmatisieren. So wie heute schon einzelne 
Männer zu ihrem eigenen Besten gelernt haben, den Prestige- 
kampf gegenüber der Frau abzubauen und sie auch mensch- 
lich gelten zu lassen, so wird eine spätere Zeit durch ver- 
nünftige Erziehung dem ganzen männlichen Geschlecht die 
gesunde Einsicht vermitteln, daß die volle sexuelle 
Freude beider Geschlechter aneinander 
nicht im feindlichen Gegeneinander, son- 






233 

dem im gleichberechtigten Nebeneinander 
liegt. Wir müssen hier dem Wort Nietzsches vertrauen, 
der vorahnend sagte: „Es wird eine Zeit kommen, die keinen 
anderen Gedanken kennen wird, als Erziehung." Diese neue 
bessere Zeit wird dem Mann die wirklich unberechtigte, 
jetzt so sehr übertriebene sexuelle Angst vor der Frau be- 
nehmen und dadurch beide Geschlechter von den schauder- 
haften Zuständen befreien, unter denen wir heute, als einer 
Auswirkung dieser Angst, in unserem Sexualleben und da- 
durch in unserer gesamten Kultur zu leiden haben. 









' 












raxis. 



IX. Kapitel : Aus der Pi 



„Das Leben ist eine Geburt des 
Willens und der Nötigung. Zufall 
und Privatführung sind hohle 
Worte." Feuchtersieben. 



Es wurde eingangs gesagt, daß das einzelne Sexualerlebnis 
nicht anders als im Rahmen der gesamten Sexualatmo- 
sphäre beurteilt werden könne. Ich habe nun versucht, diese 
Voraussetzungen zu geben, indem die für unser Thema ent- 
scheidenden Faktoren auf Grund der letzten wissenschaft- 
lichen Ergebnisse referiert und durch die Erfahrung der 
Beratungspraxis ergänzt wurden. Auch alles Allgemein- 
gütige, das zu letzterem zu sagen war, ist vorausgeschickt, 
so gut es möglich war, ohne die Geduld des Lesers allzusehr 
zu ermüden und es bleibt nur übrig, sich der Betrachtung 
des Einzelproblems zuzuwenden, wie es sich aus den Auf- 
zeichnungen der Beratungsstelle als typisch erwiesen hat. 

Sescuälstörungen in Ziffern. 

Über die Beratungsstelle selbst ist noch zu sagen, daß 
es eme verhältnismäßig junge Einrichtung ist. Sie wurde 
von der Schule Alfred Adler als erste dieser Art vor 
fünf Jahren eingerichtet, nachdem sich bei verschiedenen 
Anlässen der Bedarf danach gezeigt hatte. In der Öffent- 
lichkeit begegnete man damit zuerst einem starken Miß- 
trauen, sehr bald aber setzte doch ein größerer Zustrom ein 
und heute wird die Stelle ebenso selbstverständlich und ohne 
Scheu in Anspruch genommen, wie die vielen Erziehungs- 
beratungen der gleichen Schule. Leider wurde zu Beginn 
nicht richtig Protokoll geführt, so daß viel Material verloren- 
gegangen ist. Die regelmäßigen Aufzeichnungen stammen 
erst aus den letzten zwei Jahren und umfassen knapp 300 
Fälle. Die aus diesen Aufzeichnungen gewonnenen Ziffern 
zeigen, daß gewisse psychische Schwierigkeiten unabhängig 
von sozialen und wirtschaftlichen Unterschieden, unabhängig 









235 

auch von Alter und Geschlecht, überall vorkommen und den 
gleichen Gesetzen des Seelenlebens unterliegen. Auch das 
Niveau in der Intelligenz- und Bildungsstufe der Betroffenen 
macht dabei keinen Unterschied. Bei den schriftlichen An- 
fragen ist der Beruf von den Briefschreibern nicht immer 
angegeben; von 57 Fällen, wo er verzeichnet war, entfielen 
16 auf Beamte und Angestellte männlichen Geschlechts (12 
davon in sehr untergeordneter Stellung), 3 auf Frauen in 
Beamtenstellung. Aus freien Berufen waren 10 männliche, 
2 weibliche Anfragen, aus kaufmännischen Kreisen 8 Män- 
ner, 3 Frauen. Weiters fragten an: 8 Hausgehilfinnen, 
5 männliche manuelle Arbeiter und 2 männliche Arbeitslose. 
Die seelischen Schwierigkeiten waren überall die gleichen. 

57 Fälle mit Berufsangabe: 

weib- männ- 
lich lieh Insgesamt 

Untergeordnete Angestellte . . 3 16 19 

Freie Berufe . . 2 10 12 

Kaufmännische Kreise .... 3 8 11 

Hausgehilfinnen 8 — 8 

Manuelle Arbeiter — 5 5 

Arbeitslose • — 2 2 

Insgesamt 16 41 57 

An speziellen Ehe- und Sexualproblemen konnten be- 
stimmte immerwiederkehrende Klagen bei beiden Geschlech- 
tern und auch in allen Altersklassen gleichermaßen ver- 
zeichnet werden. Andere hingegen sind nach Alter und Ge- 
schlecht verschieden. Die Probleme sollen vorläufig nur auf- 
gezählt, ihre nähere Darstellung einer späteren Betrachtung 
vorbehalten bleiben. 

Bei den innerhalb beider Geschlechter vorkommenden 
Klagen ist wieder eine Unterscheidung in dem Sinn zu ver- 
merken, daß die gleichen Probleme manchmal von verschie- 
denen Gesichtspunkten her betrachtet, oder, besser gesagt, 
verschieden erlebt sind. So ist z. B. eine gänzlich verschie- 
dene Betrachtungsweise im Punkt von Untreue, Eifersucht, 
Homosexualität, unglücklicher Liebe nachweisbar, während 
andere Störungen, wie Onanie, erotische Vereinsamung, Ent- 



236 

Schlußunfähigkeit, seelisches und körperliches Unverstanden- 
sein, Widerstand der Eltern gegenüber der getroffenen Wahl, 
konfessionelle und Weltanschauungsunterschiede, Depressio- 
nen, die durch das Nachlassen der sexuellen Kräfte im Alter 
hervorgerufen werden und anderes mehr von beiden Ge- 
schlechtern gleich schwer und im selben Sinn empfunden 
wird. 

Anfragen über sogenannte unglückliche Liebe gibt es so- 
wohl von Männern als auch von Frauen, aber unter ganz 
verschiedenen Erscheinungsformen. Das gemeinsame liegt 
nur darin, daß der Ratsuchende einen geliebten Menschen 
nicht bekommen kann. Die Frauen geben in solchen Fällen 
immer ihrer Trauer um den Verlust eines Mannes, mit wel- 
chem sie schon verbunden gewesen, Ausdruck und verlan- 
gen Rat, wie sie ihn wieder gewinnen könnten. In den ersten 
6 Wochen der schriftlichen Beratung fragten 9 Frauen des- 
wegen an. Hingegen hatte ich in meiner ganzen Praxis nur 
eine einzige Anfrage von männlicher Seite, die davon han- 
delte, wie man eine Frau, die man verloren hat, zurück- 
gewinnen könne. Die Anfragen der Männer bei unglücklicher 
Liebe berichten hauptsächlich davon, daß sie eine Frau lieben, 
die sie mcht bekommen können und verlangen Anleitung, um 
ihre eigene Liebe zu bekämpfen. Von Seite der Frauen ist mir 
bisher kerne einzige solche Frage untergekommen. Die 
psychologische Untersuchung über alle diese Unterscheidun- 
gen soll hier nicht geführt werden, sondern erst bei der aus- 
führlichen Besprechung solcher Fälle. 

Bleiben noch jene Probleme, welche dem Geschlecht nach 
ganzlich verschieden sind, obwohl sie auf gleichen oder 
wesensähnlichen Ursachen beruhen. Das sind Frigidität von 
weiblicher und Impotenz von männlicher Seite, ferner die 
Frage der Virginität. 

Was das Alter der Anfragenden anbetrifft, so war die 
unterste Grenze bei Frauen 17, die oberste 52 Jahre und in 
beiden Fällen handelte es sich um einen verlorenen Freund. 
Von männlicher Seite war der jüngste Ratsuchende 17 Jahre, 
der älteste 57, beide klagten über Impotenz. Das am häufig- 
sten vorkommende Alter der Anfragenden ist 23 — 38 bei 
beiden Geschlechtern. 

Über die Verteüung, in welcher die verschiedenen Liebes- 
und Sexualstörungen auftreten, ist zu sagen, daß die Anzahl 



S 









237 

außerehelicher Schwierigkeiten und solcher innerhalb der 
Ehe ungefähr gleich ist. Auch die Verteilung zwischen den 
Geschlechtern ist dabei ungefähr halb zu halb. Innerhalb 
von sechs Monaten kamen folgende 168 Fälle an die Be- 
ratung: 48 außereheliche Schwierigkeiten, darunter 26 weib- 
liche und 22 männliche. 41 Fälle von Störungen innerhalb 
der Ehe, davon 15 weibliche und 26 männliche. 

Über erotische Vereinsamung auf Grund mangelnder An- 
schlußfähigkeit klagten 30 Ratsuchende, darunter 20 weib- 
liche und 10 männliche. 

20 Fälle von Onanie bei Erwachsenen kamen, darunter 
5 weibliche und 15 männliche. 

9 Fälle von Frigidität, 11 von Impotenz und 9 Fälle von 
Homosexualität, darunter 5 weibliche und 4 männliche. 

Innerhalb von sechs Monaten 168 Fälle, 

davon : 

weib- männ- 
lich lieh Insgesamt 

Außereheliche Schwierigkeiten . 26 22 48 

Störungen innerhalb der Ehe . . 15 26 41 

Erotische Vereinsamung ... 20 10 30 

Onanie bei Erwachsenen ... 5 15 20 

Frigidität 9 — » 

Impotenz . . ~z -4 -4 

Homosexualität ° * g 

Insgesamt 80 88 168 

Es sind als Fälle aus dem reinen Ehe- und Liebesgebiet 
solche angeführt, bei denen die Störungen sich in der eben 
bestehenden Liebes- oder Eheverbindung ergeben haben, 
während alle Fälle, in denen über Störungen im allgemeinen, 
ohne direkten Bezug auf eine bestimmte bestehende Be- 
ziehung geklagt wurde, separat in der zweiten Gruppe an- 
geführt erscheinen. . iL— - 

Häufig wiederkehrend ist auch eme Klage, die man, streng 
genommen, nicht als sexuelles Problem bezeichnen kann, die 
aber so eng damit verwoben ist, daß sie doch ihren Platz 
hier finden muß. Das ist die schwierige Frage des Ortes der 
Zusammenkünfte. Ich möchte im Zusammenhang mit dieser 



238 

Frage noch etwas anderes bemerken. Es wird in letzter Zeit 
so viel von der sexuellen Not der Jugend gesprochen, daß 
man schließlich meinen müßte, nur die Jugend befinde sich 
in dieser Not, erwachsene Menschen hingegen hätten über- 
haupt keine sexuellen Sorgen. Ich will die ungeheuren Schwie- 
rigkeiten, unter welchen die heranwachsende Generation 
innerhalb unserer Gesellschaft bei der Regelung ihres Sexual- 
lebens zu leiden, die Widerstände, mit denen sie zu kämpfen 
hat, gewiß nicht verkleinern. Wie könnte ich das auch, da 
ich sie an den Jugendlichenberatungen ständig mitansehe. 

Die meisten dieser Komplikationen sind auch wirklich 
fraglos spezifisch für die Zeit der Geschlechtsreife, aber 
manches davon gilt doch auch für Erwachsene und darunter 
besonders eines: Die Platzfrage, das Problem der Unter- 
kunft. Aus den an die Beratung gerichteten Briefen sprach 
diese Not von allen Altersklassen her. Es kamen sogar An- 
fragen aus Deutschland um Auskunft darüber, ob man sich 
in Österreich im Hotel polizeilich melden müsse und ob solche 
Meldungen wahrheitsgemäß sein müßten. Auch in den münd- 
lichen Beratungen hat man oft das Bild gehetzter Hasen vor 
sich, wenn Ratsuchende, und zwar aus allen Gesellschafts- 
schichten, von der Schwierigkeit berichten, innerhalb einer 
nicht legitimierten Beziehung auch nur für wenige Stunden 
allein und ungestört zu sein. Es ist dabei interessant, die 
verschiedene Einstellung der Frauen zu diesem Problem zu 
beobachten. Mit dem geliebten Mann möglichst ungestört 
Zusammensein wollen alle; während aber Frauen, die auch 
sonst selbständig sind, sich eifrig mitbemühen, eine solche 
Gelegenheit zu finden, erwarten die unselbständigen das vom 
Mann als eine nur ihn betreffende Angelegenheit, ja sie 
sparen dabei meist keineswegs mit Vorwürfen, wenn es ihm 
nicht glückt, die Sache befriedigend zu erledigen. 

Auch in diesem Punkt habe ich nie einen Unterschied 
der von verschiedenem Milieu, Intelligenzgrad oder verschieb 
dener Altersklasse herstammte, gefunden, die Unterscheidung 
lief durchaus nur in der Linie, ob es Frauen waren, die selbst 
für sich einzustehen wünschten oder nicht. 

Das wären so in groben Umrissen die häufigsten Pro- 
bleme, wegen welcher angefragt wird. Wir werden sie nun 
im Einzelnen betrachten, und zwar unter dem Gesichtspunkt, 
daß sie nach ihrer Erscheinungsform, nach deren 






239 

Ursachen und nach eventuellen Besserungsmög- 
lichkeiten durchgesprochen werden. Die letzteren wer- 
den zusammenfassend den Schluß des Buches bilden. Zum 
besseren Verständnis des Lesers soll auch der Gang, den eine 
solche Beratung nimmt, im Rahmen der einzelnen Probleme 
mitverarbeitet werden. 

Wenn im folgenden mehr von mißglückten als von glück- 
lichen Liebesbeziehungen die Rede sein wird, so kommt das 
keineswegs aus einer allzupessimistischen Weltanschauung. 
Ich bin im Gegenteü der erfahrungsgemäß erworbenen Mei- 
nung, daß sowohl eheliche wie außereheliche Liebesbeziehun- 
gen sehr schön sein können, wenn man sich richtig darum 
bemüht. Also es ist durchaus nicht Nihilismus, welcher das 
Bild düster färbt, sondern es ist der selbstverständliche 
Niederschlag der Tatsache, daß Menschen, die zufrieden und 
glücklich sind, uns gar nicht brauchen und nicht zu uns 
kommen. Auch der Prozentsatz jener, welche sich vorbeugend 
Anleitung holen, ist noch sehr klein (desto größer dafür 
unsere Freude, wenn unter geschulter Leitung Dummheiten 
und Schäden vermieden werden). Leider aber kommen die 
Anfragen meist erst dann, wenn der Schaden schon ge- 
schehen ist. Daher das nicht allzu rosige Bild, welches wir 
aus unserer Erfahrung entwerfen. Man muß davon aber auch 
nicht zu sehr erschreckt sein, denn der Zweck unseres Buches 
liegt ja eben darin, zu zeigen, wie Schäden sich wie- 
der gutmachen lassen und hauptsächlich in 
dem Hinweis auf ihre prophylaktische Ver- 
meidbarkeit. 

Wir wenden uns zuerst einer jener Störungen zu, welche 
bei beiden Geschlechtern anzutreffen sind, den erschüttern- 
den Berichten darüber, in welche Verzweiflung Menschen 
geraten, bei welchen die 

Gewohnheit des Onanierens 

bis über die Zeit der Geschlechtsreife hinaus eingewurzelt 
geblieben ist. Unsere Aufzeichnungen besagen, daß unter 
20 Anfragen 15 männliche und 5 weibliche Fälle von Onanie 
waren, aber das ist nicht eindeutig zu bewerten. Man be- 
kommt sehr oft von Frauen die Angabe, daß sie niemals ona- 
niert hätten und sie sagen das im besten Glauben, weil sie 



L 









240 



der Meinung sind, daß darunter ausschließlich die manuelle 
Beschäftigung am eigenen Genital verstanden würde. Diese 
Form ist tatsächlich bei Frauen seltener als bei Männern 
und daher kommt der auffällig kleine Prozentsatz weiblicher 
Angaben m dieser Frage. In Wirklichkeit ist die Beteiligung 
beim weiblichen Geschlecht kaum geringer, nur verläuft es 
dort eben meist unter, anderen Formen. 

Wird diese Gewohnheit über die Zeit der Geschlechtsreife 
behalten, dann fühlen sich solche Menschen ausgeschlossen 
aus der menschlichen Gemeinschaft, als Kranke, oft sogar 
als Verbrecher. Das kommt daher, daß die Onanie im Kindes- 
alter von unvernünftigen Eltern und Erziehern mit den här- 
testen Strafen und Drohungen verfolgt wurde. Die Eltern 
glauben damit ihr Bestes zu tun, denn auch sie sind ja in 
dieser Einschüchterung aufgewachsen, aber sie fügen den 

^?^™^^J ichw J ir * n Schaden zu. Viele begnügen sich 
nicht mit Verbot und Strafe, sondern versuchin es auch 

Apparaten, die niemals etwas nützen. Ich hatte einen 
15 tS m6mer ^^henberatung, wo ein Mädchen von 
15 Jahren von der Mutter als Maßregel eeeen zu große 
Sinnlichkeit, wie die Mutter betonte, de?Sach^n geschlot 
sene Hosen gesteckt wurde, die beim Genitaltrakt init Leder 
besetzt waren. Selbstverständlich wird auf diese Art nichts 
£2S2! rt > deM *e Onanie ist ja nur ein Anzeichen einer 
gestörten Grundeinstellung und kann nur mit dieser zugleich 
geändert werden. Wir hatten wiederholt solche Fälle, wo mit 
dem Betreffenden über dieses spezielle Übel kaum gespro- 
chen, sondern nur eine Aufdeckung der Leitlinie, die sein 
Leben beherrscht, durchgenommen wurde und mit der Um- 
stellung des Lebensplanes änderte sich auch diese Erschei- 
n .™S- Durch m * andern Maßregeln hingegen erhält eine an 
sich bedeutungslose, bei allen Kindern vorkommende Ge 
wohnheit weit über das in ihr begründete und berechtigte 
Maß hinaus Bedeutung und die dabei auftretenden Depres- 
sionen und Angstzustände sind nicht die Folge der Gewohn- 
heit selbst, sondern der Ausfluß eben jener Einschüchterun- 
gen. (In einem Brief Heinrich von Kleists findet sich eine 
Darstellung dieser Angst aus eigenem Erlebnis.) Bei den 
Mannern drückt sich das gewöhnlich in der Angst vor Im- 
potenz und in wirklichem Versagen aus, das die Betroffenen 



i 



XIX 







Edvard Mund»: Eifersucht 
Au8 Kurt Glaser: Edvard Mund., Verlag Bruno Cassirer, Berlin 



241 

neuerlich und oft dauernd zur Onanie zurücktreibt und von 
jedem weiteren Versuch abschreckt. Sie empfinden diesen 
Zustand als Krankheit und sogar als Schande und leiden sehr. 
Im Folgenden der Brief eines Zwanzigjährigen zu diesem 
Thema: 

Bitte, helfen Sie mir, falls Sie es können ... Ich 

bin ... bis auf das Übel, welches ich Ihnen weiter unten 
genauer beschreiben werde, vollkommen gesund. . . . Ich 
gehe nun zur Hauptsache über. Mit ungefähr 14 Jahren 
wurde ich von einem älteren Kollegen aufgeklärt und bald 
hatte ich mir in unglaublich kurzer Zeit durch Bücher 
ein respektables Wissen punkto Erotik angeeignet. Um 
diese Zeit hatte ich auch schon Pollutionen und bald dar- 
auf fing ich an, mich selbst zu befriedigen. Hiemit beginnt 
die ganze Misere. Ich glaubte, jeder Mensch müsse mir 
die Schande vom Gesicht ablesen. Ich betrieb etwas Sport, 
begann um vieles selbständiger zu werden; aber das Übel 
war einmal da. Ja, es kam so weit, daß ich es sogar 
Wochen hindurch täglich öfter tat. Mit 17 Jahren ging 
ich einmal zu einer Prostituierten. Entsetzt und angeekelt 
ließ ich mit mir alles geschehen. Später suchte ich hie 
und da Frauen auf, aber ein Ekelgefühl machte es mir 
unmöglich, diese Weiber zu besitzen. 

Heute habe ich ein nettes und temperamentvolles Mäd- 
chen als Kameradin. Aber auch diese habe ich infolge 
meiner Impotenz, obwohl sie sich an mich schmiegte und 
umarmte, nicht befriedigen können. Sie können sich vor- 
stellen, meine Herren, wie deprimierend das für mich da- 
mals war, als ich sah, daß ich auch das Weib, das mir 
in jeder Hinsicht sympatisch war, nicht besitzen konnte. 

So bleibt mir nichts anderes übrig, als bei meiner alten 
Gewohnheit zu bleiben, die ich mir ja doch nicht abge- 
wöhnen kann. ... ich habe mich sonst in allem schon her- 
ausgearbeitet, nur in dieser Angelegenheit habe ich einen 
umso größeren Mißerfolg zu verzeichnen. 

Wenn Sie glauben, mir raten zu können, bitte, tun Sie 
es recht ausführlich, ich danke Ihnen dafür bestens Ich 
würde für mein Leben gerne in dieser Hinsicht Klarheit 
haben . . ." 

Lazarsfcld. Wie die Frau den Mann erlebt. 16 



. 



242 

Getreu unserem Grundsatz, das männliche Erlebnis zu be- 
schreiben, aber möglichst nicht zu deuten, müssen wir uns 
mit diesem wenigen darüber begnügen und unsere ganze Auf- 
merksamkeit den Anfragen von Frauen zuwenden: 






Vereinsamung. 



„... Ich bin 21 Jahre alt und begann mit 15 Jahren . . . 
Die Folge ist, daß ich an furchtbarer Nervosität leide und 
vor allem bin ich durch die seelischen Depressionen zer- 
mürbt und mit dem Gedanken, dieser qualvollen Sache ein 
Ende zu bereiten durch den Tod, vertraut gemacht. Alle 
Männer, die ich kennen lernte, zeigten mir zu deutlich, 
daß sie nur meinen Körper suchen . . . Gerne wäre ich 
einem Manne eine traute verständnisvolle Freundin gewor- 
den, doch man ließ mir keine Zeit . . . Nun habe ich alle 
Hoffnung und Lebensfreude verloren!" 

Eine ganz ansehnliche Anzahl von Briefen hatte in frü- 
heren Fällen schon von der Absicht des Selbstmordes be- 
richtet. Wie verschieden dabei die Angaben über den augen- 
blicklichen Anlaß auch waren, immer war das ausschlagge- 
bende Motiv ein seelischer Horror vacui gewesen, die Angst 
vor einem leeren Leben. Wir durften darum auch hier ver- 
muten, daß die sexuelle Beschäftigung mit sich selbst nur 
das Symptom, der Grund aber eine allgemeine Vereinsamung 
sei. Wir antworteten in diesem Sinn und der nächste Brief 
lautete: 

„ . . . Für die freundliche Beantwortung meines Schrei- 
bens danke ich bestens, doch leider habe ich wenig Hoff- 
nung, aus diesen Depressionszuständen herauszukommen 
die Jahre, in denen ich schon unter der Sache gelitten] 
machten mich müde . . . Ansonsten habe ich keinen Grund' 
unglücklich zu sein. Bin in guter Stellung, also keine ma- 
teriellen Sorgen, auch genieße ich genügend Freiheit, doch 
weiß ich nichts damit anzufangen ... es fehlt mir jeder 
Anschluß. Dieses inhaltslose Leben ertrage ich nicht län- 
ger und es ist der Gedanke an den Tod mein einziger 
Trost . . ." 






Wir bekommen damit tatsächlich die Bestätigung für 
unsere Vermutung, die Schreiberin betont, daß sie eigentlich 






243 

keine Sorgen habe, aber mit ihrem Leben nichts anzufangen 
wisse, sie sagt wörtlich „dieses inhaltslose Leben ertrage ich 
nicht mehr". Da auch dieser Brief immer noch vom Tod als 
dem einzigen Trost spricht, ging es nun darum, die Ratsu- 
chende zu einem neuerlichen Versuch zu verlocken. Es ist 
wörtlich zu verstehen, daß man solche bedrückte Menschen 
wirklich dazu verführen muß, es mit dem Leben noch- 
mals zu versuchen. Wir versuchten es und hatten die Freude, 
als nächstes einen Brief zu erhalten, der so begann: 

„ . . . Vor allem möchte ich für die abermalige freund- 
liche Beantwortung meines Schreibens vielmals danken. 
Ich fühle mich bereits schon weniger ent- 
mutigtundblickefroher in die Zukunft..." 

Nun durften wir hoffen, die Anfragende dem Leben 
wiederzugewinnen. Der nächste Schritt mußte jetzt sein, ein 
dem Bildungs- und Interessenniveau entsprechendes Betäti- 
gunsgebiet zu finden, auf welchem wir der Ratsuchenden 
Gelegenheit zur Aufnahme der Gemeinschaft schaffen könn- 
ten, dann war das schlimmste überwunden. Wir leiteten das 
ein und wiederum acht Tage später sieht das Leben dieses 
Menschen, der mit sich und seinem Leben nichts anzufangen 
wußte, der keinen anderen Ausweg als den Tod kennt, so aus: 

„ . . . Für den so freundlichen Brief danke ich vielmals. 
Leider kann ich an dem Vortrag am . . . nicht teilnehmen, 
da ich morgen auf einen vierwöchentlichen Urlaub fahre. 
Bis ich wieder zurückkomme . . ." (Folgen Zukunftspläne.) 

Die Korrespondenz erstreckte sich knapp über vier Wo- 
chen. Was war in solch kurzer Zeit geschehen, das einen der- 
artigen Stimmungsumschwung hervorrufen konnte? 

Nichts — und doch eigentlich alles, das Entscheidende. 

Der Kontakt zum Nebenmenschen war 




., _ ._ g 

feften und gesund zu erhalten, zur Gemein- 
schaft. 

Aber bei weitem nicht alle Fälle entwickeln sich in so 
kurzer Zeit so geradlinig aufwärts und selbst bei den schon- 

16* 



244 

sten Besserungskurven muß man jederzeit mit einem Rück- 
fall rechnen, besonders weil gerade bei diesem Problem eine 
Nachwirkung zu befürchten bleibt. Die Frauen glauben sehr 
oft, daß man ihrem Körper die Spuren des Onanierens an- 
merken könnte. Bei manchen drückt sich das in der realen 
Erwägung aus, daß eine Deformation, eine Entstellung des 
Geschlechtstraktes davon zurückgeblieben sein könnte, die 
der Partner bei der sexuellen Vereinigung merken und wegen 
welcher er sie verachten könnte. Andere wieder haben ganz 
phantastische Vorstellungen, daß sie deswegen von künf- 
tigem Kindersegen ausgeschlossen seien oder daß sie gar ver- 
pflichtet wären, wegen ihrer alten Gewohnheit überhaupt auf 
normalen Geschlechtsverkehr zu verzichten. Nachfolgender 
Brief spricht von solchen Befürchtungen. 

Die Folgen der Onanie. 

„Durch einen unbezwinglichen Trieb war ich schon 
frühzeitig der Onanie verfallen und wurde von dieser erst 
im Alter von 23 Jahren geheut. Damals verbrachte ich 
meinen Urlaub in einem Erholungsheim, wo zwecks Fest- 
setzung, ob und wie lange eine Liegekur notwendig ist, 
eine ärztliche Visite vorgeschrieben war und obwohl ich 
derselben gar nicht bedurfte, mußte ich zum Arzt, der 
ohne Untersuchung mich überraschendster Weise fragte, 
,ob ich eine schlechte Gewohnheit habe'. Dies mußte ich 
zugeben und durch eine einmalige Behandlung in Form 
einer Massage war wie ein Wunder jedes Verlangen nach 
der Handlung, die ich im Grunde verabscheute, erloschen. 
Ich bin diesem Arzt sehr dankbar, obwohl er mir durch 
seinen Rat, falls ich einmal heiraten sollte, den Mann zu 
ihm zu schicken, eine Hemmung geschaffen hat, die mich 
den Kontakt zum anderen Geschlecht nicht finden ließ. 
Bitte, sagen Sie mir, ob ich auf ein Frauenleben im eigenen 
Famüienkreise verzichten werde müssen oder ob die Ju- 
gendverirrung keine Folgen hat, die einer Ehe schaden 
und bin ich wirklich bemüßigt, falls ich doch einmal einem 
Manne nähertreten sollte, ihn über die Vergangenheit auf- 
zuklären . . ." 

Die Schreiberin ist der Ansicht, daß der Arzt, welcher 
sie von der Gewohnheit des Onanierens befreite, durch seinen 



245 



Rat, ihren künftigen Gatten zu ihm zu schicken, andeuten 
wollte, daß doch irgendetwas mit ihr nicht in Ordnung sei 
und das schüchtert sie neuerlich ein. Da nur ihre Aussage 
vorliegt, läßt sich schwer beurteilen, was der Arzt damit ge- 
meint hat. Es wäre vermutlich besser gewesen, wenn der 
Arzt ihr auch den Grund zu diesem Rat gesagt hätte, damit 
nicht neue Angstvorstellungen und damit neue Hemmungen 
auftreten, wie es hier tatsächlich geschehen ist. Man darf 
vermuten, daß der Arzt nichts anderes wollte, als dem Gatten 
eine Anleitung für die sexuelle Einführung der Frau zu 
geben. Es ist eine Erfahrungstatsache, daß Frauen, die viel 
onaniert haben, später beim normalen Sexualverkehr oftmals 
empfindungslos sind, welche Störung aber behebbar ist. Über 
diese Frage wird beim Problem der Frigidität noch ausführ- 
lich zu sprechen sein. Es liegt dabei eine gewisse Analogie 
zum männlichen Onanisten vor. Beide Geschlechter kommen 
oft auf dem Weg der Angst vor den Folgen der Onanie zu 
sexueller Minderwertigkeit 

Um Mißverständnissen vorzubeugen, muß aber ausdrück- 
lich betont werden, daß sowohl Impotenz, wie sexuelle Un- 
empfindlichkeit der Frau durchaus nicht nur Onanie zur 
alleinigen Ursache hat und daß auch Onanie keineswegs 
immer zu Frigidität und Impotenz führen muß. Hier aber 
wurde eben gerade auf jene Fälle verwiesen die zeigen, wie 
auf Grund der durch Onanie entstandenen Unsicherheit und 
dem daraus erfolgenden Gefühl der Minderwertigkeit solche 
und ähnliche Störungen entstehen können. 

Ist man sich solcher Befürchtungen vor den Folgen der 
Onanie, wie vorstehend gezeigt wurde, bewußt, dann ist das 
immer noch der günstigere Fall. Verschließt sich hingegen 
das Bewußtsein dieser Einsicht, dann treten nervöse Störun- 
gen auf, welche, anscheinend auf ganz anderer Grundlage be- 
ruhend, doch nur dem Zweck dienen, einer Sexualbindung, 
der man sich nicht gewachsen glaubt, zu «*f*^v ^ 
möchte dazu folgenden Fall heranziehen, wo als Abwenr- 

mittel zur 

Flucht in die Krankheit 

gegriffen wurde. , ; i „ . 

Fräulein A., vor der Vermählung stehend, die sie aus 
äußeren Gründen wünscht, aus inneren ablehnt, was sie aber 



246 

nicht weiß, leidet unter gänzlich unmotivierten Angst- 
zuständen, die sich je nach An- oder Abwesenheit des Bräuti- 
gams und je nach Festsetzung des Hochzeitstermins oder 
dessen Verschiebung steigern oder mildern. Das erste Er- 
lebnis, das die Beratung ihr vermittelt, ist die Erkenntnis 
dieses Zusammenhanges, von welchem sie keine Ahnung ge- 
habt hatte, der ihr aber sehr schnell einleuchtete. Es war für 
sie eine wahre Offenbarung, als sie begriff, daß ihr unver- 
ständliches Erkranken, immer gerade dann, wenn der Hoch- 
zeitstermm heranrückte, kein Zufall, sondern in engem Zu- 
sammenhang mit diesem Termin war. 

Wir wollen hier für alle weiteren Gelegenheiten recht 
nachdrücklich daran erinnern, daß es überhaupt gar keine 
Zufälle gibt. Was man gewohnt ist dafür zu halten, ist immer 
der Ausdruck eines viel tiefer liegenden und uns selbst oft 
nicht einmal bekannten Zusammenhanges, so daß man wirk- 
lich sagen darf, es gibt keine Zufälle, sondern 
nur Symptome. Ein solches sehr begründetes Symptom 
waren auch diese scheinbar unmotivierten Erkrankungen. 

Nun hieß es, die Gründe dafür finden. Dazu mußten wir 
die Kindheitserinnerungen heranziehen. Sie ergaben, daß die 
junge Dame em sogenanntes „Bubenmädl" gewesen war, 
wild, strahlend gesund, dem kränklichen Bruder 
gegenüber von der vergötterten Mutter zu- 
f V f ?^.. gesetzt ' wor unter sie sehr litt. In diesem Stadium 
tritt für den Psychologen die Vermutung auf, daß sie in der 
Kindheit schon Krankheit für einen Vorteil anzusehen ge- 
lernt hatte. Erinnerungen darüber fehlten aber gänzlich, so 
oau man diese Vermutung fast schon fallen lassen mußte. 
Da taucht unvermutet eine Erinnerung auf, daß in frühester 
Kindheit schon die Puppen immer zuerst zerbrochen und 
dann mit ausdauernder Sorgfalt „gepflegt" wurden. Sie ver- 
setzte schon als Kind also ihre Puppen in den ihrer Gefühls- 
erfahrung nach für jene wünschenswertesten Zustand, in die 
Erkrankung, wir dürfen in dieser Richtung weiter suchen. 
Und von jetzt an bekommen wir Material in Fülle: Ein Be- 
such bei einer Freundin, mit welcher der Umgang verboten 
war, wurde, als er zur Kenntnis der Eltern gelangte, durch 
hohes Fieber, für das man keine Ursache finden kann, straf- 
los gemacht. Beim Tod eines Verwandten, der ihrer Angabe 



247 



nach der einzige war, der zu ihr hielt, treten zum erstenmal 
die Angstzustände auf, die Familie muß also die Funktion 
des Toten übernehmen und zu ihr halten, sich mit ihr _ be- 
schäftigen. Diese Situation läßt sich nun ziemlich regelmäßig 
vor allen Schwierigkeiten nachweisen, bis sie in einem Ner- 
venzusammenbruch unmittelbar nach der Verlobung gipfelt. 
Die Hochzeit wird, wie schon erwähnt, dieser Schwierig- 
keiten halber immer wieder verzögert, der Angstzustand aber 

was bei solchem Training nicht verwunderlich — auch 

schon bei kleinsten Anlässen produziert. 

Soweit war die Situation geklärt. Das Mädchen hatte sich 
mit ihren Zuständen eine Sicherung vor der Ehe zu schaffen 
verstanden. Offen blieb die Frage, was sie zu verbergen 
wünschte, das bei einer Eheschließung zum Vorschein kom- 
men könnte? 

Das Nächstliegende war, in der Richtung der körperlichen 
Minderwertigkeit zu suchen, die so oft der Grund zu solchen 
nervösen Störungen ist. Aber da war nichts zu finden. Das 
Mädchen war ungewöhnlich hübsch und gut gewachsen, alle 
Organe vollkommen gesund. Im späteren Verlauf kam der 
Grund zu Tage, es zeigte sich, daß die kindliche Gewohnheit 
des Onanierens bis jetzt nicht aufgegeben worden und daß 
die iunge Dame voll Sorge war, bei der sexuellen Vereinigung 
würde eine Verunstaltung, welche sie glaubte sich dadurch 
zugezogen zu haben, zur Kenntnis des Mannes gelangen. Es 
glückte die Ratsuchende ein gutes Stück Wegs zur Besse- 
SSfS führet das Training auf Krankheit verschwand Wie 
der Fall endete, ist nicht bekannt, da die Beratung aus 
äußeren Gründen nicht zu Ende geführt werden konnte. 

Wir sehen in dem Fall der ersten Frau, daß das bewußte 
Eingeständnis, ob ein sexuelles Leben für sie erreichbar sei, 
sie den geraden Weg zu einer Aufklärung und damit «£«£ 
lastung hat finden lassen, denn es lag . naturhc ^ m ^ n ^ r 
mindeste Grund zu einem Verzicht auf ein normales FVauen- 
leben vor. Im anderen Fall, wo die Ratsuchende den Mut zu 
dielem E ngeständnis vor sich selbst nicht hatte wurde sie 
dadurch An krassen und sehr gefährlichen Umweg ; der 
Flucht in durch Krankheit begründete Unverantwortlichkeit 
getrieben. 

Es konnte schon eingangs gezeigt werden, wie schwer zu 



248 

tragen und wie schädlich es ist, die Verantwortung für sein 
Tun und Lassen abzulehnen und auf außerpersönliche Fak- 
toren abzuschieben. In der ganzen großen Flora, welche auf 
dem fauligen Boden des Minderwertigkeitsgefühls gedeiht, 
ist dies die giftigste und gefährlichste Blüte. 

Nun soll ein Fall als Beispiel dafür dienen, wie sich das 
im Geschlechtsleben durch das 

Schwanken zwischen zwei Liebesbeziehungen 

ausdrücken kann. Diese Störung findet sich gleichfalls bei 
beiden Geschlechtern gleichermaßen. Wir hatten Briefe von 
männlichen Ratsuchenden, welche ganz die gleichen Symp- 
tome zeigen, wie sie der nachfolgende Fall einer Frau nun 
vermitteln soll. Sie berichten alle von irgend einer Schwie- 
rigkeit, die sich daraus ergibt, daß sie mit ihren Ge- 
fühlen zwischen zwei Liebesobjekten ste- 
hen und sich für keines von beiden eindeutig 
entscheiden können. Wie verschieden die Formen 
sonst auch sein mögen, in denen sich das abspielt, eines ist 
überall das Gleiche: Die Betreffenden glauben, an ihren 
Schwierigkeiten gänzlich unschuldig zu sein und halten ihr 
Geschick lediglich für ein Zusammentreffen widriger Um- 
stände, wofür sie keineswegs verantwortlich gemacht werden 
konnten. Sie sind weltenfern von der Einsicht, daß dies voll- 
kommen falsch ist und daß ihr Mißgeschick durchaus 
nicht von außen kommt, sondern der Ausfluß ihres 
tiefsten Wesens ist, die Folge einer Ent- 
schlußunfähigkeit, die sich dann allemal 
auch außerhalb des Sexuallebens, in allen an- 
deren Lebensfragen gleichf alls ausspricht. Solche Menschen 
können sich auch auf anderen Gebieten nicht leicht zu etwas 
entschließen, sie flüchten lieber in ein passives Gehenlassen 
und sind der Meinung, sich vor allen Konsequenzen eines 
Entschlusses zu schützen, dadurch, daß sie überhaupt keinen 
fassen. Sie übersehen dabei nur eines, daßnämlichder 
Entschluß zur Unentschlossenheit auch 
eine Wahl bedeutet, die ihre Konsequenzen 
n a t und die Erfahrung lehrt, daßdieseKonsequen- 
zen die allerhärtesten sind und daß man damit 
die allerschlechteste Wahl getroffen hat. Dieser Weg wird 



249 

auch immer nur von solchen Menschen beschritten, die so 
sehr an sich selbst zweifeln, daß sie von vornherein schon 
irgendwie überzeugt sind, was immer sie wählten, werde das 
Unrichtige sein und die darum alle Entscheidungen lieber 
von einem anderen Menschen oder vom Zufall treffen lassen. 
Die schwierigsten Liebes- und Ehepartner rekrutieren sich 
aus diesem Schlag Menschen. Und nun der Brief, welcher so 
einen Fall berichtet; ein ungefähres Schema vom Gang einer 
Beratung schließt daran an. 

„ . . . Ich war zehn Jahre verheiratet, mit dem einzigen 
Mann, den ich bis dahin geliebt hatte. Durch fortgesetzte 
Kränkungen von seiner Seite verlor ich endlich die große 
Liebe für ihn. Da lernte ich einen anderen Mann kennen. 
Lange kämpfte ich mit meinen Gefühlen, aber der Um- 
stand, daß sich mein Mann mir mehr und mehr unange- 
nehm machte, ließ mich von dem anderen Menschen nicht 
loskommen. Unser Verkehr blieb immer rein gesell- 
schaftlich, trotzdem ich eine tiefe Neigung zu ihm gefaßt 
hatte. Ich schwankte lange in meinem Entschluß. Da 
fühlte ich mich plötzlich körperlich krank. Ich wollte nie- 
mandem zur Last fallen und vermied vorerst eine An- 
näherung. Spätere Versuche dazu scheiterten aber nun 
von Seiten meines Freundes. Ich war lange Zeit darüber 
tief unglücklich. Heute habe ich meine Ruhe halbwegs 
zurückgefunden, aber der Schmerz, einen sehr lieben teu- 
ren Menschen verloren zu haben, bohrt in mir weiter und 
schädigt mich insofern, als ich in mir selbst nach Ursache 
und Schuld forsche. Da ich mich sehr schwer anschließen 
kann und andererseits sehr hohe Anforderungen bezüglich 
Übereinstimmung in Liebe und Freundschaft stelle, glaube 
ich mein Glück für immer entschwunden. Einen Rat kann 
ich nur durch Ihr sehr geschätztes Blatt oder durch eine 
schriftliche Beratung erhalten, persönlicher Kontakt bleibt 
ausgeschlossen." 

Der Brief ist typisch für manche Erfahrung, die wir in 
den Beratungsstunden immer wieder machen. Vor allem 
dafür, daß die Ratsuchenden selbst schon in ihrer Anfrage 
außerordentlich viel über die Gründe ihrer Schwierigkeiten 
aussagen und daß sie nur nicht imstande sind, die Zusammen- 



250 

hänge von Ursache und Wirkung zu erkennen, ja daß sie oft 
den Grund für die Folgen halten und umgekehrt im bereits 
sichtbar gewordenen Symptom die Ursache erblicken. 

Folgen wir einmal dem Gang einer solchen Beratung und 
sehen wir uns näher an, was die Schreiberin berichtet. Wir 
finden ein Schwanken zwischen zwei Gefühlen, Entschluß- 
unfähigkeit, Flucht in eine körperliche Erkrankung, die da- 
vor schützen soll, eine Wahl treffen zu müssen. All dies mit 
Erfolg durchgeführt, denn nachher will der Freund nicht 
mehr mittun, und damit ist das ersehnte Ziel, keine eigene 
Entscheidung treffen zu müssen, der eigenen Verantwortung 
enthoben zu sein, erreicht. Weiterhin finden wir Herab- 
setzungstendenz gegenüber der Umgebung, allzu hochge- 
spannte Forderungen an die anderen, vermutlich unbewußt 
eben zu dem Zweck so hoch gespannt, damit sie von diesen 
nicht erreicht werden können. Diese Anfragende ist ziemlich 
vorgeschritten auf dem Weg der Erkenntnis, sie sucht, wie 

8*Ä3?rfr lrnmerh T sc . hon *** sich **■* „Ursache und 
Schuld Das ist sehr viel, denn die meisten ahnen nicht 

SSÄS*** von , .Elchen Zusammenhängen, halten ihr Un- 
g ' £ *^ u einen Müden Zufall, der gerade sie betroffen. 

Deshalb ist es die erste Aufgabe des Beratungsleiters, 
dem Anfragenden die 

Erkenntnis der Zusammenhänge 

zu vermitteln. Er muß dies äußerst behutsam tun, darf nie 
den Verdacht erwecken, als ob er im Verhalten des Betrof- 
fenen ein Schuldmoment erblickte, damit würde er das ge- 
naue Gegenteil erzielen von dem, was er anstrebt. 

Denn alle die Ratsuchenden leiden ja, wie schon ange- 
führt, unter dem Gefühl einer Minderwertigkeit gegenüber 
der Lösung ihrer Lebensaufgaben; würden sie nun, da sie 
endlich den Mut zur Anrufung eines Helfers aufbringen, neu- 
erlich gedrückt, dann hätten sie davon großen seelischen 
Schaden. Wir müssen darum alles hintanhalten, was ihr Per- 
sönlichkeitsgefühl herabsetzen könnte und müssen Wege und 
Mittel suchen, um ihr beschädigtes Selbstvertrauen zu stützen 
und zu heilen. Rein sachlich, dem jeweiligen Verständnis ange- 
paßt, müssen wir ihnen zuerst die allgemeingiltige 
seelische Gesetzmäßigkeit ihres Zustandes klar 



251 

machen und das Erlebnis dieser Klärung birgt oft schon eine 
große Erleichterung in sich. Der Ratsuchende fühlt sich 
nicht mehr allein, als Einzelner, außerhalb der Welt der 
Glücklichen stehend, sondern er ist ihr wieder verbunden, er 
sieht andere dem gleichen Ungemach ausgesetzt, sieht sie 
den Weg der Besserung finden, sieht ihn auch für sich 
wieder offen, der Kontakt ist hergestellt. 

In Fällen wie dem vorgeschilderten ist der erste Ansatz 
dazu schon da und das erleichtert dem Beratungsleiter die 
Arbeit wesentlich, er kann rascher zur Vorbereitung des 
nächsten Schrittes übergehen, zur 

Beivußtmachung des Lebensplanes. 

Art und Auswirkung des Lebensplanes, der unbewußten Leit- 
linie, wurde bereits ausgeführt. Hier, bei der praktischen 
Handhabung, ist es nötig, darauf zu verweisen, daß die be- 
wußte Erkenntnis des eigenen Seelenzustandes der heikelste 
Teil der seelischen Beratung ist. So wie der richtige Erzieher 
vom Kinde nicht mehr fordert als das, wozu er es angeleitet 
hat und wofür er es schon genügend vorbereitet weiß, so muß 
auch der Seelenberater vorgehen. Er muß sehr, sehr wachsam 
kontrollieren, ob der Ratsuchende schon fähig ist, Einsicht 
in den eigenen seelischen Mechanismus zu bekommen. Man 
muß immer bedenken, daß die Menschen sich bewußt und 
unbewußt oft gegen die Erkenntnis des eigenen Zustandes 
sträuben, weü sie nach aufgenommener Einsicht ihr eigent- 
liches Ziel, nämlich seelisch auf Kosten der anderen zu leben, 
nicht mehr mit scheinbar gutem Gewissen festhalten 
könnten. Ist man aber unsicher, dann gibt man nur ungern 
eine alte, wenn auch wenig zweckmäßige Sicherungsmethode 
auf, solange man die Vorteile der neuen noch nicht erprobt 
hat. Darum muß der Beratungsleiter jede Gelegenheit 
suchen, den Ratsuchenden einen Vorteil der 
neuen Art erleben zu lassen. Ist ihm das gegluckt, 
dann geht es schon leichter. Der erlebte Erfolg, und sei er 
auch noch so klein, stärkt das Selbstvertrauen, macht mu- 
tiger und dadurch bereiter zur Aufnahme des nächsten 
Stückes Erkenntnis. So tritt dadurch eine sehr wohltätige 
Wechselwirkung ein und man kommt über den kritischen 
Punkt ohne Schaden hinweg, während man bei unvorsichti- 



252 

gern Vorgehen schweren, oft nicht wieder gutzumachenden 
Schaden anrichten kann. 

Wir sagten früher, daß unsere Briefschreiberin schon so 
weit war, die Ursache ihrer Störungen bei sich selbst zu 
suchen. Einen Schritt weiter aber setzt schon die Verwirrung 
ein, denn beim entscheidenden Punkt verwechselte sie, wie 
wir vermuten dürfen, Ursache und Wirkung. Sie schreibt: 
„Der Umstand, daß sich mein Mann mir mehr und mehr un- 
angenehm machte, ließ mich von dem anderen Menschen 
nicht loskommen." Wiederholte Erfahrungen erlauben uns zu 
untersuchen, ob der Fall nicht vielmehr umgekehrt liegen 
könnte. Vielleicht braucht siedas unangeneh- 
me Wesen des Gatten als Entschuldigung 
für ihre Neigung zu dem anderen? Sie ist ja 
angstlich, entmutigt, nicht fähig zu eigenem Entschluß. Viel- 
leicht muß der Mann als so unerträglich empfunden werden, 
daß es ihr gutes Recht wird, sich von ihm zu lösen? 

Das würde wieder in ihre alte Leitlinie, die Flucht vor der 
Verantwortung passen, sie ist ja immer bemüht, sie dem an- 
deren zuzuschieben; sich selbst dazu zu bekennen, scheint sie 
noch mcht imstande. Hätten wir ihr diese Vermutung gleich 
auf den Kopf zugesagt, dann hätte sie es entweder abgelehnt, 
es einfach nicht geglaubt, oder sie hätte es eingesehen und 
dann wäre daraus eine neuerliche Belastung für sie entstan- 
den der sie in diesem Stadium noch nicht gewachsen ist. Sie 
mußte erst dafür vorbereitet werden. 

Diese Vorbereitung aber hat in jedem einzelnen Fall in- 
dividuell zu geschehen und dazu ist es nötig, den Weg syste- 
£SS C li n0Chmals aufzur <>llen, den der Ratsuchende in seiner 
ff? 6 » Spangen ist. Es wäre gänzlich verfehlt, von 
einem Fall automatisch auf einen anderen zu schließen, 

«f««V ? P ann einzi g und allein nur aus 
seinen eigenen Bedingungen heraus ver- 
standen werden. 

Mut zur UnvollJcommenheit. 

So hatten wir z. B. einen Fall, der mit dem eben behan- 
delten eine gewisse Ähnlichkeit hat. Es war gleichfalls eine 
Frau, die zwischen zwei Männern stand und sich für keinen 
entscheiden konnte, d. h. sie wollte keinen von beiden auf- 



253 

geben. Gemeinsam war auch, daß sie von einem bestimmten 
Zeitpunkt angefangen bei ihrem Mann plötzlich als uner- 
träglich empfand, was sie vorher recht und schlecht ertragen 
hatte, und zwar auch gerade zur Zeit, als sie begonnen hatte, 
sich einem andern Mann zuzuwenden. Ihre Ehe war von 
beiden Seiten aus Liebe geschlossen worden, trotzdem ver- 
lief sie nicht so, wie die Beiden es erwartet hatten. Der 
Mann war nämlich, wie er gleich zu Beginn seiner Ehe 
der Frau erklärte, der Ansicht, daß eine Frau die ausschließ- 
liche Aufgabe habe, ihrem Manne das Leben zu erheitern und 
vergnüglicher zu gestalten. Wie sie das mache, ob durch see- 
lisches Verständnis, durch Tanzen oder durch zur richtigen 
Zeit Schweigen, das herauszufinden sei ihre Sache. Die Frau, 
die ihren Mann sehr liebte, nahm das zur unbedingten Richt- 
schnur. Da ihr Sport, das Gebiet, das er am meisten schätzte, 
verschlossen war, versuchte sie diesen Mangel durch Vervoll- 
kommnung in allen anderen Dingen wettzumachen. Sie ge- 
stattete sich keinerlei geistige oder körperliche Nachlässig- 
keit, war dem Manne gegenüber immer in den Sielen, kurz, 
sie suchte aus sich ein Muster der Vollkommenheit, wie sie 
meinte, daß er es wünsche, zu machen. (Daß sie damit 
keineswegs immer gerade das traf, was für ihn das Richtige 
gewesen wäre, ist selbstverständlich, gehört aber in ein an- 
deres Fach.) So ging die Ehe recht und schlecht, bis die 
Frau ihrer Angabe zufolge, Weltanschauungen kennen lernte, 
welche sie an der Selbstverständlichkeit der ihr zugewiesenen 
Position zweifeln ließen. Sie begann in der unbedingten Ge- 
folgschaft ihrem Manne gegenüber wankend zu werden. 

In diese Zeit fiel eine Untreue des Ehemannes, die der 
Frau jeden Halt raubte. Es war nicht die erste, von der sie 
erfuhr, aber keine andere vorher hatte sie jemals so voll- 
ständig aus dem körperlichen und seelischen Gleichgewicht 
gebracht. Sie verfiel in eine schwere Depression und konnte 
auf keine Art Besserung finden. 

In diesem Stadium und mit diesem Bericht kam sie also 
an unsere Beratung. Nach wenigen Stunden kam heraus, daß 
der Bericht sehr unvollkommen und lügenhaft gewesen. Das 
ist bei Ratsuchenden sehr häufig der Fall, schadet aber 
weiter nicht viel, denn daß ein bißchen gemogelt wird — 
teils bewußt, teüs unbewußt — , das darf man ruhig immer 



254 



voraussetzen und die Art der Lüge gibt dem geschulten Be- 
rater ja auch wichtige Fingerzeige für das Wesen des Rat- 
suchenden. Es war also für uns weiter nicht aufregend, als 
sich nach einigem Befragen herausstellte, daß hinter der neu- 
erworbenen Weltanschauung ein neuer Mann steckte. Das 
hatten wir sogar vermutet, getreu dem lebensklugen Aus- 
spruch Peter Altenbergs: „Wenn eine Frau von Astronomie 
spricht, dann meint sie den Assistenten der Sternwarte." Das 
soll keineswegs eine Herabsetzung der Frauen bedeuten, son- 
dern tragt nur der Tatsache Rechnung, daß die Frauen so 
lange auf Grund ihrer Erziehung kaum einen anderen Weg zu 
geistigen Interessen hatten, als den Umweg über den Mann 
Wir waren darum gar nicht erstaunt, die neue Interessen- 
richtung durch einen Freund vertreten zu sehen, an dem sie 
SÄ SS52 Bewunderung hing. Viel erstaunlicher und eigent- 
lich unbegreiflich war hingegen, daß sie, die über so viele 
frühere Untreuen des Mannes ohne besonderen Chok Weg- 
gekommen war, sich gerade jetzt, wo sie selbst em7n FrS 
hatte absolut nicht damit abfinden konnte. Man hätte S 
eigentlich das Umgekehrte erwarten sollen. 

J^¥&SS& S^^SS** im « vorlie ^den Fall ein zweites 
Ä^Ä d 5 te ^ PrpWem auf ' me Ta tsache, daß Eifersucht 
S%Ä ^ man 5° gern S laubt ' ein Sympton beson- 
SS i? '?' W i r Werden später mehr davon hören, für 
«1^t!!LT ? rauf v f rwiesen » d ^ Eifersucht ganz anderen 
&Lä?SSSß^ a, *F fi * daß sie » t* 11 ™ möglichen 
2SS5fiift?^JE? Und 0ft dazu dient - S anz an dere als 
sleUt Ifr^f J U V S5S ten ' Die Ziele « in dere » Die ^st sie ge- 

^iSSSÜSSSS?^ In diesem FaI1 z - R soUte sie > * ie 

SSÄSfS^^ Ratsuchenden die, 

SEtSS d twas -W^WäÄ 

Sa mit ihrä wf r Ue ? Freund inni S er angeschlossen, als 
braucht; p ff ^ e !, de 5 eigenen VoUkommenhlit vertrug und 
SSShSf TS Entlastu *g dafür. Es sollte begreiflich er- 

££& *£ ln der Treue zum Gatten schwankte, sie 

oraucnte einen Grund, der ihr das erlaubte. Dieser Grund 
war nun gefunden, jeder mußte verstehen, daß man einen 
Mann, der emem solches Leid angetan, nicht mehr so hoch 
stellen könne wie vorher, daß man dann aber auch berechtigt 



i 



L 



255 



war, sich jemandem andern anzuschließen. Deshalb mußte 
der Schmerz so überdimensional groß sein. Das darf aber 
gewiß nicht so verstanden werden, als ob die Frau Komödie 
gespielt hätte, im Gegenteil, ihre Verzweiflung war nur allzu 
echt, denn das Ziel, sich berechtigterweise ihrem Freund zu- 
wenden zu dürfen, ließ sie das ihr angetane Unrecht wirk- 
lich so schwer empfinden, daß es als Entlastungsmoment 
vor sich selbst und vor anderen ausreichen konnte. Sie hatte 
eben niemals gelernt, die Verantwortung für ihr Tun selbst 
zu tragen. Als Spätling nach schon erwachsenen Geschwi- 
stern zur Welt gekommen, immer behütet und umsorgt, hatte 
sie gar keine Möglichkeit zu einem Training der Auseinander- 
setzung mit den Schwierigkeiten des Lebens gehabt. 

Sie war von klein an ein ruhiges, fügsames Kind gewesen; 
Trotz und Gewaltsamkeiten hatte sie nie gekannt, heftigen 
Lebensäußerungen gegenüber immer ein fast körperliches 
Mißbehagen empfunden, stieß sie auf Widerstände, hatte sie 
sich stets gefügt. Keine Kämpfernatur. Ihren heißen Wunsch, 
sich ihrer Kunst zu widmen, hatte sie aufgegeben, weil sich 
das nach Ansicht ihrer Umgebung „nicht schickte". So war 
ihr ziemlich bedeutendes Maltalent im Sand des Dilettantis- 
mus verlaufen. 

Eine einzige Sache hatte sie durchgesetzt, ihre Ehe- 
schließung. Sie hatte ihren Mann gegen den heftigen Wider- 
stand ihres Vaters geheiratet, nach langer, muhseliger 
Wartezeit. Aber auch das hatte sie mcht erkämpft sondern 
eben ausgewartet, denn ihre innerste Natur strebte nach 
Harmonie und nicht nach Kampf. Die Zustimmung und An- 
erkennung ihrer Umgebung zu erreichen, schien ihr das 

liebste Ziel. 

Im Laufe ihrer Ehe hatte sich ihr Wesen ungünstig ver- 
ändert. Sie war wohl auch früher niemals so richtig froh 
gewesen aber doch zufrieden, während sie seit ihrer ver- 

BZSSmSE* ständige Unruhe JWf^^ÄÄS 
gällte und sie mit tiefer Unzufriedenheit sich selbst und der 
Welt eeeenüber erfüllte. Sie malte niemals mehr, hatte gar 
ttvSSSm Freunde, schlich matt und M^m*« 
Wohnung herum. Eine kleine Erkaltung war der gerne auf - 
gegriffene Anlaß, um sich ins Bett zu ta^«?J£?«** 
mehr zu tun. Der herbeigeholte Arzt konstatierte emen alten 






256 

Lungenspitzenkatarrh, der möglicherweise anläßlich der Er- 
kältung wieder in Aktion treten könne, sprach aber viel ein- 
dringlicher über ihre seelische Verfassung mit ihr und 
empfahl ihr dringendst, einen Nervenarzt aufzusuchen oder 
sich einer psychologischen Beratung anzuvertrauen. Auf 
ihren Einwand, daß sie niemals zu irgendjemandem über 
ihre persönlichen Erlebnisse habe sprechen können, sondern 
immer alles in sich verschlossen habe, meinte er, daß diese 
Tatsache allein genüge, um seinen Rat einer psychischen 
Behandlung zu rechtfertigen. In diesem Stadium kam sie an 
die Beratung. Es war bald zu merken, daß das Milieu, in 
welchem sie aufgewachsen, durch seine Treibhausatmosphäre 
nur zwecklose Triebe gezüchtet, hingegen nichts Wider- 
standsfähiges in ihrer Seele geweckt hatte. Von ihrem Mann 
hatte sie ihre geistige und seelische Entwicklung erwartet 
und gerade er hatte sie durch seine Paschaeinstellung noch 
tiefer gedrückt und in seelische Abhängigkeit gedrängt. Als 
sie nun in dem andern Mann fand, was sie beim ersten ver- 
mißt, war es ihr unmöglich, zu einem Entschluß zu gelangen; 
sie flüchtete darum in Krankheit und Depression so lange, 
bis sie, ohne ihrem Nimbus etwas zu vergeben, von ihrem 
Gatten abrücken konnte, dem sie natürlich sein Versagen 
gegenüber ihrer persönlichen Entwicklung sehr verübelte. 

So gelangte sie dazu, vor Eifersucht krank zu werden. 
Die Einsicht in die Zusammenhänge, die überraschend schnell 
gelang, verhalf ihr nicht nur zur Genesung, sondern darüber 
hinaus zur Wiederaufnahme ihrer künstlerischen Tätigkeit. 
Sie hatte Erfolg und die Freude an der eigenen Arbeit läßt 
sie heute Mann sowohl wie Freund als sehr schätzenswerte 
Bestandteile ihres Lebens empfinden, aber keineswegs mehr 
als dessen alleinausschlaggebenden Faktor. Vor allem aber 
hat sie gelernt, selbst für sich einzustehen, unabhängig von 
der Laune ihrer Umgebung, auch mal eine Schwäche an sich 
zu ertragen und darauf zu verzichten, in allen Dingen als 
Musterbild zu gelten. 

Hatten wir hier ein Beispiel dafür, wie Eifersucht dazu 
dienen mußte, Verantwortung abzuschieben, so muß gesagt 
werden, daß sie auch noch zu vielen anderen Zwecken ver- 
wendet werden kann, wie das Folgende zeigen wird. Um Miß- 
verständnisse zu vermeiden, soll nur noch etwas Prinzipielles 
dazu gesagt sein. 






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Felicien Rops: Die Dame mit dem Hampelmann 
Au* Rudolf Klein: Fclicien Hops, Verlng Veldl, Amsterdam 



257 



Eifersucht. 



Wenn hier von Eifersucht die Rede ist, dann ist damit 
nicht der sehr begreifliche Schmerz um den Verlust eines 
geliebten Menschen gemeint, der sich von uns ab- und je- 
mandem anderen zuwendet. Gerade dieses Leid, wenn es 
wirklich empfunden und echt ist, hält sich in bescheidenen 
Formen und verläuft meist, ohne daß der Partner davon all- 
zusehr mitbetroffen würde. Ganz im Gegensatz dazu spielen 
sich hingegen jene Fälle ab, wo Eifersucht als Mittel zum 
Zweck benützt wird. 

Man ist gewöhnt, Eifersucht als Ausfluß allzugroßer Liebe 
anzusehen und sie unter diesem Gesichtspunkt als begreiflich 
oder gar berechtigt gelten zu lassen. Sieht man aber etwas 
näher zu, dann merkt man bald, daß es gerade umgekehrt 
ist, ja, man kann fast sagen, daß Eifersucht immer der 
direkte Gegenpol der Liebe ist, immer nur der Sorge um die 
eigene Person entspringt und niemals dem Gefühl für den 
anderen. Praktische Beispiele werden das am besten illu- 
strieren und zeigen, daß sich bei jedem eifersüchtigen 
Menschen nachweisen läßt, wie er damit egoistische Ziele 
verfolgt. Egoismus aber ist das genaue Gegenteil von Liebe. 

Das Verhalten kann dabei sehr verschieden sein. In man- 
chen Fällen ist es darauf gerichtet, den Gegenstand, der die 
Gefühle des geliebten Menschen von uns abzuziehen droht, 
zu entfernen oder sonst irgendwie unschädlich zu machen. 
Sehr oft aber kann man sehen, daß ein anderes Ziel vor- 
herrscht, da will man gar nicht, daß der Nebenbuhler ver- 
schwindet. Er soll im Gegenteil vorhanden bleiben, um Zeuge 
zu sein, wie über ihn triumphiert wird. 

Am häufigsten dient die Eifersucht dazu, die nackteste 
Herrschsucht zu maskieren, und zwar ohne Unterschied des 
Alters und des Geschlechts. So schreibt ein Mann über seine 
Braut : 

„ . . . Ich habe sie sehr lieb, ich glaube, lieber als sie 
mich. Ich bin schrecklich eifersüchtig, ohne einen eigent- 
lichen Grund dazu zu haben, sogar auf Mädchen. Ich will, 
daß meine Braut mir zuliebe auf alles verzichtet, daß sie 
nur für unsere Liebe lebt. Da ergeben sich nun bei jeder 

Lazarsfeld, Wie die Frau den Mann erlebt. 17 



258 



Kleinigkeit Streitereien zwischen uns. Sagen Sie nicht, ich 
solle die Sache nicht so tragisch nehmen, ich m u ß es tun. 
Ich liebe sie eben so sehr, daß sie nur für mich leben soll. 
Was soll ich jetzt tun, um glücklich zu sein? Bitte, raten, 
helfen Sie mir!" .. . 






Es wurde eingangs gesagt, daß ausnahmslos alle Brief- 
stellen, die im Wortlaut wiedergegeben sind, vollkommen 
unverändert geblieben sind, aber bei diesem Brief scheint 
es mir nötig, diese Versicherung ausdrücklich zu wieder- 
holen. Man müßte sonst wirklich meinen, daß hier künstlich 
etwas konstruiert wurde, um die Theorie zu stützen, daß 
Eifersucht so oft der reinste Ausdruck für Egoismus ist. 
Klarer als mit des Schreibers eigenen Worten kann das Ziel, 
das er mit seiner Eifersucht anstrebt, gar nicht mehr for- 
muliert werden. „Ich liebe sie so sehr, daß sie nur für mich 
leben soll." 

Wir sehen hier die typische 

aus Machtwillen und Herrschsucht geborene Eifersucht, 

die glaubt zu lieben, wo sie nichts anderes will, als den 
Partner mit Haut und Haar verspeisen, ihm nicht das ge- 
ringste Stuckchen Privatleben gönnend, weil alles, was von 
außen an ihn herangebracht wird, sofort als Schmälerung 
und Bedrohung der eigenen Machtposition angesehen und 
nur von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet wird. Wir 
senen daß dieser Mann auch auf Mädchen eifersüchtig ist, 
aber diese Art Eifersucht erstreckt sich oft noch viel weiter 
und SSÄJÄS^S V T gar nichts Halt - E1 <*m, Freunde 

2fÄ?TS?5 i er ? ei T s? ein Bucn > das Radio oder 

uLW ort »/e Katze oder der Kanarienvogel, ja sogar der 
Beruf werden herangezogen, um die ewige Klage „Du liebst 
mich nicht genug" zu motivieren. Sicherlich werden solche 
Menschen niemals genug geliebt, aber das kommt daher, daß 
sie einen Maßstab ihrer Forderungen benützen, den das reale 

£5?? ?- ie . erreichen kan n- Wir haben bei dem Thema der 
hilfsbedürftigen Frau darauf verwiesen. Tatsächlich findet 
sich diese Form der Eifersucht immer nur bei sehr unsiche- 
ren, mit sich selbst unzufriedenen Menschen. Und hier muß 
der Wahrheit die Ehre gegeben werden, sie findet sich öfters 






259 

bei Frauen als bei Männern. Das ist eben auch eine Folge der 
Herabsetzungstendenz, welche die Frauen auf die Bahn der 
Unzufriedenheit und Überkompensation gedrängt hat. 
Frauen, die ihres Wertes halbwegs sicher sind, geraten nicht 
so leicht in diese Form der Eifersucht. 

Nun ein Frauenbrief zum gleichen Thema: 

„ . . . Unüberwindliche Hemmungen haben mich bisher 
abgehalten, meinen sehr derouten Seelenzustand irgend 
einer Person zu offenbaren. Einerseits mangelt es mir an 
Freunden, welchen ich rückhaltslos mein Vertrauen schen- 
ken könnte, anderenteils verschloß mir immer wieder die 
Scham die Lippen, irgend jemandem mein Leid kundzu- 
tun. Ihnen will ich mich anvertrauen mit der Hoffnung, 
daß Sie mir vielleicht doch einen Weg zeigen können, der 
mich aus einem grenzenlosen Dilemma in normale Bannen 
zurückführt. Ich lebe mit einem Manne, der älter ist als 
ich, was leider kein Grund ist, mich von einer grenzenlosen 
Eifersucht zu befreien, die mir seit Jahr und Tag die Seele 
zermartert und mir das Leben zu einer Hölle macht. Ich 
habe bisher keinen direkten Grund gehabt, an seiner Treue 
zu zweifeln, mein Mißtrauen, meine Eifersucht entspringt 
einem grenzenlosen Minderwertigkeitsgefühl. Meine Eifer- 
sucht ist fast schon pathologisch und geht so weit, daß 
ich schon fast von Angstpsychosen befallen werde, wenn 
ich mit ihm nur einen Ort betrete, Theater oder Restau- 
rant, oder einen Ausflug mache, der die Möglichkeit er- 
gibt, hübschen Frauen zu begegnen; der Besuch eines 
Strandbades oder einer Revue bedeuten für mich eine 
wahre Hölle. Tausend Vernunftgründe sind nicht im- 
stande, meine unselige Leidenschaft zu überwinden und 
der geringste Zufall ist imstande, mich in die sinnloseste 
Raserei zu versetzen. Ich leide unsagbar und bin seelisch 
schon so zerbrochen, daß ich mich wiederholt mit Selbst- 
mordgedanken trage. Gibt es keine Rettung aus diesem 
furchtbaren Zustande? Was soll ich tun? Helfen Sie mir! 
Ich finde selbst keinen Ausweg mehr, jede Freude ist mir 
vergällt und vergiftet, ich habe keinen Menschen, bei dem 
ich mich aussprechen kann, der mich aufrichtet und nur 
mein Selbstbewußtsein wiedergibt, ich bin innerlich scüon 
so zermürbt, daß ich auch nicht mehr fähig bin, gewalt- 

17* 



260 

sam ein Ende zu machen und ein neues Leben zu beginnen. 
Abgesehen davon liebe ich ihn vom ganzen Herzen und 
könnte mich nicht mehr von ihm trennen. Ich bitte Sie 
inständigst, mir einen Rat zu geben und mir die Möglich- 
keit zu zeigen, wieder meine Seelenruhe erlangen zu 
können." ... 

Hat der erste Brief die Zielrichtung gezeigt, die bei sol- 
cher Eifersucht zugrundeliegt, so schildert dieses Schreiben 
den Zustand selbst sowie seine Ursache mit aller Deutlich- 
keit. Die ganze Qual eines solchen Lebens tut sich auf, wenn 
man solche Berichte bekommt, denn auch der mit solcher 
Eifersucht bewachte Partner lebt dadurch in einer wahren 
Hölle von Quälereien. Was immer er tut oder unterläßt, alles 
wird ihm zum Vorwurf gemacht und entkräften lassen sich 
diese Vorwürfe nie, weil sie keiner realen Basis entspringen, 
sondern eben, wie die Schreiberin selbst betont, dem Minder- 
wertigkeitsgefühl, das sich durch alles aufgeschreckt fühlt- 
beide Briefschreiber betonen ja auch ausdrücklich, daß sie 
keinen realen Grund zur Eifersucht haben. Das eben ist 
das Schlimme und Trostlose an einer solchen Situation, denn 
das Maß dessen, was ein Mensch dem andern antun kann, 
hat doch irgendwie Grenzen, aber für Dinge, von denen wir 
nur befürchten, daß sie geschehen könnten, gibt es 
solcheGrenzen nicht, da schweift die Vorstellung 
ins Uferlose. Ich habe in solchen Fällen auch immer be- 
obachten können, daß letzten Endes jeder Rechtfertigungs- 
versuch vom Partner als aussichtslos aufgegeben wird. Diese 
^T^ en zle . hen . sich entweder ganz auf sich selbst zurück 
und fuhren ein einsames, verbittertes Leben, für welches sie 

fw T « U Sf lhr - I lf. 1 . tS dw S\^ ausgesuchtesten Quälereien an 
ihrem eifersuchtigen Gefährten rächen, oder sie gelangen 

mSSSSTX ^ i^' ^ biSher «rfündet geweS 
Eifersucht sehr reale Grundlagen zu geben. Was durch das 
ewig rege Mißtrauen verhütet werden sollte, ist auf diese 
Weise oftmals erst recht dadurch entstanden. Denn selbst 
die größte Liebe erträgt auf die Dauer eine solche Ein- 
schnürung nicht und es entsteht der unwiderstehliche 
Wunsch nach einem Leben, das einem etwas Atemfreiheit 
laßt. Finden solche Menschen dann einen Gefährten, der sich 
in diesem Punkt verständnisvoller erweist, dann bleiben sie 






261 

diesem mit solcher Dankbarkeit verbunden, daß der Erste 
sie dann wirklich und dauernd verliert. 

Damit halten wir bei einem Thema, dessen Varianten 
unerschöpflich sind, beim 

Problem der Treue. 

Im Wandel der letzten Jahre hat sich eine sehr starke 
Veränderung in der Beurteilung dieses Problems gezeigt, das 
einen so großen Bruchteil aller Anfragen mitbeeinflußt. Be- 
vor aber hier auf das Detail eingegangen wird, muß doch 
noch etwas allgemeines dazu vorausgeschickt werden. Man 
muß sich nämlich klar werden, was man unter Treue und 
besonders, was man unter Untreue versteht. Fragt man da- 
nach ein bißchen herum, so zeigt es sich, daß jeder Mensch 
einen anderen Begriff mit diesen Worten verbindet. Die 
einen meinen, alles, was der geliebte Mensch erlebt, ohne daß 
sie selbst dabei beteiligt sind, sei schon Untreue, wie wir es 
in den vorstehenden Briefen gesehen haben, und für diese 
heißt Treue die Erlaubnis, den Liebesgefährten gänzlich zu 
schlucken, damit nur ja nichts anderes an ihn herankann. 
Andere wieder ertragen alles, was neben ihnen existiert, nur 
nicht eine körperliche und schon gar nicht eine wirklich 
durchgeführte sexuelle Beziehung ihres Partners zu einem 
Dritten. Dann gibt es Auslegungen der Treue, die alles 
erlauben, der Sexualverbindung z. B. gar keine Bedeutung 
beimessen, wenn nur die seelische Gemeinschaft dadurch 
nicht leidet. Schließlich kommt es auch vor, daß Einer dem 
geliebten Menschen alles nachsieht, solange er nur die Ge- 
wißheit hat, daß das gemeinsame tägliche Leben dadurch 
nicht gefährdet wird. 

Unterschiede in dieser Bewertung habe ich je nach dem 
Geschlecht nicht gefunden, sogar in der Frage körperlicher 
Untreue haben sich viele Männer schon etwas von dem Stand- 
punkt losgelöst, daß der weibliche Körper ausschließlicher 
Besitz des dazugehörigen Mannes sei. Und dies ist eben 
der Punkt, in welchem ein starker Wandel zu verzeichnen 
ist. Diese Veränderung läßt sich am besten an Hand der 
Literatur nachweisen. Vor noch nicht ganz 60 Jahren, 1872, 
erschien unter dem Titel 






262 

„Töte sie!" 

eine Broschüre, in welcher der damals sehr berühmte Schrift- 
steller Alexandre Dumas, der Jüngere, dem betrogenen 
Gatten den Rat erteilt, die treulose Frau schlankweg zu 
töten. Sie war nach der damaligen Anschauung des Mannes 
ureigenstes Eigentum, mit welchem er nach Gutdünken ver- 
fahren konnte. 

Zu Beginn unseres Jahrhunderts sieht das schon ein wenig 
anders aus. Da finden wir das „Töte sie" durch das mensch- 
lichere 

„Verzeih' ihr" 
ersetzt. 

In einem Stück des zu dieser Zeit sehr erfolgreichen Dra- 
matikers Henri Bernstein ist eine sehr effektvolle Szene, in 
welcher die ehebrecherische Frau alles gesteht. Sie ist unter 
dem erdrückenden Gefühl der Schuld und Angst zusammen- 
gebrochen. Aber sie ist so zermürbt davon, daß sie während 
der Auseinandersetzung mit dem Gatten einschläft. Und 
dieser? Tötet er sie nun? Was tut er? Er deckt voll Mitleid 
und Verständnis ein Tuch über die Fröstelnde — als zarte 
Symbolik dafür, daß er ihre Tat mit seiner Person deckt — , 
geht auf den Fußspitzen zur Tür und sagt leise zu den 
draußenstehenden Kindern: Nicht lärmen, Mama schläft! 

Der Dichter von heute geht noch einen menschlichen 
bchntt weiter. Er spricht nicht mehr vonSchuldund 
A n n d u n g, ja, nicht einmal mehr vonSchuldundVer- 

ff,nt ng ' f *?? nur noch nach Ursache und Wir- 
kung, er kennt den gesetzmäßigen Ablauf seelischen Ge- 

?S' % Weiß ' daß **!*> was leschieh^tSst bebrüt 
f^ st aK m dem > was vorher geschah. Er spricht nichTvon 
toten, aber er maßt sich auch nicht an, zu verzeihen. Er sucht 
zu verstehen und er läßt den betrogenen Gatten an die 
eigene Brust schlagen: 

mea culpa! 
meine Schuld! 

Wie von altersher die Dichter immer die intuitiven Deuter, 
wahre Propheten unseres Leidens und unserer Freude ge- 
wesen sind, so zeigt sich auch hier die alte Wechselwirkung 
zwischen Leben und Dichtkunst, diese von jenem lernend, 



263 

jenes von dieser beeinflußt. Und so kam an unsere Beratung 
folgender Brief: 

„In großer Herzensangst wende ich mich an Sie . . . Vor 
zirka drei Monaten erklärte mir meine Frau unter großen 
inneren Kämpfen, daß sie mir während meiner Abwesen- 
heit nicht treu geblieben ist. Die schreckliche Mitteilung 
traf mich umso furchtbarer, weil ich meine Frau sehr liebe 
und nun erfahren mußte, daß sie mit mehreren Männern 
Verkehr hatte. Meine Frau ist eine Wahrheitsfanatikerin. 
Wir haben bisher sehr glücklich gelebt. Lieber Herr 
Schriftleiter: Wie soll ich eine solche Schlechtigkeit von 
Menschen überwinden, die Betreffenden haben meine Frau 
aufgereizt. 

Hatte ich ein Recht, zu verlangen, daß meine Frau mir 
treu bleiben konnte?*' 

Dieser Mann besteht nicht mehr auf seinem Recht, er 
fragt sich vielmehr, ob er überhaupt ein Recht zu fordern 
hat, er sucht die Gründe für dieses Geschehnis, da er seine 
Frau doch als sittlich hochstehenden Menschen kennt und 
sie einander lieben. 

Wie entsteht Untreue? 

Die Romanliteratur der letzten Jahre sieht die Schuld am 
Ehebruch der Frau nahezu ausschließlich auf Seite des 
Mannes, wenn dieser es nicht verstanden hat die sexu^e 
Gefühlsfähigkeit der Frau zu wecken. Die Erfahrung der ^Be- 
ratungen kann bestätigen, daß ein sehr, sehr großer Teil 
jener Frauen, die neben dem Gatten sich einem Gehebten zu- 
wenden, das 

aus sexueller Not 

tun. Es sind wirklich meistens Frauen, ^.»«^* *** 
Ehe nicht zu vollem sexuellen Leben erwacht smd und die 
_ manchmal erst nach vieljähriger Ehe dan* t zum J^tenmj* 
und zu ihrer größten Erschütterung -- erleben was heben 
heißt. Ich möchte diesen speziellen Grund zum Ehebruch 
wegen der Ursache, aus welcher er stammt, also fer Frigidi- 
tät hier nicht weiter, sondern erst im Zusammenhang mit 



264 

dieser behandeln und jetzt von anderen Ursachen berichten, 
die gleichfalls ziemlich oft zur Untreue führen können. 

Da ist vor allem Rache zu nennen, aber nicht nur das be- 
kannte „Aug* um Aug / und Zahn um Zahn", sondern es wird 
oft Rache genommen für Vernachlässigung, Rücksichtslosig- 
keit, Geiz usw. Alfred Adler glaubt aus seiner großen Er- 
fahrung her sogar, daß 

bei jedem Treubruch ein Teil Rachsucht 

mit im Spiel ist. Er sagt („Liebesbeziehungen und ihre Stö- 
rungen", Verlag Perles, Wien) : 

„Wo immer ich Einblick hatte, stets kam es zum Ehebruch 
m einer Stimmungslage, in der man mit Recht ohnmächtige 
Wut hätte erwarten dürfen. Dann verklärt meist die Liebe 
den Treubruch, „die alles entschuldigt", und die allzeit be- 
reite im Zorn gesteigerte Sexualität ergibt die mildernden 
Umstände." 

Oftmals wird lang andauernde Trennung und die damit 
verknüpfte sexuelle Entbehrung als unwiderstehlicher Zwang 
zur Untreue angeführt. Ich bin durch meine Beratungserfah- 
rung m diesem Punkt mißtrauisch geworden. Sicherlich ist 
eine lange Trennung, besonders in gut funktionierenden Se- 
xualbeziehungen sehr schwer zu tragen, andererseits aber 
sieht man in manchen Fällen die Macht sogar sehr lange an- 
dauernder oder wiederholter Trennung an dem Willen zur 
Kontinuität zerbrechen und man wird vorsichtig bei der ob- 
Ä; Bewertung der Trennung. In einer Beratung brachte 

Mlp^H Ch T5 E™ f ine neue Einsicht z» Lesern 
Problem es ist ja nicht selten, daß die Ratsuchenden in ihren 

^u e W 01 ^ n l™ S 681 "*^ Weg selbst weisen. ^ ie er 
zahlte daß sie sehr unter Trennungen leide, die aus ebe- 
ner Entsc hließung des Gefährten erfolgen und daß 
sie sich dann sofort um Ersatz umsehe, daß sie aber ganz 
ohne Muhe und ohne, wie sie sagte, sich dafür zu rächen, 
die längste Trennung ertrage, wenn die Nötigung dazu zwin- 
gend durchäußereGründe sich ergebe. Es ist wohl 
nicht zweifelhaft, daß sie im ersten Fall sich zurückgesetzt 
fühlt, was sie nicht verträgt, der zweite Fall aber, wo sie die 
Notwendigkeit einsieht, ihr Selbstgefühl nicht verletzt, daß 
sie also im Grunde genommen überhaupt gar nicht an der 



265 

Trennung leidet, sondern an der Einbuße an Geltung; um 
diese zu kompensieren, braucht sie Ersatz durch einen 
Dritten. 

Aber manche greifen auch ganz bewußt zum 

Treubruch als Überkompensation 

des gedrückten Persönlichkeitsgefühls. So berichtete mir 
eine junge Frau, sie habe ein „Verhältnis" mit einem Mann, 
den sie weder liebe, noch achte, bei dem sie auch keinerlei 
körperliche Befriedigung finde, der ihr überhaupt in keiner 
Weise gefalle. Sie gehe aber doch immer wieder zu ihm, weil 
ihr sein Entzücken und der Ausdruck, den er ihm zu geben 
verstehe, unentbehrlich sei und sie über die Zurücksetzung, 
die sie von ihrem Gatten erfahre, hinwegtröste. Im weiteren 
Verlauf unserer Gespräche stellte sich heraus, daß es mit 
der Zurücksetzung durch den Mann gar nicht so weit her 
war, sondern daß er einfach nicht die Fähigkeit hatte, sich 
in Worten mitzuteilen und daß ihr das fehlte. Ich habe bei 
diesem wie schon oft bei vielen anderen Fällen daran denken 
müssen, wie recht Oskar Wilde mit seinem Ausspruch hat: 
„Männer lieben mit den Augen, Frauen mit den Ohren." 

Es ist wirklich oft zu merken, daß es Männern am wich- 
tigsten ist, was sie sehen, daß hingegen Frauen das größte 
Gewicht auf das legen, was der Mann zu ihnen sagt. 

Die Fähigkeit, sich auszudrücken, sich dem Nebenmen- 
schen mitzuteilen, ist im Geschlechtsleben von sehr großer 
Bedeutung. Kann man es nicht, dann fühlt sich der andere 
leicht vereinsamt und sucht anderswo Anschluß. Nicht ganz 
mit Unrecht, denn auch hier ist dieses Symptom meist der 
Ausfluß einer auch in anderen Dingen germgen Kontakt- 
fähi&rkeit. 

Alle Anlässe zur Untreue aufzählen, würde heißen, alle 
Dinge der Welt zu nennen, da gibt es keine Beschränkung, 
aber es ist wichtig zu wissen, daßderAnlaßnocnkei- 
neswegsgleichbedeutendistmitdem Grund. 
Es muß im Gegenteil zwischen diesen beiden sehr genau 
unterschieden werden. Man findet oft die lacher- 
lichsten Angaben darüber, weshalb die Treue nicht mehr ge- 
halten werden könne und nachher zeigt es sich, daß darunter 
sehr tiefe ernste Gründe zum Vorschein kommen. In anderen 



V 



266 



Fallen wieder wird ganz schweres Geschütz zur Erklärung 
herangefahren (etwa unüberbrückbare weltanschauliche Un- 
hESM 8 gelles), und im Grunde genommen liegt 

irgend ein sexuelles kleines Mißverständnis vor. Darum ist 
die Unterscheidung zwischen Grund und Anlaß wichtig, denn 
KfÄ n ° Ch S ° ^ AnUteBe aus dem We g turnen ohne 
tfiÜSR beS. 1 ^ 11 - *— - kann ^ »«' — man 

H.^ e 5 r °™ Heg t dlese Ursache auch in der gesamten Wesen- 
heit des Menschen. Es wurde schon ausgeführt, daß es in 
mancher Leitlinie liegt, sich ihren Geltuligswert in immer 
wieder erneuten Eroberungen bestätigen zu lassen. Oft ge- 
nügt dazu schon die Tatsache, daß jede Zufallsbegegming 
Ä^Ä^f GeBch 5* ht ™ einer flüchtigen Annäheruni 
a£r^oyS?J? £ e &U3 J dann sind sie unzufrieden. So sagte 
& Ä G Ä de %^ Jahrhunderts, Mme. Recainier, 
eines lages, sie sei heute alt geworden, denn ein Straften 

dreht. Wozu bemerkt werden muß, daß Mme. RecamiL dafür 

hZ hm ^ War ,' g f ? dn Peinliches Interesse an d™Uebe Z 

dMsnÄw 5 €?* ** allgemeine Besätig^ngsbe 
durfnis nicht etwa für besondere erotische Fähigkeit halten. 

Der Don-Juan-Typus 

w den' Sf^iSS ^ er Frau - gehört in vielen Fällen 
öderes ^?l w,^ ahlg T' , die nicht ^stände sind, etwas 
Äem^Ä^ui^ 3 ^ Erlebnis des Eroberns, von 
ÄbÄaÄJ 8 Erlebens inne rlich auch schon 
tentdwÄ ^ Ur ? drmg J en sie niema ls tiefere Schich- 
ktnnen Cen «1. d^S V £- ^»^alität nichts anderes 
Kennen lernen als die oberflächlichste Freude die eben nie 

ÄSiJ Gebens .^eder schal. Sie bleiben im Tiefsten 
p^£J ^° S ' SUChe u n ? e Qualität durc h die Quantität zu 
SJS ,L •• w 'S??!? 8 ewige Juden der Liebe, glauben 
rl^f ° ac . hs i e Erlebnis werde das bessere sein und ge- 
langen doch nie dazu, es zu bessern. Jederzeit werbend, jedem 
sich darbietend, sind sie immer enttäuscht und zur Bestän- 
digkeit m der Unbeständigkeit verdammt. Nachfolgendes Ge- 
dicht emer jungen Frau gibt ein Bild dieses lustlosen Zu- 



267 

Standes, wie man ihn nahezu immer im Wesensbild solcher 
Menschen findet. 

Ich halt' mich hin, du nimmst und glaubst, du siegst, 

du rührst mich an und bist beglückt und biegst 

mich ganz zu dir, und meinst, dies hätte Dauer. 

Doch gegen deinen Wunsch und meinen, wehe, 

bin ich dir längst schon wieder fremd und sehe 

uns beiden zu in kühl erstaunter Trauer. 

(Erika Mitterer, Dank des Lebens, Rütten und Loening.) 

Auch für die Gefährten dieser Menschen ist die Wirkung 
solcher Lebenseinstellung sehr bedrückend und durchaus ge- 
eignet die Freude einzudämmen. Wir sehen es aus nachfol- 
gendem Brief einer Frau, deren Freund zu diesem Typus des 
ewigen Werbers gehört: 

Möchten Sie mir raten, was ich tun soll. Mein 
Freund hat die Gewohnheit, in meiner Gegenwart ununter- 
brochen zu kokettieren, so daß ich es geradezu riesig pein- 
lich finde, ich betrachte das als Nichtachtung meiner Per- 
son Ob wir jetzt in einem Kaffehaus sind, Restaurant, ob 
in der Straßenbahn oder bei einem Ausflug, eine Berg- 
partie immer ist es das Gleiche. Ich könnte es begreifen, 
wenn das hin und wieder einmal vorkommt, aber immer 
SS dasselbe, egal, ob die Betreffente hübsch ist 
oder nicht. Mir macht es schon gar keine Freude mehr, 
mit ih£ irgendwohin zu gehen oder zu fahren. . . Nun 
möchte ich zu gerne Ihr Urteil hören und bitte Sie viel- 
mals mir zu raten. Ich habe schon versucht, darüber hm- 
wäzuTehe?, es nicht zu beachten, ich habe darüber ge- 
HchHhu Nieder einmal gebeten, auf mich etwas Ruck- 
sicht' zu nehmen, immer ist es dasselbe . . . 
Dieser Ratsuchenden mußten wir leider antworten daß 
wa. Ser auch sie versucht, « ^odi '.inmitf tojetoe 
KitLorTwiril weil es nichts mit ihrer Person zu tun hat, 

pntsnrinfft- sie müsse versuchen, sein Selbstvertrauen zu 
S3K'£*5 Mittel, ihn aus diesem immer erneuten 
Sichdarbieten herauszuholen, gibt es nicht. 

Die tiefste Ursache für diese Lebenseinstellung zur Ge- 
schTechSeit ist immer Mutlosigkeit, die es sich mcht zu- 



268 

traut, bei einem einmal gewählten Partner auszuharren, was 
sicherlich mehr Kraft verlangt, als der ständige Wechsel. 
Bei Stendhal findet sich dafür eine schöne Formulierung 
welche die moderne Psychologie vollkommen bestätigen 
kann: „Das Verdächtige an der Unbeständig- 
keit ist, daß alle Dummköpfe sich zu ihrer 
Partei schlagen, wenn sie den Mut verloren 
habe n." 

Das Seltsame dabei ist, daß solche Menschen oft erotisch 
sehr anziehend wirken, weil ihr starkes Training, ihre Künst- 
lerschaft im Flirt, Gefühle vortäuschen, deren sie in Wirk- 
lichkeit nie fähig sind. Und da sie sich nach dem ersten 
Augenblick der Befriedigung schon abwenden, bleibt dem 
Partner nur selten Zeit, hinter ihre dominierende Lebens- 
musion zu kommen. Dieses Nichtwissen um die Lebensme- 
SShST K m f S Ä ren ist oft die Ursache wirklich tra- 

Konfllk^ tf k ?Sf llk T te ' V* me i nen hier »atürlich nicht die 
Konflikte des „Don Juan", sondern die seines Partners. 

Virginität 

de£% wlf 1611 Situ ^ i0 ?? n kann es oft auch durch eine an- 
£5^g 22 Problem der Treue kommen. Das ist die 
vSS^P-? 5*S i 5KIv*' ß Mens <*en sich nicht mit der 
esm.fÄ e ^. lhreS ^ fä ^ rten abfinde * können. Hier sind 
zu «S l Z™™ ne \ iv ? dle der ^anke, nicht der „Erste" 
Sin ihp ^Tq- T% eme ^Sehewre Einbuße an Glück zu 
Unberthih.i^ Sie halten noch daran fest, daß die körperliche 
Ärllchte i^ 8 ^^ Gut der Frauen bilde und an 

^lsdar^erinn^'f^- der !***« des Keuschheits- 
gurteis aaran erinnerte, daß wir in diesen Fragen trnt7 allen 
Fortschrittes noch nicht sehr weit vom ^ Mttefaher ^rttaS 

SÄ J^ Steh , en 2? ^n^b^SS^^ " 

Ä 1 ^ ZUm . K ? r P e , r der *?*«. si e scheuen sich nicht, von 
ihren Brauten ein arztliches Attest über deren Jungfräulich- 

Sli Ve ^ en Und w^den, wenn sie könnten, späterhin 
aucn inre Gattinnen nur allzugern mit einem mechanischen 
Verschluß gegen die Möglichkeit einer körperlichen Untreue 
abschließen. 

Bis zu welchem Wahnsinn der besitzrechtliche Standpunkt 
fuhren kann, zeigt nachfolgender Brief einer Ratsuchenden: 



269 

,,. . . ich bin seit mehreren Jahren verheiratet, mein 
Mann hat mich während der Zeit nicht ein einziges Mal 
berührt. Er sagt, er wisse, daß ich, da ich mit ihm auf- 
gewachsen bin, noch unschuldig sei und es für ihn die 
beste Kontrolle ist, ob ich ihm treu bin oder nicht, ich 
soll nur ihm allein gehören und das könnte er in einem 
anderen Fall nicht konstatieren." 

Diesen Männern ist gemeinsam, daß sie ihrer Potenz gar 
nicht sicher sind. Das hat mich zu der Vermutung geführt, 
daß sie den Vergleich mit anderen Männern scheuen und auf 
diese Art zu vermeiden suchen. Es kommt auch noch dazu, 
daß sie in diesem Punkt besonders dann überempfindlich 
sind, wenn sie in öffentlich anerkannter Beziehung zu der 
betreffenden Frau stehen. Die folgenden Briefe mögen alle 
diese aus der Beratungspraxis gewonnenen Erfahrungen 
belegen. Der erste zeigt das merkwürdige Mißverhältnis 
zwischen dem Anspruch auf die Rolle des „Ersten" und dem 
Mangel an Vermögen zu dieser Rolle: 

„ . . . Ich bin eine geistig, körperlich gesunde, hübsche 
Frau und zirka ein Jahrzehnt verheiratet. Auf ausdrück- 
liches Verlangen meines Gatten wies ich mittels ärztlicher 
Bescheinigung meine Virginität vor der Hochzeit nach. 
Wie ich heute weiß, wurde die Ehe nie vollzogen, nie kon- 
sumiert. Ein halbdutzend diesbezüglicher Versuche war 
alles. Mein Gatte ist unvermögend zum gemeinsamen Bei- 
schlaf. Daß er es anderweitig tut, bzw. überhaupt vermag, 
gilt als ausgeschlossen. 

Mein Geschlechtsbedürfnis und Empfinden ist überaus 
normal. Mein Mann behauptet mich zu lieben, ja sehr zu 
lieben. Über Küsse auf meine Wange oder Stirne beim 
Kommen oder Gehen reichts nie hinaus. Er ist eine kalte, 
auf seine Gesundheit und Wohlbefinden überaus bedachte, 
gefühllose, selbstsüchtige Natur, sonst im Materiellen ein 
guter Mensch. Ich leide in immer gesteigerterem Ausmaße 
unter dem Mangel an körperlicher Liebe und Zärtlichkeit. 
Alle meine Koketterie und pikanten Herausforderungen 
werden als häßlich und trivial schulmeisterlich gerügt und 
abgelehnt. Meine Vorstellungen, sich in ärztliche Behand- 
lung zu begeben, werden hartnäckig nicht befolgt. Er ist 






270 



mit dieser Art Zusammenleben von Mann und Frau zu- 
frieden, ja wäre glücklich. Ich fühle mich namenlos beun- 
ruhigt, zerfahren und unglücklich. Mein Leben ist schal 
und leer, unbefriedigt ... Er ist ruhig und artig zu mir, 
von oben herab nachsichtig, weicht diesem unseren, fast 
einzigen unstimmigen Thema immer gerne und geschickt 
mit Geduld und beherrschter Überlegung aus . . . Meiner 
Ehe fehlt nichts als die Ehe. Aber dieser eine Mangel kann 
mir alles übrige auf die Dauer nicht ersetzen. Ich werde 
und bin immer unglücklicher und lebensmüder . . ." 

Wir sehen, daß der Mann, der sich durch einen Arzt die 
Virgmität seiner Braut bestätigen ließ, nicht einmal fähig ist, 
diese Jungfräulichkeit zu beenden. Ich weiß schon, daß das 
Verhalten der Frau mit in Rechnung gesetzt werden muß, 
aber hier scheint die Störung doch überwiegend auf Seite des 
Mannes zu liegen. Den Versuch einer ärztlichen Behandlung 
lehnt er strikt ab, ja er gestattet seiner Frau nicht einmal, 
darüber zu reden Ihre t Versuche, ihn an sich zu locken, setzt 
er durch verächtliche Kritik herab. Letzteres Symptom habe 
ich in allen diesen Fällen gefunden. 

Nun ein Brief zu dem Punkt, daß die legalisierte Bindung 
rwL 2 ,*? Prau noch schw erer erträglich erscheinen 

laßt. Man konnte hier einwenden, daß dies eine Konzession 
an die Gesellschaft sei, in der man lebt. Das trifft hier keines- 
wegs zu, der Mann betont ausdrücklich, daß in seinem Kreis 
vollkommen weitherzige Anschauungen über diese Frage 
herrschen, nur er allein kommt darüber nicht hinweg: 

A«^'*^ Seit Eröffl ™ng dieser Rubrik verfolge ich alle 

£*mLS3R fmd ? ÄS bis J' etzt noch ^ht die, die 
fch ^US rSSS h S5 ™ e f ^interessiert und daher fürchte 
ich, daß mein Fall tatsächlich nicht mehr modern' ist, 
äS&^Sr in J eseUschaf tlicher Aussprach mTt einer 
mitleidigen Handbewegung ,aber gehn's, wer fragt denn 
da h e u t e noch danach' abgetan wird. 

Ich liebe ein Mädchen und sie liebt mich, wie ich ge- 
stehen muß, mehr. Bitte dies aber nicht schon als den 
Beginn meiner Charakterlosigkeit aufzufassen, sondern 
als Tatsache meiner Traurigkeit, meines Grübelns und 
Nachdenkens. Ich kann es nicht überwinden, daß sie vor 
mir, nunmehr acht Jahre, einem andern .einmaliges Ob- 






271 

jekt' war, wie ich aus ihrer reuigen Erzählung, die immer 
mit tiefstem Leid, Tränen und Unglücklichkeit erfolgt, 
entnehme ... Es nützt nichts, die üblichen Tröstungen, wie 
sie heute gang und gäbe sind, ,wenn man jemanden liebt, 
kommt man darüber hinweg', oder ,grad, wenn man eine 
Jungfrau heiratet, geht die Ehe umso eher in Brüche', oder 
,nur eine Frau mit Enttäuschung und solchen Erfahrungen 
schätzt den Mann mehr' usw., nein, bei mir ist es das 
Gegenteil, wenn ich sie je lieber habe, 
desto mehr nagt es an mir, aber wenn ich mir 
einrede, ich heirate sie ja so nicht, sie ist mir gleichgiltig, 
so gehe ich auch an jenem ihren Erlebnis mit Gleich- 
gütigkeit hinweg. 

Nunmehr kennen wir uns ein Jahr und wir vertragen 
uns und ich kann sagen, daß, wenn ich nicht immer ,da 
daran' denken müßte, ich mir vielleicht sogar eine glück- 
liche Ehe verspreche, aber über jene Tatsache komme ich 
eben nicht hinweg. Meine Frau hätte vor mir ein Anderer 
gehabt? Sie war Eroberung? Eine geknickte Blume, eine 
von den vielen anderen kleinen Mädchen, mit denen sich 
die »Eroberer' brüsten? Nein, unmöglich . . . Schluß ma- 
chen 7 Da bringt sie sich um. Sie macht alles, was ich 
will ohne daß ich das vielleicht ausnütze! Im Gegenteil, 
ich bin sehr gut zu ihr und wenn ich sie in solchen Situa- 
tionen traurig anschaue, weint sie, denn sie weiß, daß ich 
wieder daran' denke . . . Dabei ist sie allem Anschein nach 
wirklich nicht so wie die anderen, seicht, oberflächlich, ich 
könnte sie sehr gern haben, wenn nicht ,das' vorgefallen 
wäre Und jetzt kommt das Strafgesetzbuch! Sie sagt, 
wenn sie ihn sieht, würde sie ihn umbringen . . . Sie meinte 
das vielleicht nur so, wie man das eben gelegentlich meint, 
ohne im Ernst damit zu rechnen, aber bei mir kam eine 
Saite zum Klingen. Ich dachte darüber nach und ich muß 
gestehen, wenn das Erlebnis sich so abspielte, wie sie 
iagte und sie hatte wirklich kein weiteres, vielleicht 
könnte mir die Gewißheit, daß der -Eine der -sie gehabt 
hat, nicht mehr existiert, meine Ruhe wieder geben. Denn 
sein Tod kann und darf mich nicht belasten . . . 

Der Brief ist ein erschütterndes Dokument dafür, wohin 
die besitzrechtliche Einstellung in der Liebe führen kann. 



272 



Der Mann kommt nicht darüber hinweg, daß ein anderer 
diese Frau .gehabt' hat. Man kann aber einen Menschen gar 
nicht .haben', es ist immer eine Wechselbeziehung von 
gleichwertigem Geben und Nehmen. Wo die fehlt, kann man 
nicht von Liebe, sondern nur von einem Unglücksfall spre- 
chen und es in diesem Sinn beurteilen. Daß es an dem Mann 
„desto mehr nagt, je lieber ich sie habe 4 , und doch .sofort 
gleichgültig wird, wenn ich von einer Heirat absehe', zeigt 
deutlich, daß es sich bei ihm nicht um Liebe, sondern um 
verletzte Despotenrechte handelt. Und daß er gar den Tod 
des andern Mannes herbeiführen möchte, ist um nichts ein- 
sichtsvoller, als wenn ein Kind den Tisch schlägt, an dem es 
sich gestoßen hat. 

Der viele Bogen lange Brief hat aber noch eine Nach- 
schrift welche zu einem anderen Punkt dieses Problems 
überleitet Das ist eine merkwürdige Auffassung von „glei- 
ches Recht für alle". Es kommt nämlich sehr oft vor daß 
wSÜST dei ? 1 P ™ ue ».*r Vorleben nur darum nicht verzeihen 
können, weil sie selbst memals und bei keiner Frau 

„der Erste" 
gewesen sind. Die Nachschrift lautet: 

«*w5 ^M^en schon auf so viel Einwände der ,Gesell- 
SSf^ f 1 S *. lbst S eantwort et habe, bringe ich noch 
Fr££? ?** Z eim ich *■ mcnt bräcl *e, wäre ja die 

S»,,ST ? ^T S Zustandes leicht Sie werden vielleicht 

diesem TW^- ff* e ^ e „ Jun ß f »™ gehabt' und nur aus 
diesem Umstand ist mein Zustand erklärlich." 

Der Mann hat also die Anschauung, daß der Umstand, 
daßer noch nirgends der Erste war, af es erklärikh^mSen 

JfjS nächsten Brief ergibt sich, wie ein Zusammen- 
leben aussieht wo der Mann nicht darüber hinwegkommt, 

fr u S-JÄ me der Erste war - während seine Frau ihre 
Unberuhrtheit nicht bis zur Ehe bewahrte: 

„ . . . Rasche Hilfe tut not. Es sind zwei Menschen in 
einer fürchterlichen Seelenverfassung, helfen Sie, wenn 
Sie können! . . . Wir lernten uns kennen, und noch lange, 






XXI 










Aus Hermann Bahr: Gustav Klimt, Verlag Thyrsos, Wien -Leipzig 



273 



ehe wir wußten, daß wir uns liebten, erzählte ich ihm, 
daß ich gerade eine furchtbare Enttäuschung zu über- 
winden bemüht bin und zu vergessen — einen Mann, dem 
ich auch angehört habe. — Ich sagte es ihm klipp und 
klar, ich sah keinen Grund zur Verheimlichung, denn ich 
fühlte mich deswegen nicht minderwertig. — Die Zeit ver- 
ging und er gewann mich so lieb, daß er mich heiratete, 
wohlgemerkt mit vollstem Wissen. So lebten wir 
die ganze Zeit, wir hatten uns sehr lieb . . . und er ver- 
sicherte mir immer, wie lieb er mich habe. — Vor zwei 
Wochen kam aber das größte Martyrium über mich, das 
eine Frau haben kann ... Er war in einer furchtbaren 
Stimmung und endlich errang ich von ihm das Geständnis. 
,Er muß eine Jungfrau besitzen. 4 Er wäre noch nie im 
Leben der Erste und das muß er sein, sonst ist er zer- 
brochen. Wir schliefen auch die Nächte nicht, ich, die 

Frau, die ihn so liebe, ich dachte an Auswege, ihm zu 
helfen, ja sogar ihm eine zu verschaffen. — Mein Rat, 
zum Arzt zu gehen, wird brüsk zurückgewiesen, ich 
habe das Gefühl, es wäre für ihn die unangenehmste Art, 
geheilt zu werden. — Nun ist er bereits so weit, mir die 
gräßlichsten Vorwürfe zu machen, mich hinunterzuziehen 
und minderwertig zu machen. Warum? Er wußte doch 
alles, warum diese Taktlosigkeiten und Rücksichtslosig- 
keiten'' Wenn er eine Jungfrau besessen haben wird, dann 
sind wir quitt, behauptet er. Wie so dann? Haben wir 
nShtTrüher den Strich gemacht? Bei aller ^Liebe zu ihm 
fängt langsam das Grauen in mir an und die Angst yor 
dem Tier in ihm. — Ist jeder Mann so? Sind es alle Tiere? 
Gibt es keine Seele? Ist das die Hauptsache? Vom Aus- 
einandergehen aber will er nichts wissen, er sagt, er wird 
dies nie zugeben, wenn ich von ihm fortgehe, wäre er ganz 
zerbrochen ... Ich habe mein ganzes Rückgrat und den 
Glauben an mich verloren. Was ist zu tun 

Ich glaube, daß dieser Brief, zusamt dem Nachsatz des 
vorangegangenen, jeden weiteren Kommentar erübrigt. 

Bei den Frauen sieht die Abrechnung mit der erotischen 
Vergangenheit des Mannes anders aus. Da spricht sich 
meistens nur die Sorge aus, daß der Mann eine frühere Be- 
ziehung wieder aufnehmen könnte. 

Lazarsfeld, Wie die Frau den Mann erlebt. 18 












274 



Nun wäre noch darüber zu berichten, wie die Auseinander- 
setzung der Frauen mit ihrem eigenen sexuellen Vorleben 
verlauft und welche Bedeutung das Problem des „Ersten" 
für sie hat. Aber das wird zweckmäßiger im Zusammenhang 
mit der gesamten Frage des ersten Sexualerlebnisses an einer 
spateren Stelle geschehen, wo zum Gesamtproblem der De- 
floration Stellung genommen wird. 

Weiters kommen wir zu solchen Problemen, die, wie schon 
gesagt, dem Geschlecht nach verschieden verlaufen, soweit 
es aus den Aussagen der Betroffenen zu entnehmen ist. Das 
ist z. B. die sogenannte 

„sexuelle Hörigkeit", 

ateo eine Beziehung, welche immer durch nur einseitigen 
Wunsch gekennzeichnet ist. Der Brief eines Mannes: 

„Ich leide unsäglich unter einer sexuellen Hörigkeit 
einer Frau gegenüber. Das Infamste daran ist, daß ich 
überzeugt bin, nie zu meinem Ziel zu gelangen 

hJSkuPS S? Zustand einer gewissen Nüchternheit 
nasse ich die Person, die mir mein Innenleben vergällt. 

fZlTä? em BHck VOn ihr sem &> um mich ™ni gehor- 
i>T5k? T n - m m r achen ; ™ Lesern Zeitpunkt, |laube 
tSTiF i n S n Wunsch, den ich ihr versagen könnte. 
Mr fcSJS?? das , Schönste. Die Frau ist sich voll und 
S?Jm7S: m ^J. cl L em Maß sie "»<* beeinflussen kann 
s?en n B^mpe a ma^n ldllCh "* Ich Werde da «"» ¥**+ 

JEZäS^F* V ° n dCm ™ er «™klichen Hörig- 
Soweit der Brief. 

„Die Frau und der Hampelmann" 

^o d 5!o aI ^ii ragik ^ m ;? cne Motiv *<> vie ler Dramatiker und, 
wie das Bild von Fehden Rops zeigt, auch der bildenden 
rumst — , scheint es uns auf der Bühne nicht manch- 
mal schon abgebraucht, ist man nicht geneigt zu bezweifeln, 
daß es im Leben wirklich so zugeht? Und doch wiederholt 
es sich immer wieder, überraschend oft finden wir diese 
qualvolle, auf allgemeiner seelischer Grundlage erwachsene 



275 



einseitige und ausschließliche Bindung an einen einzelnen 
Menschen, der nun den Weg zu allen anderen Liebesmöglich- 
keiten versperrt. Wir finden solche ungelebte Liebe 
sehr oft als Sicherungsmaße dort, wo der Mut zum wirk- 
lichen Liebesleben fehlt, und zwar bei beiden Ge- 
schlechtern. Während aber die Männer Rat verlangen, wie 
sie aus diesem Zustand herauskommen könnten, wollen die 
Frauen Anleitung, wie sie den betreffenden Mann trotz seines 
Widerstrebens behalten könnten. Das ist der zugegebene Tat- 
bestand; ob es den Männern mit dem Schlußmachen wirklich 
so ernst ist, wie sie sagen, muß offen bleiben. Zu vermuten 
ist, daß sie ein Ende setzen würden, wenn es ihre wirkliche 
Absicht wäre. 

Von Seite der Frauen verlaufen solche Beziehungen anders. 

Die behaupten nicht einmal, daß sie diesen Zustand be- 
enden möchten, sondern geben offen zu, daß sie keinen an- 
deren Wunsch haben, als ihn zu erhalten. Leider ist unter 
den Frauenbriefen zu diesem Thema kein einziger, der sich, 
ohne an Wahrheitsgehalt zu verlieren, so verändern ließe, 
daß bei einer wörtlichen Wiedergabe die Gefahr der Indis- 
kretion ausgeschlossen erscheint, deshalb muß ich mich hier 
auf das Berichten beschränken. 

Es kamen mehrere Fälle zu uns, wo Frauen in der Liebe 
zu einem Mann gefangen waren, der nichts oder nichts mehr 
v^nTCn wissen wollte. Sie konnten sich aber mit dieser 
Tatsachrabsolut nicht abfinden und versuchten alles nur 
Erdenkliche um den Mann zu behalten, respektive zu ge- 
winnen Sie ließen sich die größten Demütigungen gefallen, 
wie z B Dienstleistungen für andere Liebesbeziehungen des 
Mannes, zurückgewiesene Briefe, die sie trotzdem nochmals 
absandten, abgewiesene Bitten um Z u ?^tÄ^d Sl- 
durch List oder Betteln doch zu erreichen suchten und an- 
dres mehr. Keine Einzige unter ihnen fragte an, wie sie von 
Sr ßlndung loskommen könnte, sondern nur, ob wir nicht 
noXeSen^deren Weg zu ihrem .Ziel wüßten^ Es ist mir 
wiederholt vorgekommen, daß ich mit so einer Frau die Aus- 
sichtslosigkeit *aller dieser Versuche durchsprach daß sie 
mit größtem Interesse zuhörte, alles bestätigte, so daß ich 
glauben mußte, sie hätte sich endlich abgefunden und daß 



276 

sie dann zum Schluß fragte: „Und wie kann ich ihn also doch 
bekommen ?" 

Allerdings waren dies immer nur Frauen, die kein anderes 
Interessengebiet hatten, als den Mann. Bei tätigen sieht es 
anders aus Auch sie haben nicht den Wunsch, ihre Bindung 
zu losen, aber sie gehen dabei andere Wege. Sie versuchen 
das Übermaß, das durch die fehlende Gegenseitigkeit des 
Gefühls sich ergibt, in produktive Tätigkeit umzusetzen. Sie 
erreichen dadurch nicht nur die für sie selbst so nötige Ent- 
lastung, sondern in manchen Fällen sogar auch ein größeres 
Entgegenkommen des betreffenden Mannes, der sich von dem 
Übermaß der auf ihn gerichteten Gefühle nicht mehr so be- 
droht und emem weiteren Zusammensein weniger abgeneigt 

rfi«S? 5* n * ndich ""Wf jedermanns Sache, Gegenstand stän- 
22S. £S etun ? 1 ^\ sem - Manche freut das ja, andere hin- 
gegen fühlen sich davon bedrückt. Manche rächen sich wenn 
man sie durchaus gegen ihren Willen liebt, durch QuäleS 
wie überhaupt eine allzu intensiv gezeigte AbhänSeit 
Ä t^ a T amSten J nStinkte im ^ern^weckt I^elen 
dü ? itn T l u h d L Wunsch - Ueber seJ bst bewundern zu 
22 ; -u bewundert z u werden, die wissen dann mit der 
2 6 Är dargebrachten Liebe nichts anzufangen und 

S \tJS& nUr dort ' wo es ihn *n möglich ist, sich selbst 
im Gefühl zu verschwenden. 

Führer gesucht! 

Rou\ UC rir^T h naCh ^ hrun g spielt dabei eine große 
Heber liÄ ÄEffS ^ Menscben aneinander, die beide 

"Ä *g CS gera H dGZU 

iS^S^V^^^S'S' Quälerei von einem M ann 
es ihm Ä u« ah S lh r e ,. Zeit vollauf in Anspruch, wenn 
ihn TcM So kummert « S1 <* gar nicht um sie, wenn es für 

lief ^eabsÄ^' Ä jede *«* die ihm uber *» Weg 
irhtPtf Ä ? ***,** ^tgefühl und Verständnis. Er 
^oiff G ^u 1121 ? 6 lhrer Eigentümlichkeiten, hingegen 

EÄ € L2PÄT lB Art Prä zisionsmaschine für dif Be- 
achtung und Erfüllung seiner eigenen Lebensbedingungen 






277 

und tat dies mit dem Ungestüm und der naiven Selbstver- 
ständlichkeit eines kleinen Kindes. Jeder Versuch einer Re- 
volte ging zu ihrem Schaden aus; er ließ sie dann ganz 
einfach laufen, und sie war nach einiger Zeit heilfroh, wenn 
die alten Beziehungen unverändert wieder aufgenommen 
wurden, denn das wurden sie, und zwar von seiner Seite, was 
ihr bester Trost blieb, weil es ihr zeigte, daß auch er an 
ihr hing. 

Zuerst suchten wir danach, weshalb sie trotz so viel Quä- 
lerei so fest an ihm hing. Es kam zutage, daß die Frau immer 
nur Menschen geliebt hatte, die sie als überlegen empfinden 
durfte. Die Jugenderinnerungen gaben das Bild systematisch 
gezüchteten Minderwertigkeitsgefühls in bezug auf ihre Ge- 
schlechtsrolle, sie hielt nicht das Mindeste von ihren eigenen 
erotischen Fähigkeiten und suchte im geliebten Mann die 
Kompensation dafür. Er mußte — zumindest in ihren Augen 

etwas ganz überragendes sein, etwas, dem sie sich völlig 

unterordnen konnte. Nur dann war sie glücklich. Da dieser 
Mann ihr nun ständig seine anscheinende Überlegenheit be- 
wies, hielt er sie damit fest. Den Mann lernte ich nicht 
kennen, aber seine Briefe zeigten zweifellos einen Menschen 
großen' Formats. Woher nun doch die vielen Kleinlichkeiten 
gegenüber der Frau? 

Seine Lebensgeschichte, besonders seine erste und 
stärkste Sexualerinnerung, bewies deutlich, daß auch er im 
Partner den Führer suchte, und nun wollte es das Unglück, 
daß hier zwei Menschen aneinander geraten waren, die beide 
von andern geführt werden wollten, er noch mehr als sie. 
Die Frau wollte diese Erklärung anfänglich absolut nicht 
gelten lassen, besonders nicht für den Mann, der ja tatsach- 
lich äußerlich den Typus des Despoten zeigte. Es ließ sich 
aber deutlich nachweisen, wie all diese anscheinende Ty- 
rannei nichts anderes war, als eine durch Enttäuschung er- 
zeugte Feindseligkeit gegen einen Führer, den man gewählt 
und der in der Führung versagt hatte. Da begriff sie den 
„Teufelskreis", in dem sie lebte, begriff , warum kerne Re- 
bellion nützen könne, da ja jeder ihrer Versuche, das Joch 
abzuschütteln, mißglückte und damit endete, daß sie wieder 
unterkroch, was dem Mann immer aufs neue bewies, daß die 
selbständige Leitung, die er von ihr zu tiefst erhoffte, nicht 






276 



zu haben sei. Dafür rächte er sich durch erneuten Despo- 
tismus, was sie wiederum für Überlegenheit hielt und so 
jagten die Beiden einander immer tiefer ins seelische Elend. 

Die Beziehung lösen wollte sie keinesfalls, der Mann war 
£ r uf me ,? ratung nicnt erreichbar, es blieb also nur die 
Wahl, solch verquältes Leben weiter zu führen oder die Um- 
stellung des eigenen Selbst zu versuchen. Sie verstand end- 
lich daß dieser Mann, der entschlossen war, ein Kind zu 
bleiben, nie der wirkliche Führer sein konnte, zu dem sie 
ihn zwecks Erfüllung ihres Unterordnungsbedürfnisses hin- 
aufgeschraubt hatte, daß sie im Gegenteil, wenn sie ein biß- 
chen Lebensharmonie erringen wollte, durchaus für die Rolle 
der Schutzenden und Stützenden trainieren müsse und daß 
jeder andere Anspruch sie nur immer wieder in neue Ver- 
wirrung stürzen werde. Die Frau stellte sich wirklich um, 

fn Z m^P^ 5*1 sich ferti S' sie war erfinderisch 
£t?l.Ä n* Bekämpfung eigener Verstimmungen, 
hatte gute neue Ideen in der Behandlung des Mannes er 

&wM2?& *iw Ieic u ht fiele ' s?it sie fcn^Kh 

S^iSSS ftSK m ? äs8 aehe ' von dem man nichts an- 
tllv- e i\* n F n J UTfe > ds es eben leisten k önne. Es schien 
ZhST«!- Moment emgetreten, wo d as beste Symptom 
2Sw he ? Gleichgewichts sich zeigt, das Abfinden mit Tat- 

JJriSS^ 5 er ^ War 5 abei aufMi S» si e schrieb nämlich 
2?££5? SS einzelnen Beratungsstunden ellenlange Briefe 

SJ&rSiSSSS!^ an ' überbot sich in Beweisen de- 
Smch ^Ä arkClt "^ *** l"" 6 * War ' daß sie ihren An- 
auTmlch g fÄ n ^ werden nicht aufgegeben, sondern nur 
&^£T!£ I 2!* I 5Ä dadur ^ h den Mann entlastet hatte. 
da^e^hHchlhr H dl n n< f h klar gemacht werden und 
zusetzen D^ 2£.fcf£ ^■"Wunden nicht weiter fort- 
zusetzen. Das wirkte sich sehr gut aus. Die Frau becriff was 

ÄÄÄ Si \ e -P^nd es als VertraÄw^ 
™ w 1 > ,SS hle ^ da ' ■■ ■» berichten, was 

Sn ^ *^ . aU f d ™ khch -B gesellschaftliches Zusammen- 
sein und mcht als Beratung behandelt wurde. Ihre Berichte 
glichen immer mehr denjenigen einer verständigen Mutter, 
der Mann, der endlich den gesuchten Führer hatte, wurde 
ausgeglichener, er gab seine Quälereien auf, seine Liebe fe- 
stigte sich. 









279 

Solche Fälle, die gar nicht selten sind, zeigen, daß der 
Wunsch nach Führung durchaus nicht, wie öfters behauptet 
wird, naturgegeben dem weiblichen Geschlecht allein eigen 
ist, sondern bei beiden verteilt vorkommt. Diese Männer aber 
darum als abnormal zu bezeichnen, geht schon wegen der 
Häufigkeit, in welcher sie zu finden sind, nicht an. Man 
müßte dann gut die Hälfte, ja vielleicht noch mehr der 
Männer als außer der männlichen Norm stehend betrachten. 
Will man daher im Bereich des Seelischen absolut an der 
alten Teilung zwischen männlich und weiblich festhalten, 
dann wird man sich darauf einigen müssen, irgend etwas, 
das wir zumindest vorläufig noch nicht definieren können, 
weiblich oder männlich zu nennen. Alles andere hingegen, 
das man gewöhnlich so bezeichnet, muß man auf Grund nach- 
weisbarer Erfahrung für zwischen beiden Geschlechtern ver- 
teilt vorkommend ansehen. 

Das führt uns zu dem 

Problem der Homosexualität. 

Ich kann mich nicht in den Streit der Ärzte mengen, inwieweit 
oder ob überhaupt Homosexualität angeboren ist. Sicheres 
ist darüber nicht bekannt und in vielen Fällen scheint sie 
durch Erziehungsfehler erworben zu sein. Ich konnte in 
vielen Fällen, die ich genauer kennen lernte, die typische 
Kindheitssituation finden, die zu passiver Entmutigung 
oder aktivem Trotz und damit zum Ausbiegen vor den Auf- 
gaben des Lebens führt. Besonders bei Frauen war immer 
eine Unzufriedenheit mit der weiblichen Geschlechtsrolle 
schon beim kleinen Mädchen nachweisbar. Eine sehr hervor- 
ragende oder eine ganz entwertete Mutter, die Herabsetzung 
celenüber einer schönen Schwester, oft auch die Tatsache, 
daß die Eltern einen Jungen gewünscht hatten t und nun *■ 
weibliche Kind diese Enttäuschung fühlen ließen das alles 
kara zum Anlaß für die Zuwendung zur weiblichen Homo- 
sex^aütät werden. In dem Buch „Quell der Einsamkeit" 
v^adcHff Hall ist mit großer künsto 1 ^ 
Kraft ein solcher Entwicklungsgang, wie wir ihn aus 
S TLra?ungen kennen, gezeichnet. Die Veri *sserin ^aubt 
allerdings an eine angeborene Homosexualität ihrer Heldin, 



280 

trotzdem sind alle Erscheinungen vorhanden, die eine erwor- 
bene kennzeichnen. 

Diese erworbene Gleichgeschlechtlichkeit ist oftmals durch 
seelische Behandlung heilbar. Viele wünschen aber gar nicht, 
davon befreit zu werden. Oft wollen es die Angehörigen und 
der Betreffende sträubt sich dagegen. Er fühlt sich im 
Rahmen semer Beziehungen ebenso glücklich, wie die Hetero- 
sexuellen in den ihren. Nur sind dabei die Empfindungen 
meist über das als Norm geltende Maß hinaus gesteigert. 
Ich fand das gleiche auch bei anderen abseitigen Geschlechts- 
beziehungen, z. B. bei solchen, die auf Masochismus oder Sa- 
dismus beruhen. Überall dort findet sich Freude sowohl wie 
Schmerz in Erscheinungsformen, die weit über das gewohnte 
Maß hinausgehen. Ich habe niemals unter den sogenannten 
normalen Beziehungen eine so grenzenlose Hingebungsfähig- 
1 "?? pP ferfreud e gesehen, allerdings auch nie so gestei- 
gerte Haß- und Rachereaktionen, wenn eine Störung durch 
einen Dritten eintrat. Die meisten homosexuellen Frauen 
nehmen einen Mann im Leben ihrer Freundin ganz ruhig zur 
Kenntnis, auch wenn er zugleich mit ihnen vorhanden ist, 
wahrend sie bei jedem noch so flüchtigen Zusammentreffen 
mit anderen Frauen in einen Paroxismus von Eifersucht ge- 
raten. Nur in ganz vereinzelten Fällen fand ich das umge- 
Kenne. 






Die Frauen leiden im allgemeinen gar nicht unter ihrem 
Ausnahmszustand, sie fühlen sich im Gegenteil den anderen 

SLEySS^ftÖF 1 ! so ' •*■ ob sie etwas besäßen, das 
SSShSär; i e ^wjen&keiten beginnen erst, wenn die Ge- 
sellschaft m der sie leben, sich einmengt. Deshalb ist auch 
bei männlichen Homosexuellen die Einstellung zu ihrem Zu- 

Xtmord an ™rn 1 P a r n v? et £<* ° ft Ver ^!flung b!s\um 
^M^L^t^f?^ 1 homosexuellen stehen in den 
£2fcS5 o^f* ^andern unter der Bedrohung schwerer 
2mm« ?ä? **?® rc * auch oft Erpressungen ausgesetzt, 
wahrend die PYauen in Deutschland frei, in Österreich wohl 
dem Paragraphen nach strafbar, aber fast nie primär einer 
solchen Anklage ausgesetzt sind. Sofern es zur Bestrafung 
kommt, geschieht das immer im Zug irgend eines anderen 
Deliktes, wegen dessen die Anklage erhoben wurde. Aus dem 
Material der Beratung mögen einige Briefe diesen Unter- 






281 



schied in der Stimmung und auch die Gründe dafür be- 
leuchten : 

„Angeregt durch einige treffende Antworten in Ihrem 
gesch. Blatte sehe ich mich veranlaßt, auch eine Schick- 
salsfrage an Sie zu richten. 

Was soll ich tun und wie soll ich mich verhalten — 

ich bin gesund und auch materiell gut gestellt aber 

homosexuell. 

Warum gibt es bei uns noch immer, obwohl kein ge- 
setzlich geschütztes Kanonenfutter (der Kaiser 
brauchte Soldaten) mehr notwendig ist, noch sonst ein 
Grund vorhanden erscheint — einen § 129 (Deutschland 
§ 175) Dadurch wird mir und vielen 100.000 Gleich- 
gesinnten das Leben vergällt. Die Qualen, die mir durch 
die Unbezwinglichkeit des Triebes zuteil werden, in Worten 
zu schildern, ist mir unmöglich. Ich muß nur bewundern, 
daß ich dabei meinen Verstand nicht verloren habe und 
daß ich in den Augen meiner Bekannten noch immer „der 
normalste aller Menschen" bin wie vorher. In dem sinn- 
und erfolglosen Kampfe gegen einen Trieb, der mir zum 
größten Teü angeboren ist, habe ich meine besten Kräfte 
verloren trotzdem ich schon lange eingesehen habe, daß 
dieser Trieb an und für sich weder krankhaft, noch sünd- 
haft ist Denn eine Abweichung von der Norm ist noch 
keine Krankheit und die Befriedigung eines natürlichen 
Triebes die in keiner Hinsicht und für keinen Menschen 
schlhnme Folgen hat - kann nicht als Sünde und Ver- 
brecSrangelehen werden. Warum mußte ich, warum 
muß ich gegen diesen Trieb wie ein Wahnsinniger kämp- 
fen" Weil er so allgemein mißverstanden, so unerbittlich 
verfolgt und verurteilt wird. Was hilft es, daß ich jetzt 
mit Liebe und Achtung umgeben bin? Ich weiß ja, daß 
™ und I so^ielf sich von inir mit Abscheu abwenden 
werden wenT sie meine sexuelle Beschaffenheit kennen 
taoS sie sie nichts angeht, Spott und Verachtung 
Sodann zuteil werden. Ich werde ^von <ten meisten 
Menschen als Wüstling angesehen werden, wahrend ich 
ruhte und weiß, daß ich, trotz meiner S^ichkeit zu 
etwas anderem geschaffen bin, als meinen Gelüsten nach- 
dem Wer wird mir glauben, daß ich im Kampfe mit 






282 

mir selbst verblute? Wer wird mit mir Mitleid haben? 
Diese Gedanken sind unerträglich. Ich bin zur ewigen Ein- 
samkeit verurteilt, ich habe nicht das moralische Recht, 
ein Heim zu gründen, ein Kind zu umarmen, das mich 
.Vater' ansprechen würde — ist denn diese Strafe für Gott 
weiß welche Sünden nicht groß genug? Wofür noch das 
Bewußtsein haben müssen, daß ich ein Paria der Gesell- 
schaft bin? Durch ihre aus Unwissenheit, Dummheit und 
Bosheit zusammengesetzte Meinung über die .Andern' 
treibt sie diese Unglücklichen in den Tod oder in eine ver- 
brecherische Ehe und dann erklärt sie triumphierend: ,Da 
sieht man doch, daß man's mit Degenerierten zu tun habe!' 
— Nein, meine Lieben, das sind meistens geistig und mo- 
ralisch sehr gesunde Menschen, denen sie das Leben un- 
erträglich gemacht haben. Ich will von mir sprechen: 
Warum bin ich nicht lebensfroh? Sicher nicht, weil ich 
geistig nicht normal bin. Ich bin kein krankhafter Pessi- 
mist und weiß sehr wohl, daß das Leben sehr schön sein 
kann. Aber leider nicht für mich. Für mich ist das Leben 
J£}. ' . bm meiner inneren Kämpfe unendlich müde; 
es fallt mir furchtbar schwer, den glücklichen, lebens- 
frohen Mann zu heucheln; ich breche unter der Last 
meiner schweren eisernen Maske zusammen. Ich versuchte 
Autosuggestion .Ruhig sein', ,Ruhig sein'! Gott, ist das 
möglich? Weiß denn ein .normaler' Mensch überhaupt, wie 
dieses Wort einem klingt? Ach, wer wird meinen unsag- 
baren Schmerz verstehen? ...So stehe ich ganz einsam 

SLSf Ser ™ e i- Und suche ver &eblich ©ine Antwort auf die 
Fragen: ,Wofur und Wozu?'. . ." 

Der nächste Brief spricht von Erpressung: 

to^ft homosexuell veranlagt, was mein Leben 
£*g* 2™? ■»endlichen Qual gemacht hatte. Kein Arzt 
konnte mir helfen, vieles versuchte ich, kein Verhör beim 
Landesgericht mit seinen Nerven zerstörenden Gewissens- 
bissen, meine tiefsten Vorsätze, meine durchweinten 
Nachte, nichts konnte diesen verfluchten Trieb mildern. 
In alle Laster warf ich mich und über alles bin ich wieder 
Herr geworden, über Nikotin, Alkohol, Kokain, Onanie, 
alles habe ich mir abgewöhnt, nur über diesen unglück- 
lichen Trieb kann ich nicht Herr werden. Abgefunden 






283 



hätte ich mich auch mit diesem, ich habe mich mit schreck- 
licherem abgefunden, was ich hier nicht zu Papier bringen 
kann, aber ein Fluch liegt auf mir, wo ich angestreift bin, 
war ich in Händen von Erpressern. Was habe ich in 
meinem Leben alles gelitten, bin zu vollständigem Sonder- 
ling geworden. Ich schleiche wie eine Katze scheu durchs 
Leben, immer in der Angst, ein früherer Blutsauger er- 
wischt mich, jedes Klopfen an der Tür geht mir durch 
und durch, ein elendes Leben. Und wieder regierte mein 
Trieb nahm mir jede Gegenvernunft, und willenlos trieb 
er mich auf die Suche nach Befriedigung." 

Hier folgt die Schüderung des aktuellen Erlebnisses, das 
mit krassester Erpressung geendet hat. Dann fährt der 
Schreiber fort: 

Allein war ich, schwarz ist mir vor den Augen ge- 
worden, nahe wäre ich zusammengebrochen, ich bekam so 
ein irrsinniges Gefühl, so soll mein ganzes Leben sein? 
Geweint habe ich die ganze Nacht, zermarterte mein Ge- 
hirn wie wird das enden? Heute schlage ich mich herum 
wie 'ein Halbtoter, finster ist mein Herz, eine trostlose 
Ade beherrscht mich. Erlösung nur Erlösung! Aber ich 
muß leben gibt es doch vielleicht etwas, das meinen Trieb 
Snwächen könnte, ich bin zu allem bereit, ich verlange 
SsVom Leben,alles will ich ertragen, nur ein bißchen, 
bißchen Friede . . ." 

Die beiden Männerbriefe sind aus gänzlich verschie- 
denen äeselUchaftsklassen, aber die Verzweiflung ist die 
gleiche. 

Es wird vielleicht mancher Leser sich gefragt haben, was 
dermale männliche Homosexualität in einem Buch fc der 
Frauenerlebnisse zu suchen habe. Der erste Brief enthalt den 
SSS3T auf den Zusammenhang. Der Schreiber spricht von 
e^T verbrecherischen Ehe" und tatsächlich wird von vielen 
^Sn'dtrEheschließung als Heilmittel angeraten. Hat man 
linbück^üi oUe Macht dis homosexuellen Triebes, wie er aus 
ne^en Briefen spricht, wie er vor keiner Erwägung durch 
Ä2Ä* abzutöten ist, dann wird l ma* l wohl ^aum 
den Mut aufbringen, eine Frau m eine solche Ehe zu hetzen. 



284 



Deshalb ist die Betrachtung der männlichen Homosexualität 
in diesem Buch am Platz. 

Weit ruhiger geht es in den Briefen der Frauen zu: 
„ . . . Ich hätte eine etwas heikle Frage. 
Bitte, mir bekanntzugeben, ob wirklich so viel Ver- 
brechen dabei ist, wenn zwei Mädchen sich lieb haben und 

i e «fV£ SOlUt JSÜ* 8 Männer kein weitergehendes Inter- 
SfJS? ' nachdem sie beide traurige Erfahrungen mit 
denselben gemacht haben. 



s 
findet. 



Die beiderseitige Harmonie und das ,Insichaufgehen' ist 
so groß, daß man es selten zwischen Mann und Weib 
rindet. 

Trifft hier das Sprichwort nicht zu: , Jedes soll nach 
semer Facon selig werden'? . . ." 

Mächen SSKJESS ausdrückUch dav °n, daß die beiden 
Maacnen erst zufolge vorangegangener Enttäuschung zur 

SXT XUalltat banste*- Diese Enttäuschung kann e ^ 
seelische gewesen sein, der Brief besagt nichts darüber es 
kann aber auch eine körperliche gemehTt sein ' 

die tanJ n nLh m ^ e de ' ^^en viele Frauen kennen, 

F^ulnlfeb^ wähllf T* f rme ? sen zwischen Männer " ™ d 
Fn^!z ie ^ zahlen konnten, die nicht auf dem Wez des 

Uetle^Tinr^ 'F?*\ m ^^XeÄhen 
beides habfn ,,ni ^ + be ! deS ? ennen und auch dauernd 
eS sind auch KL ,f tW ? fa S die ^uenliebe bevorzugen, 
hfer spreche l^/f 1161 . 611 Zwischenstuf en, von denen ich 
wirkiiThe^:,^ ^TZJ*™*^ 1 ^ 11 Weiber ' s ^ d ern ganz 
Dem Körp£ S d™ Z»T h das u über haupt bemessen läßt. 
KindefXreTdt^^ ™ blich > ™™ ** 

Ärliet f d s4 ^^ÄSffÄ 

Äd?Ä" nicht able Jen - abe? *- 

riertr^r^' SS ? ^ dabei um Pervertierte, degene- 
dln Fr^lnlL an i elt ' br J aUChe ich wohl nicI * zu befürchten; 
23. * g S? ?i der modernen Wissenschaft gegenüber läßt 
sich diese 'Einstellung nicht mehr halten. Auch im normalen, 
■ im v gesunden Menschen liegen, bei Mann wie bei Frau, 

immer beidergeschlechtliche Gefühlsmöglichkeiten vor und 



285 

inwieweit diese zur Ausbildung gelangen, ist eine Frage der 
persönlichen Entwicklung. 

Also nicht unempfindlich gegen den Mann, nicht abnor- 
mal sind diese Frauen und doch der Frauenliebe mit mehr 
Freude zugetan. Warum wohl? 

Ich muß auch noch beifügen, daß diese Frauen durchaus 
nicht über Impotenz ihrer männlichen Partner klagten, im 
Gegenteil, es waren welche darunter, die von besonderer 
Leistungsfähigkeit des zugehörigen Mannes berichteten — 
nur hatten die Frauen nicht viel davon, weil die Männer es 
an allgemeiner sexueller Rücksicht fehlen ließen. Es zeigte 
sich hier wieder, daß der Mann eben allzu oft den Fehler 
begeht, auf die Muskelleistung allein zu vertrauen und alles 
andere außer Acht zu lassen. Die Frauen hingegen trachten, 
vielleicht gerade aus dem Bewußtsein, daß ihnen innerhalb 
der gleichgeschlechtlichen Liebe ein entscheidendes sexuelles 
Betätigungsmoment fehlt, diesen Mangel dort, wo sie eine 
Frau begehren, durch ein ganz besonderes Bemühen auszu- 
gleichen. Und das — so muß ich aus den Berichten schließen 
fesselt die Frauen aneinander. Ich habe nur in ganz sel- 
tenen Fällen heterosexueller Liebe eine so restlose Ein- 
fühlung und zärtliche Hingabe gefunden, wie sie innerhalb 
gleichgeschlechtlicher Liebe bei Frauen ausnahmslos in Er- 
scheinung tritt. Das hier beigegebene Bild von Klimt (Ab- 
bildung 21) scheint mir von allen Illustrationen zu diesem 
Thema diesen zärtlichen Ausdruck am besten wiederzu- 
geben. 

Nun möchte ich aber hier entschieden betonen, daß 
meine Ausführungen zu diesem Punkt auf keinen Fall so 
verstanden werden dürfen, als ob sie den Rat enthielten, die 
Frauen möchten sich der gleichgeschlechtlichen Liebe als 
der besseren zuwenden. Ich hoffe, daß das bisher in diesem 
Buch Gesagte bei keinem einzigen Leser auch nur den lei- 
sesten Zweifel darüber aufkommen lassen kann, daß für 
die Frau die gegengeschlechtliche Liebe, 
die sexuelle Vereinigung mit einem voll- 
fähigen Mann, der es dabei auch versteht, 
die Empfindung der Frau zu wecken, als das 
weitaus beglückendste Sexualerlebnis an- 
zusehen ist. Wenn trotzdem öfter von Ersatzhandlun- 



286 



> 



gen zwischen Mann und Frau oder von gleichgeschlecht- 
lichem Ersatz die Rede war, so kommt das keineswegs 
daher, daß ich das Surrogat für besser hielte, sondern es 
hat seinen Grund darin, daß ein wirklich geglücktes Ideal- 
erlebnis nach Aussage der Frauen verschiedenster Nationen 
und Gesellschaftsschichten eben äußerst selten geworden 
ist. Und da meine ich, es sei besser, den Tat- 
sachen ruhig ins Auge zu blicken und sich 
sachlich damit auseinanderzusetzen, als 
durch Fiktionen einen im allgemeinen 
nicht vorhandenen Zustand künstlich stüt- 
zen zu wollen. Ich habe in meiner praktischen Erfah- 
rung so viel Unheil entstehen sehen, dort, wo an Fiktionen 
festgehalten wurde und andererseits so viel Besserung ge- 
funden wenn man den Mut aufbrachte, sich auf den Boden 

wJ w 1 n T SteUen ' daß ich es S elernt habe > den fes- 
teren Weg als den zweckmäßigeren anzusehen und ihn nicht 

ZwSEL ^° Ch ^ ^ Ä r ^prechung jener Störung im 
weiblichen Geschlechtsleben, die dem Prozentsatz nach die 
häufigste und ihrer Auswirkung nach die schwerste ist. 

das Problem der Frigidität, 

!w l£f liC Tu en ^. t ? 1 ^ reisen sexuellen Unempfindlichkeit 
?Sf«2i ^ ai £;^ k . eit wird von der wissenschaftlichen 

SS ^Sf £? 6 ° bis 90 Prozent sämtlicher Frauen an- 
d£ ^J kann diesen Prozentsatz aus der Erfahrung 
merk^ Ä T| efahr ^äügen, wozu allerdings zu be- 
Ä^'v^-^ 6 ? e Angaben über Fri^ität mit 
federn <Snn J^S? aufzun f h ^n sind, und zwar in 
«£n rÄo * «?* ^^^aublichsten und verworren- 
en pÄ f 8 ™^ ■ h °T en kommen und eine allge- 
meine tiefe Unkenntnis des Problems gefunden. Die Frauen 
leiden sehr schwer unter der Auswirkung solcher Störun- 
gen, aber sie sind meist völlig im Unklaren über Grund 
und Ursache. Andererseits hat sich bei manchen die phan- 
tastische Vorstellung festgesetzt, daß es für eine Frau 
nicht ehrenhaft sei, sexuelle Gefühle zu haben und ein Zei- 
chen sittlichen Verhaltens, wenn sie fehlen. Man muß aber 
nicht glauben, daß das nur Frauen der verflossenen Gene- 
ration wären, die ja noch allgemein in der Einstellung auf- 



m 



287 

gewachsen ist, daß Sexualität für Frauen eine unehren- 
hafte Sache sei. Das wäre noch nicht so verwunderlich, 
aber auch junge, mitten in der modernen Zeitströmung 
aufgewachsene Frauen halten es für „anständig" keine 
Sexualempfindung zu haben. Es ist oft gar nicht leicht, sie 
zum Geständnis der eigenen Wünsche und Gefühle zu 
ermutigen, so tief sitzt das vom Mann aufgestellte Postulat 
fest, nach welchem die Geschlechtsrolle der Frau eine 
zweitrangige sei. 

Die Frau, bedrückt von dem Gefühl der ihr zudiktierten 
Minderwertigkeit im Sexualleben, lehnt oft ihre Geschlechts- 
rolle innerlich ab. Wir haben den psychischen Vorgang, der 
solchen Verschiebungen zu Grunde liegt, an anderer Stelle 
ausführlich geschildert, hier sei nur daran erinnert, daß 
auch Sexualität trainiert werden kann und daß auf Grund 
dieser innerlichen 

Ablehnung der Frauenrötte 

die Frauen sich gänzlich für das Sexualempfinden ver- 
schließen und auf diese Weise unempfindlich werden. 

" Solche Frauen gelangen dann entweder überhaupt nicht 
zum Orgasmus, also zu voller Befriedigung, oder ihre Ge- 
fühlsfähigkeit ist nur von bestimmten Körperstellen her 
erweckbar, die bei normalem Geschlechtsverkehr nicht ge- 
reizt werden. Die Erregbarkeit der Vagina, wie sie zu Beginn 
im naturwissenschaftlichen Teü beschrieben wurde, ist nicht 
vorhanden, und die Reizbarkeit bleibt an den äußeren Ge- 
nitaltrakt gebunden, an die Klitoris, das Zäpfchen. Dort ist 
oft sogar eine außerordentlich starke, zu heftigstem Orgas- 
mus führende Erregbarkeit vorhanden. Da aber beim Ein- 
dringen des männlichen Gliedes diese Stelle nicht oder nur 
wenig berührt wird, tritt bei normalem Sexualverkehr bei 
diesen Frauen kein Orgasmus ein. 

Der Mangel des Gefühlsvermögens kommt auch sehr oft 
daher, daß die Frauen nicht genug Zutrauen zum Mann 
haben, um mit ihm über diese Dinge zu sprechen. Die meisten 
Männer sind so empfindlich in diesem Punkt, halten jede 
Aussprache darüber oft schon für ehrenrührig, halten die 
Frauen dadurch in solcher Verschrecktheit, daß damit eine 
unübersteigbare Mauer zwischen den Geschlechtern aufge- 
richtet wird. Nichts aber ist einem geglückten Sexualerlebnis 



288 

nötiger als Unbefangenheit, keine größere Gefährdung gibt 
es dafür als Ängstlichkeit. Wenn wir bedenken, wie schon 
in den kleinsten Dingen Unsicherheit uns zu den unzweck- 
mäßigsten Verhaltungsweisen bringt, wie dann erst hier, wo 
Sicherheit unbedingte Voraussetzung für Erfolg ist. 

Es ist darum gewiß nicht verwunderlich, wenn Frauen, 
die in der Vorstellung ihrer zweitklassigen Geschlechtsrolle 
verwurzelt sind, gar nicht zu dem restlosen Sichhingeben 
gelangen, das aus dem Sexualakt erst etwas anderes macht 
als eine Peinlichkeit. Es ist dann auch erklärlich, warum 
diese Frauen fast durchgehends den Wunsch haben, ein 
Mann zu sein. Dieser Wunsch kann die seltsamsten Formen 
annehmen. In den Berichten kamen die merkwürdigsten 
Dinge zu Tage, die, mehr als jene Frauen oft ahnten, über 
das Verworrene ihres Sexualempfindens Auskunft gaben. 
Das Gemeinsame daran war, daß sie durch bestimmte Hand- 
lungen, oft sogar schon bei der Vorstellung davon, ein Ge- 
fühl sexueller Interessiertheit in sich hervorrufen konnten, 
welches ihnen im realen Sexualverkehr fehlte. Alle diese 
Handlungen waren dem Aktionskreis der männlichen Sexual- 
betätigung entnommen, oder gaben doch zumindest ein Bild 
allgemeinen männlichen Gehabens; z. B. umgekehrt auf 
einem Sessel sitzen, so daß die Beine zu beiden Seiten der 
Kuckenlehne herabhängen; mit der Hand über die Oberlippe 
fahren, als ob dort ein Schnurrbart wäre, den man drehen 
Könne ; ja schon das Gefühl, eine nach männlicher Art ge- 
scnmttene Weste zu tragen, in deren kleinen Seitentaschen 
man nach Männerart Geld verwahren könne, rief eine gewisse 
^rregung hervor. Bei einer dieser Frauen ging das so weit, 
iiwifof f U 61nem , befriedigenden Sexualverkehr ihrerseits 

ShÄ ™ VW& mit der Stellung kam, daß sie 
h££ L mannliches Glied besäße, mit welchem sie Stoß- 
bewegungen ausübe. Es muß aber ausdrücklich vermerkt 
weraen, daß dies kemeswegs homosexuelle Frauen waren, sie 
hatten zu gleichgeschlechtlichem Verkehr reichlich Gelegen- 
heit gehabt, fanden aber nicht das mindeste Interesse daran. 
Wir sehen hier den 

„männlichen Protest" 
(Adler), in den die Frauen aus der ihnen aufgedrängten 
Minderwertigkeit zu flüchten suchen. Die psychoanalyti- 



xx n 




Edvard Mund»: Der Kuß. 

Aus Kurt Glaser: Kdvard Muiuh, Verlag Bruno Cassirer, Berlin 



I 



289 

sehe Schule hält es für angeborenen Penisneid, es wurde 
einleitend zu dieser Auffassung schon Stellung genommen. 

Ich möchte zu diesem Thema auch zwei historische Bei- 
spiele bringen. Nicht, weil ich der Meinung wäre, daß Per- 
sönlichkeiten, die irgendwie im öffentlichen Interesse stehen, 
interessanter wären als andere. Das glaube ich durchaus 
nicht, ich finde im Gegenteil die Betrachtung jedes einzelnen 
Schicksals so außerordentlich reizvoll, daß ich mir Grad- 
unterschiede dabei gar nicht vorstellen kann. Wenn ich hier 
Frauen heranziehe, deren Leben der allgemeinen Betrach- 
tung zugänglich ist, so geschieht es nur deswegen, weil ihr 
Schicksal eben dadurch mitsamt den von uns daran geknüpf- 
ten Schlüssen besser überprüfbar bleibt, als es sonst 
möglich ist. 

Die beiden Frauen sind Goethes Schwester Cornelia und 
die große französische Schriftstellerin George Sand. Beiden 
ist gemeinsam die völlige Ablehnung der Frauenrolle. Wäh- 
rend es aber bei der Letzteren in sehr aktiven Formen einer 
heiß angestrebten, in Namensgebung, Lebensweise, Kleidung, 
Liebeswahl dokumentierten Vermännlichung geschieht, flüch- 
tet die Erstere in ein absolutes, passives Versagen bei allen 
weiblichen Funktionen. 

Bleiben wir zunächst bei 

Cornelia Goethe, 

die sich in das passive Training der leidenden Frau zurück- 
zog für die jede mit weiblichen Sexualfunktionen verbundene 
FÄoheinung zum schweren Problem wird. Bei der Partner- 
wahl ablehnend, in der Ehe frigid, den Beschwerden der 
Schwangerschaft nicht gewachsen, dem Problem der Aul- 
zucht des Kindes durch seelische Erkrankung entzogen, lebte 
sie, in sich verschlossen, alles ablehnend, was *m ™f 5J"*5 
Leben der Frau schön zu gestalten vermag. Das Kind ^bleibt 
gänzlich fremden Händen überlassen, sie kümmert sich gar 
nicht darum, sagt selbst, daß es bei jedem Fremden lgber 
sei als bei ihr. Schließlich ist sie nicht ei ° ma Jjf n ^^f; 
die leichteste Arbeit zu tun, liegt immer im Bett, schreibt 
in zwei Jahren keinen einzigen Brief. So gibt sie da das 
weibliche Leben von ihr nicht bejaht wird, ^ulet* das Bild 
völliger Abwendung vom Leben überhaupt. Von allen Men- 

Lazarsfeld, Wie die Frau den Mann erlebt. 19 



290 



sehen schließt sie sich ab, bleibt ans Bett gefesselt, versinkt 
m Melancholie — die äußerste Grenze der Passivität, der 
WillenslosigkenV ist damit gegeben. Von einem so kranken 
Menschen aber kann man nichts mehr verlangen, also ist 
das Ziel, keine Frau sein zu müssen, endlich erreicht. Aller- 
dings um einen enormen Preis, es ist bezahlt mit dem Ver- 
zicht auf das Leben selbst. 

Hier muß einmal nachdrücklich darauf verwiesen werden, 
daß man wohl durch seelisches Training so ziemlich alles 
erreichen kann daß aber das Maß des zu Erreichenden nicht 
in unsere Hand gegeben ist, weder nach der einen, noch nach 
der anderen Seite. Wir können nicht bestimmen, bis zu wel- 
cher obersten Grenze wir gelangen wollen, noch können wir 

SSkJ!? hl f h o U l !l d **** weiter - Haben w* einm *l auf 
«fr SSÄ^ä»*??* trainiert > dann geht es uns leicht 
ZLTwk ? auberlel J rli ng, wir werden die Geister, die wir 
nefen, nicht so schnell wieder los. Daher kommt es daß 
ein unzweckmäßiges, also der Gemeinschaft !to Leitung 
abgewandtes seelisches Training uns wohl vorden^ffi? 

S^iihÄ V °Ä- n ™ geSchÜtzt sein SU daß 
es aber über dieses Ziel hinaus uns auch noch von vielem 
Ä^ faß wir d^ wo Uten> abschließt Das Tnd eben 

einer^Ä ^ ( A*?\ ** jeder bezahlen ™*> der sich 
GtaL^Aä^S ^ Le 5 enS entzieh en will. So hat bei 
Si^nem A W ^ Abwend ™g von der Frauenrolle zuletzt 
zu einem Abwenden vom gesamten Leben geführt 

nur «1, ^ £'• ^ *". Slch ihr weiteres Leben als Frau 
kann Lt 7% -lÄ lmmer Sesteigerten Leides denken 
pi*- wörtlich ausspricht. 



Bei 

George Sand 



sehen wir, im Gegensatz zu diesem Sichaufgeben, den Ver- 
such, ein Mann zu sein und damit alles zu erraffen, was 



291 



ihrer Meinung nach einzig des Leben lebenswert macht. 
Von Seite des Vaters her stammt sie aus einer hoch- 
berühmten Kriegerfamilie, der Vater selbst ist von Kriegs- 
ruhm bedeckt, die Mutter, aus unscheinbaren Verhält- 
nissen stammend, wird von der Sippe des Vaters verachtet 
und bekämpft. Alles, was das heranwachsende Kind mit- 
erlebt, muß es zu dem Glauben führen, daß Frau sein schon 
an sich „Wenigersein" bedeutet. So trainiert sie auf „Mann". 
Es würde aber hier zu weit führen, die Kindheit, die das 
deutlich zeigt, ausführlich durchzusprechen, was uns be- 
schäftigt, ist die völlig verschiedene Form der äußeren We- 
senshaltung, die doch den gleichen tragenden Grundzug hat 
wie bei Cornelia: KeineFrauseinzuwollen. Aurore 
Dupin nach ihrer Verehelichung Dudevant, legt alle Frauen- 
namen ab und wird George Sand. Sie trägt möglichst Män- 
nerkleidung, führt das zügellose Geschlechtsleben, wie sie 
gewöhnt ist, es beim Mann zu sehen und wählt dazu als 
Partner immer solche Männer, die viel weiblicher sind als 
sie selbst, Musset, Chopin und viele andere, alle vom gleichen 
Typus. 

Und alle diese Beziehungen scheitern daran, daß Au- 
rore das Beste, was sie zu geben hätte, fest ; in sich ver- 
schließt ihre Weiblichkeit In der Leistung überflügelt sie 
die Männer ihrer Umgebung. Hier sehen wir dim deutlich- 
sten Unterschied zwischen Cornelias passiver Abwendung 
von der Frauenrolle, die bis zur Abwendung vom Leben fuhrt 
und der Aktivität Aurores, die zum männlichen Lebensstil 
™d damit zur männlichen Leistung drängt. Beiden bleibt 
gemeinsam 

das seelisch erworbene Versagen vor der weiblichen Sexual- 
empfindung. 

Frigidität kann auch organisch bedingt sein, ist es aber 
nachT Angabe der Ärzte sehr selten. Oft glauben die Frauen 
an eine organische Grundlage und schämen sich zu fragen. 
SeÄÄto auch unte7der ganz unberechtigten Angst, 
daß ihre mangelnde Gefühlsfähigkeit der Grund zu Un- 
fruchtbarkeit sein müßte. 

Der nachstehende Brief schildert einen solchen Zustand: 

19* 






292 



„An den Helfer in menschlicher Not! 

a „ SSB ers i em ? al *¥» ich heute Ihr Blatt - "* welchem Sie 
^^1 ,? en J 1 ? Ie ? bedrän &ten Menschen in ihrer 
großen sexuellen Not als wohlmeinender Ratgeber dienen. 

Auch ich habe den Drang mich in einer ähnlichen Lage 
an einen verstandigen, in diesem Falle helfenden Men- 
schen wenden zu können. Nie noch fand ich aber den Mut 
dazu. Mag es weibliche Scheu sein, angesichts eines zwei- 
ten, meine Qualen, welche ich seit meiner Ehe zu ertraeen 
habe, deren Folge eine große Nervosität geworden ist 
einem Arzt anzuvertrauen. Nun zur Sache: Ich heiratete' 
Sf 1 ^S" 11 "i? ^te^rtes, reines Mädchen. Mein sehn- 
22?mET* ?S und ist ' Mutter zu werden. Dieser 
steU ioh LT^ eid | r . im i ,eSChert - M * ^wissende Frau 
sexuellen Grfübl^l^ 7* ^ Sache daran in der 
Sgenüber nm 3 h»l m ^ ner ^ - meinem Manne 
gegenüber ~ hm xmd hab nie noch, trotz meines temrwa- 

"Kr 8 - die ™ e «SWÄ 

Nebenbei bemerkt zählt unsere Ehe zu den Glücklichen 

den wem ia n,>ht *"' meinem Manne unt ™ ™ wer- 

liegt Tch a £rÄ £* ST S* UM beiden die Schuld 

ch TbeSun^ Jh fi U ? htb ? danmter und w ^iß nie, was 

gestalten /'' ** Lage ** einer erträglichen zu 

ein^LÄ 611 ^ -^ fer Mgider ftwwn verl ^gt eine sehr 
Zlt ™ Beschäftigung mit diesem Thema, da aber sehr 
vieles was dazu zu sagen ist, gleichermaßen für eine Se- 
x !\^ orun S gilt, die, aus ähnlichen Ursachen wie die Fri- 
gidität erwachsen, von männlicher Seite her zu Schwierig- 
keiten fuhrt, wollen wir diese erst kurz durchsprechen, um 
aus raumokonomischen Gründen alles Weitere, für beide 
Probleme Giltige, dann zugleich behandeln zu können. 



293 
Impotenz. 



Sie kann, wie Frigidität, organisch bedingt sein, ist aber 
ungleich häufiger seelisch erworben. Wir sprechen hier nur 
von der letzteren. Alles Prinzipielle dazu wurde im einlei- 
tenden Sexualkapitel und beim Thema des „Fiasko" bereits 
gesagt, Entstehung, Auswirkung und Chancen der Besserung 
besprochen. . 

Innerhalb der schönen Literatur finden wir die Figur des 
Impotenten verwendet in Heinrich Mann: „Schauspielerin", 
in Hans Jäger: „Kranke Liebe" und in der grandiosen Ge- 
stalt des Bischof Nicolas in Ibsens „Kronprätendenten . 

Es erübrigt noch, einen der Briefe, die über diese Störung 
berichten, vorzulegen: 

Ich liebe ein Mädchen, das meine Liebe erwidert. 
Ich habe noch nie geschlechtlich verkehrt, bin also Jung- 
geselle aber nicht aus freiem Willen, denn Gelegenheit 
zum Beischlaf habe ich genug, sondern — und das ist das, 
was mich unglücklich macht, so daß sich meine Gedanken 
schon mit Selbstmord beschäftigen — ich kann nicht, 
kann nicht, obwohl ich riesiges Verlangen danach 
habe und ich aber dieses leider nur auf unnatürliche Weise 
befriedigen kann. Mit einem Wort, ich bin impotent; von 
gSSÄ Niederzuschreiben, was ich leide, kann ich 
nicht weil ich nicht Geduld dazu habe, aber ich leide 
furchtbar. Meine Freunde sagen mir nach daß ich 
miede Schürze verliebt bin und sie haben recht es zieht 
mich immerzu jedem Weib und doch muß ich sie im 
SheTdenden Moment stehen lassen, obwohl mir das 
Her^ dabeTblutet. Ich bitte Sie, flehe Sie an, mir zu helfen, 
vieUeichrgibt es eine Rettung für mich aus diese* tun- 
natürhchef Zustande, denn sonst ist so ein Leben ^ nicht 
wert gelebt zu werden. Möchte gerne wissen werjfchuid 
• In diX>r meiner Krankheit hat, bin ja sonst körperlich 
& d S^rb£tfbe Sport und zähle nicht zu den 

Wi der glücklichste Mensch auf Gottes Erde, 
wenn man mir helfen könnte . . . 

Ich hätte ausführlichere Briefe wählen können, Ifteß mkfo 
aber bei der Auswahl von dem Gesichtspunkt leiten, daß hier 



294 



die sicherste Gewähr für das Inkognito des Ratsuchenden 
gegeben erscheint weil der Inhalt des Schreibens sich mit 
I?i ei ii^ d T n deC S- Der Schr eiber steht in dem Alter, das 
tSZ h -£ e großte VitaIität im Geschlechtsleben garan- 
SÄ wenn wirklich, wie man oft meint, Jugend 
S8*GmSE? dlG GeWäh 3 r f ^ geglücktes Sexualleben wäre* Er 
AnlJft »? m T men gesund und es ist kein einziger objektiver 

Erkrfn^nl p0t l nZ **$*?*• Tr° tzde ™ hält er es für eine 
Erkrankung im körperlichen Sinn. 

Anfragen wegen jugendlicher Impotenz, 

tet° si^^V^- "**> o 25 ' • Wie es dieser Ratsuchende 
2L £ ,f° h .aufig, daß ich auch aus diesem Grund 
diesen Fall gewählt habe. Man ist so gewöhnt das vöUiee 

in oiesem Punkt etwas Aufklärung nötig ist Beim reifen 
SS^SS? u t> erreif ? n M ann können, ebens? wie befm Jugend" 
liehen, sehr langandauernde Störungen vorkommen ohnfdaß 
damit schon Impotenz, wie man sie allgemein^e?steht vor 

vorliegt, darf man mit ziemlicher Sicherheit sS dem 

rwnanaiung des Betroffenen geschehen oder smnh fall« ^ 

gesunden »faSboSVLS MS^ eto 5? «»* 

feste zur sofortigen und* oft SrÄÄtÄÄ 1 

M , ft??fS? ngen - J s * » ä m 1 i c h e r s t eTn n?a i e 1 „ 
Mißerfolg eingetreten, dann pflegt er sfeh 

S^r*'* V ,° r - der WiederhoVnnl Vu wie? 
*i P r\„ UD 1St DiCht 80 'eicht zu korri- 

Das seelisch bedingte Fiasko tritt immer dort ein, wo der 
Mann sich unsicher fühlt. Sache der Frau ist es, ihn nicht 
durch ängstliches, herabsetzendes oder allzu erwartungsvolles 






295 



Benehmen noch mehr zu verschrecken, sondern ihm etwas 
Zutrauen zu schenken. Merkt der Mann, daß die Frau ihm 
vertraut, dann wächst auch seine Zuversicht zu sich selbst 
und damit seine Potenz. Nun haben aber die Frauen gewohn- 
lich selbst Angst vor dem Mißerfolg, manchmal auf Grund 
früherer schlechter Erfahrungen, manchmal weil auch sie 
an ihrer eigenen erotischen Fähigkeit zweifeln. So kommt es 
zur Niederlage meistens dort, wo sie aus Unsicherheit schon 
vorher befürchtet worden ist. 

Befürchtet — oder manchmal auch gewünscht. Es ist in 
vielen Fällen von Impotenz nachweisbar, daß die beteiligte 
Frau trotz allen scheinbaren Wunsches nach Vereinigung, 
innerlich dagegen eingestellt war. Sei es, daß sie die ^Folgen 
fürchtet, oder daß sie meint, der Mann werde sie nachher 
nicht mehr so hoch achten, oder daß sie oft, ohne es selbst 
zu wissen den Wunsch hat, ihm eine Demütigung zuzuziehen, 
sich für etwas zu rächen; es gibt tausend Ursachen, aus de- 
nen Frauen, trotz eigenen Bedürfnisses nach Geschlechtsver- 
kehr im letzten Moment doch lieber davon absehen mochten. 
Ist eine solche innere Gegeneinstellung vorhanden, dann be- 
kommt das Benehmen der Frau unwiUkürhch eine Note ^ die 
durchaus genügt, den Mann an seiner Potenz zu hindern. 
?ch habe rate gesehen, wo Männer, die seit längster 
Zrit impotent gewesen waren, es zu ungeahnter Leistungs- 
ffiMirkrit brachten, nur weü die betreffende Frau sie richtig 
zu bSdeS verstand. Das gleiche kann für frigide Frauen 
von^eS der Männer zutreffen, wie wir noch sehen werden. 
Als alleemein gütig darf sowohl für Frigidität wie für 
Im^oteÄn^ s¥ auf psychischer Grunde fanden 
sind gesagt werden, daß immer irgendein „Nein dahinter 
steckt ßti den Frauen entweder die seelische Absage an *e 
Sich? Geschlechtsrolle überhaupt oder eine Abwendung 
voHetreflenden Mann, der es nicht zuwege ^bracht h^ 

Sri Senkst der Grundf Iktor innere Unsicherheit die sich 
fn^™def WeTs* Täußert, daß man eigentlich von dem was 
t^ tut also hier von der sexuellen Vereinigung, im Grunde 
geno« Tie^r absehen möchte, wenn man es auch außer- 



296 



ges^uftt* BereÄ? k Z ^ Au *?P™*en mit einem 

seh g" nX °fen M Ch6U Auss P re *ens ist so groß oaß 

derer^scnÄÄLTterTn 1 !^ 2S?5" an " 
über Sexualfragen nur flüchtig <i J? £ tUng b ?S eben . wobei 

oft im Gespräl K£ÄSXdtoÄS£ r W °/ ie 
und es stellt sich doch dabei mi : fiSJK ££ b ^ ruhrt werden 
seelischer Besserung aiX^fc fortschreitender allgemein- 

rung des G-SEäSÄ^SE^,^ V zfa*°+ 
jenen Beweisen rechnen %„ * «^ *" das wohI m >t zu 
schlechtsleben ein^? äonU Sprechen ' ^ *• Ge- 
trennbar vSÄS&Ä l ?Ä2 !l ^ un " 

nicht unabhängig für sich äw I l eS gosamtlebens ist und 
werden uns, woLn «S ni^?^ M 6rtet werden darf - wir 
wohl oder Übel dZ emLSte^m^ 86 ^^ bleiben ' 

zu bewerten. *"'*• "** -*"•*«<**"• 

so haben mich in den leK Jah ren ^i? 8 ! b ^ renzt sind - 
reisen in andere Länder rt »TT mede ?? olte Vortrags- 
wo in den dort abeehX™?Lw dle v<a ?<*iedensten Orte, 
getreue wfederhomn ÄJÄS2 SS? P bo ^a P hisch 

resrS^XÄ?4^ Ä.'M 
özene des befreiten Aufatmens, wenn die Menschen darauf 



297 



verwiesen wurden, daß keineswegs sie jenseits der Norm 
stünden, sondern daß ihr Zustand zumindest in einem ge- 
wissen Prozentsatz dem augenblicklich herrschenden Ausmaß 
entspräche. Es war erschütternd zu sehen, wie z. B. Frauen 
mich fragten, warum man sie bislang in dem Glauben lassen 
konnte, daß ihr Unvermögen, sexuelles Empfinden innerhalb 
der Vagina zu verspüren und ihre sexuelle Gebundenheit an 
die Reizung der Klitoris, was sie als ausschließlich nur bei 
ihnen allein vorkommend und als Schande empfunden hatten, 
die Ausnahme wäre, während es sich spater, als sie im Zug 
der Aussprachen den Mut fanden, mit Frauen ihrer Umge- 
bung darüber zu reden, als so häufig vertreten erwies, daß 
oft keine einzige Frau innerhalb großer Ge- 
sellschaftskreise als frei davon angesehen 

werden konnte. Diese Erscheinung ist auch durchaus 
an kein soziales Moment gebunden hat mit Bildung und In- 
tellekt nichts zu tun, sondern findet sich in samtlichen Ge- 
sellschaftschichten vor. Die enormen Schaden dieser Konstel- 
lation für die Frau hegen auf der Hand, wenn man nur ein 
wenig vertraut ist mit den verheerenden Wirkungen, welche 

das Gefühl des Andersseins" 
im Seelenleben des Menschen hervorzurufen imstande ist. 
Das deiche gut für die Frage der Impotenz beim Mann. 
A„?h hier entstehen, wie die Beratungsfälle zeigen, sehr viele 
Schädel Äl Mann an seine Sexualleistung einen 
SSSSHSegt, den unsere B»±Pff«^ 

SST4SSSR ^SStSA%J&z 

sS ja, umgekehrt geradezu dazu treibt, nicht vorhandene 
Sungen wenigsten! in Berichten vorzutäuschen, um so 
^Ä g zustelen g wie man meint, «^ÄtÄSbfttt 

SSÄ XSSÄSäW» darstellen. Man er- 



298 



SSff Z°? T em ^ rzt J der seine männlichen Patienten auf 
fww a f? rk , Sam machte ' aber keinen Glauben bei 
ir *1 5 ?' T 1 ^ dle ..^ deren viel mehr erzählen", worauf 
er den Rat gab: „Erzählen Sie auch." 

dar ? ie T ^uP at !. , !f. m ? er mehr als e^ hübscher Scherz sein soll, 

SÄÄSLnsT^s werden ' weii er sonst *■* 

jene lendenz bestärkt, die zur Prestigepolitik dränet Es darf 

s n e U ine S n° ÄS* T^± f» ^^ Arzt aurTese W™ 
n! m T dienten zu verstehen gab, daß in den Erzählungen 

chen^eL eren gleiChfaUs kein voIler Wahrheitsgehalt zu ?u 
; Bei den Berichten, die an die Beratung kommen ist 
am m Hatz me V ° rSichtige Bewertung des WaLhe'Sgehaltes 
Sehr häufig wird z. B. 

der Alltag 

gehen ÄÄÄ bestehende Liebesbeziehung 
Balzac emrrfX & Ä***** wie im »eliachen Sinn 

gut ständig rücksichtivrf i «JL u h lst : Man kann nicht 

die .^«B^Sh^ k ^ h ^Ä^ rt 2 ar,m Weder 
lässigen, vor allem muß man «i*jSÄr^H?* vern ach- 

«ää^^ sie 

ßer Äwi3, 

der im rechten Augenblick und in der richtigen Weis* »». 
tauscht, unendlich viel geben kann, 11(X^ 



299 



der täglichen Gewohnheit werden; er ist wirklich zu schade 
dafür. Trotzdem bestehen sowohl Frauen wie Männer 
manchmal auf einem regelmäßigen Austausch von Zärtlich- 
keiten, einzig und allein weil sie das ihrem erotischen Pre- 
stige schuldig zu sein glauben und in der Verweigerung 
dieses Anspruches eine Herabsetzung ihrer Machtposition 
erblicken. Das zeigt nur, wie der Kampf um die persönliche 
Oberherrschaft sich alle Gebiete des Zusammenlebens als 
Kriegsschauplatz nimmt und tatsächlich sind gar viele 
Schwierigkeiten, die angeblich vom bösen Alltag herstam- 
men, nur die Auswirkung dieses Verhaltens, das die sexu- 
elle Gemeinschaft sehr schwer schädigt. 

Symptombewertung. 

Ein halbwegs geübter Beobachter kann der Art, wie zwei 
Menschen den Alltag miteinander verbringen, ziemlich genau 
anmerken, wie ihre sexuelle Beziehung aussieht und umge- 
kehrt kann man aus der Art ihres gegenseitigen Sexualver- 
haltens ungefähr voraussagen, wie sich ihr tägliches Leben 
uloielen mag. Dies zu lernen ist gar nicht schwer und jeder- 
a nnn auch für eigenen Bedarf dringend anzuempfehlen, be- 
ders ienen, die noch vor einer endgiltigen Entschließung 
JE Es wurde schon bei dem Problem des Rhythmus dar- 

* vp'rwiesen, daß man aus gewissen Kleinigkeiten des täg- 
SfcJn T^bens ziemlich viel über die Sexualeinstellung der 
Menschen erfahren kann, wenn man sie richtig zu bewerten 
St Als Beispiel sei die alte thüringische Bauernsitte 
St nach welcher zwei Liebesleute erst dann zur Ehe- 
Seßung zugelassen werden, wenn sie in gutem Einver- 
nehmen gemeinsam einen Baumstamm durchgesägt haben 
wS -ar nicht leicht ist. Das soll ausdrücken, wie jbezeiclmend 
fü? IS Geschlechtsleben die Art, an den Alltag heranzu- 
Iphen ist Ich kann aus meiner Praxis zwei hübsche Aus- 
fnrüche von Frauen zum gleichen Thema bringen, die beide 
SET ohne besondere Absicht fielen. Eine sehr glückliche 
Ca Ml Sgte einmal bei Tisch auf ihren liebsten wah- 
rend er gera* fdas Glas zum Munde führte und sagte be- 

geiS 6 ' „Wie er trinkt, so küßt er auch." 



300 



Ich konnte mich dem Eindruck nicht verschließen, daß die 
Art, wie er trank wirklich einen sehr zärtlichen, über seine 
Liebesqualltaten beruhigenden Eindruck machte. Ein an- 

tl m3 L 7^F ? h "S 1 einer J' un S en Fr au bei einem Film, wo 
der „Held das Bauernmädchen verführte und während 
seiner Werbung weiterrauchte. Da rief die junge Frau: 
Ä emer . he \ so etw *s nicht einmal die Zigarette aus 
dem Mund nimmt, soll man ihn schon nicht nehmen!" Auch 

SbrS^!^^ " Wie einer ist ' so bäck * er Brot" be- 
t8£a * «i Che ;/- lle dlese ^^wußte Weisheit gibt davon 
Kunde, daß der Mensch eine Einheit ist und daß iede Teil- 
handlung Einblick in sein ganzes Wesen gewährt. Am we- 
nigsten wirklichen Einblick gibt das, was ein Mensch sagt. 
SLä V1 - sl £ here T r ' lhn nach seinen Handlungen zu beur- 

s^fs * uther äj s " sieh deinen peinden ^cht 

aut das Maul, sondern auf die Fäuste!" 

Eine sehr wichtige Handhabe in der Beurteilunc- des 
Partners sind die Fehlleistungen. Wenn ein Mann ufs oft 
mißversteht, die Stunde des Rendezvous oder dessen Treff - 
^^7"* ™ d ähnliches mehr, dann dürfen wir 
schließen daß ihm nicht allzuviel an uns liegt Das deiche 
gilt natürlich für uns selbst, wenn wir uns irren 

gemSnSmlT^L^ £2S W* daß Jedes Detail des 
gemeinsamen Lebens sowohl für die Harmonie als auoh 

oanei vorschwebt, das wurde schon genügend ausgeführt. 

ss arit Säg SSV 1 - - « 

SJÄSP ''^er gern tanzt, dem ist bald gepfiffen." 
SSSm^qSä 1Ch llnmer „& ese ^n, daß Differenzen ohne 
Älif Schädigung der Beziehung verliefen, wenn deren 
Aufrechterhaltung wirklich erwünscht war. Es gibt da ge- 
wiß keine absolute Bewertung und alles bleibt relativ. Zu 
diesen relativen Dingen gehören auch äußerlich herange- 



" 



301 



brachte Schwierigkeiten, wie z. B. die schon erwähnte Platz- 
frage. Wir erinnern uns, wie oft darüber geklagt wird, daß 
nichtlegalisierte Beziehungen kaum einen ruhigen Platz für 
ein Beisammensein finden können, wenn keine eigene Woh- 
nung zur Verfügung steht, was nur höchst selten der Fall 
ist. Unter dieser Schwierigkeit leiden alle jene jungen Paare, 
die der Wohnungsnot halber nicht heiraten können und ebenso 
iene, wo der eine Teil schon irgendwie gebunden ist und vom 
ersten Partner nicht freigegeben wird. Da spielt sich oft das 
Sexualerlebnis unter solcher Angst vor Entdeckung oder mit 
einem so beschränkten Zeitmaß ab, daß nur sehr gut auf- 
einander eingestellte Menschen dabei überhaupt zu einem 
Genuß gelangen können. Selbstverständlich ist dafür, wie 
überall die seelische Einstellung von größter Bedeutung und 
die gleichen äußeren Bedingungen werden sich je nach der 
Seelenverfassung gänzlich verschieden auswirken, denn alles 

ist variabel. 

Ich habe aus den Berichten meiner Ratsuchenden immer 
den Eindruck gewinnen können, daß in solchen Fällen die 
Größe der Angst im umgekehrten Verhältnis stand zur Starke 
der eieenen Empfindung. Wenn der sexuelle Wunsch sehr 
fnteiSfv vorhanden ist, erlaubt er die Durchführung auch 
unter den prekärsten Umständen. Diese Erkenntnis ist nicht 
neu In den .Contes drölatiques" von Balzac wird mit größter 
Bewunderung von der Liebesfähigkeit einer Frau berichtet 
imstande war, das Beisammensein mit ihrem Freund noch 
Ms z^glüc^hchen Ende zu genießen obwohl sie ihren 
Gatten schon die Treppe heraufkommen horte. 

Aber auch der in diesem Punkt physiologisch empfindli- 
chere Mann kann oft trotz äußerlicher Störungen mehr oder 
wenTger Xonsfähig bleiben je nachdem, ob er darauf ein- 
gestellt ist oder nicht. 

Das gilt besonders für die Frage der 

Behinderung des Mannes durch Antikonzeptionsmittel, 

welche von seiner Seite die Befruchtung verhüten sollen^ 
Xuch dies ist für das Sexualerlebnis wenn es mcht dem 
Zweck der Zeugung dient, von größter Bedeutung. 

Sehr viele Frauen klagen darüber, daß ihre Manner kein 
Condom vertragen und aktionsunfähig davon werden, aber 



302 



tnÄ "VI ' daß ±e3e } hen Männer, wenn sie mit Prosti- 
^fiif n ™ rke . hren > wo sie sich vor Ansteckung schützen 
wollen oder im ülegalen Verkehr, wo sie UnannehmliX 
keiten furchten kurz überall, wo s i e s e 1 b s t SsS 
einem Grund durch den Condomverkehr geschützt ^inwol 

^te^X^^^^ ^^ Nur ^enn sie LS EL 
SÄ^Ä wei1 ™> *J Meinung sind, es wäre 
geeen die FmnA^- h durc u h .. + M ^ahmen von ihrer Seite 
IrSr • if* ™P f angms zu schützen oder wenn es ihnen ein- 
fach nicht dafür steht, dann vertragen sie ihn nicht 

m/^SL nich , t nur auf dem Gebiet der sexuellen Leistung ist 
SSi ^? ge Sft ^glückten oder weniger geglückte^ Cte- 

Formulierung dieser Tatsache d?R ioi T- u 6me so hubsche 
Er erzählte mir, wie er die SSoM n^ ii 6 hleber « etz en will, 
schönen Frau verbracht und ™S? T™? 811 mit einer 
Schnee ein mar StSniJi- ^ er durch meterhohen 
hause gegangen s^A ^21 * dünnen Tanzschuhen nach- 

mindert^Sto?L^lS^- ^ age ' ? b ihm das nicht zu " 
wortete er Nicht ÄS "entzundung eingetragen habe, ant- 

äs&SS aas 

Falles wn ö ir, Q aw AU T iU f mun & -ich erinnere mich eines 
kunf'Jf HL^P* 5- hr bGSOr ^ um ihr e ästhetische Wir- 
Snd ^r S.^ 22? m Punkt äußerst empfindlichen 
kleid^ F« w ^ ch stets ganz besonders sorgfältig für ihn 
S?75, W ? S! darum T eine wirkliche Sor|e, all sie ein- 
StadihU w tf g f ra - gCner SeMön « ™ ihm gehen mußte. 
£Äf be ™ htete sie ■** er hätte sie noch nie so reizvoll 
gefunden, wäre nie so stürmisch gewesen, wie gerade bei 



303 

diesem Beisammensein. Aus der Zeit des jungen literarischen 
Wiens zu Beginn unseres Jahrhunderts wird von einer De- 
batte zwischen Künstlern erzählt über die damals aktuelle 
Frage der farbigen Unterröcke und ihrer erotisierenden oder 
abstumpfenden Wirkung. Diese Debatte soll Arthur Schnitz- 
ler mit den Worten abgeschlossen haben: „Wenn man in 
dem Moment die Farbe überhaupt noch unterscheiden kann, 
dann hat es schon nicht dafürgestanden." 

Alle bisher besprochenen Fragen spielen bei der Partner- 
wahl eine große Rolle. Kommen zwei Menschen schon be- 
laden mit der Angst vor dem Experiment zueinander, dann 
kann man fast sicher mit einem Mißlingen rechnen. Ich 
weiß schon, daß bei manchen Menschen der vitale Wunsch 
so stark ist, daß er diese Behinderung überwindet, aber das 
kommt so selten vor, daß es nur als Ausnahme zu werten 
ist. Besonders das bei beiden Teilen, bei Mann und Frau, zu- 
gleich geglückte 

erste Sexualerlebnis 

hat wirklichen Raritätswert, man kann ruhig ansetzen, ein- 
mal unter Tausenden. 

gg wurde schon im theoretischen Teil ausführlich dar- 
crplefft wie wichtig das erste Erlebnis ist und wie es 
für das gesamte Geschlechtsleben der Frau von ausschlag- 
gebender Bedeutung werden kann. Wir meinen damit nicht 
ffp mehr oder weniger bewußten ersten sinnlichen Regungen 
Jr nd wünsche, sondern die erste wirklich durchgeführte se- 
iniplle Vereinigung. Mit dieser Frage treten wir an einen der 
entscheidendsten Punkte in der Entwicklung des Jugend- 
lichen überhaupt heran. Die Art, wie er sich zur Geschlecht- 
lichkeit einstellt, ist immer der Ausfluß seiner ganzen Le- 
benseinstellung und beeinflußt umgekehrt auch wieder sein 

^^fde/isTes auch der Punkt, zu welchem am allerwenig- 
sten fixe Maßregeln gegeben werden können. Die Möglich- 
keit in diesen Fragen mit der dafür unerläßlich nötigen Ehr- 
lichkeit zu Werke zu gehen, ist noch so gering und dort, 
wo sie vorhanden ist, so jungen Datums, daß die Erfah- 
rungen darüber durchaus noch keinen auch nur annähernd 
endgiltigen Schluß zulassen. ,. iM 

Schon bei der Beantwortung der Frage, in welches Alter 



304 



das erste Erlebnis am besten zu verlegen wäre, stößt man 
auf die größten Schwierigkeiten. Hier spielt auch schon das 
Problem der allgemeinen Lebensgestaltung die entscheidende 
Rolle. Wir haben in dem betreffenden Kapitel gezeigt, wie 
verschieden die reife Frau auf Sexualerlebnisse reagiert, je 
nachdem, ob ihr Leben auch andere als persönliche Geltungs- 
interessen enthält oder nicht, ob die Geschlechtsbeziehung 
ihr als die allein ausschlaggebende oder als eine unter an- 
deren wichtigen Lebensfragen gilt. Auch beim heranwach- 
senden jungen Mädchen spielen diese Fragen in der Ein- 
stellung zum sexual-erotischen Problem sehr stark mit. Man 
hat verschiedentlich versucht, durch Fragebogen, Aufnahme 
von Entwicklungsdarstellungen (Anamnesen) usw. festzu- 
stellen, in welchem Alter der Drang zum sexuellen Voller- 
lebnis sich einstellt. Die Resultate erlauben keine eindeutige 
Auslegung. Abgesehen vom Prozentsatz der Aufrichtigkeit 
bei der Beantwortung können soziales Milieu, Bildungsstufe, 
anderweitiger Interessenkreis, Berufsarbeit, bessere oder 
schlechtere Ernährung, Stadt- oder Landleben und vieles 
mehr, so entscheidend einwirken, daß man Vergleiche eigent- 
lich nur innerhalb völlig Gleichgestellter anstellen dürfte. 
Eine solche Erhebung innerhalb eines gleichartigen Mi- 
lieus, nämlich bei Ärzten und Medizinern (Meirowsky und 
Neißner), nach dem Zeitpunkt des ersten durchgeführten 
bexualerlebmsses ergab als Durchschnitt beider Erhebungs- 
resultate folgende Ziffern: 

Bei 1*9 % im Alter von 14 Jahren, 



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>t 
t» 
ft 
M 
ft 
ff 
ff 
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ft 
ft 
ff 
ft 



14% 
63% 

8"8% 

132 % 

176% 

18"6% 

11-2 % 

63% 

53% 

3-4% 

0*4% 

0'4% 

04% 



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ft 
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ff 
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tt 
ff 



15 
16 
17 
18 
19 
20 
21 
22 
23 
24 
25 
26 
27 



f» 
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ff 
ft 
tt 
tt 
tt 
tt 
tt 
tt 
tt 
tt 
t> 



XXIII 



- "« 




Gleiche körperliche Rechte für Frau und Mann 

Mit Erlaubnis der Zeitschrift „Der Kuckuck", Wien, Vorwürtsvcrlag 






I 



305 

Demnach entfiele der stärkste Prozentsatz erster Sexual- 
erlebnisse in das 20. Jahr. (Entnommen bei Georg K 1 a 1 1 : 
Geschlechtliche Erziehung als soziale Aufgabe, Verlag Ernst 
Oldenburg.) 

Nun bliebe noch das Motiv zu untersuchen, das Jugend- 
liche zum ersten Erlebnis drängt. 

Eine im Jahre 1922 unter russischen Studenten mittels 
1552 Fragebogen vorgenommene Enquete (Batkis) ergab die 
traurige Ziffer, daß nur 0*4 % der Männer durch Liebe zum 
ersten Sexualerlebnis kamen, bei 26 % hatte der erste Ver- 
kehr mit Prostituierten stattgefunden. („Die Sozialrevolu- 
tion in Rußland", Verlag „Der Syndikalist", Berlin.) 

Bei den Frauen ergibt die gleiche Enquete, daß 61 % 
durch Liebe zum ersten Erlebnis gelangten. 

Aber es gibt Entwicklungsresultate, die sich aus zählbaren 
Faktoren aSein immer noch nicht genügend erklären lassen 
und wir werden gut tun, bei unseren Urteilen mit größter 
Vorsicht zuwerke zu gehen. So berichten manche Beratungs- 
stellen, daß unter den weiblichen Jugendlichen schon von 15 
Jahren an sexuelle Wünsche so stark auftreten, daß ihre 
Nichtbef riedigung unter allen Umständen als Gefährdung der 
gesunden Weiterentwicklung angesehen werden muß. Mir 
sind solche Fälle nicht vorgekommen. Sicherlich tritt in 
dieser Zeit oft ein starkes sexuelles Interesse auf, aber zu 
besonderer Übermacht habe ich es niemals kommen sehen, 
dort, wo die Mädchen in diesem Alter auch andere Interessen 
sozialer, beruflicher, mit einem Wort außerpersönlicher Natur 
hatten. Nur diejenigen, die nicht an eine Bewährung im Sinne 
einer Leistung glaubten, glitten in das Fahrwasser überbe- 
tonter sexueller Betätigung. Nun wird von mancher Seite be- 
hauptet, daß allein die Zuwendung zu Kulturinteressen in 
diesem Alter schon den Grund zu späterer mangelhafter Se- 
xualempfindung lege. Andererseits ist nachgewiesen, daß die 
frühe Sexualbetätigung die Mädchen jeder Kulturarbeit ab- 
wendig macht. (Hildegard Hetzer.) 

Es ist nicht möglich, etwas Abschließendes zu diesen Fra- 
gen zu sagen, weü wir nicht wissen, wie sich die verschie- 
dene Einstellung im weiteren Leben auswirkt. Es gibt noch 
keine sichere Erfahrung darüber, ob diejenigen Jugendlichen, 
deren sexuelles Leben früh und ungehemmt beginnt, im wei- 

Lazarsfeld, Wie die Frau den Mann erlebt. 20 



306 

teren Verlauf ein gesünderes und glücklicheres Geschlechts- 
leben führen, als diejenigen, die später und unter größeren 
Schwierigkeiten dazu gelangen. Das alles ist so kompliziert, 
es spielen so viele außersexuelle Fragen dabei mit, daß nur 
der abgeschlossene Überblick über ein gesamtes Leben ein 
Urteil erlaubt. 

Wir können darum nichts weiter tun, als aus der Erfah- 
rung, die über Erwachsene vorliegt, Schlüsse ziehen und auch 
das nur mit größter Vorsicht, weil diese Schlüsse wiederum 
nur für die Umstände gelten, unter welchen der jetzt Erwach- 
sene aufwuchs. 

Im allgemeinen, wir sagten es schon, darf vorausgesetzt 
werden, daß die Zuwendung zu kulturellen Interessen eine 
leichte Einbuße an jener brutalen erotischen Wirkung, wie 
sie z. B. Boxern und dem entsprechenden weiblichen Gegen- 
typus eignet, zur Folge hat. Es wird oft ein Ausspruch Pro- 
fessor Freuds zitiert, 

Jedes Stück Kultur kostet ein Stück männlicher Potenz", 

den ich in der Praxis immer bestätigt gefunden habe, und 
zwar nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen. Ich 
zeigte bereits, daß auch kulturell interessierte Frauen mei- 
stens ein gehemmteres Geschlechtsleben führen, als rein vital 
eingestellte. Man wird darum gut tun, die Frage nach dem 
normalen, also durchschnittlichen sexuellen Leistungsvermö- 
gen nicht mehr, wie es immer noch geschieht, an einem für 
primitive Völker oder vielleicht auch noch für unsere Land- 
bevölkerung geltenden Maß zu messen, sondern endlich sich 
dazu zu bequemen, das, was uns als tatsächlicher Durch- 
schnitt entgegentritt, nun auch als solchen gelten zu lassen. 
Ich meine, daß wir endlich lernen sollten, uns damit abzu- 
finden, daß, je fortgeschrittener die kulturellen Bedingungen 
unseres Lebens sind, desto mehr die Möglichkeit zu hem- 
mungslosem sexuellem Genuß zurücktritt. Es wird für die 
gegenseitige Einschätzung der Geschlechter ebenso von Vor- 
teil sein, wie für die Bewertung der eigenen Persönlichkeit. 
Erinnern wir uns, daß ich aus der Erfahrung der Beratungen 
berichten konnte, wie Jugendliche sich manchmal geradezu 
minderwertig fühlen, wenn sie außer dem Geschlechtsgenuß 
noch andere Interessen kennen. Man begreift dann, wie nötig 



,_: ^ 



307 

eine solche prinzipielle Auseinandersetzung speziell für die 
Frage der Lebensgestaltung bei unserer Nachkommenschaft 
ist. Esgehtnicht an, unsere Kulturbedingun- 
gen zu bejahen und andererseits deren Kon- 
sequenzen im Geschlechtsleben nicht zur 
Kenntnis zu nehmen. Durch diese Vogelstraußpolitik 
treiben wir in ein Sexualleben, das nur durch gewaltsame 
Übersteigerung gehalten werden kann und das die Gefahr der 
Neurose ins Unendliche vergrößert. 

So wichtig es nun ist, daß bei schon eingetretenen Stö- 
rungen immer noch und oft bis zur völligen Heilung gebessert 
werden kann, so wird es doch immer der schönste und wich- 
tigste Teil der Beratungsarbeit bleiben, die dort gewonnene 
Erfahrung jenen zu übermittlen, die durch rechtzeitige Ein- 
sicht in die Zusammenhänge des seelischen Mechanismus 
schon vorbeugend vor Schäden bewahrt bleiben können. Das 
geschieht in den Sprechstunden selbst, sowohl wie in Kursen, 
Vorträgen und durch das gedruckte Wort. Wir hatten oft 
die Freude, aus Zuschriften zu erfahren, wie wohltuend die 
Erkenntnis von der Gesetzmäßigkeit des seelisch-körperlichen 
Verlaufs im Geschlechtsleben zu wirken vermag. Der her- 
anwachsenden Generation zu ersparen, wor- 
nter wir gelitten haben, ohne sie doch in 
»i? r pneigenenErfahrungenbeschränkenzu 
wollen, wird immer der Hauptteil unserer 
Arbeit bleiben. 

Über 

das physiologische Entimcklungsbild der Pubertätszeit, 

also iener Spanne, welche dem heranwachsenden Menschen 
die geschlechtliche Reife bringt, kann hier nicht aus- 
führlich gesprochen werden, weil die Erschemungsformen so 
vllf ältig sind, daß nur eine Spezialabhandlung ihnen ^gerecht 
zu werden vermöchte. Es geht dabei manchmal sehr stür- 
misch, bis zum Auftreten starker Störungen «u, . maru Amal 
vollzieht sich der Übergang ohne alle Schwierigkeiten. Oft 
treten kleinere oder größere Neurosen auf, von denen nie 
genau festgestellt werden kann, wie groß daran der Anteil 
des Körpers und wieviel davon seelisch bedingt ist. 

Zur Frage nach den verschiedenen Stufen oder Phasen, 

20* 



308 

welche unsere Entwicklung durchlaufen muß, ehe wir zur 
vollen Liebesaktionsfähigkeit gelangen können, wird das 
Psychologische Institut der Wiener Universität (Char- 
lotte Bühler) demnächst eine Arbeit über Sexual- 
entwicklung von Jugendlichen veröffentlichen, 
wo auf Grund mündlicher und schriftlicher Mitteilungen 
Jugendlicher gezeigt wird, daß mehrere Phasen durch- 
laufen, bestimmte Eigenschaften erworben werden müssen, 
ehe es zur Chance einer geglückten „Vollbindung", d. h. zu 
einem in allen Punkten bejahtem, durchgeführtem Ge- 
schlechtserlebnis kommen kann. 

Ein wichtiges Teilproblem dieses Erlebnisses ist 

die Defloration. 

Ich habe mich oft gefragt, warum die Kulturvölker sich 
emer so einschneidenden Frage mit so viel weniger Einsicht 
zugewendet haben als primitive Völker, die wir in ganz un- 
berechtigtem Hochmut „Wilde" nennen. Zumindest in den 
Fragen der Sexualreif e und des ersten Sexualerlebnisses sind 
uns diese Wilden weit voraus. Mögen uns die dabei herrschen- 
den bitten und Gebrauche auch fremd, unverständlich und 
manchmal barbarisch anmuten, eines ist sicher, daß sie da- 
KL-St 1 " able & e n, wie genau sich diese Völker mit der 
££E ^i C ?l n wie d f seelischen Einführung in das Ge- 
S£ ^ £ SP derFrau beschäftigen. Es gibt dort auch 
«Sf ¥ Tradition von Riten, die nur diesem Zweck dienen 

knnp %L?' Ze . lgen ' %5 man sich der schädlichen Auswir- 
befd? Rp?^i£ rSten ""^fo&ten Geschlechtserlebnisses auf 
n^^ vi ^^ genaU ^ ewußt ist Dort d a rf die erste kör- 

d^,fil? mgU ? g nic V VOm Gatten der i*ngen Frau 
SSf^K u werden ' sond em ist eine allgemein gültige 
soziale Maßnahme nach Eintritt der Menstruation. Mag auch, 
wie bei allen Kulten, reale Zweckmäßigkeit, die wir aus un- 
serer Einstellung her oft gar nicht durchschauen können, 
dabei eine Rolle spielen, man kann sich doch dem Eindruck 
nicht entziehen, daß eine starke psychologische Erkenntnis, 
speziell vom Wesen der weiblichen Geschlechtsfunktionen 
und ganz besonders der Frage der Defloration, vorhanden ist. 

Es wäre durchaus zu wünschen, daß wir in diesem Punkt 
etwas zweckmäßiger vorgingen, als es jetzt geschieht, wo so- 



£ 



■-»- 



309 

wohl die körperliche, wie die seelische Einführung mehr oder 
weniger einem Zufall und dazu noch oft unter den schlech- 
testen äußeren Bedingungen überlassen bleibt. Wenn wir aber 
schon von den „Wilden" nicht lernen wollen, dann tun wir 
es doch wenigstens bei den asiatischen Völkern, wo, wie in 
der indischen Literatur, eine ganze Wissenschaft diesem 
Problem dient. 

Ich könnte mir eine Besserung davon versprechen, daß 
erstens eine 

erzieherische sexuelle Tradition 

im Sinn einer zweckmäßigeren seelischen Vorbereitung der 
Jugendlichen beider Geschlechter geschaffen würde durch 
eine sachliche, von Prüderie, wie von Schamlosigkeit gleich 
weit entfernte Anleitung zur Kenntnis aller Sexualfunk- 
tionen beider Geschlechter. Ich vermeide mit Absicht das 
Wort „sexuelle Aufklärung", denn dies enthält immer ein 
Moment, das eine vernünftige Erziehung sorgfältig ver- 
meiden wird, nämlich die besondere Betonung des Ge- 
schlechtslebens. Es darf keine plötzliche „Aufklärung" zu 
diesem Punkt geben, ebensowenig wie es gewiß niemandem 
einfallen würde, z. B. Mathematik als „Aufklärung" zu 
unterrichten. Wie in allen Lehrfächern je nach dem Ver- 
ständnis des Kindes stufenweise vorgegangen wird, so muß 
es auch in die sexuellen Vorgänge, dem jeweiligen Verständ- 
nis angepaßt, ohne Lüge methodisch und sachlich eingeführt 

werden. 

Damit erreicht man gleichzeitig zwei wertvolle Ziele. Er- 
stens werden die Störungen vermieden, welche sich aus der 
bisher geübten Methode, die eine Mischung von Heuchelei 
und plötzlicher, meist in ungeeignetester Weise gegebener 
Einsicht darstellt, einstellen, und zweitens gewöhnt man die 
Heranwachsenden auf diese Weise daran, über selbstverständ- 
liche Vorgänge selbstverständlich zu sprechen. Dadurch 
werden viele Schwierigkeiten des späteren Sexuallebens vor- 
beugend weggeräumt und manche Neurose verhütet, die ent- 
steht, wenn Mann und Frau nicht frei miteinander zu spre- 
chen vermögen. Es wird vor allem jene schöne Körperver- 
trautheit beider Geschlechtspartner vorbereitet, von welcher 
unter diesem Titel bereits die Rede war. Dann werden beide 
Geschlechter die Vorgänge ihrer Körper verstehen und gegen- 






.. 



310 

seitig beachten und auch wirklich achten lernen, ohne ein- 
ander zu fürchten. 

Angst als immanentester Bestandteil aller seelischen Stö- 
rungen wurde einleitend ausführlich herangezogen, ich 
möchte hier nur noch darauf verweisen, daß zur Zeit betonter 
Sexualphasen, wie z. B. Pubertät und Klimakterium, dieser 
Anteil der Angst besonders stark hervortritt. Auch im Mo- 
ment des ersten Sexualerlebnisses spielt die Angst, wie ge- 
zeigt, eine hervorragende Rolle, und zwar nicht zum gering- 
sten Teil verknüpft mit dem Problem der Defloration. Des- 
halb wäre zu erwägen, ob die körperliche Einführung der 
Frau nicht vielleicht am besten in Form einer vom speziell 
dafür psychologisch geschulten Arzt vorzunehmenden als 
selbstverständliche Maßnahme anzusehenden Defloration 
durchgeführt werden könnte. Diese müßte von jeder durch 
sexuellpsychische Momente herrührenden Belastung freige- 
halten, rein sachlich als hygienische Vorbeugung betrachtet 
werden, etwa wie heute das Impfen. Das mag manchen 
Leser vielleicht grotesk anmuten, aber historisch betrachtet 
läßt es sich durchaus vertreten. Auch der Impfzwang 
wurde auf das heftigste als eine gegen die Natur gerichtete 
Gefahr bekämpft und wie selbstverständlich ist es für unse- 
ren Kulturkreis geworden. Man muß sich daher vor dem 
vielleicht etwas Ungewohnten dieses Vorschlages nicht ab- 
schrecken lassen. Vielleicht gibt es auch bessere Vorschläge 
zum gleichen Zweck, der aber immer in der Richtung liegen 
müßte, 

die Defloration von der ihr jetzt anhaftenden Verquickung 
mit dem ersten Geschlechtserlebnis zu lösen. 

In exotischen Kulturen gibt es genug Vorbilder dafür. Es 
geht auch nicht an, sich auf den Willen der Natur zu be- 
rufen, die in der Anatomie der Frau das Hymen sicherlich 
nicht ohne Absicht vorgesehen hat. Denn, stellt man sich 
erst auf diesen Standpunkt, dann müßte man konsequenter- 
weise alles ablehnen, was „nicht natürlich" ist, z. B. vor- 
beugende Empfängnisverhütung, Narkose usw. 

Selbstverständlich ist mit der Frage der Defloration das 
erste Sexualerlebnis der Frau bei weitem nicht erschöpft, es 
handelt sich ja keineswegs um ein rein körperliches Ereignis 



311 

und die seelische Erschütterung ist dabei zumindest ebenso 
groß wie die körperliche. 

Ich möchte hier noch einmal recht eindrücklich darauf 
verweisen, daß so viele Frauen unter dem zweifachen Druck 
stehen, ihre körperliche Hingabe setze sie in der Achtung 
des Mannes herab und verringere sein Interesse. Das ist 
vollkommen falsch. Ich habe immer nur gesehen, 
daß die Sexualvereinigung, wenn sie see- 
lisch und geistig geglückt ist, beim Mann 
ganz ebenso wie bei der Frau ein unendli- 
ches Gefühl inniger Dankbarkeit, und den 
Wunsch nach Fortsetzung der Beziehung 
hervorgerufen hat. Wo der Mann sich nach dem 
Sexualgenuß rasch abwendet, kann man sicher sein, daß ein 
Mißerfolg auf einer Seite vorliegt. 

Beim Mißlingen auf Seite der Frau, wenn nämlich die Ek- 
stase der Vereinigung von ihr nicht erreicht wird, kann man 
genau genommen eigentlich überhaupt nicht von einem Se- 
xualerlebnis sprechen, dann ist eben nicht mehr erreicht, als 
die körperliche Entjungferung und seelisch bleibt davon 
nichts anderes zurück, als Abneigung oder gar Abscheu. Und 
das zumindest könnte erspart bleiben, denn es ist sicher, daß 
durch unsere jetzige Einstellung zur Virginität und deren 
Beendigung viel Anlässe zu Sexualstörungen gegeben smd, 
daß wir auch ganz gewiß in diesem Punkt nicht mehr auf 
dem Standpunkt unserer Vorfahren stehen, daß unser wirt- 
schaftliches und soziales Leben viel zu dieser Änderung bei- 
getragen hat und daß wir nur nicht den Mut haben, die Kon- 
sequenzen dieser Änderung so ehrlich anzuerkennen wie der 
früher gebrachte Reformvorschlag es tut. So ergeben sich 
aus der Frage des „Ersten", wie schon gezeigt worden eine 
Menge ganz überflüssiger seelischer Sexualstorungen i nicht 
nur für die Frau, sondern auch für den Mann, die leicht ver- 
miedet werden könnten. Aber diese Zukunftshoffnung, wie 
Sf meisTe, das zur Verschönerung und [Bereicherung unserer 
Sexualität beitragen könnte, liegt auf dem Gebiet der Er- 
ziehung und wird nur durch diese erreicht werden. 

Da taucht nun das Problem auf, was für jetzt ratsamer 
sei, ob 



312 

die erste sexuelle Vereinigung zwischen einem Neuling und 

einem Erfahrenen 

mehr Chancen auf Erfolg habe oder die zwischen zwei Un- 
erfahrenen. 

Früher war das im allgemeinen gar keine Frage, da war 
es selbstverständlich, daß der Jüngling seine ersten Erleb- 
nisse bei Prostituierten, verheirateten Frauen oder sonst 
welchen versierten Geschlechtspartnern machte. Das junge 
Mädchen hingegen wurde vom meist älteren und jedenfalls 
nicht unerfahrenen Gatten „eingeführt". Wir wissen, daß 
diese Konstellation nicht gerade den größten Prozentsatz 
an sexueller Glücksmöglichkeit gefördert hat. Der junge 
Mann gewöhnte sich dadurch an eine ihm schließlich selbst- 
verständlich scheinende Trennung zwischen seelischer Emp- 
findung und körperlicher Betätigung und für das Mädchen 
fiel die Einführung mehr oder weniger mit einer Vergewal- 
tigung zusammen, wie wir mit Balzac jede verständnislose 
körperliche Vereinigung genannt haben. 

Mit der fortschreitenden sozialen Befreiung der Frau und 
besonders der Mädchen, ist 

die erste sexuelle Vereinigung zwischen gleichermaßen un- 
erfahrenen gleichaltrigen Partnern 

in den Vordergrund getreten. Aber auch hier sind die Er- 
to ge inder Mehrzahl nicht so schön, wie man hätte erwarten 
sollen. Es tut sich da wirklich für die Heranwachsenden eine 
(SJr% r. "*"* Char ybdis auf, zwischen welchen nicht so 
SS£ ^ urc « hzust ? ue 1 rn ^t. Wir sind damit wieder bei der 
Frage der Sexualaskese angelangt, die zum Brennpunkt aller 

££5S5&m£P man vor Jugendlichen über « 

Auch die zu diesem Punkt an die Beratung gelangten An- 
fragen zeigen, daß hier zwei verschiedene, aber gleich große 
Schwierigkeiten vorliegen. Entweder die Jugendlichen, Mäd- 
chen sowohl wie Burschen, sind der Geschlechtlichkeit sehr 
zugewandt, dann haben sie meistens das Prinzip, diese einer- 
seits zu überbetonen, indem sie sie sehr früh und möglichst 
viel, ohne Daueranschluß ausüben, wodurch sie die Sexualität 
ihrer menschlich besten Werte entkleiden, also eigentlich 



313 

herabsetzen. Oder sie sind asketisch eingestellt, also gewillt, 
gewisse sexuelle Einschränkungen auf sich zu nehmen im 
Interesse einer späteren, menschlich schönen Bindung, dann 
zeigt sich beim ersten durchgeführten Erlebnis sehr oft eine 
gewisse Schwierigkeit seelischer Natur. 

Ist Askese schädlich? 

Zur Frage, ob und wie weit Askese körperlich schädlich 
sei, gehen die Meinungen der Ärzte stark auseinander. 
Manche nennen das zwanzigste Jahr als die äußerste Grenze, 
bis zu welcher ein asketisches Leben, besonders vom Bur- 
schen, gut ertragen werden könne. Andere sind der Meinung, 
daß selbst bis zum dreißigsten Jahr auch bei Männern ohne 
Schaden gewartet werden kann. Ich muß mich als Nichtarzt 
jeder Meinung dazu enthalten, aber aus meiner Beratungs- 
praxis darf ich sagen, daß die seelische Einstellung dabei 
eine große Rolle spielt, und damit komme ich zu dem Punkt, 
der es so schwer erscheinen läßt, hier zu beraten. 

Es hat sich nämlich gezeigt, daß asketisches Leben sich 
auch körperlich verschieden auswirkt, je nachdem, ob es als 
äußerer Zwang empfunden oder aus eigener Entschließung 
gewählt wird. Ist das letztere der Fall, dann verträgt man 
es zweifellos weit besser und überhaupt ohne sich nennens- 
wert davon belästigt zu fühlen, das wird von allen Seiten 
bestätigt. Aber es ergibt sich dann die andere Schwierigkeit, 
daß diese seelische Abkehr vom Sexualleben als einem 
aktuellen Problem bei der späteren körperlichen Durch- 
führung eben jene Schäden des fehlenden seelischen Sexual- 
trainings zeitigt, die beim Mann zur jugendlichen Impotenz 
führen können. 

Auch beim Mädchen zeigen sich Erscheinungen, welche 
auf der gleichen Fehlerquelle beruhen, wenn sie auch nicht 
so auffällig zutage treten wie die Impotenz. Ich sagte schon, 
daß auch bei Mädchen sexuelle Wünsche sich einstellen, oft 
lange vor deren Erfüllbarkeit im Rahmen unserer augenblick- 
lichen Gesellschaftsordnung. Auch von der Frau wird, wenn 
eine innere Willensrichtung zur Askese vorliegt, die sexuelle 
Abstinenz gut ertragen, aber auch hier entwickelt sich da- 
durch oft eine gewisse seelische Sprödigkeit im Sexual- 



314 

empfinden, welche die spätere körperliche Durchführung 
erschweren kann. Das zeigt sich dann in einem verlangsam- 
ten Tempo bezüglich der sexuellen Aufnahmsfähigkeit sol- 
cher Frauen, sie „gehen nicht leicht mit". Setzt aber der 
Mann genügend Verständnis und Sorgfalt ein, und hat er 
Geduld, dann entwickelt sich bei diesen Frauen oft mehr 
„Temperament" als bei den leicht Entflammbaren. 

Askese oder Hemmungslosigkeit f 

Zusammenfassend ist zu sagen, daß die frühe Zuwendung 
zur Geschlechtlichkeit deren inneren Wertinhalt beeinträch- 
tigt, während die freigewählte Askese die spätere Ausübung, 
wenn auch nur zeitweise, etwas schwieriger gestalten kann. 

Hier eine allgemeingiltige Entscheidung zu treffen, ist 
eben so schwer, wie zwischen beiden Klippen die genaue 
Mitte zu halten. Neigt die eine Einstellung mehr zu sexueller 
Verwahrlosung, so steht die andere mehr im Zeichen einer 
gewissen neurotischen Bedrohung. Man wird wohl jedem die 
Wahl seines Lebensstils, je nach seiner Gesamteinstellung 
zum Leben, überlassen müssen und sich damit begnügen, 
beide Eventualitäten in ihrer Auswirkung zu zeigen. Wobei 
nicht vergessen werden darf, daß bei richtiger seelischer 
Anleitung die Gefahr der Neurose weitgehend herabgesetzt 
werden kann. 

Wir haben nun das heranwachsende Weib bis zur vollen 
Entfaltung ihrer sexuellen Funktionen begleitet. Die tau- 
sendfaltigen Erscheinungsformen während der Jahrzehnte 
der Vollreife haben den wesentlichen Inhalt des Buches 
gebildet. Es erübrigt noch, uns nun der Frau auf der ab- 
steigenden Linie zuzuwenden. 

Klimakterium. 

Für diese Zeit der Rückbildung gibt es die verschieden- 
sten dichterischen Formulierungen. Anatole France nennt es 
die Zeit, in welcher „eine Frau noch schön genug ist, alte 
Freunde festzuhalten, aber nicht mehr schön genug, neue zu 
gewinnen". Bei Hamerling findet sich die Definition, daß in 
diesem Alter „eine Frau wohl noch fähig sei, einen Mann 
glücklich, aber nicht mehr fähig, ihn unglücklich zu machen". 









315 



Alle diese Aussprüche wollen sagen, daß die Zeit der An- 
ziehungskraft nun für die Frau vorbei ist. Das ist immerhin 
schon ein großer Fortschritt gegenüber der alten Meinung, 
daß nach Ausbleiben der Menstruation auch die eigene 
Empfindungsfähigkeit der Frau und überhaupt ihr gesamtes 
Liebesleben zu Ende sei. Ich meine, daß wir auf alle diese 
beschönigenden Wendungen gern verzichten können, weil in 
der Zeit des Klimakteriums nichts liegt, was einer Beschö- 
nigung bedürfte. Es ist weder beschämend, noch eine per- 
sönliche Kränkung, es ist überhaupt nichts damit verbunden, 
was eine Herabsetzung bedeuten könnte. Auch eine Gefahr- 
dung der seelischen Gesundheit liegt nicht vor. Wenn tat- 
sächlich manchmal Störungen auftreten, dann sind es Folge- 
erscheinungen, die nicht direkt in kausalem Zusammenhang 
mit den physiologischen Bedingungen der Wechseljahre 
stehen sondern die vielmehr aus der seelischen Belastung 
stammen, mit welcher man gewohnt ist, diese Jahre zu be- 
laden. Wenn man, wie es so lange der Fall war, einem Men- 
schen immer wieder vorsagt, daß zu einem bestimmten Zeit- 
punkt alles, was reizvoll an ihm war, aufhören muß, dann 
darf man sich wohl nicht wundern, daß im Emtritt dieses 
Zeitpunktes eine starke seelische Verstimmung, die natürlich 
auch nicht ohne körperliche Auswirkung bleibt, sich geltend 

mE Ich legte mit Bewußtheit die Betonung auf den Punkt, 
daß zur Zeit der Wechseljahre alles Reizvolle der Frau 
schwindet, denn diese Einstellung stammt aus einer Welt- 
anschauung, welche der Frau keinen anderen Wert zubilligte, 
als ein sexuelles Reizobjekt für den Mann zu sein. 

Die Probe auf dieses Exempel ist leicht gemacht, fcs 
hat immer Frauen gegeben, welche das Klimakterium ohne 
wesentliche Beschwerden überstanden haben und deren Zahl 
vermehrt sich ständig. Wo ernste Störungen vorliegen, da 
werden wir immer sehen, daß sie bei Frauen auftreten, die 
Seh n?cnTs anderes haben schaffen können, als ihre erotische 
Anziehung. Die anderen, die daneben noch andere Werte be- 
S zeigen solche Störungen gar nicht oder nur m schwa- 
chen Anklängen, zumindest nicht in größerem Maß, als 

der Mann in den Wechseljahren 
gleichfalls durchzumachen hat. 



316 



A_^™. ha * * lange ab S e lehnt, auch für den Mann eine 
Art Klimakterium gelten zu lassen, heute aber ist schon 
allgemein anerkannt, daß er, ganz ebenso wie die Frau 
ein wenig unter der Rückbildung seiner Sexualfunktionen 
leidet. Das kann auch wohl nicht anders sein, denn sicherlich 
ist es schöner aufzublühen, als zu verwelken, aber das be- 
trifft ja nicht nur die Sexualfunktionen allein. Es gibt z B 
sehr viele alternde Menschen, welchen die Frage, wie lang es 
ihnen noch vergönnt bleibt, interessiert und begeisterungs- 
fahig zu sein was zweifellos ein Vorrecht der Jugend ist, 
das mit dem Alter schwindet, sehr viel näher geht, als die 
Erwägung, ob sie noch ein Liebeserlebnis haben werden oder 
nicht. Diese selbstverständlichen Alterserscheinungen sind 
S™ «~ • t«. 8 *™ 6 ? 1 * wenn man von Klimakteriumsbeschwer- 
Art d P /nr^i S ° nd |. rn dann meint man eine S*™ bestimmte 
mS, SS eSS - t Ve I Ers A c hemungen, die daraus entstehen, daß 
ttS ? ^.demAltern absolut nicht abzufinden vermag 
Und dieses Nichtabfindenkönnen führt dann oft zu krlmnf- 

sefbs? "Ät* T^ ^rhandenf "gendTeh 
S22E/T denn die Hemden täuscht man schwerlirh — 

Slch°S!: Z W 2 Uen ^ DiGSe Ersch™g h abe7 
ST- i, gleichermaßen bei Frauen wie bei Männern 

ve?Here™ Da^H''^ 3 reale GefÜhl ihrer Persönlichkeit 
um iedenPrlt ^v, ^ i!°^ nannten -Torschlußpanik«, des 
toGeschWhS^ Liebeerlebenwollens, sehen wir bei bei- 

Menstruation bPdW f- f 1 ? durch das Ausbleiben der 
logi S cSr^enS^ii Ur S elche es allerdings kein physio- 
safnmeTm* der £ü<Ä, Ma T* ? ht > sond * rn hängen zu- 
kSTdes Körptrs a Ä ^ ^^etorischenSätig- 

Symptom da3£ vornanden ist ** aUßerlich sichtbareS 

sch^ 1 l a ^n a Ho k0n ^ t aber , noch ein Moment der seeli- 
Man^efilfÄn^-^ 13 ^ We 5 man das Klimakterium des 
rnen^f ÄSÄ? hat ' 0hne doch damit ^ssen verstim- 
^ %» Sl chei ° un ^ aus der Welt zu schaffen, hat 
Siwi? ta, 5r d ? PP ? t . bdaden ' zumindest für den durch- 
schnittlichen Verlauf einer gemeinsamen Lebensbeziehung. 
Da sind Frau und Mann für gewöhnlich im Alter einander 
ungefähr so nahe, daß der Eintritt ihrer beider Wechselzeit 



317 

nicht weit auseinander liegt. Man hatte sich nun daran ge- 
wöhnt, alle in solchen Zeiten auftretenden nervösen Diffe- 
renzen auf das Konto der Frau allein zu schreiben und den 
Mann gänzlich frei davon zu halten. So gelangte man dazu, 
Störungen der Stimmung bei der Frau als primär anzusehen, 
die zum Teil nur sekundär, und zwar durch die Verstimmung 
des Mannes ausgelöst waren. Kein Wunder, wenn das nicht 
eben günstig auf die Laune der Frau zurückwirkte. Ich meine, 
daß man dies auch einmal in diesem Lichte betrachten muß. 
Es ist ausführlicher zu finden in Lazarsfeld „Erziehung zur 
Ehe". 

Das allergrößte Unrecht gegenüber der Frau aber lag, 
wie schon gesagt, darin, daß man sich dadurch verleiten ließ, 

nervöse Erscheinungen als unbedingt mit der Zeit des 
Menstruationsrückganges verknüpft 

anzusehen und das heranwachsende Mädchen in diesem 
Glauben zu erziehen. Wir sahen schon aus der Meinimg der 
Ärzte zum Problem von Schwangerschafts- und Menstrua- 
tionsbeschwerden, wie sehr die Erwartung von psychischen 
Störungen dazu beiträgt, solche auch wirklich hervorzurufen. 
Das gleiche gilt für die Wechseljahre. Auch hier tritt bei 
einem Teil der Frauen oft schon darum allein eine Störung 
auf weil sie gelernt haben, dies als zum Bild gehörig zu 
empfinden. Andere wieder geraten in Depression, weil man 
ihnen von klein an gepredigt hat, daß sie von dieser Zeit an 
wertlose Geschöpfe sind, gerade nur gut genug, um in rohen 
Witzen verspottet zu werden. Wagte es eine Frau, in der 
Zeit des Klimakteriums selbst noch Liebesgefühle zu hegen, 
so hatte das Maß ihrer Lächerlichkeit schon gar keine 
Grenzen. Da war es wohl klar, daß das Herannahen dieser 
Zeit bei so vielen Frauen die vorher schon ausgemalten 
Leiden nun auch wirklich entstehen ließ. 

In diesen Fragen hat die neuere Forschung Wandel ge- 
schaffen. Ebenso wie die Wechseljahre heute nicht mehr als 
eine nur dem weiblichen Geschlechtsleben anhaftende Über- 
gangszeit angesehen werden, ebensogut weiß man, daß dabei 
ernstliche Störungen weder bei Mann noch Frau physio- 
logisch unvermeidbar sind. Tatsächlich verläuft auch bei 



318 

einer sehr großen Anzahl von Frauen das Klimakterium 
ganz ohne Beschwerden. 

Ich freue mich, gerade bei Abschluß der aus der Beratung 
bisher gewonnenen praktischen Erfahrungen auch aus der 
neuesten zu diesem Thema erschienenen Publikation wieder 
die wissenschaftliche Bestätigung dafür zu erhalten, „Neu- 
rosen und Psychosen der weiblichen Generationsphasen" 
(Pappenheim, Verlag Springer, 1930) , wo ausgeführt 
wird: 

„Für die Annahme, daß bei den klimakterischen Be- 
schwerden derPsychogeneseeinegroßeRolle 
zukommt, läßt sich manches anführen. Eine nicht unbe- 
trächtliche Anzahl von Frauen zeigt in den Wechseljahren 
keinerlei krankhafte Erscheinungen. (Mitunter verlieren 
sogar nervöse Frauen im Klimakterium ihre Beschwerden 
und manche blühen nach dem Wechsel geradezu auf.) 
Jene Frauen, die in dieser Lebensperiode in erheblichem 
Maße leiden, haben meistens schon früher, oft von Jugend 
an, bald vorübergehend, bald dauernd nervöse Störungen 
dargeboten und bei vielen von ihnen läßt sich nachweisen, 
daß sie unter dem autosuggestiven Einflüsse der Furcht 
vor dem kritischen Alter stehen. Bei Naturvölkern sind 
die klimakterischen Beschwerden im allgemeinen geringer, 
bei Kulturvölkern umso größer, je stärker die psycho- 
pathische Veranlagung der Individuen ist. Frauen, die 
schon vor Jahren ihre Menses verloren haben oder die auf 
der Hohe ihres Geschlechtslebens kastriert wurden, ohne 
nennenswerte Störungen darzubieten, erkranken mitunter 

SLf^ä * er ' d ?f- de , n Wechsel Jahren entspricht, unter 
dem Bude einer khmakterischen Neurose. Auch gibt es 
zu denken, daß ich bei mehreren hundert Frauen, die sich 
wegen organischer Nervenleiden (multipler Sklerose, 
Tabes, Gehirnartenosklerose u. dgl.) auf meiner Abtei- 
lung im Wiener Versorgungskrankenhause befanden, nur 
ganz ausnahmsweise klimakterische Beschwerden fest- 
stellen konnte. Da man kaum annehmen kann, daß bei 
allen diesen Frauen die organische Erkrankung das Endo- 
krmium so beeinflußt hat, daß dadurch das Auftreten 
klimakterischer Beschwerden verhindert wurde, muß man 
vermuten, daß das seit Jahren bestehende körperliche 



^ 






319 



Siechtum die psychologischen Momente, die sich an den 
drohenden Verlust der Genitalität knüpfen, beseitigt und 
dadurch zum Fehlen der typischen Klagen beigetragen 



hat." 



Pappenheim verweist auch darauf, daß oft eine gewisse 
Ähnlichkeit im Verlauf der Pubertät mit dem Ablauf des 
Klimakteriums nachweisbar ist, nur in umgekehrter Reihen- 
folge der Erscheinungen. Er betont ausdrücklich, daß die 
Klimakteriumsstörungen nicht als eigene Krankheit für sich 
zu werten sind, sondern daß sie stärker oder schwacher auf- 
treten ie nach dem mehr oder weniger labilen seelischen 
Gleichgewicht, das auch sonst schon den Habitus der Betref- 
fenden gekennzeichnet hat. Es läßt sich nach diesem Autor 
sogar aus den Erscheinungen, unter denen die Pubertät ver- 
läuft mit einiger Vorsicht voraussagen, wie das Kli- 
makterium sich gestalten wird. Als Therapie empfiehlt auch 
er aufklärende Aussprachen und die Zuführung zu einer 
Tätigkeit, so wie wir es aus der Beratungsarbeit her gewohnt 
sind Durch diese Behandlung kann man manchmal den 
Frauen einen großen Teil ihrer Depressionen ersparen die 
l oTlän^n^ht so sehr aus der Furcht vor der Wechsel- 
zeit selbst entspringen, wie vielmehr aus Angst vor all dem 
Icmimmen, oWunsIre unzweckmäßige Erziehung sie gelehrt 
hat als damit untrennbar verknüpft anzusehen. 

Die Rückbildung der weiblichen Sexualfunktion ist hier 
nur der Anlaß für einen unter so vielen anderen ähnlichen 
Gnaden welche die Herabsetzungstendenz gegenüber der 
F^au wie schon dargelegt, unserem Geschlechtsieb er izu- 
iStet hat. Ich konnte in der Beratung wiederholt sehen 
daß sich die Frauen viel mehr vor der heute noch üblichen 
Bewertung der Wechseljahre fürchten, als vor deren wirk- 
r £™ Stritt Wie viele Frauen markieren die Menstrua- 
S ™m Ä m^h? zugeben zu müssen, daß sieverschwun- 
Ln 'ist Andererseits kam eine Frau von noch nicht dreißig 
Janren zum Arzt mit der Bitte, durch Röntgenbestrahlung 
das Ende der Menstruation herbeizufuhren; sie furchte sich 
so sehr vor dem Augenblick, wo dies naturgemäß eintreten 
müsse, daß sie es weit lieber jetzt aus freiem Willen herbei- 
Shre Das ist wirklich schon so, als wenn man sich aus 
Angst vor dem Tod tötet. Über die tatsächlich vorhandenen 



320 

Veränderungen in dieser Zeit läßt sich nicht genau sagen, 
in welches Alter sie fallen. In ganz seltenen Fällen schon 
zu Beginn des vierten Jahrzehnts, manchmal erst hoch in 
den Fünfzig, im allgemeinen rechnet man damit zwischen 
dem 45. — 55. Lebensjahr. 
Was 

die allgemeine Einstellung zur Altersgrenze der Frau 

betrifft, so hat sie sich im Wandel der Zeiten sehr ver- 
schoben, ebenso wie sie nach Ländern verschieden ist. In 
südlichen Ländern und im Orient ist sie im allgemeinen 
niedriger. Sie war in früheren Zeiten unvergleichlich tiefer 
angesetzt als jetzt. — In der schönen Literatur des letzten 
Jahrhunderts finden sich noch Wendungen wie: „Sie war 
noch schön trotz ihrer 28 Jahre" oder (Huysmans) : „Sie 
zahlte zu jenen glücklichen Blondinen, deren Fleisch noch 
mit 30 eine gewisse Frische bewahrt" und anderes mehr. 
Das hat sich sehr gewandelt und in einem Preisausschreiben, 
wo bildende Künstler berichteten, in welcher Altersklasse 
ihnen die schönsten Frauen vorgekommen seien, war kürzlich 
die Meinung vertreten, daß eine Frau unter fünfzig über- 
haupt nicht schön sein könne. Da liegt, abgesehen von der 
darin enthaltenen Übertreibung, die Einsicht vor, daß mit 
fortschreitender „Menschwerdung" nicht nur die Seele und 
der Geist der Frauen sich verschönert habe, sondern daß dies 
auch in emer neuen Art von körperlicher Schönheit sich aus- 
wirke, welche dem Zahn der Zeit besser standhalten und 
überhaupt erst mit der Zeit erworben werden könne. Solche 
Xl°° Scnon heit hat es immer gegeben, sie ist nur jetzt 
allgemeiner zugänglich geworden. Die berühmte 

Ninon de Lenclos, 

welcher es gegeben war, jede übliche Altersgrenze im Liebes- 
leben weit zu überschreiten, vermochte noch im 70. Lebens- 
jahr nicht nur alte Freunde festzuhalten, sondern immer 
noch neue und sehr leidenschaftliche Gefühle zu erwecken. 
Ihr Biograph, Sainte-Boeuve, sagt dazu ausdrücklich, daß 
sie das noch nicht einmal so sehr ihrer tatsächlich bis in das 
Greisenalter bewahrten Schönheit, sondern weit mehr ihrem 
gebildeten Geist und ihrem liebenswerten Wesen verdankte. 



XXIV 







Gleiche geistige Rechte für Frau und Mann 
Photo Keystonc Views 






, 






321 

Als man sie selbst fragte, durch welche Mittel sie denn eine 
so unendlich große und gar nicht endenwollende Zahl von 
Anbetern sich erworben habe, antwortete sie, das wäre ganz 
einfach gewesen, sie habe „Niemals etwas verlangt und nie- 
mals etwas versagt". ; 

Daß die eigene Liebeskraft mit Ausbleiben der Menstrua- 
tion erlösche, gehört nach dem Stand der heutigen Wissen- 
schaft ins Reich der Fabel und es sei zur Ehre der männlichen 
Forscher auf diesem Gebiet hervorgehoben, daß sehr viele 
unter ihnen sich in ihrer Aufklärungsarbeit bemühen, diese 
Legende zu zerstören. Selbstverständlich sind die Formen 
der Empfindung andere als in der Jugend, aber es handelt 
sich ja auch keineswegs darum, diese mit Gewalt festhalten 
zu wollen. Im Gegenteil, hier gilt gewiß der Ausspruch Vol- 
taires: „Wer nicht den Verstand seines Alters aufbringt, muß 
dessen Schäden leiden." Das bleibt in dieser Frage wohl das 
Entscheidende, es kann sich uns nicht darum handeln, jung 
bleiben zu wollen, sondern nur darum, angenehm zu altern. 

Der Entschluß, zu altern, wird uns sehr wesentlich er- 
leichtert, wenn wir unsere Jugend gut verwendet haben. 
Diejenigen, die ihr Liebesleben zur rechten Zeit 
wirklich gelebt und dabei ihre persönliche 
Entwicklung doch nicht außeracht gelas- 
sen haben, finden sich viel besser mit dem Alter ab, als 
jene, die unter dem Druck stehen, jetzt schnell noch Ver- 
säumtes nachholen zu wollen. Und wenn leider das Sprich- 
wort zu Recht besteht, „Alter schützt vor Torheit nicht", 
so darf man es dahin erweitern, „Richtige Lebensgestaltung 
schützt vor Torheit im Alter". 






Lazarsfeld, Wie die Frau den Mann triebt. Jl 



- 

Zukuntfsausblick. 

Es wäre nun in großen Zügen der Weg zum sexuellen 
Vollerlebnis der Frau mit seinen Glücksmöglichkeiten und 
deren Gefährdung gezeigt, sowie die absteigende Linie des 
Geschlechterlebens. Als ich das Buch begann, war ich der 
Meinung, daß es auch die detaillierte Schilderung aller dieser 
Zusammenhänge und besonders eine ausführlichere Ausein- 
andersetzung mit der fallweise nötigen seelischen Therapie, 
u. zw. ganz besonders mit deren prophylaktisch zu übenden 
Maßnahmen werde enthalten können. Ich mußte einsehen, daß 
dies den mir vom Verlag gesteckten Rahmen doch allzuweit 
überschritten hätte und habe mich angesichts des ständig 
anwachsenden Materials entschlossen, alles Weitere einer 
spateren Publikation zu überlassen. So mußte das ganze 
W ^£* m *Sr*F Mutterschaft, das Verhältnis zwischen Kind 
—Mutter— Vater ausgeschieden werden, weiters die Frage der 
Geburtenregelung, die durch ihre sozial-ökonomische Ver- 
quickung allem schon zu viel Raum beanspruchen würde, 
ebenso wie das Problem der Prostitution als einer der be- 
dauerlichsten Formen, in welchen die Frau den Mann erlebt. 

und damit sind wir bei dem Schluß dieses Buches an- 
gelangt. Es wurde einleitend gesagt, daß es dem Versuche 
dienen solle, an Hand des bereits Durchlebten neue Richt- 
linien für die Zukunft zu finden, die besser als das bisher 
Gewohnte zu einer schöneren, reicheren Form des Ge- 
schlechtslebens fuhren könnten. Wenn jetzt zusammenfas- 
send noch einmal auf alle die Punkte, welche dafür von 
Wichtigkeit scheinen, bezug genommen werden soll, so 
mochte ich hier, giltig für alles Weitere, sagen, daß die ent- 
sprechenden Erziehungsmaßnahmen, die geeignet sein könn- 
ten, zu den hier angestrebten Zielen zu führen, wie z. B. 
die Frage der sexuellen Erziehung, die Bewertung des früh- 
kindlichen Sexualerlebnisses und der ebenso entscheidenden 
Vorpubertätszeit mit allen ihren pädagogischen Erwägungen 
im Rahmen dieses Buches nicht einmal angedeutet werden 
konnten. Wer sich für die Durchführung interessiert, 






323 

findet im Literaturverzeichnis entsprechende Nachweise, 
hier konnten nur die Möglichkeiten der Zukunft ge- 
zeigt werden. 

Zu den dringlichsten dieser Zukunftshoffnungen gehört 
die Forderung, daß in der Erziehung des weiblichen Kindes 
alles vermieden werde, was zur Ablehnung 
der weiblichen Sexualrolle führen kann. 
Wir haben gesehen, wie einschneidend in das gesamte Wesen 
und besonders in das Liebesleben der Frau diese Frage 
eingreift. 

Jede Zurücksetzung gegenüber männlichen Geschwistern, 
aber auch jede besondere Verzärtelung des weiblichen Kindes 
muß vermieden werden, nichtsdarfgeschehen, was 
dazu führen könnte, die weibliche Rolle als 
eine minderwertige empfinden zu lassen. Wird 
das nicht beachtet, gewinnt das Mädchen den Eindruck, daß 
sie schon durch ihre Weiblichkeit von Natur aus benach- 
teiligt ist, dann lehnt sie leicht diese minderwertige Stellung 
ab. Vollkommen gleiche seelische wie auch geistige und kör- 
perliche Entwicklungsbedingungen für Knaben wie Mädchen 
sind das oberste Gebot für Eltern und Berufserzieher. Die 
Abbildungen 23 und 24 zeigen, daß die Frau weder im 
Körper, noch im Geist vor dem Mann zurückzustehen 
braucht, wenn ihr nur die Möglichkeit der Entfaltung ge- 
sichert ist. Auf dem ersten Bild geben Bewegung wie Aus- 
druck allein schon genügend Zeugnis darüber und zu dem 
zweiten ist zu sagen, daß hier ein Ehepaar, beide sehr an- 
gesehene Pariser Rechtsanwälte, in gemeinsamer Arbeit 
einen Angeklagten vor der Todesstrafe gerettet haben. 

Zur Frage der Lebensgestaltung Jugendlicher ist noch zu 
sagen, daß die Erwachsenen sich klar darüber sein müssen, 
daß die sexuelle Not der Heranwachsenden sicherlich sehr 
groß ist und jede Beachtung verdient, daß aber damit allein 
die Probleme der Entwicklungszeit nicht erschöpft sind und 
daß der Trieb, an der Gestaltung des eigenen Lebens, wie 
auch an jener der umgebenden Kulturwelt selbsttätig mit- 
zuwirken, gleichfalls einen sehr beachtenswerten Anteil an 
der Problematik der Pubertätszeit ausmacht. Wir werden gut 
tun, den Nachkommenden den so nötigen freien Spielraum 
zur Entfaltung ihrer Kräfte auf diesen Gebieten rechtzeitig 



324 

zu sichern und besonders in der Erziehung der Mädchen keine 
der bisher geübten Beschränkungen bestehen zu lassen. Es 
tut nie und nimmer gut, das konnten wir zeigen, wenn alle 
dem Menschen innewohnende Triebkraft sich einzig und 
allein auf das sexuelle Gebiet konzentriert, zu viele Belastung 
erwächst daraus, die sich dann in neurotischen Erscheinun- 
gen entlädt, wie wir beim Problem der Eifersucht, der Un- 
beständigkeit, der Entschlußlosigkeit gesehen haben. Zu- 
gleich mit der Möglichkeit produktiver Tätigkeit, deren die 
Frau zur vollen Entfaltung ihrer Persönlichkeit so dring- 
lichst bedarf, muß Hand in Hand gehen eine systematische 
Anleitung zur eigenen Verantwortlichkeit und Disziplin. 
Solcherart für das Liebesleben vorbereitete Frauen werden 
ihr Geltungsziel nicht mehr in der nie endenden Rücksicht- 
nahme ihres Gefährten sehen, sie werden wissen, daß man 
nie durch fremde, sondern immer nur durch eigene Kraft 
glücklich werden kann. Sie werden aber auch nicht in ewigem 
Wechsel des Partners suchen, was sie doch nie zu finden ver- 
mögen, wenn sie nicht ihr eigen Teil mutig beitragen. 
Vor allem aber ist eine 

systematische Anleitung zum Abbau des Prestigekampfes 

speziell auf dem Gebiet des Sexuallebens zu fordern. Wir 
haben an Hand der praktischen Beispiele darzulegen ver- 
mocht, wie das männliche Geschlecht sich durch das Be- 
wußtsein der kleinen Benachteiligung, welche ihm von 
Natur aus auf physio-sexuellem Gebiet erwächst, in die 
asoziale Haltung der Herabsetzung der Frau hat drän- 
gen lassen. Wir konnten sehen, wie schließlich dann die 
Frau sich auf gleichem Gebiet rächt, so gut oder richtiger 
gesagt, so schlecht sie kann, denn hieraus erwachsen ja 
wieder nur neue Schäden. Es konnte auch am einzelnen Bei- 
spiel gezeigt werden, daß die Über Wertung, welche der Mann 
der Frage beimißt, ob er jederzeit vollste Potenz dokumen- 
tieren kann oder nicht, ein der Sachlage durchaus nicht ent- 
sprechendes, sondern ein durch Minderwertigkeitsgefühl 
neurotisch betontes Übergewicht besitzt. Daß die Frau ur- 
sprünglich diesem Punkt, ihrem natürlichen Gefühl zufolge, 
gar nicht solche Bedeutung beilegt und erst durch die Hal- 
tung des Mannes mitgezogen wird, während sie im Innersten 



TT 






; 



325 

sehr genau weiß, daß mit der physischen Fähigkeit allein 
noch längst nicht alles geschafft ist und daß andererseits 
fallweise durchaus genügend Ausgleichmöglichkeit zur Ver- 
fügung steht, wenn es nur erst gelungen ist, die 
volle Bereitschaft der Frau vorzubereiten, 
die unerläßlich immer die entscheidende 
Grundlage jeder geglückten Sexualverei- 
nigung bleiben wird. 

Dies in Zukunft allgemein zu vermitteln, muß ein Groß- 
teil aufklärender Arbeit auf dem Gebiet der sexuellen Er- 
ziehung werden und wird in der weiteren Auswirkung dazu 
führen, daß der Mann, nicht mehr genötigt, seine von Natur 
aus gar nicht vorhandene sexuelle Vorherrschaft künstlich 
stützen zu müssen, auf die Herabsetzungstendenz gegenüber 
der Frau verzichten lernt. Er wird dann auch zur Deckung 
seines Tuns keinen Götzen der Verantwortung mehr orau- 
chen, und so wird es möglich werden, die Sexualität 
aus der ihr jetzt künstlich auferlegten 
Starre zu lösen und unser Liebesleben zu 
schönerem, reicherem Blühen zu bringen. 

Wenn neue Erziehung, neue Tradition un- 
ser Leben so weit gefördert haben, dann 
wird Sexualität nicht mehrder Tyrann sein, 
der drohend in unser Leben eingreift, auch 
nicht die Unterwelt, die es grollend durch- 
wühlt, sondern, wie Rilke im „Liebeslied" 
es malt, eine Melodie, die alle unsere Arbeit 
und unser Gemeinschaftsleben begleitet: 

„Denn alles, was uns anrührt, Dich und mich, 
Nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich, 
Der aus zwei Saiten eine Stimme zieht. 
Auf welches Instrument sind wir gespannt? 
Und welcher Spieler hält uns in der Hand? 
O süßes Lied!" 

* 

Wien, November 193Ö! 









Lif eralu r verzeidi n is. 

Adler, Alfred: Liebesbeziehungen und ihre Störungen, Verlag Per- 
les, 1926. 6-6 

— Menschenkenntnis, Verlag Hirzel, Leipzig. 

r- Das Problem der Homosexualität, Verlag Hirzel, Leipzig 1930 1 ). 

— Studie über Organminderwertigkeit, Verlag J. F. Bergmann, Mün- 
chen 1929. 

Anquetil, Georges: La maitresse legitime. 

Bach ofen, J. J.: Das Mutterrecht, Verlag Schwabe, 1897. 

Balzac, Honorö de: Physiologie der Ehe. 

B a t k i s : Die Sozialrevolution in Rußland, Berlin 1925. 

Bauer, Helene: Ehe und soziale Schichtung, Zeitschrift „Der Kampf". 

Wien 1927»). * 

Blum, Leon: Du mariage (über die Ehe), Verlag Ollendorf, Paris. 
Boenheim, Felix: Wunder der Drüse, Hypokrates- Verlag, Stuttgart 

lv« T ■ 

Bousf ield, Dr. Paul: Die moderne Frau, Orell Füssli- Verlag, Zürich. 
Buhler, Charlotte: Kindheit und Jugend, Verlag Hirzel, Leipzig. 
C o 1 e 1 1 e : Mitsou. 

Cunow, Heinrich: Zur Urgeschichte der Ehe und Famüie Verlag 
Dietz, Stuttgart 1912. 

Desbordes-Valmore, Marceline, von Stefan Zweig. Inselverlag. 
Farrere, Claude: La Bataille. 

F o r e 1 : Die sexuelle Frage, Verlag Reinhardt, München 1922. 
France, Anatole: Insel der Pinguine. 

Freud, Siegmund: Psychopathologie des Alltagslebens, Psycho- 
analytischer Verlag, Wien. 
G e r a 1 d y : So ist die Liebe. 
Hall, Radcliff: Quell der Einsamkeit. 

Hirschfeld, Magnus: Geschlechtskunde, Verlag PUttmann, Stutt- 
gart. 

Kama Sutra des Vatsyayana, Verlag für Sexualforschung, 1929. 

Ernst Oldenbw 80 " 60 ^ 0116 Erziehun S als soziale Aufgabe, Verlag 

K ° P v?reinsveria?; : w2 e i. Anfänge ** menscWichen Gesellschaft. Volks- 
Kretschmer:' Körperbau und Charakter 
Lagerborg: Xanthippe. 

Lazarsfeld, Robert: Mythos und Komplex, Zeltschrift für Indivi- 
dualpsychologie, 1929. 

1 ) Bei Erscheinen dieser Arbeit war das vorliegende Buch bereits 
gedruckt, es konnte daher im Text nicht mehr Bezug darauf genom- 
men werden. 

*) Durch ein bedauerliches technisches Versehen wurde Im Kapitel 
über die Bewertung der Frauenarbeit, wo auf diese Arbeit Bezug ge- 
nommen ist, Titel und Autorin leider nicht genannt, was hiemit nach- 
getragen sei. 



\ 



32Y 

Laaarsfeld, Sofie: Ehe von heute und morgen, Verlag J. P. Berg- 
mann, München 1927. 

— Erziehung zur Ehe, Verlag Perles, Wien 1928. 

— Kleist im Licht der Individualpsychologie, Jahrbuch der Kleist- 
gesellschaft, 1927. 

— Technik der Erziehung, Verlag Hirzel, Leipzig 1929. 
L i n d s e y, Ben B. : Die Kameradschaftsehe. 

— Die Revolutionierung der Jugend. 
Mantegazza: Physiologie der Liebe. 
Maurice, Martin: Amour, Terre inconnue. 
Maurois, Andree: Byron. 

— Erotik 1950. 

Mayer, Prof. A. : Psychogene Störungen der weiblichen Sexualfunk- 
tion, Verlag Springer. 

M i 1 1 e r e r, Erika: Dank des Lebens, Verlag Rütten & Loening. 

Möbius: Der biologische Schwachsinn des Weibes. 

Nemilow, A. N.: Biologische Tragödie der Frau. 

Novak, Prof. J. und Dr. Harnik: Die psychogene Entstehung der 
Menstrualkolik und deren Behandlung, Zeitschrift für Geburtshilfe 
und Gynäkologie, Band 96. 

Pappenheim, Martin: Neurosen und Psychosen der weiblichen 
Generationsphasen, Verlag Springer, 1930. 

Rilke, Rainer Maria: Liebeslied. 

Sperber, Hugo: Todesgedanke und Lebensgestaltung, Verlag Perles, 
Wien. 

Schmidt, Dr. P. W.: Der Ödipuskomplex der Freudschen Psycho- 
analyse, Verlag der Nationalwirtschaft, Wien. 

Schwarz, Oswald: Psychogenese und Psychotherapie körperlicher 
Symptome, Verlag Springer. 

Stendhal: De l'Amour. 

Stockham, Dr. Alice : Ethik der Ehe, Verlag Neue Zeit, Jena. 

Stop es, Marie C: Das Liebesleben in der Ehe, Verlag Orell Füssli, 
Zürich. 

Van de Velde: Die vollkommene Ehe, Konegenverlag. 

— Die Abneigung in der Ehe, ihre Entstehung und Bekämpfung. 
Vaerting, M. u. M.: Männerstaat und Frauenstaat, Verlag Braun. 

Karlsruhe. 
Weininge r, Otto: Geschlecht und Charakter, Verlag Braumüller, 

Wien. 
W e x b e r g, Erwin 3 ) : Psychologie des Geschlechtslebens, Verlag 

Hirzel, 1930. 



3) Bei Erscheinen dieser Arbeit war das vorliegende Buch bereits 
gedruckt, es konnte darum im Text nicht mehr Bezug darauf ge- 
nommen werden. 



Der kulturhistorische Teil des Buches verdankt Material und Ge- 
sichtspunkte Herrn Doktor Robert Lazarsfeld. Für die hingebungs- 
volle Unterstützung bei der gesamten Durcharbeit danke ich Frau 
Frida Schlesinger-Hagen. 



i -S 






• • 



Inhaltsverzeichnis. 



Seile 



18—28 



Warum dieses Buch notwendig ist 1— ö 

I. Kapitel. Voraussetzungen 8—17 

Was fragen die Besucher der Eheberatungsstelle? 
s - 7 - — Schriftliche Aussprache und Beratung in 
menschlicher Bedrängnis. S. 11. — Seelischer Me- 
chanismus. S. 16. 

II. Kapitel. Naturhistorische Bedingungen und Me- 
chanismus der menschlichen Begattung 

Wunder der Drüse. S. 22. 

III. Kapitel. Zur Entwicklungsgeschichte der Ehe . 29—64 
Die sechs Beziehungen der Geschlechter. S. 30. — 

Die Familie als Urzelle. S. 31. — Formen ..es 
Mutterrechts. S. 34. — Mythus und Kult. S. 35. — 
Weiberstaaten in China. S. 37. — Das Weltalter der 
männlichen Herrschaftsordnung. S. 39. — Der Dionv- 
soskult. S. 40. — Die vaterrechtliche Familie der 
Römer. S. 43. — Das erwachende Christentum. 
S. 45. — Die Idee der überwiegenden Bedeutung der 
Frau. S. 45. — Spuren frauenrechtlicher Gestaltung 
m unserer Zeit. S. 46. — Die Inzestschranke. S. 47 — 
Frauenwahl außerhalb der Horde. S. 50. — Die Totem- 
gememschaft. S. 51. — Totem und Tabu. S. 54 — 
Kulturkreise. S. 55. — Der Übergang zur Einzelehe. 
fa. 08. — Legende von Adam und Eva. S. 61. 

IV. Kapitel. Die sexuelle Atmosphäre .... 65—90 
bexuahtät und Lebensangst. S. 68. — Geltungs- 
streben und Überkompensation. S. 69. — Die Ent- 
wertungstendenz gegenüber der Frau. S. 71 — Ge- 

F*;Ä terSC ^ ede ^ Und Gradunterschiede. S. 73. 
— Entseelung der Frau. S. 74 — n*«. r*aJZuJZl 

Minderwertigkeitsgefühl. S. 76 - bSSäSSTSC 
godie der Frau. S. 77. - Die biolo^chT Tr LöSe 
des Mannes. S. 79. - Götze Sexus. S. 8 T- Die My\he 
von der sexuellen Veranlagung. S. 84. — Man hat 
die Sexualität, die man verdient. S. 85 — Nicht 
Gleichartigkeit, aber Gleichwertigkeit der Ge- 
schlechter. S. 90. 

V. Kapitel. Wege zur Sexualreform .... 91—134 
Leben und Literatur. S. 92. — Das Fiasko. S. 94. — 

Die Verhütung des Fiasko. S. 96. — Vom Rhythmus 
Im Geschlechtsleben. S. 98. — Der Stundenrhythmus. 
S. 99. — Der Monatsrhythmus. S. 101. — Der Rhyth- 
mus des Aufstiegs. S. 104. — Blutsbereitschaft. S. 107. 



< 






329 

Seile 

— Das sexuelle Gedächtnis des Körpers. S. 108. — 
Aus der Schule geplaudert. S. 109. — Der Gipfel. 
S. 112. — Nach dem Abstieg. S. 114. — Ausgleich 
der sexuellen Funktionsbereitschaft. S. 116. — Ka- 
rezza. S. 120. — Technische Anleitungen. S. 124. — 
Seelische Hemmungen. S. 127. — Körpervertraut- 
heit. S. 129. — Varianten der körperlichen Position. 
S. 132. — Neigungen und Abneigungen. S. 133. 

VI. Kapitel. Ehe und Geschlechtslehen . . 135—156 

Monogamie oder Polygamie? S. 136. — Ehe contra 
Erotik. S. 138. — Das Recht auf die Geliebte. S. 139. 

— Kameradschaftsehe. S. 140. — Das Problem der 
Dauerbindung. S. 141. — Die Ehe als Vergnügungs- 
stätte. S. 142. — Und das ist alles? S. 144. — Mono- 
tonie als Gefahr. S. 145. — Physiologie der Ehe. 
S. 147. — Ehelicher Katechismus. S. 148. — Nicht 
oft, sondern richtig treffen! S. 148. — Kann man die 
eigene Gattin ständig begehren? S. 150. — Die voll- 
kommene Ehe. S. 151. — Die Abneigung in der Ehe. 
S. 152. — Das Zentralproblem der Sexualbetätigung. 
S. 155. 

VII. Kapitel. Persönlichkeitsentwicklung der Frau . 156—191 
Frage des Lebensplanes. S. 158. — Die Entmutigung 
der Frau. S. 159. — Hilflosigkeit als Waffe. S. 160. — 
Ihr Abgott. S. 164. — Die Menschwerdung des Weibes. 
S. 166. — Was ist weiblich und was männlich ? S. 167. 

— Frage der männlichen Tapferkeit. S. 167. — Die 
weiblichen Formen. S. 168. — Putzsucht. S. 170. — 
Werbung. S. 171. — Der Komplex der männlichen 
Überlegenheit. S. 175. — Menstruationsbeschwerden, 
g. 176. — Beschwerden der Schwangerschaft. S. 186. 

VIII. Kapitel. Lebensgestaltung 192—233 

Bewertung der Frauenarbeit. S. 193. — Vom Regen 
in die Traufe. S. 194. — Die Ehe der berufstätigen 
Frau. S. 196. — Die wirtschaftliche Unabhängig- 
keit der Frau. S. 199. — Arbeit oder Liebe? nein 
Liebe und Arbeit. S. 200. — Kristallisations- 
theorie. S. 202. — Die schwerste Bedrohung für die 
Harmonie des Geschlechtslebens. S. 203. — Die 
größte Erleichterung dauernder Beziehungen. S. 205. 

— Ein Gentleman bezahlt. S. 207. — Der Schleier 
der Madonna. S. 208. — Der Keuschheitsgürtel. S. 
209. — Die „freie Frau". S. 210. — Die sittliche Ver- 
wahrlosung der Jugend. S. 211. — Das Recht der 
Jugend, sich auszuleben. S. 212. — „Erotik 1950." 
S. 212. — Sex appeal. S. 216. — Die Angst vor 
der Frau. S. 217. — Relative Potenz. S. 219. — 
Erotisches Training. S. 222. — Pioniere der Zukunft. 
S. 224. — Alimentation. S. 226. — Das Kind im Mann 
will spielen. S. 229. — Die eigene Liebeskraft. S. 231. 
Nicht gegeneinander, sondern miteinander! S. 232. 

L a 2 a r s f e 1 d, Wie die Frau den Mann erlebt. 22 



330 

Seite 

IX. Kapitel. Aus der Praxis 234—321 

Sexualstörungen in Ziffern. S. 234. — Onanie. 
S. 239. — Vereinsamung. S. 242. — Die Polgen der 
Onanie. S. 244. — Flucht in die Krankheit. S. 245. 

— Schwanken zwischen zwei Liebesbeziehungen. 
S. 248. — Erkenntnis der Zusammenhänge. S. 250. 

— Bewußtmachung des Lebensplanes. S. 251. — 
Mut zur Unvollkommenheit. S. 252. — Eifersucht. 
S. 257. — Machtwülen und Herrschsucht. S. 258. — 
Das Problem der Treue. S. 261. — „Töte sie!" S. 262. 

— Verzeih ihr. S. 262. — Meine Schuld! S. 262. — 
Wie entsteht Untreue? S. 263. — Treubruch und 
Rachsucht. S. 264. — Treubruch als Überkompen- 
sation. S. 265. — Der Don Juantypus. S. 266. — Vir- 
ginität. S. 268. — Der „Erste". S. 272. — Sexuelle 
Hörigkeit. S. 274. — Die Frau und der Hampelmann. 
S. 274. — Der „Führer". S. 266. — Homosexualität. 
S. 279. — Frigidität. S. 286. — Ablehnung der Frau- 
enrolle. S. 287. — Der männliche Protest. S. 288. — 
Cornelia Goethe. S. 289. — George Sand. S. 290. — 
Versagen vor der weiblichen Sexualempfindung. 
S. 291. — Impotenz. S. 293. — Jugendliche Impotenz. 
S. 294. — Sexualität als Ausdrucksform. S. 296. — . 
Das „Anderssein". S. 297. — Der Alltag. S. 298. — 
Der Kuß. S. 298. — Symptombewertung. S. 299. — 
Fehlleistungen. S. 300. — Behinderung des Mannes 
durch Antikonzeptionsmittel. S. 301. — Das erste Se- 
xualerlebnis. S. 303. — Kultur kostet Potenz. S. 306. 

— Physiologie der Pubertät. S. 307. — Defloration. 
S. 308. — Sexuelle Tradition. S. 309. — Neuling und 
Erfahrener. S. 312. — Zwei Unerfahrene. S. 312. — 
Ist Askese schädlich? S. 313. — Askese oder Hem- 
mungslosigkeit. S. 314. — Klimakterium. S. 314. — 
Der Mann in den Wechseljahren. S. 315. — Nervöse 
Erscheinungen bei Ausbleiben der Menstruation. 
S. 317. — Die Altersgrenze. S. 320. 

Zukunftsausblick 322—325 



Bilderindex. 



1. Madonna, Edvard M u n c h, entnommen bei Kurt Glaser, Ver- 
lag Bruno Cassierer, Berlin. 

2. Vier Darstellungen der Ehe aus verschiedenen Kulturkreisen. 

1. Krischna und Rädhä, entnommen bei Glasenapp. „Indien", Ver- 
lag Georg Müller, München. 

2. Familiengruppe des Sennufer (1448—1420 v. Chr.), Museum, 
Kairo. 



* 



331 

3. Hera sich dem Zeus entschleiernd, Museum, Palermo. 

4. Mann und Weib (Maori), Museum, Auckland, Neuseeland. 

3. Amazone von einer Vase aus dem British Museum, entnommen 
Hirschfeld: Geschlechtskunde, Verlag Püttmann, Stuttgart. 

4. Dionysuszug mit tanzender Mänade, Rom, Termenmuseum. 

5. Tanzende Mänade in moderner Auffassung von Erwin Lang, ent- 
nommen der Wiesenthalmappe, Haymbach- Verlag, Wien. 

6. Frauenraub von Peter Paul Rubens, München, Pinakothek. 

7. Pygmäenehepaar, entnommen bei Hirschfeld: Geschlechtskunde 
Verlag Püttmann, Stuttgart 

8. Der Sündenfall, Aldegrever, Albertina, Wien. 

9. Der Traum der Maya, Indianmuseum, Kalkutta. 

10. PlutUusgötze in einem Männerhaus in Neuguinea, Institut für Se- 
xualforschung, Wien. 

11. Menstruationskurven nach Dr. S t o p e s, mit Erlaubnis des Ver- 
lages Orell Füssli, Zürich. 

12. a) Mars und Venus, Botticelli, National Galery, London. 

b) Greta Garbo und Lewis Stone in dem Film „Tropen gl u t", 
mit Erlaubnis der Metro Goldwyn Mayer. 

13. Liebende, Georg Merkel, Kristallverlag, Wien. 

14. Liebespaar, Egon Schiele, entnommen bei Faistauer: Neue Ma- 
lerei in Österreich, Amalthea-Verlag, Wien-Leipzig. 

15. Selbstgespräch, Heinrich Zille, entnommen aus „Zille für Alle", 
Neuer Deutscher Verlag, Berlin. 

16. Der Keuschheitsgürtel, entnommen bei Hirschfeld: Geschlechts- 
kunde, Verlag Püttmann, Stuttgart. 

17. Sex Appeal, Füller, entnommen dem Novemberheft „Die Dame". 
Ullsteinverlag, Berlin. 

18. Fourberie des femmes (Frauentücke), Gavarni, entnommen der 
Zeitschrift „Charivari", Paris. 

19. Eifersucht, Edvard Munch, entnommen bei Kurt Glaser, Verlag 
Bruno Cassierer, Berlin. 

20. Die Dame mit dem Hampelmann, Felicien Rops, Veldtverlag 
Amsterdam. 

21. Zwei Frauen, Klimt, entnommen aus der Klimtmappe, Thyrsos- 
verlag, Leipzig. 

22. Der Kuß, Edvard Munch, entnommen bei Kurt Glaser, Verlag 
Bruno Cassierer, Berlin. 

23. Gleiche körperliche Rechte für Mann und Frau! Naturaufnahme, 
mit Erlaubnis der Zeitschrift „Der Kuckuck", Vorwärtsverlag, 
Wien. 

24. Gleiche geistige Rechte für Mann und Frau, Naturaufnahme, 
Photo Keystone Views. 



... 






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